Der junge Thomas Mann hat mit seinem ersten Roman Buddenbrooks ein Werk der Weltliteratur geschaffen, das noch heute „einer der meist gelesensten und bekanntesten Romane der neueren deutschen Literatur“ ist. Antonie Buddenbrook, genannt Tony, ist dem Leser als einzige Figur des Romans vom Anfang bis zum Schluss gegenwärtig. Der Leser nimmt Teil an ihrer Entwicklung von dem kleinen achtjährigen Mädchen zu der fast 50-jährigen, zweimal geschiedenen Frau, die den Verfall der Familie miterleben muss, ihn aber zumindest überlebt. Die starke Präsenz vermittelt den Eindruck einer Hauptfigur.
Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, Tony Buddenbrook im Hinblick auf ihre Darstellung und Funktion eingehend zu untersuchen. Dabei sollen ältere und neuere Forschungsergebnisse, -thesen und -meinungen berücksichtigt werden, um sie gegebenenfalls kritisch zu hinterfragen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 TONY UND DAS MOTIV DES VERFALLS
2.1 Degeneration und Dekadenz: Das Leitmotiv des Verfalls
2.2 Anzeichen des Verfalls bei Tony
2.2.1 Anfangsszene als Vorausdeutung
2.2.2 Verfallssymptome
2.2.3 Tonys Verfall auf der Erzählebene
2.3 „Sie ist zufrieden mit sich selbst“: Gründe für Tonys Konstanz
2.3.1 Unerschütterliche Vitalität als elementarer Unterschied zu Thomas und Hanno.
2.3.2 Anpassungsfähigkeit
2.3.3 Familiensinn
2.3.4 Fehlende Reflexivität
2.4 Zwischenbilanz: Tonys Funktion im Verfallsgeschehen
3 TONY ALS WEIBLICHE ROMANFIGUR DES 19. JAHRHUNDERTS
3.1 „Man muss dem Herzen Zeit lassen“: Der Vorgeschriebene Weg der Ehe
3.1.1 Bürgerstöchter zwischen Vernunftehe und Liebesheirat
3.1.2 „Ein Glied in der Kette“: Tonys Eheschließungen als Dienst an der Firma
3.2 „Ich bin eine dumme Gans“: Darstellung Tonys als weltfremde und manipulierbare Frau
3.3 Tony in ihrer Beziehung zu anderen Figuren
3.3.1 Vater und Bruder als Familienoberhaupt
3.3.2 Tony in Beziehung zu ihren Freundinnen
3.4 Tony als komische Figur: Humor und Ironie
3.5 Literarische Schwestern: Effi Briest und Tony Buddenbrook
3.5.1 Effi Briest als Vorbild
3.5.2 Das ewige Kind
3.5.3 Zwischen Fremdbestimmung und Individualität
3.5.3.1 Unterdrückung der Individualität
3.5.3.2 Ausdruck von Individualität
3.5.4 Umgang mit ihrem Schicksal
3.5.5 Gescheiterte Frauen als Identifikationsfigur
4 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Funktion der Figur Antonie "Tony" Buddenbrook in Thomas Manns Roman "Buddenbrooks". Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern Tony einerseits vom familiären Verfall betroffen ist und andererseits durch ihre spezifische Konstitution, insbesondere ihre Vitalität und kindliche Konstanz, eine Sonderrolle einnimmt, die sie von den anderen Familienmitgliedern unterscheidet.
- Analyse von Verfallssymptomen und der Rolle des Familiensinns bei Tony Buddenbrook
- Untersuchung der gesellschaftlichen Bedingungen für Frauen im 19. Jahrhundert anhand des Beispiels der Ehe
- Vergleich der Figur Tony Buddenbrook mit Theodor Fontanes Effi Briest
- Erarbeitung der komischen und ironischen Züge der Figur sowie ihrer Wahrnehmung als Identifikationsfigur
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Anfangsszene als Vorausdeutung
Um bei der langen erzählten Zeit, die sich immerhin über vier Generationen erstreckt, die Einheit der Handlung zu bewahren, hat sich Thomas Mann an Richard Wagner orientiert. Das Motiv, das Selbstzitat, die autoritative Formel, die wörtliche und gewichtige Rückbeziehung über weite Strecken hin, das Zusammentreten von höchster Deutlichkeit und höchster Bedeutsamkeit, das Metaphysische, die symbolische Gehobenheit des Moments – alle meine Novellen haben den symbolischen Zug – : Diese wagnerischen und eminent nordischen Wirkungsmittel [...] sind schon völlig Instinkt bei mir geworden.41
Thomas Mann übernimmt von Wagner vor allem die Leitmotivtechnik, in der eine Reihe von Motiven das Gesamtwerk durchziehen. Die Motive ermöglichen „das Präsenthalten der Zeit“42. Durch das „Sich-Erinnern, aber auch in der Vorwegnahme soll das Werk, das an sich ins Unübersehbar-Chaotische ausufern könnte, zusammengehalten werden“43. Hans Wysling betont, dass die wiederkehrenden Motive dabei nicht das Gleiche wiederholen, sondern vielmehr Situationen in verschiedenen historischen und erlebten Augenblicken miteinander konfrontieren.44 Dadurch wird eine Entwicklung erfahrbar, insbesondere der Verfall.
Solche Vorrausdeutungen findet der Leser bereits auf der ersten Seite des Romans und sie sind besonders auch im Hinblick auf Tony Buddenbrook sehr aussagekräftig. Theodor Fontane, der ein bedeutendes Vorbild für Thomas Mann war, stellt in einem Brief an Gustav Karpeles fest: „Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile. [...] Bei richtigem Aufbau muß in der erste [!] Seite der Keim des Ganzen stecken."45 Auch Thomas Mann nutzte in seinen Werken das Kunstmittel, im ersten Kapitel auf geradezu symbolische Weise das kommende Geschehen anzulegen und so dem Leser die Möglichkeit zu geben, eine innere Ordnung zu erkennen.46
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Darstellung von Zielsetzung und theoretischem Rahmen der Untersuchung von Antonie Buddenbrook im Kontext des Romanverfalls.
2 TONY UND DAS MOTIV DES VERFALLS: Analyse, inwieweit Tony als einzige weibliche Hauptfigur vom Verfall betroffen ist oder durch ihre Konstanz eine Gegenposition einnimmt.
3 TONY ALS WEIBLICHE ROMANFIGUR DES 19. JAHRHUNDERTS: Untersuchung der gesellschaftlichen Bedingtheit von Tonys Schicksal und Vergleich mit literarischen Vorbildern wie Effi Briest.
4 SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Bewertung der Funktion Tonys als zentrale, vital-konstante Identifikationsfigur in einem Roman des Niedergangs.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Buddenbrooks, Tony Buddenbrook, Verfall, Degeneration, Dekadenz, Familiensinn, Weibliches Rollenbild, Effi Briest, Gesellschaftsroman, Identifikationsfigur, Vitalität, Konstanz, Ironie, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur der Antonie Buddenbrook im Roman "Buddenbrooks" von Thomas Mann unter Berücksichtigung ihrer Rolle im Verfallsprozess der Familie und ihrer Funktion als weibliche Romanfigur des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen das Motiv des Verfalls (Degeneration/Dekadenz), das gesellschaftliche Frauenbild der Zeit, die Rolle der Ehe sowie die literarische Einordnung von Tony im Vergleich zu anderen Figuren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob Tony Buddenbrook trotz ihres Überlebens vom familiären Verfall betroffen ist und wie ihre "vitale Konstanz" ihre Funktion und Bedeutung als Hauptfigur konstituiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Romans eng an zeitgenössische theoretische Konzepte (z.B. Nietzsches Dekadenztheorie, Schopenhauers Frauenbild) und literarische Vergleichsbeispiele wie Fontanes "Effi Briest" rückbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung von Tonys Stellung zum Verfallsgeschehen (Konstanz, Nervosität, Familiensinn) und eine Analyse ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit (Ehekonventionen, Vergleich mit Effi Briest).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Thomas Mann, Buddenbrooks, Tony Buddenbrook, Verfall, Degeneration, Gesellschaftsroman, weibliches Rollenbild, Effi Briest und Identifikationsfigur.
Warum ist das "Quallenerlebnis" für die Analyse der Figur Tony wichtig?
Es dient als exemplarisches Beispiel für ihre kindliche Naivität und ihr Streben nach höheren Werten, welches bei ihr regelmäßig an der Realität scheitert, jedoch ohne ihren Lebensoptimismus zu zerstören.
Inwiefern unterscheidet sich Tonys Umgang mit Schicksalsschlägen von dem anderer Frauenfiguren?
Im Gegensatz zu vielen anderen literarischen Figuren der Epoche, die an Schicksalsschlägen zerbrechen (wie z.B. Effi Briest), bewahrt Tony durch ihre fehlende Selbstreflexion und ihren Familiensinn eine "vitale Konstanz", die sie überleben lässt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Ehe in Tonys Leben?
Die Ehe wird nicht als Ausdruck von Liebe, sondern als "Dienst an der Firma" und als "buddenbrooksche Gesetz" dargestellt, welchem Tony ihre persönlichen Wünsche unterordnet, was ihr letztlich zum Verhängnis wird.
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- Sarah Monschau (Author), 2009, „Deine eigenen, unordentlichen Pfade zu gehen“: Darstellung und Funktion der Antonie Buddenbrook in Thomas Manns „Buddenbrooks“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150214