Ist „Der Welt Lohn“ von Konrad von Würzburg eine Erzählung, ein Mære oder ein Bîspel?


Seminararbeit, 2008
19 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und erste Informationen zum Werk

2. Kommentierte Inhaltsangabe
2.1. Die Reimbrechung
2.2. Kreuzzugsthematik

3. Hauptanalyse
1.Teil
3.1 Problematische Forschungslage
3.2 Kleinepische Dichtungsformen im Mittelalter
a) Maere
b) Exempel (lateinisch)
c) Bîspel
d) Versnovelle
e) Exkurs: Fabliau (französisch)
2. Teil
3.3. Gattung und (mögliche!) Quellen
a) Lateinisches Exempel
b) Walther von der Vogelweide
c) Gottfried von Straßburg

4. Ergebnis und Nachwort

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung und erste Informationen zum Werk

Konrad von Würzburg, der zwischen 1220 und 1230 in Würzburg geboren wurde und am 31. August 1287 in Basel starb, ist der Dichter von Der Welt Lohn. Es gibt für dieses Werk (nach wie vor) keine exakte Datierung, die als gesichert gelten kann, sowie es keine Verortung eines damit in Zusammenhang stehenden Kreuzzugs gibt. Konrads Schaffensort war auf jeden Fall die Stadt Basel. Eine Widmung, die Aufschluss über das Entstehungsdatum gibt, fehlt. Nach einer stilkritischen Einordnung (ohne den Originaltext), bleiben nur spekulative Ergebnisse. Blecks Jahresangabe 1266 (oder 1275?) entspricht Vertretern der frühen Datierungszeit, im Gegensatz zur Spätdatierung von Meyer[1] um 1280.

Eine primäre Editionsform der Einzelausgabe, mit dem möglichen Titel „Ditz bvchel heizet der werlt lon …“, ist nicht erhalten. Folgende neun Handschriften sind von der kurzen Erzählung tradiert: M – München, B – Berlin, S – Nürnberg,

D – Donaueschingen, C - Karlsruhe, G – Gotha, P – Heidelberg,

K – Cologny-Genève, W – Wien. Eine synoptische Darstellung der stark voneinander abweichenden Hss. bietet Bleck in seiner Monographie zu Der Welt Lohn.[2]

Bleck entwickelte einen Archetyp[3] von der Welt Lohn, der eine sichere Grundlage für weitere Untersuchungen bietet.

Für die Bestimmung der Gattung von Der Welt Lohn bringt die Eingliederung in die genannten Hss. durchaus Aufschluss. So befinden sich die Hss. M, B und W in einer Reihe von Kleindichtungen geistlichen Inhalts bzw. bei B sogar neben Bußpsalmen. Die restlichen sechs Hss. sind Teile von Märensammlungen, deren Repertoire allerdings von didaktisch-erbaulicher bis derb-erotischer Dichtung reicht, die womöglich der Kürze wegen ausgewählt wurden. Im Mittelalter galten Mären als „moderne Kurzerzählungen“, worunter heutzutage die Novelle verstanden wird.

Der Welt Lohn mit weniger als 300 Versen erweist sich somit als passend. Folglich bietet sich eine Definition von Der Welt Lohn als Märe mit geistlicher oder erbaulich-didaktischer Tendenz an. Andererseits verlockt die Bezeichnung von

Der Welt Lohn als Bîspel, aufgrund der nahen Umgebung von Stricker-Bîspeln. Soviel sei einmal als erster Anreiz für eine Gattungseinordnung verraten.

Abgesehen davon, dass Konrads Autorschaft ohnehin für Der Welt Lohn als gesichert gilt[4], erkennt ein geschultes Auge bzw. Ohr, die streng durchgehaltene Reimbrechung. Mit dieser Technik hebt sich Konrad von seinen zeitgenössischen Dichterkollegen ab.

2. Kommentierte Inhaltsangabe

Bei der folgenden Inhaltsangabe wird das Hauptinteresse bereits auf formale Aspekte gelegt, damit anschließende Folgerungen für die Gattungseinordnung besser nachvollziehbar sind.

Es handelt sich bei genannter Kurzerzählung um eine Poetisierung des Frô-Welt-Motiv s.

Bleck bezeichnet die Verse 1-5 als Prolog, weil darin das Publikum als „werlte minnaere“ angerufen wird. Doch erstens scheinen fünf Verse doch zu kurz, um sie als einen Prolog aus traditioneller Sicht zu erkennen und zweitens kann Wirnt eben als Teil dieser „werlte minnaere“ aufgefasst werden, sodass der Ausdruck vielmehr auf die sehr bald folgende Vorstellung des Ritters bezogen ist. Die Ankündigung einer Geschichte verlangt nicht zwingend nach einem Prolog, es reicht gewiss die bloße Nennung. Deshalb schlage ich für die ersten Verse vor, von einem Auftakt zu sprechen, dem sogleich die Einführung des Protagonisten folgt (V.6-61).

Die Charakterisierung des Ritters lässt, wegen der Anrede „herre“ V.22,32,46,47 und der äußerlichen Erscheinung, auf einen Adeligen schließen. Dieser strebt erfolgreich nach weltlichen Ansehnlichkeiten und Ruhm. Seine Idealisierung erfolgt mittels der Hyperbeln „an allen orten“ und „in allen tiuschen landen“ sowie „tugenthaft“, „tugentrîch“ usw. Wirnt von Gravenberc beherrscht allerhand ritterliche Fähigkeiten, darunter die Jagd, und er besitzt höchste Qualitäten als Turnierkämpfer.

Seine höfische Bildung umfasst das Schachspiel und das Musizieren. Sein Potential an weltlichen Tugenden bringt ihm beim Frauendienst den ersehnten Erfolg.

Er scheint der Prototyp eines Weltritter s zu sein, der mit religiösen Tugenden nicht einmal in Berührung kommt. Im Gegenteil, denn Bleck hegt sogar den „Verdacht vor allem auf die Todsünden Superbia und Luxuria, Cupiditas und Fornicatio/Impudicitia.“[5]

Diese einseitige Orientierung wird dreimal betont: „der werlte lôn“, den „lon wertlicher êren“, „weltlichiu werc“. Einem kritischen Rezipienten mögen bereits Folgen der Oberflächlichkeit in den Sinn kommen.

Seine Lesefähigkeit beweist Wirnt dem Rezipienten nun wahrhaftig mit seiner Privatlektüre eines „âventiure von der minne“. Plötzlich tritt Frau Welt als Dame auf (V.62-100), die dem überraschten und zugleich verschreckten Wirnt nicht sofort ihren Namen verrät. Um die ideale Vorstellung einer Hofdame zu evozieren, verwendet der Dichter Superlative, die unübertreffbar scheinen. In der Schönheitsbeschreibung fällt das Leuchten auf, das Wirnt so sehr (ver)blendet, dass er die Dame nur in ihren perfekten Umrissen wahrnimmt. Dazu zählen die edlen Kleider und die Krone, die das „wîp“ zur „frouwe“ aufwerten. Während Wirnt im folgenden Gespräch die Dame gebührend mit „ir“ anredet, nennt Frau Welt den Ritter „vil lieben friunt“ und spricht ihn mit „dû“ an. Dieser unterschiedliche Status ist typisch für ein Dienst-Lohn-Verhältnis zwischen einer hohen Dame und ihrem Geliebten im Minnegedicht Walthers von der Vogelweide. Frau Welt fordert Wirnt direkt dazu auf, sie prüfend anzusehen („schouwen unde spehen“), ob sie als Minnedame seinen Wünschen gerecht werde. Wirnt geht von einer fremden Dame aus, die er „vil selten“, nämlich nie, gesehen hat, der er trotzdem auf ewig dienen möchte. Erst jetzt erkundigt sich Wirnt nach ihrem Namen.

Die Offenbarung als Herrscherin über alles und jeden, nur Gott einzig nicht, erzielt einen enormen Effekt. Blecks Vergleich der Frô Welt an dieser Stelle mit dem Teufel ist verlockend, nämlich in ihrer Position als Verführerin. Damit wird Wirnt wiederum zum Opfer, das er so nicht ist. Im Gegenteil, denn er soll zu einem vernünftigeren Lebensstil geläutert werden. Daher steht Frau Welt eher in der Position einer, wen auch schockierenden, Heilsbringerin.

Nach 212 Versen gibt sich die anfangs ominöse Dame zu erkennen:

„diu Werlt bin geheizen ich“.

Eine Handlung im traditionellen Sinne hat die Geschichte nicht. Der Auftritt der Frau Welt könnte als erster szenisch-inszenierter Handlungsakt bezeichnet werden.

Die zweite Handlung findet am Höhepunkt statt, wenn sich die weibliche Figur wendet, um ihren Rücken und somit Wirnt seinen Lohn zu zeigen. Konrad verwendet für die Beschreibung der Rückseite ein Vokabular, das grauslich er nicht sein könnte. Da tummeln sich Reptilien und Würmer neben ekeligen Krankheitssymptomen und Todeszeichen. Das Zerfressensein des Rückens reicht bis zur Seele hindurch (durchdringt die Figur aber nicht), denn Wirnts Lohn weltlichen Strebens ist nicht nur der körperliche Tod, sondern auch der seelisch e.

Konrads Darstellungsart wird als Allegorese interpretiert oder zumindest als allegorisierende Deutung aufgefasst.

Nach einer kurzen Erholung des Schocks erkennt der Staunende, dass seine Bemühungen bisher nur oberflächliche Ziele hatten. Nun folgt die dritte und somit letzte „Handlung“: Wirnt verlässt Frau und Kinder, die ansonsten keine Rolle spielen, um als vorbildlicher Vertreter der Christenheit („miles christianus“) gegen die „heidenschaft“ in Palästina („huop sich über daz wilde mer“) am Kreuzzug teilzunehmen. Seine Reue kommt für die Rettung seiner Seele also nicht zu spät.

Im Jenseits wird er dank seiner radikalen Wandlung das ewige Leben erfahren, womit nicht nur Wirnt sein Ziel erreicht hätte, sondern auch der Erzähler.

Der eigentliche Schluss ist eine Moralisatio, die sich an das (ritterliche) Publikum richtet, das sich mir Wirnts früherem Lebensstil identifizieren kann. Das sonst im höfischen Rahmen gebrauchte Wort der „fröude“ bekommt religiöse Funktion, weil damit die Belohnung im Jenseits gemeint ist. Die Schlüsselwörter „werlt“ und „sêle“ häufen sich. Der Autor nennt nun selbst seinen Namen und zeigt sich besorgt um das Seelenheil seines Publikums.

2.1. Die Reimbrechung

Konrads Spezialität ist die Reimbrechung als Gliederungsmittel für seine

epischen Werke zu nutzen. Der Dichter hält seine Technik konsequent durch, sodass sich die Abschnitte deutlich voneinander abgrenzen. Es scheint, als löste Konrad damit einen Art „Trend“ aus, denn seine Schüler, besonders Reinfried von Braunschweig, eiferten ihm darin nach. Einige Forscher beurteilen seine Reimbrechnung allerdings negativ oder entwerten sie gar, wenn sie von Kurzatmigkeit und einem „starre[n] und einförmige[n] Grundriß [sic!] “[6] sprechen. Allerdings würde sich diese Auffassung dann auch an Gottfried richten, von dem Konrad (möglicherweise!) die Reimbrechung erlernte. Der eigentliche Kritikpunkt liegt eher in der Quantität, den intensiven Gebrauch[7] dieses Prinzips. Für Der Welt Lohn hat Bleck anhand des Verhältnisses von Reimbrechung und –bindung, sowie durch die Begutachtung der Initialen in den Hss. eine Gliederung[8] in acht Hauptteile vorgenommen, die in seiner Monographie schematisch dargestellt ist.

Weitere formale Kennzeichen von Der Welt Lohn sind der „ordo artificialis“[9], eine Tendenz zur Verringerung des Umfangs gegen den Schluss hin einerseits, sowie eine Verstärkung der semantischen Aussagekraft andererseits. Die Erzählerinstanz zieht sich während der Reden zwischen Wirnt und Frau Welt zurück, um sich am Schluss dafür umso deutlicher zu Wort zu melden. Die Moral, in Form einer Schlussgnome, wird „Von Würzeburc ich Cuonrât“ selbst verlautbart. Dem Aufbau Einleitung, Mittelteil und Moral liegt die aus der klassischen Rhetorik stammende Dreiteilung „caput oder initium, medium und finis“ zu Grunde. Eine prinzipielle Untersuchung der Konradschen Gliederungstechnik in seinen kleinepischen Dichtungen nimmt Anne Gouws[10] in ihrer Analyse vor.

[...]


[1] Richard M. Meyer: Geschichte der deutschen Literatur. Bd.1: Die deutsche Literatur bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. 2. durchg. Aufl. Berlin: 1920, S.92.

[2] Reinhard Bleck: Konrad von Würzburg: Der Welt Lohn. In Abbildung der gesamten Überlieferung, synoptische Edition, Untersuchungen. Göppingen: Kümmerle, 1991. (=Litterae; Nr.112), S.41ff.

[3] Bleck (1991), S.58-60.

[4] Im Gegensatz zum „Pseudo-Konrad“: Die halbe Birne

[5] Bleck (1991), S.124.

[6] Andreas Heusler: Deutsche Versgeschichte. 2 Bde. Teil III: Der altdeutsche Vers. 2.Aufl. Berlin: 1956. (=Grundriß der germanischen Philologie; 8/2), § 596, S.136-138.

[7] In Konrads Goldenen Schmiede gibt es (außer am Schluss) nur einmal Reimbindung.

[8] Bleck (1991), S.121. Zur weiteren Vertiefung in Blecks Abschnittsgliederung vgl. ebd. S.122-132.

[9] In der klassischen Rhetorik wird unter dem Prinzip des „ordo artificialis“ eine „Durchbrechung des Gesetzes der wachsenden Glieder, etwa dadurch da[ss] zwischen semantischer Steigerung und quantitativer Verkürzung ein […] Gegensatz gesucht wird.“ In: Heinrich Lausberg: Elemente der literarischen Rhetorik. 4.Aufl. München: 1971, S.30, § 53,2a.

[10] Anne Gouws: Aufbauprinzipien der Versnovellen Konrads von Würzburg. In: Acta Germanica 14 (1981), S.23-38.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ist „Der Welt Lohn“ von Konrad von Würzburg eine Erzählung, ein Mære oder ein Bîspel?
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
Ältere deutsche Literatur: Konrad von Würzburg
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V149643
ISBN (eBook)
9783640609710
ISBN (Buch)
9783640610044
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welt, Lohn“, Konrad, Würzburg, Erzählung, Mære, Bîspel
Arbeit zitieren
Monika Slunsky (Autor), 2008, Ist „Der Welt Lohn“ von Konrad von Würzburg eine Erzählung, ein Mære oder ein Bîspel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149643

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