In William Shakespeares Hamlet taucht die Nebenfigur Ophelia in sechs von zwanzig Szenen auf. Ihre Geschichte weist in dem Drama also unzählige Leerstellen auf, die jeder Interpret anders füllen kann. Die folgende Arbeit soll, beginnend in der Zeit der Entstehung des Dramas, chronologisch die wichtigsten Stationen in der Rezeptionsgeschichte der Figur, der Aufnahme und Wirkungen, die diese "durch jeweils verschiedene Epochen hindurch ausgeübt hat" (Nünning 462), im Theater, in der bildenden Kunst, der Literatur, der Literaturkritik, im Film und in der Psychiatrie erläutern. Der Stand der psychiatrischen Forschung wird dabei untrennbar mit ihrer Darstellung verbunden sein, ist sie oft doch der Prototyp der wahnsinnigen Frau, wie man mit weiblichem Wahnsinn im jeweiligen Jahr-hundert auch immer umgehen mag. Dabei wird hauptsächlich die britische Repräsentation berücksichtigt werden, doch, wenn besonders einflussreich, auch jene in anderen Ländern.
Elaine Showalter schrieb, dass es nicht eine "wahre" Ophelia gebe, "but perhaps only a Cubist Ophelia of multiple perspectives, more than the sum of all her parts" (Showalter 1985, 238). Die folgende Arbeit wird versuchen, die meisten Seiten des Kubus Ophelia zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das 17. Jahrhundert: die an Liebeswahn leidende Ophelia
3. Das 18.Jahrhundert: die zensierte Ophelia
4. Die romantisierte Ophelia des 19. Jahrhunderts
5. Die viktorianische Ophelia
5.1. als Hysterikerin
5.2. in der medizinischen Literatur
5.3. auf der Bühne
5.4. als Heldin in der weiblichen Literatur
6. Ophelia in der Psychoanalyse
7. Die an Schizophrenie leidende Ophelia
8. Ophelia in der feministischen Repräsentation
9. Visuelle Repräsentationen von Ophelia im 20. Jahrhundert
9.1. in der bildenden Kunst
9.2. im Film
10. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die diachrone Rezeptionsgeschichte der Ophelia-Figur aus Shakespeares "Hamlet" von ihrer Entstehungszeit bis ins 20. Jahrhundert. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse, wie gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit und Wahnsinn die Darstellung der Figur in Theater, Kunst, Literatur und Psychiatrie maßgeblich prägten und instrumentalisierten.
- Chronologische Entwicklung der Ophelia-Rezeption über vier Jahrhunderte.
- Verschränkung von literarischer Darstellung und psychiatrischen Diskursen über den weiblichen Wahnsinn.
- Einfluss von Geschlechterrollen auf die künstlerische und schauspielerische Interpretation der Rolle.
- Bedeutung der Ophelia als Projektionsfläche für kulturelle Ideologien von Moral, Sexualität und Emanzipation.
- Vergleichende Betrachtung von visuellen Repräsentationen in Malerei, Film und Fotografie.
Auszug aus dem Buch
Das 17. Jahrhundert: die an Liebeswahn leidende Ophelia
Zu Shakespeares Zeit waren die Merkmale des weiblichen Wahnsinns klar definiert und in Ophelia für ein zeitgenössisches Publikum zu erkennen: Sie tritt “distracted“ (4.5.20) auf, trug auf der Bühne für gewöhnlich weiß, Zeichen ihrer Jungfräulichkeit und Kontrast zu Hamlets schwarzem Gewand, hantiert im Wahnsinn mit Blumen und ist im Sterben von ihnen bedeckt, als Zeichen des Aufblühens der weiblichen Sexualität, gleichzeitig als Zeichen der eigenen Deflorierung, wenn sie die Blumen weggibt (vgl. Showalter 1985, 224). Ein anderes Merkmal ist “her haire downe“ (Q1, 4.5.20), was auf verlorenen Anstand und Sinnlichkeit hindeutet.
[L]oose hair is an offence against decorum and therefore against the whole hierarchy of orderly correspondences. It is so improper and so overtly sensual that it may conventionally be understood to indicate a loss of reason, either temporary or permanent. (Charney & Charney 453)
Auch ihr Gesang ist auf zweierlei Weise gegen die Sitte des Hofes. In elisabethanischer Zeit sangen Edelmänner und –frauen nicht selbst in der Öffentlichkeit. Sie ließen allenfalls Diener zu ihrem Zeitvertreib singen. Dieses unkontrollierte Verhalten Ophelias und der obszöne Inhalt ihrer Lieder, die jene des gewöhnlichen Volkes sind, lassen eindeutig auf ihren Wahnsinn schließen (vgl. Sternfeld 54-66). Auch ihre Verwendung von Sprache ändert sich als sie wahnsinnig wird: “Her syntax is broken; her discourse is organized by lyrical free association. […] The loss of rationality is expressed by a shift from verse to prose, as if blank verse were to orderly a vehicle to express Ophelia’s wild fancies” (Charney & Charney 546).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Fragestellung und den methodischen Ansatz, die Rezeptionsgeschichte der Ophelia als "Kubus" mit vielfältigen Perspektiven über Epochen und Medien hinweg zu beleuchten.
2. Das 17. Jahrhundert: die an Liebeswahn leidende Ophelia: Dieses Kapitel erläutert, wie Ophelias Verhalten und Erscheinung nach zeitgenössischen Vorstellungen als klassischer Liebeswahn und Verlust der weiblichen Keuschheit gedeutet wurden.
3. Das 18.Jahrhundert: die zensierte Ophelia: Hier wird untersucht, wie Ophelias Wahnsinn unter dem Einfluss von Internierungspraxen und bürgerlicher Moral sentimentalisiert und in der Darstellung gezähmt wurde.
4. Die romantisierte Ophelia des 19. Jahrhunderts: Dieses Kapitel beschreibt den Wandel zur Ästhetisierung der Melancholie, in der Ophelia zur idealisierten Ikone von Naturverbundenheit und tragischer Schönheit stilisiert wurde.
5. Die viktorianische Ophelia: Dieser Abschnitt analysiert die vielfältigen Aspekte der viktorianischen Wahrnehmung, von der Instrumentalisierung als Hysterikerin in der Psychiatrie bis hin zur Rolle der Schauspielerin als Emanzipationsmodell.
6. Ophelia in der Psychoanalyse: Es wird analysiert, wie frühe Psychoanalytiker Ophelia nicht als eigenständiges Individuum, sondern primär als Spiegel und Objekt für Hamlets komplexe Psyche interpretierten.
7. Die an Schizophrenie leidende Ophelia: Das Kapitel betrachtet die Ablösung des Hysterie-Diskurses durch die Schizophrenie-Diagnostik im 20. Jahrhundert und deren Auswirkungen auf die Darstellung der Figur.
8. Ophelia in der feministischen Repräsentation: Hier steht die feministische Umdeutung Ophelias im Vordergrund, die sie von der passiven Nebenfigur zur rebellischen Heldin gegen patriarchale Strukturen erhebt.
9. Visuelle Repräsentationen von Ophelia im 20. Jahrhundert: Das Kapitel vergleicht moderne bildnerische und filmische Aneignungen der Figur, die oft auf traditionelle Motive zurückgreifen, um aktuelle gesellschaftliche Identitätskonstruktionen zu hinterfragen.
10. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass Ophelia in jeder Epoche als Prototyp für die jeweils herrschende Ideologie instrumentalisiert wurde und ihre Geschichte aufgrund unzähliger Leerstellen stets offen bleibt.
Schlüsselwörter
Ophelia, Hamlet, William Shakespeare, Rezeptionsgeschichte, Wahnsinn, Weiblichkeit, Hysterie, Schizophrenie, feministische Literaturkritik, Psychoanalyse, Theatergeschichte, Bildende Kunst, Geschlechterrollen, Literaturwissenschaft, Identitätskonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Interpretation der Shakespeare-Figur Ophelia über die Jahrhunderte hinweg verändert hat und wie sie in unterschiedlichen Epochen und Medien dargestellt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft literaturwissenschaftliche Analysen mit psychiatrischen, historischen und feministischen Perspektiven auf die Konzepte von "Wahnsinn" und "Weiblichkeit".
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Ophelia kein festes Charakterbild besitzt, sondern ein "Kubus" aus verschiedenen Perspektiven ist, der je nach kulturellem Kontext als Spiegel gesellschaftlicher Ideologien dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologische, diskursanalytische Herangehensweise, um die Rezeption der Figur in verschiedenen wissenschaftlichen, künstlerischen und medialen Feldern zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich epochenübergreifend und thematisch, wobei er die Transformationen vom elisabethanischen Liebeswahn über die viktorianische Hysterie bis hin zur modernen feministischen und psychoanalytischen Interpretation detailliert darlegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Rezeptionsgeschichte, Weiblichkeit, Wahnsinn, Ophelia-Diskurs, Genderrollen und interdisziplinäre Kulturwissenschaft.
Wie verändert sich die Darstellung von Ophelias Wahnsinn durch die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts?
Die Psychiatrie nutzte Ophelia als "Prototyp der Hysterikerin", wobei Ärzte wie Charcot oder Bucknill die Figur als Fallbeispiel für biologisch begründete weibliche Störungen instrumentalisierten, um die Verbindung zwischen weiblichem Körper und psychischer Instabilität zu festigen.
Inwiefern hat die feministische Literaturkritik Ophelia neu interpretiert?
Seit den 1970er Jahren wird Ophelia nicht mehr nur als passives Opfer gesehen, sondern als eine Figur, deren Wahnsinn als bewusster Akt der Rebellion gegen patriarchale Kontrolle und als Befreiung aus ihren gesellschaftlichen Rollen als Tochter oder Geliebte gedeutet wird.
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- Lena Unterlugauer (Author), 2006, Die kulturelle Rezeption der Ophelia vom elisabethanischen Zeitalter zur visuellen Repräsentation im 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149755