In dieser Arbeit wird dargestellt wie der Prozess der Wissensproduktion in der Wikipedia von Statten geht und ergründet, warum sich Menschen freiwillig an der Wikipedia beteiligen. Dabei wird auf die beiden klassischen soziologischen Theorien der Beteiligungsmotivation eingegangen und diese werden mit der Realität in Einklang gebracht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in die Wikipedia
2.1 Von der Gründung bis heute
2.2 Die Wiki-Technologie
3. Wissensproduktion in der Wikipedia
3.1 Individualismus und Kollektivismus
3.2 Netzwerktheorie
3.3 Verteilte Wissensproduktion aus netzwerktheoretischer Perspektive
3.3.1 Beispiel
4. Schlussbetrachtung
5. Ausblick
5.1 Diskurstheorie
5.2 Inklusionisten vs. Exklusionisten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziologischen Hintergründe der freiwilligen Wissensproduktion in der Wikipedia. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern klassische Beteiligungstheorien die hohe Partizipationsbereitschaft erklären können und wie soziale Netzwerkstrukturen zur Entstehung von Rollenhandeln und Wissenskoordination beitragen.
- Soziologische Analyse der Beteiligungsmotivation in Online-Plattformen
- Kritische Prüfung von Individualismus und Kollektivismus als Erklärungsansätze
- Anwendung der Netzwerktheorie und Netzwerkanalyse auf Wikipedia-Prozesse
- Fallstudie zur Rollenentwicklung von Akteuren anhand des Artikels "Logik"
- Diskursive Aspekte der Wissensproduktion und interne Konfliktlinien
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Beispiel
In einer Netzwerkanalyse des deutschen Wikipediaartikels „Logik“ hat Christian Stegbauer untersucht, ob sich seine theoretischen Ausführungen auch in der Realität wiederfinden und wie soziale Prozesse das Handeln einzelner bestimmen. Konkret wurde die Frage untersucht, wie ein einfacher Akteur zu einem Artikelkoordinator wird (Stegbauer 2008 b: 14ff.). Diese Analyse soll hier nun auszugsweise wiedergegeben werden, um anhand der Beispiele und Grafiken zu verdeutlichen, welche Prozesse innerhalb der Wissensproduktion ablaufen.
Zunächst wurde die Diskussionsseite des Artikels „Logik“ genauer untersucht. Dabei wurden gerichtete Beiträge, also Beiträge die direkt einen anderen Nutzer ansprechen, als Beziehungen gewertet und in eine Netzwerkmatrix übertragen. Diese wiederum sehen wir in Abbildung 6 graphisch dargestellt. Die Pfeile stellen die gerichteten Beziehungen dar und ihre Dicke ihre Intensität. Zusätzlich wurde eine Cluster-Analyse durchgeführt und die Degree-Zentralität berechnet.
Eine Cluster- oder auch Blockmodellanalyse hat zum Ziel ein Netzwerk ohne großen Informationsverlust auf seine Notwendigkeiten zu reduzieren, dabei jedoch die elementare Struktur hervorzuheben (Heidler 2006: 5). Die Degree-Zentralität misst, wie zentral ein Akteur in einem Netzwerk ist. Sie setzt sich zusammen aus dem Anteil der ein- und ausgehenden Beziehungen eines Akteurs an der Gesamtzahl der Beziehungen im Netzwerk (Holzer 2006: 397).
Wir sehen, dass sich das Netzwerk in vier farblich unterscheidbare Blöcke aufteilen lässt. Am linken Rand der Graphik sehen wir fünf grau markierte, unverbundene Akteure. Sie haben keinen Bezug zum Netzwerk, da ihre Diskussionsbeiträge entweder selbst nicht gerichtet waren oder da an sie keine Beiträge gerichtet wurden. Daran knüpft der rot markierte Block mit sechs Akteuren an. Dieser hat zwei zentrale Akteure, ist ansonsten jedoch recht unverbunden. Dies weist darauf hin, dass hier zwar eine erste Struktur entstanden ist, diese sich im weiteren zeitlichen Verlauf jedoch nicht verfestig hat und somit an Bedeutung verloren hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, warum Menschen freiwillig an der Wikipedia mitwirken, und stellt den soziologischen Fokus der Analyse dar.
2. Einführung in die Wikipedia: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung des Projekts von der Nupedia bis zur heutigen Wikipedia und erläutert die Funktionsweise der Wiki-Technologie.
3. Wissensproduktion in der Wikipedia: Das Kapitel prüft klassische soziologische Theorien zur Motivation und führt die Netzwerktheorie als Erklärungsansatz für die Entstehung von Wissensproduktion ein.
4. Schlussbetrachtung: Hier werden die Ergebnisse zusammengefasst und die zentrale Erkenntnis bekräftigt, dass Beteiligungsmotivation erst durch positionale Zuweisungen innerhalb von Netzwerkstrukturen entsteht.
5. Ausblick: Der Ausblick thematisiert ergänzende Erklärungsansätze wie die Diskurstheorie nach Foucault sowie die internen Konflikte zwischen Inklusionisten und Exklusionisten.
Schlüsselwörter
Wikipedia, Wissensproduktion, Soziologie, Netzwerktheorie, Netzwerkanalyse, Beteiligungsmotivation, Artikelkoordinator, Diskurs, Inklusionisten, Exklusionisten, Kollektivismus, Individualismus, soziale Rollen, Online-Plattformen, Freiwilligenarbeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die soziologischen Mechanismen, die hinter der freiwilligen und unentgeltlichen Erstellung von Inhalten auf der Plattform Wikipedia stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den Beteiligungstheorien der Soziologie, der Anwendung der Netzwerktheorie auf digitale soziale Interaktionen und der dynamischen Rollenverteilung innerhalb von Bearbeitungsprozessen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Studie?
Die Forschungsfrage lautet, ob die enorme freiwillige Beteiligung an der Wikipedia durch soziologische Theorien erklärt werden kann und welchen Einfluss diese Theorien auf das Verständnis der Wissensproduktion haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Der Autor nutzt die Netzwerkanalyse als Methode, um soziale Beziehungsstrukturen und Interaktionsmuster innerhalb der Wikipedia-Diskussionsseiten empirisch greifbar zu machen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Kritik am methodologischen Individualismus und Kollektivismus, der Einführung netzwerktheoretischer Modelle und der Analyse konkreter Interaktionsprozesse anhand eines Fallbeispiels.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem Hauptbegriff der Wissensproduktion prägen Fachbegriffe wie Netzwerkstruktur, Cluster-Analyse, Degree-Zentralität und Rollenhandeln die theoretische Ausrichtung der Arbeit.
Welche Rolle spielt der Artikel "Logik" in dieser Analyse?
Der Artikel "Logik" dient als empirisches Fallbeispiel, an dem aufgezeigt wird, wie sich durch Interaktion auf Diskussionsseiten soziale Positionen entwickeln und wie dadurch ein einzelner Akteur zum Artikelkoordinator aufsteigen kann.
Was ist das Ergebnis der Debatte zwischen Inklusionisten und Exklusionisten?
Das Kapitel verdeutlicht, dass es sich dabei um einen andauernden Konflikt über die Relevanzkriterien der Enzyklopädie handelt, der die interne Dynamik und die Qualitätssicherung der Wikipedia maßgeblich beeinflusst.
- Quote paper
- Sebastian Schubert (Author), 2010, Wissensproduktion in der Wikipedia, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149778