Die Folgen der Bildungsungleichheit. Der Druck makrosoziologischer Veränderungsprozesse auf das Bildungssystem


Magisterarbeit, 2009

126 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Zum Thema und Fragestellung der Arbeit

2. Die Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen
2.1 Bildung und Gesellschaft
2.1.1 Was Bildung leisten soll
2.1.2 Soziale Ungleichheit und Bildung
2.1.3 Theorien zur Bildungsungleichheit
2.2 Die strukturellen Herausforderungen
2.2.1 Die sozialstrukturellen Veränderungsprozesse als Herausforderung
2.2.1.1 Die Polarisierung der Gesellschaft
2.2.1.2 Der demographische Wandel
2.2.2 Der globale Wettbewerb als Herausforderung
2.2.2.1 Der Standort Deutschland
2.2.2.2 Die Herausforderung für das Individuum
2.3 Das deutsche Bildungssystem im Vergleich
2.3.1 Die formale und tertiäre Bildung
2.3.2 Die berufliche Fort- und Weiterbildung
2.3.3 Mobilität, Chancen und Benachteiligung im deutschen Bildungssystem

3. Die Wirkung der Veränderungen - Das deutsche Bildungssystem unter Druck?
3.1 Der Druck sozialstruktureller Veränderungen auf die Bildungsbeteiligung
3.1.1 Der Polarisierungsdruck
3.1.1.1 Die individuellen Bildungsentscheidungen
3.1.1.2 Die Wirkung ökonomischer Belastungen
3.1.2 Der demographische Druck
3.1.2.1 Die Einflussfaktoren auf die Bildungsbeteiligung Älterer
3.1.2.2 Die Notwendigkeit zur Qualifikation Älterer
3.2 Die Entwicklung der Ressource Humankapital
3.3. Die Folgen der sozialstrukturellen Veränderungen für die deutsche Gesellschaft
3.3.1 Folgen für den Sozialstaat
3.3.2 Folgen für die Wirtschaft
3.3.3 Folgen für das Individuum
3.4 Die Bedeutung des Bildungssystems im gesellschaftlichen Kontext

4. Die Konsequenzen für das Bildungssystem
4.1 Gleichheit, Chancen und Gerechtigkeit im Bildungssystem
4.2 Die Folgen für das Bildungssystem – Wege aus dem Dilemma
4.2.1 Formale Bildung
4.2.2 Bildung im tertiären Bereich
4.2.3 Fort- und Weiterbildung

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Zu Thema und Fragestellung der Arbeit

Mitte des Jahres 2008 beschrieb der SPIEGEL unter der Überschrift „Die Karawane zieht weiter“, wie es in China zu einem gewollten Abbau der Billigproduktion zugunsten von hochwertigeren und wissensintensiveren Branchen kommt. Kostensteigerungen infolge wachsender Löhne und der Aufwertung des chinesischen Yuan gegenüber dem Dollar führen zur Abwanderung von Unternehmen mit einfacher Massenproduktion. Diese Entwicklung wird im Reich der Mitte begrüßt und vollzieht sich ohne Proteste und Gegenmaßnahmen, denn: „Chinas Planer wissen, dass ihr Land als Billigmanufaktur keine Zukunft hat. Nach dem Vorbild von Japan und Südkorea bauen sie die Weltfabrik um, sie wollen die Industrie auf Hightech-Niveau katapultieren“ (Jung/Wagner 2008: 85).

Angesichts dieser wirtschaftlichen Entwicklungsstrategie Chinas dürfte zu erwarten sein, dass sich der globale Wettbewerb in der Zukunft verschärft, denn durch die Neuorientierung, rücken die forschungs- und innovationsintensiven Branchen in den Fokus der Internationalisierung, welche bisher als sicher gegenüber der Abwanderung bzw. der Konkurrenz aus dem ehemaligen Niedriglohnland angesehen worden.

Die wichtigste Zukunftsressource Deutschlands in diesem sich neu ausrichtenden globalen Wettbewerb ist, unter anderem aufgrund eines Mangels an natürlichen Rohstoffen, das gesamtgesellschaftliche Humankapital1, welches die Innovations- und Entwicklungsfähigkeit und damit die Konkurrenzfähigkeit und den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand sichert. Es umfasst vor allem die Qualifikationen und Kompetenzen aller Erwerbstätigen und wird in seiner Höhe und Qualität vor allem durch das Bildungssystem einer Gesellschaft bestimmt. Bildung ist deshalb, „in einer globalisierten Welt ein Wettbewerbsfaktor [...] und Bildung ist der Schlüssel für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen, aber auch für den individuellen Wohlstand“ (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. 2007: 9).

Neben den Veränderungen auf internationaler Ebene vollziehen sich insbesondere in Deutschland zwei Wandlungsprozesse, welche langfristig die Sozialstruktur grundlegend verändern dürften. Zum einen ist dies der Schrumpfungsprozess der Mittelschicht hinsichtlich des Einkommens, welcher mit wachsender Verunsicherung einhergeht, zum anderen ist es die Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerung hinsichtlich des Alters.

Die Mittelschicht stellt seit langer Zeit das tragende Element der deutschen Gesellschaft dar. Als größte sozialstrukturelle Gruppe, ausgestattet mit sozialem, kulturellem und ökonomischem Kapital, reproduziert sich aus ihr der Hauptteil der qualifizierten Fachkräfte und Akademiker, welche die Höhe des Humankapitalbestandes entscheidend mitbestimmen. Heute ist die Mittelschicht, definiert man sie über das Einkommen als ihr Hauptmerkmal, einem Schrumpfungsprozess unterworfen. In diesem Kontext kommt es, wie noch gezeigt werden soll, zu einer Ausdehnung der Einkommensunterschicht und einem geringen Wachstum der Oberschicht. Die Mittelschicht schrumpft demnach zugunsten zweier gegensätzlicher Gruppen. In der Folge kommt es zu einer Spreizung bzw. Polarisierung der Gesellschaft. Zudem geht diese Entwicklung mit einer Prekarisierung der Arbeitsbeziehungen sowie einer Verunsicherung der Angehörigen der Mittelschicht einher.

Die zweite Herausforderung im nationalen Kontext ist der demographische Wandel innerhalb der deutschen Gesellschaft. Die Folgen dieses Prozesses sind eine Verschiebung der Altersverteilung und der quantitative Rückgang der Gesamtbevölkerung sowie hiermit verbunden die Schrumpfung des Erwerbstätigenpotentials.

Die geringe Geburtenrate ist bereits seit den siebziger Jahren ein bekanntes Problem. Lange Zeit wurde diese Entwicklung nicht im ausreichenden Maß thematisiert und der Mangel an Arbeitskräften wurde zum Teil mit Zuwanderungsströmen ausgeglichen, welche heute jedoch abnehmen (vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln 2004). In Folge dieser Entwicklung wird in den nächsten Jahrzehnten eine relativ große Alterskohorte, die so genannte Baby- Boom-Generation2, aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Ihr steht aufgrund des Geburtenrückgangs keine vergleichbar große Gruppe an qualifiziertem Fachpersonal gegenüber, welche neu in das Erwerbsleben einsteigen und die entstehende Lücke ausfüllen wird.

Infolge beider Entwicklungen könnte sich, wie bereits angedeutet, der Humankapitalbestand nachteilig für die deutsche Volkswirtschaft verändern. Die Bundesrepublik Deutschland steht damit angesichts der globalen Entwicklung „vor weitreichenden Veränderungen und damit vor neuen Herausforderungen“ (Paul u.a. 2008: 33).

Im Brennpunkt dieser Herausforderungen steht das deutsche Bildungssystem, welches wie zuvor beschrieben, der Schlüssel für gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und individuellen Wohlstand einer modernen Gesellschaft ist. Grundvoraussetzung ist, dass es trotz veränderter Rahmenbedingungen dem Bedarf einer Wirtschaft gerecht wird, welche in einem verschärften internationalen Wettbewerb steht.

Es ist fraglich, ob diese Anforderungen durch das Bildungssystem in seiner jetzigen Form erfüllt werden können. So ist das deutsche System durch eine hohe und sehr frühe Selektivität und Homogenität hinsichtlich der sozialen Herkunft gekennzeichnet, wie unter anderem in den Bildungsstudien IGLU und PISA deutlich wurde, aber auch durch eine Ausrichtung auf den ersten Bildungsweg bzw. eine junge Zielgruppe.

Diese strukturell bedingten Bildungsungleichheiten schließen bestimmte Personengruppen vom Bildungsprozess aus, erschweren die Zugangs- und Erfolgschancen oder beeinflussen die individuelle, subjektiv geprägte Bildungsentscheidung und dass, obwohl im Zug der technischen Entwicklung und der internationalen Konkurrenz die dringende Notwendigkeit zur Höherqualifikation besteht. Gleichzeitig werden die subjektiv-rationalen Bildungsentscheidungen auch durch die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt.

In seiner jetzigen Form ist das deutsche Bildungssystem den wachsenden globalen Anforderungen an eine Wissensgesellschaft, wie noch gezeigt werden soll, nicht gewachsen. Die strukturellen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und die Bildungsungleichheiten hinsichtlich der von ihr betroffenen Gruppen machen eine Anpassung an die soziale Wirklichkeit notwendig, um international wirtschaftlich erfolgreich sein zu können.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welche sich aufgrund der beiden Prozesse und ihrer Auswirkungen auf das Bildungssystem für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Gesellschaft im internationalen Wettbewerb ergeben. Hierfür sollen die Zusammenhänge und Folgen der sozialstrukturellen Veränderungen untersucht und der Blick auf ungenutzte Potentiale infolge der Ungleichheiten im Bildungssystem gelenkt werden.

Zu untersuchen ist dabei, wie die demographische Veränderung zu Beginn des 21. Jahrhunderts und die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft hinsichtlich des Einkommens als makrosoziologische Prozesse auf das Teilsystem Bildung einwirken. Dabei soll auch auf strukturelle Barrieren und individuelle Hemmschwellen aufmerksam gemacht werden, welche sich aus den Veränderungsprozessen für die Bildungsteilnahme ergeben. Fort- und Weiterbildung, welche zum Erhalt von Qualifikationen einer alternden Erwerbsbevölkerung benötigt werden sowie der Weg hin zur Teilnahme an tertiärer Bildung, stehen insbesondere im Fokus dieser Arbeit. Denn: „die zunehmende weltwirtschaftliche Verflechtung von Industrie, Handel und Dienstleistung [wird] neue und veränderte Qualifikations- und Arbeitsanforderungen an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedeuten“ (Buhr 2008: 30).

Es muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass auch die frühkindliche Bildung bedeutenden Einfluss auf die Bildungsbiographie hat. Sie wird jedoch nicht Teil der vorliegenden Arbeit sein. Auch andere Ungleichheitsmerkmale im Bildungssystem, wie der Migrationshintergrund oder das Geschlecht sollen hier ausgeklammert werden. Ihre Behandlung im Zusammenhang mit der beschriebenen Entwicklung würde den Rahmen dieser Arbeit übersteigen.

Auffällig ist, dass in den Jahren 2008 und 2009 eine Vielzahl von Fachliteratur über die Folgen und das Wirken des demographischen Wandels auf den Arbeitsmarkt, die wirtschaftliche Entwicklung und den Bildungsprozess erschienen ist, welche auch in der vorliegenden Arbeit verwendet wird. Dies zeigt, dass sich in der Gesellschaft eine Veränderung in Bezug auf die Wahrnehmung älterer Mitmenschen vollzieht, während das Problem der Herkunftsabhängigkeit im deutschen Bildungssystem spätestens seit PISA im Jahr 2000 ein häufig diskutiertes Thema ist. Dass beide Prozesse für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im internationalen Standortwettbewerb Auswirkungen haben, ist in der Literatur unumstritten, ebenso wie die Tatsache, dass die Entwicklung des Fachkräftepotentials einen wachsenden Rückstand der deutschen Forschungs- und Innovationsfähigkeit bedeuten kann.

Der Zusammenhang zwischen den beiden sich verstärkenden Prozessen sowie der Bildungsungleichheit wird jedoch kaum in der Literatur thematisiert.

Die vorliegende Arbeit ist in ihrer Struktur dreigegliedert, hinsichtlich der Ausgangsbedingungen bzw. des Rahmens als Ausgangssituation, der Wirkung und Folgen, sowie schlussendlich der Konsequenzen.

Da sich, wie bereits angedeutet, die Rahmenbedingungen für das Bildungssystem geändert haben, soll im ersten inhaltlichen Kapitel, nach einem allgemeinen Teil über Bildung und Bildungsungleichheit, das Ausmaß der beschriebenen Veränderungen auf nationaler und internationaler Ebene und ihre Folgen für die deutsche Gesellschaft bzw. der in ihr lebenden Individuen dargestellt werden. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels steht das deutsche Bildungssystem im Vordergrund, welches über die Höhe des Humankapitals und damit über die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Gesellschaft entscheidet und dem Individuum Lebenschancen eröffnet. Dabei sollen sowohl die Leistungsfähigkeit, auch im internationalen Vergleich, als auch die spezifischen Benachteiligungsmechanismen betrachtet werden.

Im zweiten inhaltlichen Kapitel werden die Wirkung und Folgen der Wandlungsprozesse auf die Teilhabe und Ungleichheiten im Bildungssystem beschrieben. Im Fokus steht dabei die Untersuchung von strukturellen Barrieren und individuellen Hemmschwellen, welche Einfluss auf den Humankapitalbestand der Gesellschaft besitzen können. Hieran anschließend werden die Auswirkungen und Folgen untersucht, welche diese Entwicklung im Zusammenhang mit der Bildungsbenachteiligung auf die Gesellschaft haben. Dies soll in drei Dimensionen, hinsichtlich des Sozialstaates, der wirtschaftlichen Entwicklung und des Individuums geschehen.

Das letzte inhaltliche Kapitel ist den möglichen Konsequenzen gewidmet, welche aus den vorangegangenen Untersuchungen gezogen werden und dabei helfen können, das Bildungssystem an die sozialstrukturellen Veränderungen, sowie die neuen Anforderungen anzupassen und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Hier werden zum einen Gleichheit und Gerechtigkeit im Bildungssystem allgemein aufgegriffen, zum anderen werden speziell die im Verlauf dieser Arbeit angesprochenen Bildungsbereiche der formalen und tertiären Bildung, sowie der Fort- und Weiterbildung behandelt. Es sollen Vorschläge zur Reduzierung von Benachteiligungsmechanismen gemacht werden, welche aus den sozialstrukturellen Veränderungen und ihren Folgen resultieren.

2. Die Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen

2.1 Bildung und Gesellschaft

In modernen Gesellschaften werden die technischen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge immer komplexer. Nicht mehr allein die maschinelle Ausrüstung stellt den Motor des wirtschaftlichen Wachstums und der internationalen Konkurrenzfähigkeit dar, wie es in Industriegesellschaften der Fall ist bzw. war, sondern vor allem die Kompetenzen der Menschen (vgl. Hradil 2005). Aus diesem Grund haben die Qualifikationen der Bevölkerung eine wachsende Bedeutung, zum einen für die Gesamtgesellschaft in Form der Ressource Humankapital, welche alle Bildungsabschlüsse in einer Gesellschaft umfasst und damit die Qualität der menschlichen Arbeitskraft (vgl. Statistisches Bundesamt u.a. 2008), zum anderen für das einzelne Individuum, für welches Bildung die zentrale Ressource bezüglich der Lebens- bzw. Aufstiegschancen darstellt, Pierre Bourdieu (vgl. 1982) spricht hierbei von Bildungskapital.

Bildung umfasst in diesem Kontext die Aneignung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten durch allgemeine bzw. formale und berufliche Bildung. Auf dieser Grundlage baut die Weiterbildung als Fortsetzung oder Wiederaufnahme organisierten Lernens auf (vgl. Hradil 2005). Während die formale Bildung vor allem der Ausbildung des Humankapitalbestandes dient, sichert die Weiterbildung vor allem den Erhalt desselben.

Unter Bildungsbeteiligung wird in der Regel die Art, der Umfang und die Dauer der formalen Bildung einer Person verstanden (vgl. Büchner 2008). Im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit soll der Begriff der Bildungsbeteiligung jedoch weit gefasst sein und neben der formalen Bildung auch das Ausbildungssystem sowie die Fort- und Weiterbildung umfassen. Die Bildungsexpansion seit dem 19. Jahrhundert ist Ausdruck des wachsenden Bedarfs, ebenso wie die Qualitätsoffensive und der hiermit verbundene Ausbau des Bildungssystems in den 60er und 70er Jahren.

Diese Veränderungen des Bildungssystems waren jedoch, wie noch gezeigt werden soll, nicht ausreichend, um auf die Veränderungen und ihre Folgen reagieren zu können, welche sich heute in der deutschen Gesellschaft vollziehen bzw. auf diese wirken. Besonders problematisch ist, dass zwar alle sozialen Schichten von der Bildungsexpansion in den 60er Jahren profitierten und der Anteil an Realschülern und Gymnasiasten stieg, während die Hauptschulen an Bedeutung verloren, jedoch die Abstände weitgehend gleich blieben (vgl. Hradil 2005).

Die Veränderungen brachten somit zum einen keine gleichen Bildungschancen und gleiche Möglichkeiten zur Bildungsbeteiligung für alle sozialen Gruppen, da der Anteil an Angehörigen niedrigerer sozialer Gruppen an höherer Bildung immer noch geringer ist, als er es nach ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung sein sollte, und genügen zum anderen nicht den hohen Bedürfnissen einer modernen Forschungs- und Wissensgesellschaft.

Für die Zukunft wird deshalb wohl vor allem gelten, dass Gesellschaften mit breit angelegtem Bildungs- und Ausbildungssystem innovative und erfolgreiche Gesellschaften sein werden.

2.1.1 Was Bildung leisten soll

Bezeichnungen wie „Wissensgesellschaft“ oder „Informationsgesellschaft“ zeugen von der Bedeutung der Bildungseinrichtungen und der mit ihr verbundenen Verbreitung und Vermittlung des komplexer werdenden Wissens, sowie der Weiterentwicklung durch die Forschung. Zwei gegensätzliche Ansichten beschreiben die Bedeutung der Bildung zum einen für die Wirtschaft und zum anderen für die Gesamtgesellschaft sowie die in ihr lebenden Individuen.

Laut Georg Picht (1964: 17) ist: „Bildungsnot [...] wirtschaftlicher Notstand. Der [...] wirtschaftliche Aufschwung wird ein rasches Ende nehmen, wenn uns die qualifizierten Nachwuchskräfte fehlen, ohne die im technischen Zeitalter kein Produktionssystem etwas leisten kann“. Eine Ansicht, welche trotz ihres Alters nicht an Aktualität eingebüßt zu haben scheint und durch die Einschätzung geprägt ist, dass Bildung vor allem einem ökonomischen Zweck dient. Eine andere Meinung wird von Ralph Dahrendorf vertreten (1965: 22)

„Bildungspolitik ist weit mehr als eine Magd der Wirtschaftspolitik“, „Bildung ist Bürgerrecht“. Als solches ist sie ein soziales Grundrecht und kann auch zur Veränderung aller gesellschaftlichen Teilgebiete, kurz zur Modernisierung der Gesellschaft beitragen und ist somit mehr als nur der Garant für wirtschaftliches Wachstum (vgl. Allmendinger u.a. 2007).

Auch wenn in dieser Arbeit vor allem die Globalisierungsfähigkeit der deutschen Gesellschaft im Vordergrund stehen soll, spielt die Ansicht Ralph Dahrensdorfs dennoch eine große Rolle. Bildung hat demnach sowohl für das einzelne Individuum, als auch die Gesamtgesellschaft und damit auch für die Wirtschaft als gesellschaftliches Teilsystem ohne Frage eine fundamentale Bedeutung. Für das Individuum ist Bildung von Bedeutung, da sie die individuelle Erwerbs- und Lebensbiographie beeinflusst und damit Lebenschancen, finanzielle Absicherung durch Schutz vor Arbeitslosigkeit und die Möglichkeit individueller Selbstentfaltung verspricht. „In modernen Gesellschaften wird Bildung als wesentliches Element der Demokratisierung und Emanzipation betrachtet. Der Zugang zu und der Erwerb von Bildung sollen ausschließlich über meritokratische Prinzipien gesteuert werden: Die Verteilung von Status, Prestige und Macht wird aufgrund von individueller Leistung und nicht aufgrund von vererbtem Stand legitimiert“ (Allmendinger u.a. 2007: 207).

Für die Volkswirtschaft bestimmt Bildung vor allem die Höhe und die Entwicklung des Humankapitalbestands, sowie die Produktivität und das Wirtschaftswachstum wie es unter anderem Georg Picht (1964) beschreibt.

Bildung und Bildungsinvestitionen sind damit von zentraler Bedeutung für die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Wettbewerb und die Entwicklung einer modernen und gerechten Gesellschaft. Aufgrund dieser grundlegenden Bedeutung ist „Bildung [...] eine der wichtigsten sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts. Sie beschränkt sich nicht auf eine allgemeine Schulbildung und formelle Berufsausbildung, sondern auf berufliche Weiterbildung und kontinuierliches selbst gesteuertes Lernen“ (Becker/Lauterbach 2004: 9).

Bildung und Wissen werden dabei als beliebig reproduzierbare Ressource angesehen, welche über die vorhandenen qualifizierten Fachkräfte entscheidet und es einer Gesellschaft ermöglicht, international kompetitiv, innovativ und erfolgreich zu sein, denn der beschleunigte technische Fortschritt entwertet permanent Wissen, weshalb beständig das Erlernen neuer Fähigkeiten (lebenslanges Lernen) notwendig wird (vgl. Bamberger 2007).

Diese Anforderungen setzen den Willen und die Möglichkeit zur Teilhabe aller Mitglieder einer Gesellschaft am Bildungssystem als ein Bürgerrecht, wie es Dahrendorf nennt, unabhängig von Beschränkungen aufgrund bestimmter persönlicher Merkmale voraus.

Durch Beschränkungen hingegen und dem damit verbundenen Ausschluss von Teilen der Bevölkerung wird die Ansicht, dass Bildung und Wissen eine permanent reproduzierbare Ressource ist, entkräftet, denn sie ist es nur, wenn die Zielpersonen vorhanden sind und Zugang besitzen. Demnach ist Bildung nur dann beliebig reproduzierbar, wenn das Bildungssystem und die Rahmenbedingungen an die soziale Wirklichkeit angepasst sind bzw. Benachteiligungsmechanismen nur die gesellschaftliche Peripherie betreffen.

In diesem Zusammenhang gehört zu den Aufgaben des Bildungssystems die Platzierungs- und Selektionsfunktion für die Mitglieder einer Gesellschaft. Idealerweise sollte die Platzierung und die Selektion ausschließlich nach Leistung geschehen, wodurch das Bildungssystem allen Menschen die gleichen Zugangschancen ermöglicht. Dabei bestimmt die Platzierungsfunktion den Zugang zu sozialen Positionen und den mit ihnen verbundenen Privilegien, was die enge Verknüpfung des Bildungsniveaus mit dem Zugang zu Schichten, Auf- und Abstiegsbewegungen in der Gesellschaft zeigt (vgl. Geißler 2008).

Problematisch wird es jedoch, wenn diese Funktion des Bildungssystems nicht nach Leistung, sondern nach der sozialen Stellung oder anderen persönlichen Merkmalen erfolgt. In diesem Fall ist der Zugang zu Bildung durch soziale Ungleichheit geprägt, wodurch das grundlegende Prinzip der Chancengerechtigkeit nicht befolgt wird.

In den 70er Jahren wurde angenommen, dass durch bildungspolitische Reformen nicht nur die Ungleichheit im Bildungssystem, sondern auch in der ganzen Gesellschaft abgebaut werden könnte. Trotzdem zeigte sich, dass durch verbesserte Partizipationsmöglichkeiten die Bildungsbeteiligung immer noch im hohen Maß von der sozialen Herkunft abhängt. „Als eine mögliche Ursache wird die familiäre Ausstattung an materiellen, vor allem finanziellen Ressourcen angesehen.“ Hierzu zählen unter anderem Haushaltseinkommen, Haushaltsgröße und -ausstattung (vgl. Steiner 2005).

Die Herstellung von Gleichheit hinsichtlich Bildung ist also nicht allein durch gleiche Zugangschancen möglich, sondern nur durch eine Förderung genau jener Personengruppen, welche aufgrund ihrer sozialstrukturellen Herkunft nicht die gleiche Ausgangssituation besitzen wie andere. In diesem Fall kann von Chancengerechtigkeit gesprochen werden.

2.1.2 Soziale Ungleichheit und Bildung

Alle Gesellschaften sind durch Mechanismen gekennzeichnet, welche die Verteilung der in der Gesellschaft begrenzt vorliegenden oder als wertvoll erachteten Güter und Dienstleistungen bestimmen.

In der Soziologie wird dann von sozialer Ungleichheit gesprochen, wenn diese Güter nicht absolut gleich verteilt sind und sie in einer gesellschaftlich strukturierten, beständigen und verallgemeinerbaren Form vergeben werden. Zu diesen Gütern gehören unter anderem Wohlstand, Sicherheit und Gesundheit, soziales Ansehen, sowie Bildung und damit auch der freie Zugang zu den gesellschaftlichen Teilsystemen (vgl. Hradil 2005). Die Feststellung der Existenz solcher Unterschiede impliziert jedoch noch nicht einen Bedarf zum Handeln. Solange die bestehenden Ungleichheiten als gerecht empfunden werden bzw. keine sozialen Spannungen erzeugen, können sie als legitim und stabilisierend von der Bevölkerung erachtet werden.

Die Problematik der sozialen Ungleichheit ergibt sich demnach nicht aus ihrer bloßen Existenz. Sie entsteht vielmehr aus der relativen Ungleichheit, welche dann ansetzt, wenn Güter aufgrund der Stellung im sozialen Gefüge ungleich verteilt sind und dabei z.B. hinsichtlich der Ausstattung mit ökonomischen Mitteln „bestimmte Personen mehr verdienen als sie ihrer Leistung gemäß verdienen“ (Hradil 2005: 29).

Dimensionen der sozialen Ungleichheit sind unter anderem Bildungsgrad und Einkommens- verhältnisse. Die Determinanten sind biologische oder soziale Merkmale wie Geschlecht und Wohnort, aber auch Alter, Herkunft und vorhandenes Kapital, welche damit auch über die sozialstrukturierte Verteilung und damit den Zugang zur Bildung entscheiden.

Sind in einer Gesellschaft die Einflüsse der eben genannten Determinanten sehr klein, ist es allen Mitgliedern möglich, allein durch Leistung alle Positionen, die eine Gesellschaft zu vergeben hat, zu erreichen. Existieren so keine Mobilitätsbarrieren kann die bestehende relative Ungleichheit als legitim angesehen werden. Ist eine Gesellschaft durch solche Barrieren z.B. aufgrund persönlicher Merkmale geprägt und ist es bei gleicher Leistungsfähigkeit nicht allen Mitgliedern möglich bestimmte Postionen zu erreichen, kennzeichnet dies eine Gesellschaft nicht nur als ungleich sondern auch als ungerecht.

Diese Barrieren haben dabei Einfluss auf die relative und die absolute Bildungsarmut in einer Gesellschaft. In der deutschen Gesellschaft, in welcher Bildungserfolge durch Zertifikate gemessen werden und wo auf breit angelegte Durchschnittsqualifikation über das duale Ausbildungssystem geachtet wird, sollte absolute Bildungsarmut im Sinn von fehlenden Zertifikaten theoretisch nur ein marginales Problem darstellen. Die relative Bildungsarmut und damit das Bildungs-Ressourcen-Gefüge bzw. die Verteilung der Ressource Bildung steht in dieser Arbeit im Vordergrund.

2.1.3 Theorien zur Bildungsungleichheit

Dem Bildungssystem kommt eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zu. Zum einen da hier die Kompetenzen gefördert und entwickelt werden, welche notwendig sind, um bestimmte Positionen in einer Gesellschaft einnehmen zu können und zum anderen, weil hier auch eine Selektion und Platzierung hinsichtlich bestimmter Bildungswege erfolgt, die für den späteren Lebensverlauf und die zuvor erwähnte Erreichung von Positionen entscheidend sind. Aufgrund dieser doppelten Wirkung sind Ungerechtigkeiten im Bildungssystem besonders problematisch. Die soziale Herkunft der Eltern determiniert somit die Teilnahme an der formalen Bildung, wobei der Bildungsgrad, sowie das monetäre Kapital des Elternhauses, welches sowohl Einfluss auf die Bildungsentscheidung als auch auf den Bildungserfolg hat, zentral ist.

Nach Auffassung von Pierre Bourdieu (vgl. 1982) lassen sich in Gesellschaften drei Kapitalarten unterscheiden, das soziale, kulturelle und ökonomische Kapital. Seiner Theorie nach können zudem kulturelles und soziales Kapital in ökonomisches Kapital überführt werden. Bourdieu (1982: 194) beschreibt, dass auf unterschiedlichen Feldern spezifisches Kapital vorherrscht und dass der: „soziale Rang und besondere Verfügungsgewalt, welche den Akteuren innerhalb eines Feldes zugewiesen werden, zunächst einmal vom spezifischen Kapital abhängen, das zu mobilisieren sie in der Lage sind.“

Trotz Konvertierbarkeit der Kapitalarten ist ökonomisches Kapital nicht direkt in inkorporiertes kulturelles Kapital bzw. Bildung umwandelbar (vgl. Fuchs-Heinritz/König 2005). Allerdings entstehen zum Erlangen von kulturellem Kapital die Opportunitätskosten, wodurch sie vom Einsatz monetären Kapitals abhängig sind. Ökonomisches Kapital und dessen Investition in die Erlangung von kulturellem Kapital, sowie die Übertragung kulturellen Kapitals durch Vererbung (vgl. Bourdieu 1983) ist demnach für den Erfolg im Bildungssystem entscheidend mit verantwortlich. Zudem kritisiert Bourdieu die konservative Ideologie der Chancengleichheit. Erstens verfügen Kinder aus unteren Gesellschaftsschichten nicht über notwendiges Vorwissen, soziales Umfeld oder Sprache, kurz soziales und kulturelles Kapital, selbst wenn die finanzielle Hürde beseitigt werden würde. Die Förderung muss sich demnach an die spezifischen Defizite richten. Zweitens beeinflusst der Mangel dieser Faktoren unbewusst Lehrende und Lernende, so das sie kaum rationale Entscheidungen treffen können.

In diesem Zusammenhang ist auch der Ansatz von Boudon zu nennen (vgl. Boudon 1975), welcher Bildungsentscheidungen als Resultat einer bewussten Abwägung von Kosten und Nutzen unterschiedlicher Bildungswege, sowie der Bildungsnähe des Elternhauses beschreibt. Hierbei werden von ihm zwei Effekte der sozialen Herkunft auf die Bildungsteilnahme und den Bildungserfolg identifiziert. Dies sind die primären und sekundären Herkunftseffekte, welche durch die eben erwähnten familiären Ressourcen beeinflusst werden.

Unter den primären Herkunftseffekten wird dabei die schichtspezifische Ausstattung des Haushaltes mit sozialem, kulturellem und ökonomischem Kapital verstanden. Sie entscheidet über Erziehung, Ausstattung und gezielte Förderung im Elternhaus, wodurch stark die kognitive Leistungsfähigkeit bestimmt wird, welche wiederum die schulische Leistung des Kindes beeinflusst. Als sekundärer Effekt wird die elterliche Bildungsentscheidung aufgrund des angestrebten Bildungsabschlusses in Relation zum erreichten sozialen Status interpretiert (vgl. Steiner 2005).

Hierbei steht besonders die folgenschwere und vergleichsweise frühe Bildungsentscheidung beim Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schullaufbahnen im Mittelpunkt. Dabei ist zu beobachten, dass sich Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft, selbst bei gleicher Leistung oder gleicher Leistungsfähigkeit, auch dahingehend unterscheiden, ob sie eine Ausbildung in der Bildungsstufe beenden oder auf einer weiterführenden, anspruchsvolleren Stufe fortsetzen möchten. Beachtet werden muss jedoch, dass für jede Familie je nach Haushaltseinkommen, die Bildungskosten als unterschiedlich starke Belastung wahrgenommen werden, wodurch die Bildungsentscheidung mit beeinflusst werden kann.

Aufgrund günstiger Voraussetzungen (familiäre Ausstattung an Kapital) können Kinder aus gehobenen sozialen Schichten und höherer Bildungsnähe, eher bessere Schulleistung erbringen, als Kinder aus den unteren sozialen Schichten, obwohl die Ausgangsbasis, abgesehen von der Ausstattung der Familie, gleich ist. Zum anderen existiert die Bildungsentscheidung der Eltern, welche sowohl durch die Ressourcen der Herkunft, als auch die schulische Leistung beeinflusst wird. Zwei Effekte, vergleichbar mit Zugangsbarrieren zu höherer Bildung bestimmen so, trotz gleicher Ausgangsbasis, aufgrund von Förderung und Entscheidung, den Bildungserfolg des Kindes und damit den zukünftigen Lebensverlauf mit (vgl. Becker/Lauterbach 2004).

Auch andere Theorien weisen auf den Einfluss der dem Haushalt zur Verfügung stehenden Ressourcen hin. So führt Gambetta (vgl. 1987) zwei verschiedene entscheidungsrelevante Faktoren für die Bildungs- und Berufsentscheidung ein. Neben den Pull-Faktoren, welche die Erfolgswahrscheinlichkeit anspruchsvoller Bildungsgänge als Motiv für Bildungsinvestitionen anführt, gehören individuelle Präferenzen und Pläne zu den Push-Faktoren. Sie beinhalten alle dem Akteur zur Verfügung stehenden kulturellen und ökonomischen Ressourcen. Nach seiner Argumentation sind es vor allem die ökonomischen Restriktionen, welche für die Bildungsentscheidung relevant sind. Je prekärer die finanzielle Situation, um so unwahrscheinlicher ist die Wahl langer, anspruchsvoller Bildungsgänge (vgl. Steiner 2005).

Auch in anderen Modellen, wie beispielsweise dem von Breen und Goldthorpe (vgl. 1997), bildet die materielle Ausstattung, neben dem Statuserhalt, die Basis einer Kosten-Nutzen- Rechnung, welche die Kalkulationsgrundlage für die Bildungs- und Berufsentscheidung der Eltern ist. Hier setzt die Frage nach dem Einfluss der Herkunft an, nach finanzieller Leistungsfähigkeit und der (Fähigkeit der) Vermittlung von Bildung innerhalb der Familie. So ist die kognitive Leistungsfähigkeit Folge von Lernprozessen in der frühkindlichen Förderung durch Eltern, aber auch in den Kindertagesstätten. Ihnen kommt somit eine wichtige Rolle im Bildungssystem zu (vgl. Steiner 2005).

Bildungsprozesse und Entscheidungen können selten nur auf einer gesellschaftlichen Ebene festgeschrieben werden. Effekte auf den Bildungsverlauf und -erfolg können auf der Mikro- Meso- und der Makroebene liegen, aber auch auf Verknüpfung derselben beruhen. (vgl. Becker/Lauterbach 2004).

Bildungschancen werden deshalb sowohl durch die Schulleistungen, die Struktur des Bildungssystems, als auch durch soziale und individuelle Entscheidungen der Eltern in Abhängigkeit von ihrer sozialen Schicht bestimmt. „Demnach sind Bildungsungleichheiten aggregierte Folgen elterlicher Bildungsentscheidung und der Schulleistung, die zwischen den Sozialschichten variieren, sowie der leistungsbezogenen Selektion durch das Bildungssystem, welche für die einzelnen Sozialschichten unterschiedliche Konsequenzen für den weiteren Bildungsverlauf haben kann“ (Becker 2004: 167).

Die Herkunft bzw. die Familie stellt jedoch immer noch die zentrale Variable für die Art der Bildungsbeteiligung und den Bildungserfolg der nachfolgenden Generationen dar (vgl. Büchner 2008).

Die kulturellen, sozialen und ökonomischen Ressourcen bestimmen Teilnahme und Ausschluss an Aktivitäten, angefangen bei Nachhilfemöglichkeiten bis hin zur Aufnahme einer beruflicher Ausbildung. Die Entscheidung, ob eine Familie diese finanzielle Belastung im Bildungssystem aufnimmt, hängt von dem zu erwartenden Nutzen ab. Vor allem die Faktoren Haushaltseinkommen, Haushaltsgröße, die Zukunftserwartung, der bisherige schulische Erfolg, der Arbeitsmarkt und institutionelle Restriktionen beeinflussen die subjektive Kalkulation (vgl. Steiner 2005).

2.2 Die strukturellen Herausforderungen

2.2.1 Die sozialstrukturellen Veränderungsprozesse als Herausforderung

Gesellschaften sind einem ständigen Wandlungsprozess unterworfen, welche von innen oder außen einwirken können. Ebenso sind auch die Ursachen für diese Prozesse internen und externen Ursprungs.

Zwei grundlegende sozialstrukturelle Veränderungen im Inneren der deutschen Gesellschaft sind zum einen die zunehmende Einkommensungleichheit in der Gesellschaft, ein Problem, welches zunehmend in den Fokus der öffentlichen Diskussionen rückt, zum anderen die Veränderung der Altersstruktur, welche zwar schon seit den 70er Jahren absehbar war, sich jedoch erst jetzt zu einem für alle sichtbaren Problem auswächst. Auf der internationalen Ebene wirken zudem Anforderungen der Globalisierung auf die deutsche Gesellschaft ein, welche eine neue Dimension erreicht hat. Im folgenden Abschnitt soll ein Überblick über diese Entwicklung gegeben werden, um darzustellen, in welchem Umfang diese wirken und welche Folgen sie zum einen für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Gesellschaft, zum anderen für das die Individuum haben

2.2.1.1 Die Polarisierung der Gesellschaft

Bei der bereits in der Einleitung angedeuteten, zunehmenden Einkommenspolarisierung handelt es sich um einen aktuellen Trend innerhalb der deutschen Gesellschaft, welcher sich durch unterschiedliche statistische Erhebungen belegen lässt. Besondere Bedeutung hat hierbei das sozioökonomische Panel (SOEP), welches die Daten seit 1984 jährlich erhobener repräsentativer Wiederholungsbefragungen von privaten Haushalten durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beinhaltet. Zu nennen sind auch die Armutsberichte der Bundesregierung, deren Analysen hinsichtlich der Entwicklung und Verteilung des Einkommens ebenfalls auf dem SOEP beruhen.

Die Definition von Einkommensarmut ist dabei unterschiedlich, orientiert sich jedoch meist an dem Durchschnittseinkommen. Während bei der Studie des DIW (vgl. Grabka/Frick 2008) bereits ein Haushalt mit einem Einkommen unter 70 Prozent als arm definiert wird, sind es in anderen Studien, wie dem 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung erst Haushalte mit einem Einkommen unter 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens. Da für diese Arbeit vor allem der Entwicklungstrend wichtig ist und beiden Studien die Zahlen des sozioökonomischen Panel zugrunde liegen, ist dieser Unterschied jedoch weniger relevant.

In der 2008 vorgelegten Studie des DIW (vgl. Grabka/Frick 2008), welche sich mit der Einkommensverteilung in Deutschland beschäftigt und auf den Daten des SOEP beruht, wird ein Schrumpfungsprozess in der Mittelschicht festgestellt, welcher vor allem mit einer Ausdifferenzierung der Einkommenshierarchie verbunden ist.

Zwar stieg das Einkommen, gemessen an dem arithmetischen Mittel, seit Anfang der 90er Jahre real um gut 1700 Euro, bzw. zehn Prozent. Zieht man zu dieser Berechnung den Median hinzu, welcher durch die Trennung der Einkommensbezieher in zwei gleich große Gruppen unabhängiger von Extremwerten ist, ändert sich das Ausmaß. Gemessen an ihm fiel der Anstieg mit nur 900 Euro seit 1992 weit geringer aus als es der Durchschnittswert vermuten lässt. Dies könnte darauf hinweisen, dass eine kleine Anzahl von Haushalten einen sehr hohen Zuwachs an Einkommen und/oder ein Teil der Bevölkerung unterhalb des Medians nur einen sehr geringen oder keinen Zuwachs zu verzeichnen hatte (vgl. Grabka/Frick 2008). Wie noch gezeigt wird, berücksichtigt diese Betrachtung jedoch nur den Nominalwert des Einkommens und nicht Veränderung der Kaufkraft im Zug von Inflationsprozessen.

In der folgenden Abbildung zeigt sich, dass nach einer Phase relativ stabiler Einkommensverhältnisse bis zum Jahr 2000, der Anteil der Haushalte mit mittleren Einkommen, welches zwischen 70 und 150 Prozent des Medians aller Einkommen liegt, zwischen den Jahren 1996 und 2006 von 61 Prozent auf 54 Prozent zurückgegangen ist. Die Gruppe der Armutsgefährdeten, deren Einkommen weniger als 70 Prozent des Medians ausmacht, wuchs im gleichen Zeitraum von knapp 21 Prozent auf über 25 Prozent, während auch die Gruppe der Einkommensstarken mit einem Einkommen über 150 Prozent einen Zuwachs um knapp drei Prozent zu verzeichnen hatte (vgl. Grabka/Frick 2008). Die untere, sowie die obere Einkommensschicht wuchsen somit auf Kosten der Einkommensmitte (vgl. Abb.1).

Abbildung 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es vollzog sich eine Streuung der Einkommen auf Kosten der mittleren Einkommensgruppe, welche 70-150 Prozent des Medians des Einkommens bezieht, und die seit dem Jahr 2000 um ca. fünf Millionen Personen geschrumpft ist, während die Extrempositionen oberhalb und unterhalb einen Zuwachs zu verzeichnen hatten (vgl. Grabka/Frick 2008).

Zudem wurde in der Studie festgestellt, dass 1996 bis 2002 nur 54 Prozent nach fünf Jahren in der Position der Armutsgefährdeten verblieben, zwischen 2002 und 2006 jedoch 66 Prozent ihre Einkommenssituation nicht verändern konnten. Auch bei den Einkommensstarken war eine Verfestigung in diesen Zeiträumen um fünf Prozent von 64 auf 69 Prozent erkennbar (vgl. Grabka/Frick 2008).

Auffällig ist hingegen die stark rückläufige Zahl von Paaren mit Kindern bis 16 Jahre, also denjenigen Kindern, welche sich im Bildungsprozess befinden. Von 1996 bis 2006 schrumpfte die Zahl der Menschen, welche in dieser Art des Haushaltes der Mittelschicht angehören um mehr als drei Millionen (vgl. Grabka/Frick 2008). Auch die Mehrgenerationenhaushalte und Haushalte, in denen Kinder im Alter bis 16 Jahre und erwachsene Kinder leben, gehören zu den schrumpfenden Gruppen. Der Schrumpfungsprozess der Mittelschicht geht „also mit einem Rückgang der klassischen Familienhaushalte einher“ (Grabka/Frick 2008: 105). Die Folgen betreffen vor allem die Generation, welche sich im Bildungsprozess befindet. Jedes sechste Kind, 17 Prozent aller jungen Menschen bis 15 Jahre, lebten im März 2007 von Harz IV (vgl. Becher 2008).

Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (vgl. BMAS 2008) beschreibt eine ähnliche Entwicklung der Einkommen, auch wenn hier die Einkommensmitte mit 75 bis 150 Prozent des Medians angegeben wird, wodurch sie von vornherein einen etwas kleineren Anteil an allen Haushalten ausmacht. Der Anteil an Haushalten der Einkommensmitte an der Gesamtbevölkerung verzeichnete hier einen Rückgang von 53 Prozent auf unter 50 Prozent. Werden die Einkommen der Bevölkerung preisbereinigt dargestellt, also Inflationseffekte berücksichtigt, zeigt sich zwischen 2002 und 2005 sogar ein Rückgang des Einkommensvolumens. Dieses schrumpfte in dem untersuchten Zeitraum um 2,5 Prozent, was einen Rückgang des jährlichen Nettoäquivalenzeinkommens von 19.255 auf 18.778 Euro entspricht (vgl. BMAS: 2008; Abb. 2).

Die zunehmende ökonomische Ungleichheit in der Gesellschaft wird am deutlichsten durch die Teilung der Einkommensbezieher in 10 gleich große Gruppen (Dezilen). Die Spreizung wird durch den sinkenden Anteil der unteren Dezilen am Gesamtvolumen des Einkommens besonders deutlich. Während die ersten fünf Dezilen von 2002 bis 2005 ausnahmslos sinkende Anteile zu verzeichnen haben, kumuliert 1,7 Prozent verlieren und die folgenden vier Dezilen stabil bleiben, erhöht sich der Anteil der einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung um 1,6 Prozent. Dies bedeutet, dass der eben beschriebene Rückgang bei den Einkommen verschiedene Gesellschaftsgruppen unterschiedlich stark betrifft. In der Folge steigt daher auch der Gini-Koeffizient3 leicht, aber stetig von 2002 bis 2005 an, was eine zunehmende Ungleichheit hinsichtlich der Einkommensverteilung zeigt (vgl. Abb. 2).

Diese Zahlen müssen in Zusammenhang mit den subjektiven Einschätzungen der Situation gebracht werden. Sie sind verbunden mit dem Erleben der Unsicherheit, Flexibilität, Kurzfristigkeit von Arbeitsbeziehungen, dem Verlust von Rechten und die Erfahrung, wenn auch nur kurzfristig, von Phasen der Arbeitslosigkeit. Geplante Lebensentwürfe können nicht mehr verfolgt werden, da langfristige Planungen und Entscheidungen, vor allem wenn sie mit finanziellen Risiken verbunden sind, als nicht kalkulier- und deshalb nicht tragbar angesehen werden (vgl. Kampf 2008). Besonders bei der einkommensschwachen Bevölkerungsgruppe hat sich deshalb der Anteil derjenigen, welche sich um ihre wirtschaftliche Situation „große Sorgen“ machen, im Zeitraum von 2001 bis 2004 mit einem Anstieg von 16 auf 45 Prozent fast verdreifacht. Auch unter den Angehörigen der mittleren Einkommensschicht stieg dieser Anteil auf über 25 Prozent (vgl. Grabka/Frick 2008).

Mit dieser Entwicklung der objektiven Einkommenslagen geht demnach auch eine Veränderung der subjektiven Einschätzung der eigenen Lage einher, welche wie noch genauer gezeigt werden soll, auch Einfluss auf die Bildungsbeteiligung hat.

Auch wenn die konjunkturelle Schwächephase Anfang des Jahrzehnts mit für diese Entwicklung verantwortlich ist und bisher nur die Ränder der Mittelschicht betroffen sind, ist kaum anzunehmen, dass sich an diesem gesellschaftlichen Trend in der kurzen Aufschwungphase bis zur Wirtschaftskrise Mitte 2008 viel geändert hat. Vielmehr könnte die Krise den Druck auf die Arbeitnehmer4 noch vergrößert haben. Die Autoren der Studie „Deutschland 2020“ von McKinsey&Company (vgl. 2009) gehen davon aus, dass mindestens ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent erforderlich ist, um Lebens- und Sozialstandard der Bevölkerungsmitte nicht zu gefährden.

Abbildung 2:

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2.2.1.2 Der demographische Wandel

Sowohl die steigende Zahl älterer Menschen, als auch der Rückgang bei den Geburtenzahlen stellen die Gründe für den sich vollziehenden Alterungsprozess dar, welcher in den nächsten Jahrzehnten für die deutsche Gesellschaft zu erwarten ist. Der Rückgang hat seine Gründe vor allem in dem veränderten Rollenverständnis und dem Bedeutungsverlust des Alleinverdiener- Modells. Die Veränderung des Rollenverständnisses hat unter anderem seine Ursache in dem gestiegenen Bildungsniveau, zunehmender Beschäftigungsunsicherheit und der Instabilität von Lebensentwürfen. Vor allem ist sie das Resultat der ökonomischen Notwendigkeit und der Jugendzentrierung vieler Unternehmer, welche auf die jüngere Generation Druck erzeugt, immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit zu erledigen (vgl. Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung 2009).

Seit den siebziger Jahren liegt die Geburtenrate in Deutschland bei annähernd konstanten 1,4 Kindern je Frau. Um eine Bevölkerung jedoch ohne Zuwanderung stabil halten zu können bedarf es einer Geburtenrate von 2,1. Da sich dieser Trend bis heute fortsetzt, wird es in den nächsten Jahrzehnten zu grundlegenden strukturellen Veränderungen kommen. Die Folgen äußern sich vor allem in einer schrumpfenden Bevölkerungszahl, in einer Veränderung der Altersstruktur, in der Zusammensetzung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Die Herausforderungen, welche sich hieraus für die Gesellschaft ergeben, sind äußerst schwierig zu bewältigen.

Der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes liegen drei Annahmen bei der Berechnung der Entwicklung der Bevölkerungszahl und der Altersstruktur zugrunde. Eine Annahme ist, dass die Fertilitätsrate unverändert bei 1,4 Kindern je Frau bleibt, eine weitere, dass ein Anstieg der Lebenserwartung bis 2050 um fünf Jahre erfolgt und letztlich, dass der zukünftige Wanderungsgewinn bei 100.000 Personen pro Jahr liegen wird (vgl. Statistisches Bundesamt 2006). Nach Berechnung auf dieser Grundlage wird die Bevölkerungszahl von 82,31 Millionen Menschen derzeit bis 2020 auf 80,1 und bis 2050 auf nur 68,7 Millionen Menschen sinken. Ohne Zuwanderung würde nach Ansicht des Statistisches Bundesamtes sogar ein Rückgang auf 59 Millionen drohen (vgl. Kerschbaumer u.a. 2008).

Neben dem Rückgang der Gesamtbevölkerung ist auch die Altersstruktur einem tiefgreifenden Veränderungsprozess unterworfen, da einer großen Zahl älter werdender Menschen nur eine kleine Zahl von jungen Menschen gegenüber steht. Dieser Prozess betrifft zum einen den Rückgang des Anteils der Personen im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung, sowie zum anderen eine Veränderung der Altersstruktur des berufstätigen Bevölkerungsteils und damit der Belegschaft in den Unternehmen.

Langfristig führt die niedrige Geburtenrate und die verlängerte Lebenserwartung zu einer Verschiebung der Anteile der einzelnen Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung. Ende 2006 betrug sowohl der Anteil der Heranwachsenden (unter 20 Jahre), als auch der Anteil der Senioren (ab 65 Jahre) jeweils 20 Prozent der Gesamtbevölkerung (vgl. Statistisches Bundesamt u.a. 2008). Insbesondere die über 60jährigen nehmen als Altersgruppe stetig zu, waren es 1990 noch 16,3 Millionen, sind es 2005 bereits 20,5 Millionen Personen gewesen.

Infolge dieser Veränderung wandelt sich auch das Verhältnis des aktiv im Erwerbsleben stehenden Bevölkerungsteils zu jenem, welches sich bereits im Rentenalter befindet. Aus dem Erwerbsleben ausscheidende Jahrgänge werden in der Zukunft nur durch quantitativ kleinere Jahrgänge ersetzt. Besonders prekär ist diese Situation bei der Baby-Boom Generation der 50er und 60er Jahre, welche im Verhältnis zu der sie ersetzenden Bevölkerungsgruppe eine große Lücke hinterlassen wird (vgl. Kerschbaumer u.a. 2008). Aus diesem Grund wird vor allem die Dekade zwischen 2020 und 2030 infolge des Renteneintritts der geburtenstarken Jahrgänge einen besonders hohen Rückgang der Erwerbsbevölkerung zu verzeichnen haben (vgl. Abb. 3).

Abbildung 3:

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Während die Bevölkerungszahl zwischen den Jahren 2000 und 2050 durchschnittlich um rund 0,3 Prozent pro Jahr abnimmt, wird so der Rückgang des Erwerbspersonenpotentials mit 0,6 Prozent doppelt so hoch ausfallen (vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln 2004). Nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (vgl. 2006) in der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung werden infolge dieser Entwicklung bis zum Jahr 2050 zwischen 22 und 29 Prozent der Erwerbspersonen im Alter zwischen 20 und 64 fehlen.

Es kommt demnach in den nächsten Jahrzehnten zu einer quantitativen Abnahme der Erwerbsbevölkerung und einer Zunahme ihres Durchschnittsalters. Mit der Veränderung der Altersstruktur der Erwerbsbevölkerung wächst die Bedeutung älterer Arbeitnehmer, welche ein wichtiges Erwerbspotential darstellen (vgl. Kerschbaumer u.a. 2008). Selbst ein sprunghafter Anstieg der Geburtenrate über mehrere Jahre hinweg, könnte die beschriebene Entwicklung nicht mehr aufhalten, denn: „Dieser Prozess ist ein irreversibler Vorgang, der zukünftig verstärkt eintreten wird, da er im gegenwärtigen Altersaufbau der Bevölkerung bereits angelegt ist“ (Geißler 2008: 54).

2.2.2 Der globale Wettbewerb als Herausforderung

Die Globalisierung und die mit ihr verbundenen Folgen sind bis heute ein vielschichtiges und ein kontrovers diskutiertes Thema, bei welchem nicht nur Chancen und Nachteile, sondern auch unterschiedliche Schwerpunkte der Entwicklung im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Während unter anderem Jürgen Habermas (vgl. 2008) vor allem den wirtschaftlichen Aspekt der Globalisierung betont, durch welchen multinationale Konzerne mit weltweiten Produktionsnetzwerken und einer erhöhten Kapitalmobilität an Bedeutung gewinnen, mit der Folge einer bedeutenden Zunahme des internationalen Wettbewerbs, sieht hingegen Anthony Giddens (vgl. 1990) vor allem die sozialen Beziehungen einem Veränderungsprozess unterworfen, wodurch Vorgänge in unterschiedlichen Regionen miteinander verknüpft werden. Wieder andere, wie der Amerikaner Joseph Stieglitz (vgl. 2002), sehen in der Senkung von Transport- und Kommunikationskosten, sowie der Beseitigung von Schranken und damit einen ungehinderten Strom von Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Wissen eine Veränderung der Rahmenbedingungen, in deren Folge auch Länder von der Entwicklung profitieren können, welche zuvor abgekoppelt waren.

Deutlich erkennbar ist die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der angeführten Autoren, wobei sich zeigt, dass Globalisierung nicht nur die einfache Ausweitung des Welthandels ist, sondern auch eine zunehmende Internationalisierung der Märkte, sei es bei der Entstehung neuer Wertschöpfungsketten über Ländergrenzen und Kontinente hinweg oder hinsichtlich der Konkurrenz von Volkswirtschaften mit unterschiedlichen Lohnkosten, Produktivität und Humankapitalbestand. Die Globalisierung umfasst wirtschaftliche, aber auch soziale, kulturelle, technische, ökologische und ökonomische Aspekte. Sie wirkt auf verschiedene Volkswirtschaften ein, in welchen sie auf unterschiedliche Voraussetzungen trifft.

Dabei sind ökonomische Transaktionen, kulturelle, politische und informationelle Austauschprozesse zwischen Ländern nicht neu. Schon vor dem ersten Weltkrieg war der Austausch zwischen den Ländern sehr hoch. Der rasante technologische Fortschritt, der Zusammenbruch des Ostblocks und die Öffnung neuer Märkte, wie z.B. China beschleunigen, intensivieren und verändern jedoch diese Prozesse, welche hierdurch eine neue Qualität und Reichweite erlangt haben (vgl. vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. 2008).

Globalisierung wird deshalb nicht als einzelner Prozess, sondern als ein Bündel von unter- schiedlichen Prozessen betrachtet, welche zu einer wachsenden internationalen Vernetzung geführt haben.

Im Zuge einer ersten Phase der Internationalisierung der Märkte kam es in erster Linie zu einer Verlagerung der einfachen Massenproduktion in Länder mit niedrigeren Kosten und damit verbunden zu einer wachsenden Bedeutung von Hightech- und Spezialprodukten in Hochlohnländern wie Deutschland.

Durch das rasante Wirtschaftswachstum in den Niedriglohnländern, zu nennen wären vor allem China und Indien, kam es hier zu einer Zunahme von ökonomischem Kapital, wodurch der Ausbau der Infrastruktur z.B. hinsichtlich des Bildungssystems gefördert wurde. Hierdurch erhöht sich nach Pierre Bourdieu, das soziale und kulturelle Kapital, wodurch die quali- und quantitative Entwicklung des Humankapitalbestandes möglich wird. Unter diesen Rahmenbedingungen wächst in den ehemaligen Niedriglohnländern ein gut ausgebildeter Mittelstand, welcher bestrebt ist, seine Position für die Kinder durch Bildung zu sichern und welcher das kulturelle, soziale und ökonomische Kapital besitzt, um dies realisieren zu können.

In der Folge deutet sich heute ein Prozess an, welcher über die Verlagerung einfacher manueller Tätigkeiten der Massenproduktion hinaus geht. Die Hightechproduktion, aber auch Dienstleistungsfunktionen, Verwaltungsbereiche, Management, Forschung und Entwicklung geraten so unter den Druck der Globalisierung (vgl. Kampf 2008). Grund hierfür ist vor allem die zunehmende Flexibilität der Unternehmen durch die rasante Entwicklung der Kommunikations- und Informationstechnologie, die logistischen Möglichkeiten, welche den Unternehmen zur Verfügung stehen, sowie die Verbesserung der Infrastruktur und die Entstehung einer Mittelschicht in den ehemaligen Niedriglohnländern.

Zudem sehen Länder wie China selbst in ihren Entwicklungsstrategien die Zukunft nicht mehr in der kostengünstigen Massenproduktion von Verbrauchsgütern, sondern ebenfalls in der Entwicklung der Hochtechnologie.

Der internationale Wettbewerb, besonders der Standortwettbewerb dehnt sich so nicht nur auf einfache Tätigkeiten, sondern auch auf qualifizierte und hoch qualifizierte Tätigkeiten aus. Forschung und Entwicklung von Hightechprodukten sind nicht mehr an ihre Produktionsorte gebunden. Produktionsprozesse und Arbeitsplätze können räumlich verteilt und miteinander vernetzt sein. Vor dem Hintergrund dieser neuen räumlichen Flexibilität sind die Unternehmen bestrebt, die für sie optimalen Bedingungen zu suchen. Örtlich gebundenes Know-how gehört dabei zu der zentralen Ressource von Unternehmen und damit zum wichtigsten Kapital von Staaten (vgl. Kampf 2008).

Das Humankapital einer Gesellschaft stellt also für Länder mit hohem Anteil an Dienstleistungs- und Wissensarbeit einen zentralen Standortvorteil gegenüber anderen Ländern dar. Der Grad dieser Vorteile und Möglichkeiten von Volkswirtschaften im globalen Kontext zu agieren und damit konkurrenzfähig im internationalen Standortwettbewerb zu sein, wird dabei in unterschiedlichen Erhebungen sichtbar. Zu nennen wäre hierbei der Globalisierungsindex der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, welcher zeigt, dass Ländergrenzen für die politische, soziale und ökonomische Verarbeitung der Internationalisierung immer noch von Bedeutung sind (vgl. vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. 2008). Der Prozess trifft also in den unterschiedlichen Ländern auf verschiedene fest verankerte institutionelle Strukturen, Normen und Werte. Hierzu gehören unterschiedliche Rechtssysteme, wohlfahrtsstaatliche Einrichtungen, Strukturen des Wirtschaftssystems und nicht zuletzt Bildungssysteme.

Die Herausforderung der zunehmenden internationalen Standortkonkurrenz trifft Deutschland auf unterschiedlichen Ebenen. Aus diesem Grund sollen in den beiden folgenden Kapiteln die Auswirkungen der Globalisierung zuerst auf der Makro- und dann auf der Mikroebene angesprochen werden.

2.2.2.1 Der Standort Deutschland

Wirtschaftliches Wachstum ist von hoher Bedeutung für den Wohlstand einer Gesellschaft, denn es hilft dabei, ein hohes Versorgungsniveau mit Waren und Dienstleistungen sicherzustellen, kurz gesagt, die Reduzierung von Knappheit und Verteilungsproblemen, welche auch die Ursache von relativer sozialer Ungleichheit sein kann.

Durch Wirtschaftswachstum kann die Verteilungssituation auf zwei Wegen verbessert werden. So kann auf der einen Seite durch Umverteilung des steigenden Wohlstandes die relative Armut in einer Gesellschaft verringert werden, selbst wenn aufgrund von Ungleicheitsmerkmalen bei der Verteilung nicht alle gleichermaßen von Wachstums- und Einkommenssteigerungen betroffen sind. Zudem haben weitaus mehr Personen Zugang zu den, infolge des Wirtschaftswachstums, weniger knappen Gütern. Wirtschaftswachstum kann somit den sozialen Frieden in einer Gesellschaft sichern und Verteilungsprobleme vermeiden (vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln 2004).

Für das Hochlohnland Deutschland schien die High-Road-Strategie und die mit ihr verbundene Konzentration auf als nicht verlagerbar angesehene Tätigkeiten als der Garant für wirtschaftliches Wachstum in der Zukunft. Hinsichtlich Wissensarbeit und Dienstleistungen wurde die deutsche Gesellschaft als konkurrenz- und wettbewerbsfähig angesehen. Zusätzlich sollten von dieser Strategie Impulse für Beschäftigung und Arbeit ausgehen und die Überlebensfähigkeit in der globalen Wirtschaft sichern (vgl. Kampf 2008).

Durch die aktuelle Entwicklung erweist sich diese Strategie jedoch als schwer durchsetzbar. Deutschland und vergleichbare Länder in Europa und Nordamerika sehen sich auch in Bezug auf qualifizierte und hoch qualifizierte Tätigkeiten in der Produktion und der Wissensarbeit einer mit ihren Kompetenzen vergleichbaren wachsenden Konkurrenz ausgesetzt. Im Bereich der Hochtechnologie findet die Produktion fast ausschließlich im Ausland statt, was damit zusammenhängt, dass der deutsche Wissens- und Innovationsvorsprung bei der Herstellung naturwissenschaftlich-technischer Produkte so gering geworden ist, dass er die hohen Produktionskosten nicht mehr ausgleichen kann. Leistungsvorsprünge aus der Zeit des Wirtschaftswunders sind deshalb zu Leistungsrückständen geworden. Diese strukturellen Mängel haben nur bedingt ihre Ursache im internationalen Kontext, hier zeigen sich primär nur die Folgen. Die Ursachen sind vielmehr auf nationaler Ebene zu suchen (vgl. Ahlers 2007).

Zunehmend stellt sich aus diesem Grund die Frage danach, wie dieser Entwicklung begegnet werden kann, bzw. welche Strategien dazu führen, das erreichte Niveau halten oder steigern zu können. „Da der Wettbewerb hoch entwickelter Volkswirtschaften immer mehr zu einem Innovationswettkampf wird, ist die Innovationsfähigkeit der Unternehmen und die Innovationskraft der Gesellschaft eine entscheidende Voraussetzung und Basis für das Sichern der vorhandenen Arbeitsplätze und für neue Arbeitsplätze“ (DGB 2004: 42). Prozess- und Produktinnovationen, welche durch fortschreitendes technisches Wissen hervorgebracht werden und auf das der Humankapitalbestand wesentlichen Einfluss haben, werden deshalb neben dem Einsatz von Kapital und Arbeit als wesentlicher Faktor für wirtschaftliches Wachstum und Konkurrenzfähigkeit angesehen (Paul/Jaenichen 2008).

Durch „Investitionen in das Humankapital, also eine bessere Bildung und Qualifikation der Arbeitnehmer, könnte die Pro-Kopf-Wachstumsraten von Produktion und Einkommen steigen“ (Institut der deutschen Wirtschaft Köln 2004: 75) und damit positive Folgen für die Gesamtgesellschaft haben.

Die Forderung nach Innovationen als Faktor des Wirtschaftswachstums und nach dem Konzept des „lebenslangen Lernens“ auf der Individualebene geht mit der eben beschriebenen Beobachtung einher, dass das deutsche Produktions- und Innovationssystem (Finanzmärkte, Arbeits- und Beschäftigungssysteme und besonders das Bildungssystem) gravierende Schwächen aufweist. Es ist zwar auf Unternehmen mit mittleren technologischen Niveau angelegt, wie der Automobilindustrie und Maschinenbau, nicht aber auf die Entwicklung von Spitzen- bzw. Hochtechnologie (vgl. Kocka 2008). Im Zuge der sozialstrukturellen Veränderungen dürfte sich diese Schwäche bei Innovationsprozessen weiter ausbauen.

Die Anforderungen der Unternehmen, welche zunehmend mehr technologie- und wissensbassierte Dienstleistungen anbieten und sich durch Neuartigkeit und Hochwertigkeit ihrer Produkte von der Konkurrenz abheben müssen, sowie die schrumpfenden Produktlebenszyklen führen sowohl zu steigender Veränderungsgeschwindigkeit und Komplexität als auch zu einer steigenden Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften und einem Rückgang des Bedarfes an un- und angelernten Arbeitskräften (vgl. Abb. 4).

[...]


1 Der Begriff Humankapital ist umstritten und wurde im Jahr 2004 sogar zum Unwort des Jahres gewählt. In der hier verwendeten Bedeutung soll er nicht wertend verstanden werden, sondern ausschließlich die Gesamtheit aller in einer Gesellschaft vorhandenen Qualifikationen, welche durch Schule, Ausbildung, Fort- und Weiterbildung erworben werden, umfassen.

2 Als Baby-Boom Generation werden die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Vor allem das „Wirtschaftswunder“, Optimismus und Fortschrittsglaube förderten die Bereitschaft Kinder zu bekommen.

3 Der Gini-Koeffizient ist ein statistisches Mittel zur Berechnung von Ungleichverteilungen vor allem von Vermögen. Der Wert 0 bedeutet dabei die absolute Gleichverteilung und der Wert 1 die absolute Ungleichverteilung innerhalb der zu untersuchenden Gruppe.

4 Im folgenden Text soll die Bezeichnung Arbeitnehmer sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitnehmerinnen umfassen, da in dieser Arbeit geschlechtsspezifische Vor- und Nachteile hinsichtlich der Bildungsbeteiligung unberücksichtigt bleiben.

Ende der Leseprobe aus 126 Seiten

Details

Titel
Die Folgen der Bildungsungleichheit. Der Druck makrosoziologischer Veränderungsprozesse auf das Bildungssystem
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
126
Katalognummer
V150026
ISBN (eBook)
9783640610822
ISBN (Buch)
9783640611188
Dateigröße
1845 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsungleichheit, Einkommenspolarisierung, demographischer Wandel, Humankapital, Zukunftsfähigkeit, Bildungssystem, Prekarität
Arbeit zitieren
Johannes Pretzsch (Autor), 2009, Die Folgen der Bildungsungleichheit. Der Druck makrosoziologischer Veränderungsprozesse auf das Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150026

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