Mitte des Jahres 2008 beschrieb der SPIEGEL unter der Überschrift „Die Karawane zieht weiter“, wie es in China zu einem gewollten Abbau der Billigproduktion zugunsten von hochwertigeren und wissensintensiveren Branchen kommt. „Chinas Planer wissen, dass ihr Land als Billigmanufaktur keine Zukunft hat. Nach dem Vorbild von Japan und Südkorea bauen sie die Weltfabrik um, sie wollen die Industrie auf Hightech-Niveau katapultieren“ (Jung/Wagner 2008: 85).
Die wichtigste Zukunftsressource Deutschlands in diesem sich neu ausrichtenden globalen Wettbewerb ist, unter anderem aufgrund eines Mangels an natürlichen Rohstoffen, das gesamtgesellschaftliche Humankapital, welches die Innovations- und Entwicklungsfähigkeit und damit die Konkurrenzfähigkeit und den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand sichert. Es umfasst vor allem die Qualifikationen und Kompetenzen aller Erwerbstätigen und wird in seiner Höhe und Qualität vor allem durch das Bildungssystem einer Gesellschaft bestimmt. Bildung ist deshalb, „in einer globalisierten Welt ein Wettbewerbsfaktor [...] und Bildung ist der Schlüssel für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen, aber auch für den individuellen Wohlstand“ (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. 2007: 9).
Neben den Veränderungen auf internationaler Ebene vollziehen sich insbesondere in Deutschland zwei Wandlungsprozesse, welche langfristig die Sozialstruktur grundlegend verändern dürften. Zum einen ist dies der Schrumpfungsprozess der Mittelschicht hinsichtlich des Einkommens, welcher mit wachsender Verunsicherung einhergeht, zum anderen ist es die Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerung hinsichtlich des Alters.
Infolge beider Entwicklungen könnte sich, wie bereits angedeutet, der Humankapitalbestand nachteilig für die deutsche Volkswirtschaft verändern. Die Bundesrepublik Deutschland steht damit angesichts der globalen Entwicklung „vor weitreichenden Veränderungen und damit vor neuen Herausforderungen“ (Paul u.a. 2008: 33).
Es ist fraglich, ob diese Anforderungen durch das Bildungssystem in seiner jetzigen Form erfüllt werden können. So ist das deutsche System durch eine hohe und sehr frühe Selektivität und Homogenität hinsichtlich der sozialen Herkunft gekennzeichnet, wie unter anderem in den Bildungsstudien IGLU und PISA deutlich wurde, aber auch durch eine Ausrichtung auf den ersten Bildungsweg bzw. eine junge Zielgruppe.
Inhaltsverzeichnis
1. Zum Thema und Fragestellung der Arbeit
2. Die Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen
2.1 Bildung und Gesellschaft
2.1.1 Was Bildung leisten soll
2.1.2 Soziale Ungleichheit und Bildung
2.1.3 Theorien zur Bildungsungleichheit
2.2 Die strukturellen Herausforderungen
2.2.1 Die sozialstrukturellen Veränderungsprozesse als Herausforderung
2.2.1.1 Die Polarisierung der Gesellschaft
2.2.1.2 Der demographische Wandel
2.2.2 Der globale Wettbewerb als Herausforderung
2.2.2.1 Der Standort Deutschland
2.2.2.2 Die Herausforderung für das Individuum
2.3 Das deutsche Bildungssystem im Vergleich
2.3.1 Die formale und tertiäre Bildung
2.3.2 Die berufliche Fort- und Weiterbildung
2.3.3 Mobilität, Chancen und Benachteiligung im deutschen Bildungssystem
3. Die Wirkung der Veränderungen - Das deutsche Bildungssystem unter Druck?
3.1 Der Druck sozialstruktureller Veränderungen auf die Bildungsbeteiligung
3.1.1 Der Polarisierungsdruck
3.1.1.1 Die individuellen Bildungsentscheidungen
3.1.1.2 Die Wirkung ökonomischer Belastungen
3.1.2 Der demographische Druck
3.1.2.1 Die Einflussfaktoren auf die Bildungsbeteiligung Älterer
3.1.2.2 Die Notwendigkeit zur Qualifikation Älterer
3.2 Die Entwicklung der Ressource Humankapital
3.3. Die Folgen der sozialstrukturellen Veränderungen für die deutsche Gesellschaft
3.3.1 Folgen für den Sozialstaat
3.3.2 Folgen für die Wirtschaft
3.3.3 Folgen für das Individuum
3.4 Die Bedeutung des Bildungssystems im gesellschaftlichen Kontext
4. Die Konsequenzen für das Bildungssystem
4.1 Gleichheit, Chancen und Gerechtigkeit im Bildungssystem
4.2 Die Folgen für das Bildungssystem – Wege aus dem Dilemma
4.2.1 Formale Bildung
4.2.2 Bildung im tertiären Bereich
4.2.3 Fort- und Weiterbildung
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie makrosoziologische Wandlungsprozesse – namentlich die zunehmende Einkommenspolarisierung und der demographische Wandel – das deutsche Bildungssystem unter Druck setzen und welche negativen Auswirkungen sich daraus für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Gesellschaft im internationalen Wettbewerb ergeben. Die Arbeit analysiert dabei insbesondere die Barrieren für die Bildungsteilnahme und zeigt Handlungsoptionen auf, um das Humankapital nachhaltig zu sichern.
- Sozialstrukturelle Veränderungsprozesse und deren Druck auf das Bildungssystem
- Die Rolle der Einkommenspolarisierung für individuelle Bildungsentscheidungen
- Demographischer Wandel und die Notwendigkeit zur Qualifikation Älterer
- Internationale Wettbewerbsfähigkeit durch Humankapitalentwicklung
- Chancengerechtigkeit vs. Chancengleichheit im formalen Bildungswesen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Der Polarisierungsdruck
Wie bereits im zweiten Kapitel gezeigt wurde, befindet sich Deutschland in einem Prozess der zunehmenden Einkommenspolarisierung. Die Auswirkungen dieser Scherenbewegung können jedoch weiter gefasst werden, als nur hinsichtlich des Verlustes von verfügbaren Einkommen. Hierbei ist vor allem der Ansatz von Pierre Bourdieu zu nennen, welcher den Zusammenhang von sozialem und kulturellem Kapital mit dem ökonomischen Kapital beschreibt (vgl. Kap. 2.1.3).
Das geringe Einkommen eines Großteils der Bevölkerung bedeutet die Abnahme von Handlungsoptionen bzw. denjenigen Optionen, welche den Einsatz von ökonomischem Kapital erfordern. Hierzu gehören auch die Entscheidungsprozesse hinsichtlich der Bildungsbeteiligung in einem immer noch stark mittelstandsorientierten Bildungssystem.
Der ökonomischen Ausstattung kommt demnach eine besondere Bedeutung zu. Nicht weil sie die Ressource ist, welche allein über Bildungserfolg und Beteiligung entscheidet (vgl. Kapitel 2.2.3), sondern weil sie diejenige Ressource ist, welche sich durch die zunehmende Einkommenspolarisierung in einem Schrumpfungsprozess befindet. Darüber hinaus muss erwähnt werden, dass der Prozess der Einkommenspolarisierung mit weiteren Veränderungen bei den Arbeitsbeziehungen einher geht, welche ihre Ursachen in der gleichen Problematik, nämlich dem zunehmenden Standortwettbewerb haben und als strukturelle Verunsicherung der Erwerbsarbeit oder Prekarisierung bezeichnet werden kann.
Die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse ist unter anderem durch wachsende Unsicherheit, steigende Flexibilitätsanforderungen und sinkende Löhne geprägt, während auf der anderen Seite eine zunehmende Intellektualisierung der Arbeit durch Informatisierung und Verwissenschaftlichung steht (vgl. Langemeyer 2009).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zum Thema und Fragestellung der Arbeit: Einführung in die ökonomischen Herausforderungen durch den globalen Wettbewerb und die zentrale Bedeutung des Humankapitals.
2. Die Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen: Analyse der makrosoziologischen Trends, insbesondere Einkommenspolarisierung und demographischer Wandel, sowie des deutschen Bildungssystems.
3. Die Wirkung der Veränderungen - Das deutsche Bildungssystem unter Druck?: Untersuchung, wie die beschriebenen Trends die Bildungsbeteiligung beeinflussen und zu sozialen Ausschlussmechanismen führen.
4. Die Konsequenzen für das Bildungssystem: Ableitung politischer und struktureller Reformvorschläge zur Stärkung der Chancengerechtigkeit und zur Sicherung des Humankapitals.
5. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse und Fazit über die Notwendigkeit einer systemischen Anpassung des Bildungswesens.
Schlüsselwörter
Bildungsungleichheit, Humankapital, Einkommenspolarisierung, Demographischer Wandel, Globalisierung, Chancengerechtigkeit, Bildungsbeteiligung, Weiterbildung, Soziale Mobilität, Standortwettbewerb, Lebenslanges Lernen, Prekarisierung, Bildungsentscheidung, MINT-Bereich, Zertifikatsbindung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen wie Einkommensspreizung und Bevölkerungsalterung auf das deutsche Bildungssystem und damit auf die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auswirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die sozioökonomische Ungleichheit, den demographischen Wandel, die Globalisierungseffekte auf Arbeitsmärkte sowie die Barrieren im deutschen Bildungssystem, die den Erwerb von Humankapital behindern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, auf die Gefahren der Bildungsungleichheit für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands hinzuweisen und Barrieren aufzudecken, die einen ökonomischen Aufstieg durch Bildung verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen und empirischen Analyse soziologischer Konzepte, wie Bourdieus Kapitaltheorie und Boudons Herkunftseffekte, kombiniert mit aktuellen statistischen Daten der OECD, des DIW und der Bundesregierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird der Polarisierungsdruck auf Bildungsentscheidungen untersucht, der demographische Druck auf die Erwerbsbevölkerung analysiert und die Folgen dieser Prozesse für den Sozialstaat, die Wirtschaft und das Individuum beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Bildungsungleichheit, Humankapital, Einkommenspolarisierung, demographischer Wandel, Chancengerechtigkeit und lebenslanges Lernen.
Wie beeinflusst das "Akademikerdilemma" die Ergebnisse?
Das Dilemma beschreibt, dass hochqualifizierte Eliten zwar Bildungsgerechtigkeit fordern, aber gleichzeitig ihre eigene privilegierte Stellung durch Investitionen in die Bildung ihrer Kinder sichern wollen, was die soziale Reproduktion stabilisiert.
Warum ist das duale Ausbildungssystem laut der Arbeit in der Kritik?
Es wird nicht per se kritisiert, aber es wird aufgezeigt, dass die starre Fixierung auf Zertifikate und der mangelnde Übergang zur tertiären Bildung (Hochschule) für viele junge Menschen in Zeiten des Wandels ineffektiv ist und zu Bildungsarmut führen kann.
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- Johannes Pretzsch (Autor), 2009, Die Folgen der Bildungsungleichheit. Der Druck makrosoziologischer Veränderungsprozesse auf das Bildungssystem, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150026