Geschwisterbeziehungen in Familien mit einem behinderten Kind


Hausarbeit, 2006

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Geschwisterbeziehungen

3. Besondere Geschwisterbeziehungen
3.1 Behinderung
3.2 Rolle der Familie
3.2.1 Situation der Mütter
3.2.2 Situation der Väter
3.3 Auswirkungen von Art und Schwere der Behinderung
3.4 Das familiäre Umfeld

4. Unterstützung für nicht behinderte Geschwister
4.1 Hilfen für Geschwister von Kindern mit einer Behinderung
4.2 Heimunterbringung des behinderten Geschwisters
4.3 Geschwister- Seminare

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Geschwisterbeziehungen sind in der Regel die längsten Beziehungen unseres Lebens. Und somit auch meist die, die uns sehr stark prägen.

In dieser Arbeit werde ich mich mit besonderen Geschwisterbeziehungen beschäftigen, mit den Beziehungen der Geschwister in Familien mit einem (oder mehreren) Kind(ern) mit Behinderung. Der Schwerpunkt soll hierbei wiederum auf die nicht behinderten Kinder gelegt werden. Zur Situation der behinderten Geschwister ist bisher noch weniger geforscht worden, als zu den nicht behinderten Geschwistern.

Die Situation der Kinder mit behinderten Geschwistern unterscheidet sich in einigen Punkten sehr stark von den Kindern, die mit nicht behinderten Kindern aufwachsen.

Das größte Problem ist häufig nicht die Behinderung, sondern die persönliche Reaktion und das Verhalten des Umfelds. Die Eltern- Kind- Beziehung darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Sie beeinflusst die Geschwisterbeziehungen ganz entscheidend.

In der folgenden Arbeit sollen zunächst ganz kurz die Gemeinsamkeiten der Geschwisterbeziehungen und den Einfluss der Eltern darauf eingegangen werden. Um die spezielle Geschwisterbeziehung darzustellen wird auch das familiäre Umfeld betrachtete. Um die Situation der Geschwister von Kindern mit einer Behinderung zu verdeutlichen, werde ich abschließend darlegen, welche Unterstützungen es für diese Kinder gibt und warum sie so wichtig sind.

2. Geschwisterbeziehungen

Von allen Sozialbeziehungen eines Menschen ist die zu seinen Geschwistern wohl die dauerhafteste. Man kann zwar den Kontakt abbrechen, aber gleichgültig werden der Bruder oder die Schwester wohl nie sein. Diese Beziehungen sind häufig gekennzeichnet von starken Widersprüchlichkeiten, man fühlt gleichzeitig Verbundenheit und Abgrenzung, Nähe und Distanz.

In Geschwisterbeziehungen gibt es drei große Bereiche, in denen es besonders häufig zu Konflikten und Spannungen kommt.

Zum einen spielt natürlich die Rivalität zwischen Geschwistern eine zentrale Rolle. Sobald das zweite (dritte, vierte,…) Kind geboren wird, erlebt das jeweils ältere Kind eine Art „Entthronungstrauma“. Besonders stark triff dies auf die Erstgeborenen zu. Sie unterdrücken ihre Wut[1], um den Eltern weiter hin zu gefallen, einen „guten Eindruck“ zu machen.

Die Versuche der Eltern, die Eifersucht des erstgeborenen Kindes zu mindern, schlagen oft ins Gegenteil um. Durch die ständige Betonung lernen die Kinder, dass sie die Älteren, Klügeren, Besseren sind[2]. Die in der Kindheit entstandenen Rivalität kann, mehr oder weniger stark ausgeprägt, bis ins hohe Alter der Geschwister bestand haben, nimmt aber ab, sobald die Geschwister das Elternhaus verlassen[3]. Die Rivalität kann im Erwachsenenalter wieder aufflammen, besonders bei männlichen Geschwistern, sobald eine stärkere Nähe und damit mehr Vergleichspunkte entstehen[4]. Diese neue Rivalität ist in der Regel aber nur von kurzer Dauer. Die erwähnte Nähe spielt in Bezug auf Rivalität eine wichtige Rolle. Wären sich die Geschwister gleichgültig, würde keine Rivalität entstehen. Rivalität ist bedingt durch stärkere Gefühle für den anderen. Hier wird deutlich, dass Geschwisterbeziehungen geprägt sind von einem Zusammenspiel von positiven und negativen Gefühlen[5]. Eine hingegen lange Dauer kann der Kampf um die Anerkennung[6] durch den Bruder oder die Schwester haben. Geschwister sind auch im Erwachsenenalter darauf bedacht die Anerkennung und Zustimmung ihrer Geschwister zu erfahren.

Macht ist ein weiterer wichtiger Faktor in einer Geschwisterbeziehung[7]. Da Geschwister sich sehr gut kennen, wissen sie genau an welcher Schwachstelle sie Bruder oder Schwester treffen müssen, um ihren Willen durchzusetzen. Die älteren Geschwister übernehmen häufig Teile der elterlichen Autorität, um die jüngeren Konkurrenten auszuschalten.

Obwohl Eltern häufig das Gegenteil behaupten, können die Kinder einer Familie nicht gleich behandelt werden. Sie werden nicht alle in die gleiche Familiensituation hineingeboren, im Laufe der Jahre haben sich Veränderungen im Familienleben vollzogen. So hat sich zuerst natürlich die Anzahl der Kinder geändert, evtl. die Erziehungsansichten der Eltern sowie deren soziale und finanzielle Situation.

Es ist aber völlig alltäglich, dass Kinder von ihren Eltern unterschiedlich behandelt werden. Die von den Kindern benötigte Aufmerksamkeit, Zuwendung hängt von der momentanen Situation oder ihrem Charakter ab[8]. Besonders bei Jugendlichen kann man beobachten, dass sie sich sehr bemühen, ihren Freunden möglichst ähnlich zu sein. Bei den Geschwistern kehrt sich dieses Bestreben um, die größtmögliche Verschiedenheit ist in der Regel das Ziel.

Eltern neigen dazu, ihre Kinder in feste Kategorien einzuordnen[9], wie z.B. Die Schöne, Der Sportliche, Der Mutige. Die Kinder sind immer bemüht diese zugeschriebenen Eigenschaften zu erfüllen. Eine weitere Zuordnung erfolgt zu den Elternteilen. Die Kinder sind z.B. Papas Tochter. Das Kind wendet sich häufiger dem Elternteil zu, dem es ähnlicher ist.

Treten in einer Familie Krisensituationen (Scheidung, Tod eines Elternteils) auf, haben diese starke Einflüsse auf die Geschwisterbeziehungen. Entweder werden die Geschwister näher zusammen zusammenrücken und die Krise gemeinsam bewältigen oder sie entfernen sich voneinander und halten an, mitunter alten, Streitthemen fest.

Die Geschwisterbeziehungen verändern sich im Laufe der Zeit, einige Punkte scheinen sich aber für die Geschwister nie zu ändern („…das hast du schon als Kind so gemacht…“).

Auf die Rolle der Geschwisterfolge, des Geschlechts und des Altersabstands kann hier leider nicht weiter eingegangen werden, aber die allgemeinen Klischees sind wahrscheinlich bekannt (das verwöhnte Nesthäkchen, der kämpferische Erstgeborene, die sorgende, große Schwester)[10].

3. Besondere Geschwisterbeziehungen

Da es sehr viele verschiedene Geschwisterbeziehungen gibt, soll es im folgenden Text ausschließlich um die Beziehungen der Geschwister in Familien mit einem behinderten Kind gehen. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Betrachtung der nicht behinderten Kinder.

Die Geschwisterbeziehungen in Familien mit einem Kind mit Behinderung sind häufig geprägt von sehr starken Gefühlen.

Die nicht behinderten Kinder empfinden häufig Wut auf das behinderte Kind[11], da sie es als Störfaktor in der Familie betrachten und aber auch Verantwortung übernehmen müssen. Die Kinder fühlen sich aber oft auch schuldig, wenn sie wütend sind auf die behinderten Geschwister. Peinlichkeit ist auch ein Gefühl, dass die meisten Geschwister von behinderten Kindern gut kennen. Sie schämen sich in der Öffentlichkeit, der Schule, bei Freunden für die Behinderung der Schwester oder des Bruders.

Die Kinder, die mit einem behinderten Geschwister aufwachsen stehen oft ihr ganzes Leben lang unter dem Druck die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen[12], also besonders erfolgreich, glücklich, usw zu sein. Hinzu kommt die, evtl. auch lebenslange, Belastung durch die Pflege des behinderten Geschwisters.

Es soll auf keinen Fall der Eindruck entstehen, Kinder mit Behinderung bedeuten für jede Familie eine unvorstellbare Belastung.

Kinder, die ein Geschwister mit Behinderung haben, können davon auch profitieren. Ihr Sozialverhalten ist stärker ausgeprägt, sie haben Selbstvertrauen, können Verantwortung übernehmen, sind einfühlsam und flexibel. Aber die Entwicklung der Kinder, wie die Behinderung der Schwester oder des Bruders sich auswirkt wird von vielen weiteren Faktoren beeinflusst.

3.1 Behinderung

Um über die Geschwister von Kindern mit Behinderung zu schreiben, muss man versuchen klarzustellen, was Behinderung bedeutet. Im Folgenden stelle ich einige Definitionen[13] vor. Es kommt aber immer auf die Perspektive an, mit der man Behinderung betrachtet. So bleibt festzustellen, dass es keine allgemeingültige Definition von Behinderung gibt und jeder eine andere Sichtweise darauf hat.

Die WHO geht bei Behinderung immer von 3 Begriffen aus:

1. impairment (Schädigung)
= Mängel oder Abnormitäten der anatomischen, psychischen oder physiologischen Funktionen und Strukturen des Körpers
2. disability (Beeinträchtigung)
= Funktionsbeeinträchtigung oder -mängel aufgrund von Schädigungen, die typische Alltagssituationen behindern oder unmöglich machen
3. handicap (Behinderung)
= Nachteile einer Person aus einer Schädigung oder Beeinträchtigung

So kann man im Bundessozialhilfegesetz (BSHG) § 124 Abs. 4, Satz 1-4 folgendes über die Behinderung lesen: "...eine nicht nur vorübergehende erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit, die auf dem Fehlen oder auf Funktionsstörungen von Gliedmaßen oder auf anderen Ursachen beruht...Weiterhin liegen Behinderungen bei einer nicht nur vorübergehenden erheblichen Beeinträchtigung der Seh-, Hör-, und Sprachfähigkeit und bei einer erheblichen Beeinträchtigung der geistigen oder seelischen Kräfte vor."

In der Medizin gibt es zum Beispiel noch keine eindeutige Definition. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation formuliert es folgendermaßen: "Es handelt sich hier um einen im anatomisch-physiologischen Bereich anzusiedelnden, vielschichtigen und gegen die verschiedenen benachbarten Bereiche nicht immer leicht abzugrenzenden Sammelbegriff. Zu der Feststellung dieser relativen Unschärfe des Begriffes 'Behinderung' kommt die Tatsache hinzu, dass der Terminus nicht ausreicht, um die Gesamtheit der hier angegebenen Sachverhalte zu erfassen und die verschiedenen Ebenen aufzuzeigen, in denen 'Behinderung' wirksam wird."

In der Pädagogik gelten laut der Empfehlung der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates alle Kinder, Jugendliche und Erwachsene als behindert, "...die in ihrem Lernen, im sozialen Verhalten, in der sprachlichen Kommunikation oder in den psychomotorischen Fähigkeiten soweit beeinträchtigt sind, dass ihre Teilnahme am Leben in der Gesellschaft wesentlich erschwert ist. Deshalb bedürfen sie besonderer pädagogischer Förderung. Behinderungen können ihren Ausgang nehmen von Beeinträchtigungen des Sehens, des Hörens, der Sprache, der Stütz- und Bewegungsfunktionen, der Intelligenz, der Emotionalität, des äußeren Erscheinungsbildes sowie von bestimmten chronischen Krankheiten. Häufig treten Mehrfachbehinderungen auf..."

3.2 Die Rolle der Familie

Es lässt sich keinesfalls voraussagen, wie sich die Kinder entwickeln, die in einer Familie mit einem behinderten Kind aufwachsen[14]. Zum einen können bestimmten Eigenschaften stärker ausgeprägt werden, wie z.B. Belastbarkeit, Lebenspraxis oder soziales Engagement. Andererseits können diese Kinder auch so stark belastet werden, dass sie unter Schuldgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen leiden.

Eine positive Entwicklung hat das nicht behinderte Geschwisterkind durchlaufen, wenn es eine gute Beziehung zu seinem Geschwister mit Behinderung hat und sicher und kompetent mit ihm umgeht. Außerdem ist es wichtig, dass das Geschwisterkind auch negative Gefühle gegenüber seiner behinderten Schwester/ seinem behinderten Bruder empfinden und aussprechen kann. Weiterhin ist es wichtig, dass das nicht behinderte Geschwister ein positives Selbstbild hat und auch seine Zukunft für sich selbst, ohne das behinderte Geschwister plant.

Die Eltern prägen durch ihre Einstellung und ihr Verhalten das Verhältnis der Geschwister untereinander. Es kann die positive elterliche Haltung dem behinderten Kind gegenüber übernommen werden. Eine negative Selbsteinschätzung der Eltern und/ oder großer Stress der Mutter führen zu Angst und Unsicherheit bei den nicht behinderten Geschwistern[15].

Die Eltern durchlaufen verschiedene Phasen des Bewältigungsprozesses. Nachdem die Behinderung zunächst geleugnet wird folgt die Phase der Ursachenforschung sowie die Suche nach Hilfe und die gleichzeitige Förderung des Kindes mit Behinderung[16]. Durch die verschiedenen Therapien und Arztbesuche bleibt den Eltern wenig Zeit für die übrigen Kinder in der Familie. Die Phase der Verarbeitung wird fast nie ganz abgeschlossen. Sie verläuft positiv, wenn die Familie das Leben mit dem behinderten Kind gut im Griff hat, von einer negativen Entwicklung ist zu sprechen, wenn die Familie in Isolation lebt und ihr Leben als ein Ausführen der täglichen Pflichten wahrnimmt.

[...]


[1] Achilles, Ilse „…und um mich kümmert sich keiner“ Die Situation der Geschwister behinderter Kinder. R.Piper GmbH& Co.KG, München 1995. S. 20

[2] Achilles, 1995. S. 21

[3] Kasten, Hartmut; Geschwister Vorbilder, Rivalen, Vertraute. Ernst Reinhardt Verlag, München Basel, 1998 S.150

[4] Kasten, 1998. S. 150

[5] Kasten, 1998. S. 150

[6] Achilles, 1995. S. 21

[7] Achilles, 1995. S. 21

[8] Achilles, 1995. S. 23

[9] Achilles, 1995. S. 23

[10] Weiter Nachzulesen bei Kasten, Hartmut. Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute. Ernst Reinhardt Verlag, München. 1998. S. 41- 90

[11] Klagsbrun, Francine; Der Geschwisterkomplex. Ein Leben lang Liebe, Hass, Rivalität und Versöhnung. Eichborn. 1994 S. 267

[12] Klagsbrun, 1994. S. 270

[13] http://www.behinderung.org/definit.htm 20.02.06

[14] Achilles, 1995. S. 116

[15] Kasten, 1998. S. 184

[16] Achilles, 1995. S. 118

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Geschwisterbeziehungen in Familien mit einem behinderten Kind
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Fachbereich Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Weibliche und männliche Sozialisation im Rahmen der Geschwisterbeziehungen in verschiedenen Kulturen
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V150291
ISBN (eBook)
9783640618415
ISBN (Buch)
9783640618538
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschwisterbeziehungen, Familien, Kind
Arbeit zitieren
Mareike Schmid (Autor), 2006, Geschwisterbeziehungen in Familien mit einem behinderten Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150291

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