Wie wurde Alterität und Identität von Pilger*innen im späten Mittelalter wahrgenommen, konstruiert und dargestellt?
Einblick in das Reise- und insbesondere Pilgerwesen des Spätmittelalters sowie eine Einordnung von Reiseberichten als Quellentexte. Vergleichende Untersuchung der Reiseberichte Bernhard von Breydenbach sowie Konrad Grünemberg.
Einerseits bietet eine vergleichende historische Untersuchung die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven auf ähnliche Phänomene hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen. Andererseits soll durch die Einschränkung auf nur zwei Quellentexte, Bernhard von Breydenbachs Peregrinatio in terram sanctam und Konrad Grünembergs Pilgerreise ins Heilige Land 1486, vermieden werden, dass diese nur oberflächlich bearbeitet werden können. Reise- und Pilgerberichte sind im Allgemeinen mittlerweile gut erforscht, und auch die ausgewählten Quellentexte haben großes Interesse erfahren. Es liegt also eine breite Basis an Forschungsliteratur vor, die hinsichtlich der Fragestellung ausgewertet und um eigene Quellenanalyse erweitert wird. Bei beiden Reiseberichten ist darauf zu achten, dass Realitätsabbildung, subjektive Wahrnehmung aufgrund von Toposwissen und absichtliche Konstruktion in die Beschreibungen einfließen und als solche erkannt oder markiert werden müssen. Zwar ist zu erwarten, dass sich Parallelen in den Beschreibungen zeigen, einerseits aufgrund der zeitlichen Nähe und ähnlichen Reisebedingungen, andererseits aufgrund der latein-europäischen Weltsicht der beiden Verfasser. Jedoch gehe ich davon aus, dass sich die Darstellung der ‚Fremde‘ – insbesondere der Andersgläubigen – aufgrund der unterschiedlichen persönlichen Hintergründe und Beweggründe von Bernhard und Konrad unterscheiden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Methodisches Gerüst
2.1. Reisen im Mittelalter
2.1.1. Reisebedingungen im späten Mittelalter
2.1.2. Pilgerfahrt als besondere Reiseform
2.1.3. Jerusalem als Reiseziel mittelalterlicher Pilger*innen
2.2. Interkultureller Kontakt im Mittelalter
2.3. Narrativierung des Reisens
2.3.1. Der Reisebericht als literarische Gattung und historische Quelle
2.3.2. Erfahrungs- und Toposwissen
2.3.3. Alteritätskonstruktionen
3. Die Reiseberichte Bernhards und Konrads
3.1. Kritische Quellenanalyse
3.2. Darstellungen von Identität und Alterität
3.2.1. Darstellung der religiös ‚Fremden‘
3.2.2. Darstellung der christlichen ‚Fremden‘
3.2.3. Darstellung ‚fremder‘ Umwelt
3.2.4. Die eigene Identität
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Alterität und Identität von Pilger*innen im späten Mittelalter wahrgenommen, konstruiert und dargestellt wurden. Anhand einer vergleichenden Analyse der Reiseberichte von Bernhard von Breydenbach und Konrad Grünemberg wird der Frage nachgegangen, wie individuelle Motive, soziale Hintergründe und kulturelle Wissensbestände die Wahrnehmung von Fremdheit beeinflussten.
- Vergleichende Analyse spätmittelalterlicher Reiseberichte
- Konstruktion von Identität und Alterität durch Reisende
- Einfluss von Toposwissen und persönlichen Reiseerfahrungen
- Rolle von Religion und Geschlecht bei der Fremdwahrnehmung
- Untersuchung von Machtstrukturen und interkulturellen Kontakten im Raum Palästina
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Darstellung der religiös ‚Fremden‘
Für christliche Pilger*innen war unzweifelhaft die Begegnung mit dem Islam und muslimischen Gläubigen eine der wesentlichsten Fremdheitserfahrungen während einer Pilgerfahrt nach Jerusalem. Auch Bernhard und Konrad nehmen diese Religion und deren Angehörige während ihrer Reisen wahr und widmen Textstellen ihrer Darstellung.
Bereits vor der Abfahrt äußert Bernhard Sorge vor der Gewalttätigkeit bei Begegnungen mit muslimischen Personen. Daher ist es für ihn unabdingbar, mit dem Reeder einen Vertrag abzuschließen, durch welchen dieser „sie beschützen und verteidigen [muss], damit sie nicht von den Heiden oder jemanden anderem um einen Kopf kürzer gemacht werden.“ Diese Erwartungshaltung sieht Bernhard bei ersten Aufeinandertreffen seiner Reisegruppe bestätigt, als einige Ruderer, die nicht auf die offizielle Erlaubnis von Land warten wollten, bei einem Ausflug von Einheimischen in Palästina heftig geschlagen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der spätmittelalterlichen Reiseliteratur ein und skizziert die methodische Zielsetzung der Arbeit sowie die Bedeutung der Reiseberichte als kulturelle Zeugnisse.
2. Methodisches Gerüst: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen des Reisewesens, Pilgerns und des Kulturkontakts im Mittelalter sowie die Systematisierung der untersuchten Quellengattungen erläutert.
3. Die Reiseberichte Bernhards und Konrads: Hier erfolgt die kritische quellenanalytische Betrachtung der beiden gewählten Berichte unter Berücksichtigung der unterschiedlichen persönlichen Hintergründe der Autoren sowie die Analyse ihrer Darstellungen von Identität und Alterität.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der vergleichenden Analyse zusammen und betont, dass die Wahrnehmung des Fremden maßgeblich durch die individuellen Intentionen und den sozialen Status der Reisenden mitgeprägt wurde.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Pilgerreise, Reisebericht, Bernhard von Breydenbach, Konrad Grünemberg, Alterität, Identität, Interkultureller Kontakt, Jerusalem, Toposwissen, Erfahrungswissen, Kulturkontakt, Spätmittelalter, Christentum, Islam.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Bachelorarbeit analysiert die Pilgerberichte von Bernhard von Breydenbach und Konrad Grünemberg aus dem 15. Jahrhundert, um die Konstruktion und Darstellung von Identität und Fremdheit im spätmittelalterlichen Reisekontext zu untersuchen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert auf die Darstellung des Fremden (Alterität), die Rolle der eigenen christlichen Identität sowie auf die Bedeutung von traditionellem Wissen (Topoi) versus persönlicher Erfahrung im Kontext spätmittelalterlicher Pilgerfahrten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch einen vergleichenden historischen Ansatz herauszuarbeiten, wie sich die Wahrnehmung muslimisch geprägter Fremdheit sowie die Selbstidentifikation der Reisenden in Abhängigkeit von ihren jeweiligen persönlichen und sozialen Hintergründen unterschieden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Quellenanalyse durchgeführt, die die Berichte in ihren historischen und literarischen Kontext einbettet und dabei moderne Konzepte der Alteritäts- und Identitätskonstruktion auf das spätmittelalterliche Material anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des mittelalterlichen Reisewesens, eine biografische und quellenkritische Einordnung der beiden Autoren sowie eine detaillierte Analyse ihrer Darstellungen von religiösen und christlichen „Fremden“, der Umwelt und der eigenen Identität.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Pilgerreise, Alterität, Identitätskonstruktion, Toposwissen, Interkultureller Kontakt und die spezifischen Autoren Bernhard von Breydenbach und Konrad Grünemberg.
Wie unterscheidet sich die Motivation der beiden Pilger?
Während Bernhard primär den religiösen Heilsgewinn und die Bewahrung christlicher Traditionen betonte, zeigte Konrad in seinem Bericht ein deutlich stärkeres Interesse an der persönlichen Erfahrung, am Kennenlernen des Fremden und an der detailreichen Dokumentation soziokultureller Beobachtungen.
Welche Bedeutung kommt der „Propaganda“ bei Bernhard von Breydenbach zu?
Bernhards Werk diente nicht nur dem Bericht, sondern auch der politischen Agitation. Er nutzte seinen Text, um religiöse Identitätskonstruktionen zu schärfen und implizit Forderungen nach einem Kreuzzug und der Sicherung der christlichen Präsenz im Osten zu untermauern.
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- Anonym (Autor), 2024, Mittelalterliche Reiseberichte. Die Pilgerreisen von Bernhard von Breydenbach und Konrad Grünemberg. Fremdwahrnehmung und Identitätskonstruktion, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1498371