Wirksamkeit von Literatur im Amerika der 1950er Jahre unter besonderer Berücksichtigung des Dramas „Hexenjagd“ von Arthur Miller


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Arthur Millers Drama „Hexenjagd“ nimmt Bezug auf das historische Ereignis der Hexenverfolgungen und -prozesse in Salem, Massachusetts, im Jahr 1692. Ausschlaggebend für das Verfassen des Dramas war weniger ein geschichtliches Interesse Millers an einem Phänomen der Vergangenheit. Miller, der sich selbst nicht als Historiker versteht, versucht vielmehr durch sein Drama auf aktuelle Ereignisse im Amerika der 1950er Jahre zu reagieren. Dabei waren insbesondere Ereignisse, die ihn in seinem Schreibprozess behinderten, das Gefühl der Unwirklichkeit und das Klima der Angst, das er nicht nur bei sich, sondern auch in der Bevölkerung wahrnahm, maßgeblich für den Wunsch, auf die gesellschaftlichen Zustände unter Joe McCarthy zu reagieren. Konkret stellt Miller in seinem Drama einen Zusammenhang zwischen der Verfolgung der Kommunisten Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre in Amerika unter McCarthy und der Hexenjagd in Salem, Massachusetts, 1692 her.

Während die progressiven Autoren der dreißiger Jahre zunehmend gesellschaftskritisch wurden, lassen sich in der Literatur der Fünfziger neben Millers Hexenjagd insbesondere im Broadwaybereich kaum Veröffentlichungen finden, die sich kritisch mit den gesellschaftlichen Entwicklungen unter McCarthy auseinandersetzen. Die meisten Autoren der dreißiger Jahre machten die marxistische Losung „Art is a weapon“ zu ihrer Richtschnur und thematisieren offen gesellschaftliche Missstände. Damit bekam Kunst einen politischen Wert und Autoren wurden in gewisser Weise zur Stimme der Gesellschaft. In den Fünfzigern ist diese Stimme kaum noch zu vernehmen, denn es setzte eine „hunt not just for subversive people, but for ideas and even a suspect language“[1] ein, deren Ziel in der Vernichtung der Glaubwürdigkeit sozialistischer und kommunistischer Ideen lag. Autoren, insbesondere Drehbuchautoren, wurden zu einer „Gefahr für die Öffentlichkeit“[2] aufgebauscht, weil sie zur Verbreitung solcher Ideen in den vergangenen Jahren, insbesondere in den Dreißigern, beigetragen hatten und mit den neuen technischen Mitteln (Fernseher) ein breiteres Publikum erreichen konnten. Drehbuchautoren produzierten jedoch keine Propaganda, sondern Unterhaltung. Wurde es politisch, dann völlig unmarxistisch.[3] Es stellt sich die Frage, warum Autoren ihren gerade erworbenen politischen Wert in ihrer Literatur offenbar wieder aufgeben und damit verbunden die Frage, welche Aufgabe und welche Verantwortung die Autoren haben. Sehen sie ihre Aufgabe nicht in der Gesellschaftskritik, sondern allein in der Unterhaltung oder behält die Literatur ihren politischen Wert trotz der Bedrohung durch die McCarthypolitik? Bejaht man ersteres, wäre damit die Annahme McCumbers bestätigt, dass die Amerikaner Politik nicht genug respektieren würden, um ihr den Platz auf der öffentlichen Bühne zu gewähren.[4] Dem steht jedoch u. a. die Verfolgung der Autoren durch McCarthy entgegen, der offenbar davon ausging, dass (Drehbuch-) Autoren einen erheblichen Einfluss auf die Öffentlichkeit haben könnten. Dies rechtfertigt die Annahme, dass das Publikum auch an gesellschaftskritischen Werken interessiert sei. Die Strafverfahren und Anhörungen, denen sich gesellschaftskritische Autoren der fünfziger Jahre ausgesetzt sahen, könnten vielmehr das Schweigen vieler Autoren, die sich von dem politischen Druck einschüchtern ließen, erklären. Arthur Miller weist in diesem Zusammenhang jedoch darauf hin, dass es sich bei dem Schweigen, das mit dem Fehlen von Filmen, Theaterstücken und Büchern über Schwarze Listen“ und den Angriff auf die Bürgerrechte in Amerika einhergeht, möglicherweise eher um eine Selbstzensur („self-censorship“[5]) handelte. Diese würde sich daraus erklären, dass Autoren ihre gesellschaftliche Stellung gefährdet sehen, wenn sie nicht entweder regimekonforme Literatur verfassen oder schweigen. Es stellt sich daher die Frage, ob die Literatur und die Autoren der Fünfziger nicht mehr das leisten können und wollen, was sie in den dreißiger Jahren geleistet haben. Diese Arbeit zeigt anhand von Autor Millers „Hexenjagd“, was amerikanische Literatur in den fünfziger Jahren gesellschaftskritisch leisten konnte.

Die Arbeit ist so angelegt, dass zunächst die unterschiedlichen Intentionen, Einflüsse und Wirkungen der Autoren in den angesprochenen Jahrzehnten anhand eines kurzen Überblicks über die Entwicklung der Literatur in Amerika in der Einordnung seit 1900 dargestellt werden. Dadurch soll die Diskrepanz zwischen den Autoren der Dreißiger und der Fünfziger Jahre deutlich gemacht werden, was es z. T. möglich macht, zu zeigen, was Literatur leisten kann. Anschließend wird darauf eingegangen, welchen Einfluss die McCarthypolitik auf die Autoren hatte und es soll untersucht werden, ob diese allein für das Schweigen der Autoren in den Fünfzigern verantwortlich gemacht werden kann oder ob Millers Einwand einer auferlegten Selbstzensur durch die Autoren zuzustimmen ist. Des Weiteren werden die Gründe und Motive Millers für sein historisches Drama „Hexenjagd“ erläutert. Dabei werden die beiden historischen Ereignisse in ihre gesellschaftlichen Zusammenhänge eingeordnet und die Parallelen aufgezeigt, die Miller zwischen den Ereignissen sah, um zu begründen, warum Miller die Verkleidung des historischen Dramas für seine Gesellschaftskritik wählt und letztlich soll dadurch exemplarisch die Frage beantwortet werden, was Literatur in den Fünfzigern wie leisten konnte.

Zwischen 1900 und 1930, mit dem Eintritt des amerikanischen Kapitalismus in seine aggressive imperialistische Phase sahen sich immer mehr bürgerliche Schriftsteller dazu veranlasst, sich kritisch mit ihrer gesellschaftlichen Umwelt auseinanderzusetzen. Sie begannen ihre sozialen Bestrebungen konkreter zu formulieren und „Skepsis und Ablehnung traten an Stelle von vorbehaltlosem Optimismus und Bejahung des „,American way of life’“[6]. So zerstörte Theodore Dreiser in dem kritisch-realistischen Roman „Eine amerikanische Tragödie“ (1925) „die Illusion des amerikanischen Erfolgstraums und wurde zum Vorbild vieler fortschrittlicher Schriftsteller“[7]. Gründe für diesen Wandel der Autoren hin zu einer gesellschaftskritischen Haltung in ihren Werken waren u. a. „die Verschärfung der Klassengegensätze, der systematische Abbau der bürgerlich-demokratischen Rechte und die Erhebung des Profitstrebens zu alleingültigen Moralgesetz des Landes, [womit] auch der Verfallsprozess aller ethischen und kulturellen Werte“[8] einherging. Zahlreiche Schriftsteller, darunter auch die der „Lost Generation“ widmeten sich in ihren Werken verstärkt der Gesellschaftskritik und den unhaltbaren Zuständen unter dem kapitalistischen System.[9]

Mit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise 1929 mit allen Begleiterscheinungen wurde die Basis für revolutionäre Literatur geschaffen. So wurde die marxistische Losung „Art is a weapon“ von der Mehrzahl der amerikanischen Schriftsteller dieser Periode akzeptiert und zur Richtschnur ihres literarischen Schaffens gemacht („Red Decade“).[10] Es kam zu einer bedeutenden Entfaltung der proletarisch-revolutionären Literatur und gleichzeitig zu einer intensiven Widerbelebung der bürgerlich demokratischen und progressiven Traditionen.[11] Fast alle bedeutenden Autoren der dreißiger Jahre bezogen sich mit ihrem Werk auf die Auswirkungen der Krise von 1929. Wollte ein Autor erfolgreich sein, hatte er einen „fortschrittlichen Standpunkt zu vertreten, die Welt kritisch zu sehen und [er musste] bereit […] sein, zu ihrer Veränderung mit den Mitteln der Literatur beizutragen“[12].

Von politischer Bedeutung wurde dann auch der 1935 in die „League of American Writers“ umbenannte „John Reed Club“, der als Sammelbecken aller demokratischen und humanistischen Kräfte im Kampf gegen Krieg und Faschismus fungierte. Die durchgeführten Schriftstellerkongresse spiegelten das neue gesellschaftliche Bewusstsein des amerikanischen Schriftstellers wider.[13]

Auch während des 2. Weltkrieges knüpfen eine Reihe von Werken an die progressiven Tendenzen der dreißiger Jahre an. Wenige Jahre nach Kriegsende schaffte es jedoch der wieder erstarkte „Monopolkapitalismus durch einen verschärften Antikommunismus und einer darauf basierenden imperialistischen Politik des Kalten Krieges […] den breiten und hoffnungsvollen Strom der kritisch-realistischen und sozialistisch-realistischen Literatur einzudämmen“[14]. So kam es, dass eine Reihe von Autoren, die in den dreißiger Jahren auch die Interessen der amerikanischen Arbeiterklasse vertraten, dem politischen Druck nicht standhielten und nur wenige den faschistischen Einschüchterungsversuchen McCarthys widerstanden.[15] Deshalb lassen sich in den fünfziger Jahren vorwiegend zwei Gruppen von Autoren unterscheiden: Die „Silent Generation“[16], deren Mitglieder entweder zu den Konformisten oder den Unpolitischen gezählt werden können und die „Beat Generation“, deren Hauptanliegen das „Aufbegehren gegen das saturierte Dasein des Normalbürgers, gegen die Anpassung an die von der Obrigkeit geregelte und reglementierte gesellschaftliche Ordnung“[17] war. Zur „Silent Generation“ gehören dann auch diejenigen Autoren, die ihrer politischen Vergangenheit abschworen und diejenigen, die glaubten, dass sie ihre Rechtgläubigkeit in ihren Werken unter Beweis stellen müssten, um „im Geschäft“ bleiben zu können. Daraus gingen dann insbesondere in den fünfziger Jahren viele Werke hervor, die vermuten lassen, dass sie nur aus diesem Grund geschrieben wurden. Gleichzeitig ist der McCarthyismus dafür verantwortlich zu machen, dass die progressiven unter den amerikanischen Gegenwartsautoren zum Schweigen verurteilt waren oder wegen ihrer Haltung in Strafanstalten saßen, oft nur mit Mühe Verleger fanden oder ins Exil gingen.[18] Für die Fünfziger bleibt somit festzuhalten, dass im Unterschied zu den progressiven Dreißigern, politisches Schweigen den (zeitbezogenen) Erfolg der Autoren gewährleistete.

Exkurs

In diesem ersten Teil der Arbeit wurden ausschließlich Wissenschaftler zitiert, die in der ehemaligen DDR im Bereich der Amerikanistik tätig waren.[19] Zentral ist die Frage, warum die angegebenen Forscher, die selbst strengen Restriktionen im Bezug auf ihre Forschung, insbesondere in der Amerikanistik, unterlagen, für den Überblick und auch im weiteren Verlauf des Textes gewählt wurden, denn allein die Auseinandersetzung mit der Amerikanistik bedurfte der Legitimation, bei der u. a. folgendes Zitat, das Hemingway zugeschrieben wird, hilfreich war und wonach die USA „einst ein gutes Land“ war, das sich aber in „weiß der Teufel was“ verwandelt hatte.[20] Eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dieser Frage kann leider nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Daher soll zumindest auf die Phraseologie, die Quellenlage und die Wertung der Autoren eingegangen werden, um die Wahl der zitierten Autoren zu begründen.

[...]


[1] Miller: Are You Now Or Were You Ever? (Guardian), S. 1.

[2] Miller: Widerhall der Zeit. Essays, S. 357.

[3] Vgl. Miller: Are You Now Or Were You Ever? (Guardian), S. 4.

[4] Vgl .McCumber, S. 95.

[5] Vgl. Miller, Timebends, S. 350.

[6] Brüning, S. 23.

[7] Brüning, S. 24.

[8] Brüning, S. 24.

[9] Vgl. Brüning, S. 24.

[10] Vgl. Brüning, S. 27.

[11] Vgl. Brüning, S. 27.

[12] Schönfelder, Wirzberger, S. 416.

[13] Brüning, S. 27.

[14] Brüning, S. 29.

[15] Vgl. Brüning, S. 29.

[16] Brüning, S. 30.

[17] Brüning, S. 30.

[18] Schönfelder, Wirzberger, S. 416.

[19] Die Begründung ist deshalb wichtig, weil sie auch hätte unterbleiben können, wenn ausschließlich Wissenschafter der späteren Zeit gewählt worden währen, wie u.a. Zapf, Hubert; Breinig, Helmbrecht (2004): Amerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart (Metzler) mit anderer Schwerpunktsetzung; Hornung, Alfred (1992): Lexikon Amerikanische Literatur. Mannheim (Meyers Lexikonverlag).

[20] Brüning: Die Amerikanistik an der Universität Leipzig, zitiert nach Schnoor, S. 71.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wirksamkeit von Literatur im Amerika der 1950er Jahre unter besonderer Berücksichtigung des Dramas „Hexenjagd“ von Arthur Miller
Hochschule
Universität Potsdam  (Anglistik und Amerikanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V150151
ISBN (eBook)
9783640613922
ISBN (Buch)
9783640614059
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirksamkeit, Literatur, Amerika, Jahre, Berücksichtigung, Dramas, Arthur, Miller
Arbeit zitieren
Anica Petrovic-Wriedt (Autor), 2009, Wirksamkeit von Literatur im Amerika der 1950er Jahre unter besonderer Berücksichtigung des Dramas „Hexenjagd“ von Arthur Miller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150151

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wirksamkeit von Literatur im Amerika der 1950er Jahre unter besonderer  Berücksichtigung des Dramas „Hexenjagd“ von Arthur Miller



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden