Der Dialekt des Eichsfelds heute

Dialektgebrauch, Sprachpflege und Sprachbewertung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale des Dialekts

3. Entstehung und Entwicklung des Heyeröder Dialekts

4. Dialektgebrauch und Sprachpflege
4.1. Dialekt im Vereinsleben
4.2. Dialektliteratur

5. Umfrage zur Dialektbewertung

6. Die Zukunft des Eichsfelder Dialekts

7. Schlussfolgerung

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

Das Eichsfeld befindet sich im Nordwesten Thüringens, südlich des Harzes und nordöstlich der Werra. Also umfasst es die Städte Heiligenstadt, Duderstadt, Worbis und Mühlhausen. Dieses historische Gebiet des Eichsfelds ist nicht mit dem heutigen Landkreis Eichsfeld identisch. Es umfasst weit mehr Orte.

Der Dialekt des Eichsfelds gehört zum Nordthüringischen, hebt sich aber von diesem durch einige Besonderheiten ab. So spricht man im Eichsfelder Dialekt im Gegensatz zum restlichen Thüringen zum Beispiel „nit“ anstelle von „net“ und die Vorsilbe „ge-“ anstelle von „je-“.[1] Die nördlichen Orte des Eichsfelds stehen bereits unter einem niederdeutschen Dialekteinfluss. Das Eichsfeld wird von vielen Isoglossen, also Sprachlinien, die die Grenze zwischen zwei Gebieten mit unterschiedlichen sprachlichen Merkmalen anzeigen, durchzogen. So entsteht auf diesem relativ kleinen Gebiet, eine hohe Dichte von verschiedenen Dialektvariationen. Das macht das Eichsfeld für Dialektforschung besonders interessant, macht es jedoch auch fast unmögliche alle Besonderheiten der Mundarten, die von Ort zu Ort verschieden sind, zu untersuchen.

Bei dieser Arbeit möchte ich mich auf den Dialekt in dem Dorf Heyerode im historischen Gebiet des Eichsfelds konzentrieren. Untersucht wird dessen Entstehung, seine sprachlichen Besonderheiten und dem heutigen Gebrauch, der Sprachpflege und der Bewertung des Dialekts. Außerdem soll ein Ausblick auf die weitere Entwicklung des Dialekts gegeben werden.

2. Merkmale des Dialekts

Das Eichsfeld wird von außergewöhnlich vielen und starken Sprachlinien durchzogen. (siehe Abb.1 im Anhang) Es befindet sich südlich an der Sprachgrenze zwischen dem Mitteldeutschen und dem Niederdeutschen, die durch die ik/ich-Linie gebildet wird. Das Eichsfeld gehört also noch zum Gebiet in dem „ich“ gesprochen wird. Außerdem liegt es, im Gegensatz zum restlichen Thüringen, auf der westlichen Seite der ge-/je-Linie. Es grenzt sich also deutlich von den umgebenen Regionen ab. Aber auch innerhalb des Eichsfeldes findet eine Unterteilung statt. Es wird von vielen Sprachlinien durchzogen. Die ai/äi-Linie teilt das Eichsfeldisch in Mitteleichsfeldisch und Höheneichsfeldisch ein. Die d/t-Linie teilt das Höheneichsfeldische wiederum in Westhöheneichsfeldisch und Osthöheneichsfeldisch. Außerdem teilt sie das Mitteleichsfeldisch in Westmitteleichsfeldisch und Ostmitteleichsfeldisch. (siehe Abb.1 im Anhang)

Gründe für die starke Konzentration der Sprachlinien im Eichsfeld könnte der Verlauf alter Stammesgrenzen, wie etwa zwischen den Cheruskern und den Hermunduren oder später zwischen Sachsen und Thüringen, sein.[2] Da aber aus allen Zeiten die jeweiligen Stammesgrenzen nur vermutet werden können, kann diese Theorie nur Spekulation bleiben. Klar ist, dass die Dialekte der Dörfer des Eichsfelds sich von Ort zu Ort unterscheiden. So unterscheidet sich auch der Heyeröder Dialekt durch eine Reihe von Merkmalen von den Dialekten der Nachbarort. Er ist jedoch dem Osthöheneichsfeldischen zuzuordnen.[3] Durch die Besonderheiten in der Geschichte des Ortes, auf die im Kapitel „Entstehung und Entwicklung des Heyeröder Dialekts“ näher eingegangen wird, entstand ein Dialekt, der eine relativ harte Aussprache besitzt. Er neigt zu Verkürzungen und zu punktierten Lauten, die für eine besondere Klangfarbe sorgen.[4] Außerdem wird dem Heyeröder Dialekt eine Nähe zum Englischen nachgesagt, denn die Aussprache des „l“ und des „r“ ist fast identisch der Bildung im Englischen.[5] Neben den klanglichen Besonderheiten verfügt der Heyeröder Dialekt auch über eine Menge Wörter und Wortverbindungen, deren Wortstämme keine Entsprechung zu gleichbedeutenden, in Nachbargemeinden vorkommenden Wörtern haben. Ein Beispiel dafür ist „Benoachten“ oder „Binaachtn“(Weihnachten). In den benachbarten Dörfern werden Ableitungen von „Christtag“ verwendet. Ein weiteres Beispiel wäre „Bölann“(Empore in der Kirche). In den Nachbarorten sagt man „Mannhaus“. Die Gründe für diese doch eindeutigen Unterschiede liegen in der Entstehung und Geschichte des Dialekts.

3. Entstehung und Entwicklung des Heyeröder Dialekts

Der Ort Heyerode liegt im Südosten des Eichsfelds. (siehe Abb.1 im Anhang, rote Markierung) Er ist über 650 Jahre alt und liegt in einem umwaldeten Tal abseits aller Verkehrwege, also weitgehend getrennt von fremden Spracheinflüssen. 1626 wurde der Großteil der Bevölkerung durch eine Pestepedmie vernichtet.[6] In den Jahrzehnten danach zogen Siedlerfamilien aus Bayern, Tirol, dem Rheinland, vom Niederrhein, aus Oberhessen und dem Thüringer Wald zu.[7] Ihre Sprachen vermischten sich mit der der überlebenden Familien. So entstand ein besonderer Dialekt, der bis vor 200 Jahren in Heyerode ausschließlich gesprochen wurde. Erst im Laufe der letzten 200 Jahre kam das Hochdeutsche neben dem Dialekt mehr und mehr in Gebrauch. Erforderlich wurde das durch die Notwendigkeit sich in der Fremde zu verständigen. Unter Fremde muss man sich damals allerdings die benachbarten Städte und Landstriche vorstellen. Da die Wege dorthin aber zu Fuß bewältigt werden mussten und die zu transportierenden Waren auf Schubladen oder auf dem Rücken befördert wurden, war der Weg sehr beschwerlich und weitere Reisen waren kaum möglich. Pferdefuhrwerke übernahmen diesen Dienst erst mit steigendem Transportaufkommen. Postkutschen waren noch viele Jahre nach ihrer Einführung für die Dorfbewohner zu teuer. Zu mehrtägiger oder mehrwöchiger Abwesenheit kam es nur im Zuge von Wanderarbeit.

Wegen zunehmender Handelsverbindungen, der Industrialisierung, mehr Mobilität und dem Ausbau der Medien und des Schulwesens wurde mehr und mehr Hochsprache benötigt. Diese Entwicklung begann mit dem Bau der Eisenbahnstrecke von Mühlhausen nach Treffurt 1911, wodurch es möglich wurde täglich zur Arbeit nach Mühlhausen zu pendeln und damit Berufe auszuüben, die erst durch die Industrialisierung entstanden waren.[8] Aber auch das Dorf selbst wurde als Industriestandort interessant. Die Ansiedlung von Leichtindustrie machte es möglich, dass ein großer Teil der Einwohner Arbeit im Dorf fand. Nun hielt der Dialekt auch Einzug in die Arbeitswelt. Dort dominierte die Mundart bis in die 1970er Jahre. Die Fabriken dienten als Nachrichtendrehscheibe und es entstand dort eine Kultur des Austausches von Dorfklatsch und Tratsch. So wurde die Mundart auch außerhalb der Haushalte noch lange gesprochen. Nach der politischen Wende 1990 wurden die Fabriken geschlossen und mit ihr wurde die Sprachkultur zerstört. Die Dorfbewohner mussten sich jetzt in den umliegenden Städten Arbeit zu suchen. Sie waren nun gezwungen an der Arbeit Hochdeutsch zu reden. Der Dialekt zog sich dadurch immer mehr in die Haushalte zurück. Die Zahl der Sprecher verringerte immer weiter. Heute sprechen vor allem ältere Leute noch Dialekt, doch aus der Arbeitswelt wurde der Dialekt weitgehend verdrängt. Es wird befürchtet, dass der Dialekt in weniger als 50 Jahren ganz ausgestorben sein wird. Doch wird versucht dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

4. Dialektgebrauch und Sprachpflege

4.1. Dialekt im Vereinsleben

„Die Menschen in den Provinzen lieben ihren Dialekt. Dialekt ist das, woraus die Seele ihren Atem schöpft.“[9] Dieses Zitat des berühmten Dichter, Bühnenautors und Staatsmannes Johann Wolfgang von Goethe schenkt dem Dialekt große Wertsschätzung. Er erkannte bereits, dass die Dorfdialekte wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Heimatbewusstsein der Menschen sind und daher erhaltungswürdig sind. Doch die Zahl der Sprecher nimmt immer mehr ab, wie wir bereits erfahren haben, sind es vor allem die alten Leute, die noch Dialekt sprechen können. Doch was kann zur Erhaltung der Dorfsprache getan werden?

In vielen Gemeinden des Eichsfelds, wie auch in Heyerode, gibt es Vereine, die die Traditionen der Region, darunter auch die Mundart, pflegen. Sie arbeiten dem Aussterben des Dialekts entgegen. Dies ist jedoch keine leichte Aufgabe, da vor allem die jüngeren Einwohner den Dialekt nicht mehr sprechen gelernt haben. Doch die Vereine geben die Möglichkeit zur Begegnung und zur Gemeinschaft. Sie beschäftigen sich mit der Geschichte, der Kultur und der Sprache des Dorfes und hoffen, dass ihnen so die Rettung der dörflichen Kultur gelingt. Einer ihrer Erhaltungssansätze ist das Sammeln von Dialektliteratur.

[...]


[1] Hentrich, Konrad: Die Mundart des Thüringischen Eichsfeldes und ihre Bedeutung für die Besiedlungsfrage. 1.Aufl. Duderstadt: Verlag Aloys Mecke 1934. S.11.

[2] Mitteldeutsch Studien. Der Thüringische Sprachraum. Hrsg. von Th. Frings. 1.Aufl. Halle(Saale): Max Niemeyer Verlag 1964.S.210.

[3] Hentrich, Konrad: Die Mundart des Thüringischen Eichsfeldes und ihre Bedeutung für die Besiedlungsfrage. 1.Aufl. Duderstadt: Verlag Aloys Mecke 1934. S. 25.

[4] Heyerode. Festschrift anlässlich der 650-Jahrfeier der Gemeinde Heyerode. Hrsg. von der Gemeinde Heyerode. 1.Aufl. Duderstadt: Mecke Druck und Verlag 2005.S.115.

[5] Hentrich, Konrad: Die Mundart des Thüringischen Eichsfeldes und ihre Bedeutung für die Besiedlungsfrage. 1.Aufl. Duderstadt: Verlag Aloys Mecke 1934. S.24.

[6] Heyerode. Festschrift anlässlich der 650-Jahrfeier der Gemeinde Heyerode. Hrsg. von der Gemeinde Heyerode. 1.Aufl. Duderstadt: Mecke Druck und Verlag 2005.S.116.

[7] Ebd. S.116.

[8] Ebd.S.116.

[9] Edb.S.118.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Dialekt des Eichsfelds heute
Untertitel
Dialektgebrauch, Sprachpflege und Sprachbewertung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Dialektologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V150306
ISBN (eBook)
9783640613977
ISBN (Buch)
9783640614103
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialekt, Eichsfeld, Heyerode, Eichsfelder Platt, Sprachgrenzen
Arbeit zitieren
Katharina Ochsenfahrt (Autor:in), 2010, Der Dialekt des Eichsfelds heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150306

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