Das Essay analysiert zwei Perspektiven auf interkulturelle Kompetenz. Im klassischen Szenario wird interkulturelle Kompetenz als Fähigkeit betrachtet, effektiv und angemessen in einem fremden kulturellen Umfeld zu agieren, wobei dies oft ökonomischen Zielen dient. Im multikulturellen Szenario wird interkulturelle Kompetenz als Lösung für interkulturelle Konflikte gesehen, oft jedoch auf problematische kulturelle Unterschiede und Machtasymmetrien reduziert. Beide Ansätze werden kritisiert: der erste wegen seiner Fokussierung auf Selbstoptimierung und Effizienz, der zweite wegen der Verdrängung sozialer Ungleichheiten und der Kulturalisierung von Migrant:innen. Das Essay fordert eine Neudefinition von interkulturelle Kompetenz, die Machtverhältnisse und Rassismus stärker berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 IKK für Angehörige der Minderheitsgesellschaft – Rationalität, Effizienz, Macht, Menschenbild
3 IKK für Angehörige der Mehrheitsgesellschaft – Expertentum, Kulturalisierung, Othering, Machtasymmetrien
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den herkömmlichen Begriffen und Definitionen von „interkultureller Kompetenz“ (IKK) auseinander, um problematische Annahmen hinter diesem vermeintlich positiven Konstrukt aufzudecken. Ausgehend von unterschiedlichen Szenarien wird untersucht, inwiefern IKK als Instrument ökonomischer Effizienz oder zur Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Hierarchien missbraucht wird.
- Kritische Analyse des Begriffs der Interkulturellen Kompetenz
- Unterscheidung zwischen dem „klassischen interkulturellen“ und „multikulturellen“ Szenario
- Verknüpfung von IKK mit ökonomischen Logiken und Selbstoptimierung
- Thematisierung von Kulturalisierung, Othering und Machtasymmetrien
- Hinterfragung eines statischen Kulturbegriffs im professionellen Kontext
Auszug aus dem Buch
IKK für Angehörige der Mehrheitsgesellschaft – Expertentum, Kulturalisierung, Othering, Machtasymmetrien
Im ‚multikulturellen‘ Szenario richtet sich die IKK an Angehörige der Mehrheitsgesellschaft (Moosmüller 2020: 18). Die wichtigen Merkmale des hier vorliegenden Verständnisses interkultureller Kompetenz möchte ich am fiktiven Beispiel eines Sozialpädagogen, der in einer staatlichen Behörde mit Migrant:innen arbeitet, erklären (do Mar Castro Varela 2002: 37-38).
Der Sozialpädagoge besucht interkulturelle Trainings, um Experte im Umgang mit den Migrant:innen zu werden. Denn die „Verständigung zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen [kann] außerordentlich kompliziert, manchmal erfolglos oder mit Missverständnissen verbunden [sein]“ (Broszinsky-Schwabe 2017: IX). Interkulturelle Trainings sollen seine Fähigkeit, mit solchen Problemen umzugehen und sie zu lösen, verbessern. Er ist überzeugt: „Verständigung trotz unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes ist möglich, wenn man die Tatsche akzeptiert, dass heute […] in unserem Land, Menschen miteinander leben und arbeiten, die einfach kulturell anders sind“ (ebd.; Hervorh. J. L.).
Auch in diesem Szenario werden problematische Annahmen deutlich. Ganz grundlegend angefangen bei der allgemeinen Arbeitseinstellung des Sozialpädagogen und dem Anbieten interkultureller Trainings, denen beiden eine Skandalisierung der interkulturellen Situation voraus[geht], so als sei es immer hoch problematisch, wenn Menschen unterschiedlicher kultureller und nationaler Hintergründe zusammen treffen und als müsse ein prognostizierter Konflikt abgefedert werden. Mit ‚interkulturell’ werden in dieser Konnotation problematische Begegnungen, Missverständnisse und Konflikte verbunden. (Messerschmidt 2008: 13)
Die (angenommene) kulturelle Verschiedenheit der Kommunizierenden wird als Problem wahrgenommen, welches man lösen möchte. Dafür braucht man vermeintlich interkulturelle Kompetenz. Die Annahme der Notwendigkeit einer speziellen Fähigkeit beruht auf einer einseitigen und problemorientierten Auffassung von Interaktionen. Der Begriff suggeriert außerdem „ein Expertentum, das in denjenigen Feldern gebraucht wird, in denen jene problematischen ‚Anderen’ auftauchen, denen kompetent zu begegnen ist“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert die Relevanz interkultureller Kompetenz als Schlüsselqualifikation und kündigt die kritische Analyse anhand zweier spezifischer Szenarien an.
2 IKK für Angehörige der Minderheitsgesellschaft – Rationalität, Effizienz, Macht, Menschenbild: Dieses Kapitel dekonstruiert IKK im wirtschaftlichen Kontext als instrumentelles Mittel zur Effizienzsteigerung und Selbstoptimierung des Individuums.
3 IKK für Angehörige der Mehrheitsgesellschaft – Expertentum, Kulturalisierung, Othering, Machtasymmetrien: Hier wird aufgezeigt, wie IKK in sozialen Arbeitsfeldern zur Exklusion beitragen kann, indem Migrant:innen als kulturell „Andere“ konstruiert und Machtverhältnisse verschleiert werden.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die herkömmlichen Konzepte von IKK untrennbar mit machtvollen Ausschlussmechanismen verbunden sind und eine kritische Neufassung benötigen.
Schlüsselwörter
Interkulturelle Kompetenz, Machtasymmetrien, Kulturalisierung, Othering, Selbstoptimierung, Ökonomisierung, Migrationsgesellschaft, Macht, Diskurskritik, Identität, Soziale Ungleichheit, Gouvernementalität, Rassismus, Kolonialismus, Kritische Perspektive
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine kritische Untersuchung der gängigen Definitionen und praktischen Anwendungen von interkultureller Kompetenz.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen Machtstrukturen, das Verständnis von Kultur, ökonomische Anforderungen an Individuen und die Auswirkungen sozialer Kategorisierungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die problematischen Annahmen hinter dem Begriff der interkulturellen Kompetenz aufzudecken und zu zeigen, dass dieser oft zur Verdrängung historischer und struktureller Missstände genutzt wird.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt eine diskurskritische und theoretische Analyse, indem sie verschiedene Perspektiven und Fachliteratur anhand zweier Szenarien vergleicht und kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zwei Szenarien kontrastiert: die betriebswirtschaftliche Anwendung von IKK in Unternehmen und die Anwendung in sozialen Behörden gegenüber Migrant:innen.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kulturalisierung, Machtasymmetrien, Ökonomisierung und die Dekonstruktion von Identität geprägt.
Warum wird im „klassischen Szenario“ die Selbstoptimierung betont?
Weil interkulturelle Kompetenz hier als Werkzeug gesehen wird, bei dem das Subjekt sein Verhalten, seine Emotionen und seine Werte strikt an ökonomische Anforderungen und Wettbewerbsfähigkeit anpassen muss.
Welche Rolle spielt der „Kulturbegriff“ bei der Arbeit in Behörden laut dem Text?
Der Kulturbegriff fungiert als „Fixpunkt“, um komplexe soziale Verhältnisse zu simplifizieren und die „Anderen“ als statische Einheit zu markieren, was wiederum hierarchische Machtverhältnisse legitimiert.
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- Anonym (Autor), 2022, Die herkömmlichen Begriffe und Definitionen von Interkultureller Kompetenz. Eine kritische Analyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1497310