Gregor von Tours - Geschichtenerzähler oder ideologische Leitfigur?

„Zehn Bücher Geschichte“ in Martin Heinzelmanns „Gregor von Tours“


Hausarbeit, 2009
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Thema & Aufbau der Arbeit
1.1 Kurze Einführung in die machtpolitischen Verhältnisse des Merowinger Reiches im 6. Jahrhundert

Hauptteil

2. Herkunft und Ausbildung Gregor von Tours
2.1 Gregor von Tours Wirken und Einflussnahme auf die
politischen Verhältnisse seiner Zeit
2.2 Gregor von Tours 10 bändiges Werk „Libri historiarum decem“,
„Historia Francorum“ in Martin Heinzelmanns „Gregor von Tours“

Schluss

3. Mögliche Absichten und Ziele Gregor von Tours
3.1 Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Gregor von Tours - Geschichtenerzähler oder ideologische Leitfigur ?

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit widme ich mich allgemein der Figur Gregor von Tours und seinem zehn bändigen Werk „Libri historiarum decem“ – „Historia Francorum“, um dann genauer auf seine Absichten und die Interpretation seiner Bücher einzugehen. Zunächst biete ich einen Einblick in Gregors Leben und seine Arbeit als Bischof von Tours sowie sein Einwirken auf die politischen Verhältnisse seiner Zeit. Bevor man sich mit dem Werk Gregors beschäftigt, empfiehlt es sich sein Leben genauer zu betrachten, da man nur dadurch in der Lage sein wird, sein Werk als Geschichtsquelle vernünftig zu interpretieren. Warum und inwiefern das Leben Gregors dessen Schriften beeinflusst hat soll hier von mir untersucht und in Ansätzen geklärt werden. Im Hauptteil gehe ich auf sein zehnbändiges Werk ein, da dieses den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet. Der hohe Quellenwert dieser Schriften ist in einer sonst sehr quellenarmen Zeit unbestreitbar. Wie durch keine andere Quelle lernt man durch sie das ereignisreiche 6. Jahrhundert kennen. Jedoch will ich mich genauer der Frage widmen, ob Gregor das Werk, wie ihm zum Teil vorgeworfen wird, absichtlich manipulierte und bestimmte Ereignisse nicht erwähnte, oder ob die Möglichkeit besteht, dass er ganz andere Gedanken und Absichten mit seinen Büchern hatte und ein anderes Ziel verfolgte als die bloße Niederschreibung der Geschichte. Was waren Gregor von Tours Antriebskräfte? Was bewog ihn, neben seinen vielen Verpflichtungen als Bischof von Tours so ein umfangreiches Werk zu schaffen? Dies werde ich versuchen in meiner Ausarbeitung, mit Hilfe der Ausführung von Martin Heinzelmann „Gregor von Tours“, darzulegen.

1.1 Kurze Einführung in die machtpolitischen Verhältnisse des Merowinger Reiches im 6. Jahrhundert

Gregor von Tours wurde im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts geboren. Chlodwig, der Begründer des Frankenreiches (482 – 511 n.Chr.) hatte durch Ausschaltung seiner Mitkönige und durch Eroberungen sein Herrschaftsgebiet stark erweitert. Befestigt hatte er diesen Anspruch mit seinem Übertritt zum Christentum durch die katholische Taufe. Damit hatte er sein Ansehen bei der römisch-gallischen Bevölkerung gestärkt und gleichzeitig in der Kirche und ihren Amtsträgern eine Stütze erhalten. Bei seinem Tode teilten sich seine vier Söhne das Reich und konnten es durch Eroberungen der Gebiete Thüringen, Burgund und der Provence, trotz erbitterter Machtkämpfe untereinander, weiter vergrößern. Nach dem Tod seiner drei Brüder konnte Chlothar I. (558-561 n.Chr.) das Reich für kurze Zeit wieder vereinen. Als dieser starb, teilten seine Söhne wieder von Neuem und es kam abermals zu Kämpfen und Blutvergießen unter den Brüdern. Es bildeten sich in dieser Zeit drei Reichsteile heraus: Austrasien, Neustrien und Burgund. Austrasien umfasste die Gebiete Champagne, Maas und Moselland, Reims galt als Hauptstadt. Neustrien bestand hauptsächlich aus dem romanischen Westteil zwischen Schelde und Loire mit der Hauptstadt Paris. Burgund zog sich über das Gebiet der Loire- und Rohne, Hauptstadt war Orleans. Trotz dieser Aufteilungen galt das Frankenreich als ein Reich.

Zwischen den Brüdern und ihren Reichsteilen begann ein erbitterter Kampf um Macht und Einfluss. In diese Kämpfe wurde Gregor, als er 573 Bischof von Tours wurde, mit hineingezogen. Durch sein Werk die „Libri historiarum decem“, wissen wir, dass er als Beobachter und Kritiker seiner Zeit auftrat, aber ebenso als Angeklagter und später auch als Berater und Diplomat.[1]

2. Herkunft und Ausbildung Gregor von Tours

Gregor hieß ursprünglich Georgius Florentinus. Er wurde am 30.11.538 oder 539 in Riom bei Clermont-Ferrand geboren. Seine Eltern entstammten einem vornehmen gallo-römischen Geschlecht aus der Auvergne. Mehrere Familienmitglieder hatten in spätrömischer Zeit als Senatoren gewirkt. Nach dem Untergang Westroms dienten Etliche der Kirche. So war Gregors Onkel väterlicherseits als Bischof Gallus in Clermont tätig. Mütterlicherseits gehörten die Bischöfe Sarcerdos und Nicituis von Lyon sowie Gregor von Langres zu seinen Verwandten. So war Gregors Berufung durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen schon begünstigt. Darüberhinaus war die Großfamilie reich und zeichnete sich durch bedeutende Schenkungen in den Bischofsstädten aus, wodurch die Chancen stiegen, selbst einen Bischofsitz zu bekommen. Diese Bischöfe ließen bedeutende Kirchen bauen, um ihr Ansehen und ihren Ruhm zu festigen.[2]

Gregor wuchs behütet auf und lernte frühzeitig Lesen und Schreiben. Als er gut acht Jahre alt war, starb sein Vater (546 n. Chr.). Von diesem Zeitpunkt an wurde Gregor von seiner Mutter Armentaria erzogen. Sie war sehr fromm und eine Mystikerin, die an Wundertaten der Heiligen glaubte. Wahrscheinlich wurde hier schon bei Gregor das Interesse geweckt, sich mit dem Leben von Heiligen auseinanderzusetzen. Im Alter von dreizehn Jahren erlitt Gregor von Tours eine schwere Magenerkrankung. Nach eigenen Angaben beschloss er, im Falle der Genesung Geistlicher zu werden. Daher ist unklar ob er den Priesterberuf aus eigenem Entschluss wählte oder doch von seiner Familie dazu beeinflusst wurde. Die weitere Erziehung Gregor von Tours übernahm sein Onkel Gallus, Bischof von Clermont. Dieser lehrte Gregor viel von der alten und zeitgenössischen Geschichte und Literatur, beschränkte sich jedoch nicht nur auf diese, sondern brachte seinem Neffen auch weltliche Schriftwerke näher. Vor dem Tod Gallus im Jahre 551 war Gregor bereits in den Priesterstand getreten. Er erhielt darüberhinaus von seinem Onkel Nicituis, Bischof in Lyon, eine weitere Ausbildung. Im Jahre 563 wurde Gregor zum Diakon ernannt, als er wiederum sehr schwer erkrankte. Ihm kamen Todesgedanken. Daraufhin unternahm er eine Pilgerfahrt nach Tours zum Grab des Heiligen Martin. Nach der Rückkehr von der Reise bewiesen mitgenommene Kerzen von Heilligen ihre angebliche Wunderkraft. Er wurde gesund durch die Hilfe des Heilligen, wie Gregor selbst später schrieb.[3]

Über seine Tätigkeit als Diakon, bevor er Bischof wurde, ist wenig bekannt. Gregor selbst hat darüber auch keine Notizen verfasst. Er verwaltete wohl einige Zeit die Güter seiner Familie in der Auvergne, reiste nach Burgund zu Verwandten und besuchte seinen Vetter, den Bischof Enfronius in Tours. Auch reiste er an den austrasischen Hof nach Reims, wo er die Bekanntschaft mit dem Dichter Vernanzius Fortunas machte. Dieser widmete ihm ein Gedicht, als Gregor 573 Bischof von Tours wurde. Gregors Bischofswahl erfolgte vermutlich nicht ohne Widerstand, obwohl nur wenige Einzelheiten darüber bekannt sind. Sigibert von Austrasien hatte seine Wahl unterstützt. Doch es gab in Tours eine Gruppe, die Chilperichs Sohn Chlodwig, den Konkurrenten Gregors, bevorzugte. Unter diesen waren auch Geistliche wie der Priester Riculf, der später eine unrühmliche Rolle spielen sollte. Dennoch konnte sich Gregor durchsetzen.[4]

2.1 Gregor von Tours Wirken und Einflussnahme auf die politischen Verhältnisse seiner Zeit

Die merowingischen Könige in ihren verschiedenen Teilreichen des 6. Jahrhunderts setzen die Politik fort, die ihre Väter und der Großvater Chlodwig betrieben hatten. Durch List, Intrigen und Mord gewannen sie weiter Macht und Einfluss. In diese Machtkämpfe und Streitigkeiten wurde auch Gregor von Tours mit hineingezogen, denn sein Bischofssitz in Tours war eine der wichtigsten im Frankenreich. Die erste Auseinandersetzung hatte er 575 mit Chilperich von Neustrien. Dieser hatte unrechtmäßiger Weise die Städte Tours und Poitiers besetzt, die vertraglich König Siegbert gehörten. Gregor hatte höchstwahrscheinlich Siegbert und dessen dreijährigen Sohn Childebert II den Treueeid geleistet, so dass er auf deren Seite stand. Denn er bekam vom austrasischen Hof auch das Recht zugesprochen, das Grafenamt, also die weltliche Hoheit, auszuüben und einen Mann seines Vertrauens einzusetzen. Dies setzte er um, indem er den Grafen Leudast einsetzte.[5] Gregor verteidigte dieses Recht gegen Chilperich genauso wie das Asylrecht der Martinsbasilika. Die erste Schwierigkeit ergab sich, als Theudebert I, Chilperichs Sohn, Tours für wenige Monate besetzte. Er wurde aber 575 von Aufständigen der Region unter Führung des austrasischen Herzogs Gunthram Boso ermordet. Boso suchte daraufhin Zuflucht in St. Martin. Nun begann ein blutiger Bürgerkrieg. Beide Seiten, die neustrische und die austrasische, forderten von Gregor von Tours die Auslieferung seines Asylanten. Chilperich kam daraufhin sogar 576 nach Tours, um Boso gewaltsam zu befreien und gefangen zu nehmen. Für Gregor war dies eine sehr heikle Lage, doch sie sollte noch viel schwieriger werden, als Merowech, Chilperichs Sohn, ebenfalls nach Tours kam und Asyl forderte. Er hatte sich gegen seinen eigenen Vater aufgelehnt und fürchtete nun dessen Rache. Er drohte Gregor, Tourer Bürger zu töten. Daraufhin gab dieser nach, obwohl Chilperich angeblich die Aufhebung des Asylrechtes der Kirche verlangte.

Erst ein Jahr später, 577 zogen Merowech und der Herzog ab. Doch zuvor hatte Gregor mit Chilperich einen weiteren Konflikt zu bestehen. Dieser hatte im Jahr 576 45 Bischöfe nach Paris geladen, um gegen den Bischof Praetextatus von Rouen vorzugehen. Chilperich wollte ihn absetzen, da er seinen Sohn Merowech unterstützt hatte, um ihm so seine Macht zu demonstrieren.[6] Gregor trat hier als Verteidiger seines Amtsbruders und damit zugleich der Kirche auf. Er wies mit Überzeugung nach, dass weltliche und geistliche Macht gleichberechtigt wären. Die Rolle der Kirche wäre es, als Berater und Vermittler des Königs zu fungieren und nicht als Gegner behandelt zu werden. Durch sein geschicktes Argumentieren konnte Gregor den Fall günstig lösen. Der Bischof von Rouen konnte im Amt bleiben und Gregor hatte das Ansehen und den Einfluss der Kirche gestärkt. Die Unstimmigkeiten mit Chilperich gingen jedoch weiter. Die Gründe waren diesmal neben Steuererhöhungen und Geldzahlungen wegen unterlassener Heeresfolge der Touroner Bürger, die Entlassung des Grafen Leudast aus dem Amt im Jahre 579. König Chilperich, der ohnehin bereits Gregor verdächtigte, seinen aufständigen Sohn Merowech zu unterstützen, wurde in seinem Mistrauen bestärkt, als er von den Anschuldigungen des Grafen Leudast gegen Gregor erfuhr. Dieser behauptete, Gregor wolle die Stadt Tours an Siegberts Sohn Childebert ausliefern. Der Priester Riculf, mit seinem Subdiakon gleichen Namens, der schon bei Gregors Bischofswahl gegen ihn gewesen war, bestätigte Leudasts Anklage. Er ging sogar noch einen Schritt weiter und behauptete, Gregor beschuldige die Königin Fredegunde, mit dem Bischof Bertram von Bordeaux Ehebruch zu treiben. Daraufhin begann eine entwürdigende Zeit für Gregor. Der Graf Leudast kam nach Tours zurück, bewachte Gregor, nahm zwei seiner Vertrauten gefangen und brachte sie nach Soisson zur gerichtlichen Aussage: Der Priester Riculf vergriff sich sogar tatsächlich an seinem Bischof.[7] Man riet Gregor zur Flucht nach Clermont. Doch Chilperich ließ Gregor zur Untersuchung der Angelegenheit und Fortsetzung des Prozesses wieder nach Paris kommen. Hier entfiel schon ein Anklagepunkt gegen Gregor. So gestanden nämlich der Priester Riculf und sein gleichnamiger Mithelfer, dass nicht Gregor an der Verschwörung Merochwechs beteiligt gewesen war, sondern Graf Leudast. Auf der Synode von Berny im September 580 musste sich Gregor noch einmal vor allen Bischöfen verantworten. Durch einen sogenannten Reinigungseid konnte er sich von allen Verdächtigungen befreien. Die alleinige Schuld wurde Leudast gegeben, der nach dreijähriger Flucht gefasst und hingerichtet wurde.[8]

[...]


[1] Vgl. Prinz: Europäische Grundlagen d. Geschichte in: Gebhardt, 1973, S. 160f, S.280, S.518ff.

[2] Vgl. Anton: Gregor von Tours in: Lexikon des Mittelalters, 1980, S. 1679.

[3] Vgl. http://www.bautz.de/bbkl/g/gregor_v_t.shtml, Zugriff am 13.11.2009, 14:33h.

[4] Vgl. Anton: Gregor von Tours in: Lexikon des Mittelalters, 1980, S. 1680f.

[5] Vgl. Heinzelmann, 1994, S. 36.

[6] Vgl. Ebd., S. 44 f.

[7] Vgl. Heinzelmann, 1994, S.46.

[8] Vgl. Geary, 2007, S. 136

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gregor von Tours - Geschichtenerzähler oder ideologische Leitfigur?
Untertitel
„Zehn Bücher Geschichte“ in Martin Heinzelmanns „Gregor von Tours“
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V149963
ISBN (eBook)
9783640615872
ISBN (Buch)
9783640615780
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gregor, von Tours, Merowinger, Heinzelmann, Zehn Bücher Geschichte, Geschichtsschreibung, Frankenreich, decem libri historiarum, Tours, Chlodwig
Arbeit zitieren
Nikolas Kaselow (Autor), 2009, Gregor von Tours - Geschichtenerzähler oder ideologische Leitfigur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149963

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