Besonders als Religionslehrer ist die Situation des religiösen Pluralismus schwierig zu handhaben, weil Schüler, die verschiedenen Religionen angehören, in (schul-)gottesdienstlichen Situationen gleichermaßen geachtet und angesprochen werden sollen. Um Anhaltspunkte für ein Verhalten in der Vorbereitung von Feiern mit Menschen verschiedener Religionen zu geben, soll in diesem Essay zunächst geklärt werden, wie man aus liturgiewissenschaftlicher Sicht den Pluralismus differenzieren kann, indem die Kennzeichen des religiösen und rituellen Pluralismus aufgezeigt werden, um danach die Frage danach zu stellen, wie diese beiden Formen zusammenhängen. Anschließend sind die Herausforderungen und Aufgaben an das liturgische Leben der Kirche darzustellen. Hieraus entwickeln sich Problemfelder, die es an meinem Beispiel für ein liturgisches Projekt, das sich dem Pluralismus stellt, auszuführen gilt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Liturgie und Kultur
3. Religiöser und ritueller Pluralismus
4. Kernprobleme
5. Feiertypen
6. Praktisches Beispiel – Schulgottesdienst mit Migrantenkindern
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie christliche Gottesdienste in einer religiös pluralistischen Gesellschaft gestaltet werden können, um verschiedenen Glaubensüberzeugungen mit Respekt zu begegnen, ohne das eigene Bekenntnis zu verwässern. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie "Liturgische Gastfreundschaft" als Modell dienen kann, um Schülern unterschiedlicher Religionen die Teilnahme an einer Feier zu ermöglichen, während die Integrität der jeweiligen Glaubensidentitäten gewahrt bleibt.
- Differenzierung zwischen religiösem und rituellem Pluralismus.
- Analyse der Kernprobleme interreligiöser Feierformen.
- Klassifizierung verschiedener Feiertypen (Liturgische Gastfreundschaft, Multireligiöse/Interreligiöse Feiern).
- Fallbeispiel zur Umsetzung von liturgischer Gastfreundschaft an einer Schule.
- Reflexion über ein respektvolles Miteinander bei gleichzeitiger Wahrung religiöser Unterschiede.
Auszug aus dem Buch
Praktisches Beispiel – Schulgottesdienst mit Migrantenkindern
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang ein Beispiel aus einem Schulgottesdienst an einer Lünener Gesamtschule. In dieser Gesamtschule herrscht ein hoher Anteil an muslimischen Schülerinnen und Schülern. Ein evangelischer Pfarrer hält hier in einer katholischen Kirche für größtenteils muslimische Schülerinnen und Schüler Gottesdienst. Die liturgische Gastfreundschaft wird insofern bedient, als die Muslime eine Art Gaststatus innehaben, aber trotzdem in der Gestaltung des Sakralraumes berücksichtigt werden. Dieser Gaststatus bezieht sich darauf, dass nicht-christliche Schülerinnen und Schüler in die christliche Schülergemeinde eingeladen werden, um dort ihre jeweils eigenen Erfahrungen mit Religion auszutauschen. Der Gestaltungsspielraum, den die Gäste haben, ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig, weil, um im Bild zu bleiben, sich ein Gast auch nur über eine Einladung freut, wenn er sich am Ort der Feier auch zu Hause fühlt.
Der Vorteil an dieser Art der Liturgie am Pluralismus besteht darin, dass jeder Teilnehmer sein Bekenntnis vertreten kann, ohne dass zu fürchten ist, dass die anderen Teilnehmer keinen Respekt vor seiner Glaubensentscheidung haben. Dies wird dadurch gewährleistet, dass trotzdem ein christlicher (in diesem Fall evangelischer) Gottesdienst abgehalten wird, auch das Gefühl für den Respekt gegenüber der fremden Religion durch die Mitgestaltungsmöglichkeiten gegeben wird. Außerdem werden die Muslime unter keinen Umständen zu gemeinsamen, gleichzeitigen Gebeten aufgefordert. Stattdessen versuchen sämtliche Teilnehmer den jeweils anderen in seinem individuellen Bekenntnis zum jeweiligen Mysterium zu fördern. Dadurch kann eine schulinterne Gemeinschaft und eine Möglichkeit der Mitfeier für nicht-christliche Kinder und deren Eltern geschaffen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit erläutert die Herausforderungen für Religionslehrer im Umgang mit religiösem Pluralismus in schulischen Gottesdienstsituationen und formuliert das Ziel einer respektvollen liturgischen Gestaltung.
Liturgie und Kultur: Dieses Kapitel beschreibt das Spannungsverhältnis zwischen theologischer Substanz und dem kulturellen Umfeld des Gottesdienstes, in dem ein Dialog zwischen Gott und Menschen stattfindet.
Religiöser und ritueller Pluralismus: Hier wird zwischen dem Begriff der Säkularisierung und dem Pluralismusbegriff unterschieden und die Bedeutung von Ritualen für die Vitalität religiöser Überzeugungen hervorgehoben.
Kernprobleme: Das Kapitel thematisiert die Schwierigkeiten, religiöse Feiern mit Mitgliedern unterschiedlicher Religionen zu gestalten, ohne die jeweiligen Glaubenswahrheiten oder das Gebet der anderen zu verletzen.
Feiertypen: Es werden vier verschiedene Formen der Glaubensfeier nach Michael Meyer-Blanck vorgestellt und ihre jeweilige Eignung und Problematik im Kontext der Pluralität analysiert.
Praktisches Beispiel – Schulgottesdienst mit Migrantenkindern: Anhand eines konkreten Projekts an einer Lünener Gesamtschule wird aufgezeigt, wie eine respektvolle liturgische Gastfreundschaft in der Praxis umgesetzt werden kann.
Fazit: Die Arbeit resümiert, dass eine respektvolle Umgangsform mit dem religiösen Pluralismus durch die Formel „Gegenseitiger Respekt: Ja; miteinander beten: Nein“ erfolgreich möglich ist.
Schlüsselwörter
Religiöser Pluralismus, Ritueller Pluralismus, Liturgie, Kultur, Liturgische Gastfreundschaft, Schulgottesdienst, Interreligiöse Feier, Multireligiöse Feier, Glaubensgeheimnis, Mysterium, Religionsunterricht, Respekt, Glaubenshintergrund, Identität, Religionsgemeinschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Herausforderung, christliche Gottesdienste in einer religiös pluralistischen Gesellschaft so zu gestalten, dass sie auch für Menschen anderer Glaubensrichtungen ansprechend und respektvoll sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Liturgie und Kultur, die Differenzierung zwischen religiösem und rituellem Pluralismus sowie die verschiedenen Typen von Glaubensfeiern im schulischen und kirchlichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Anhaltspunkte für eine liturgische Praxis zu entwickeln, die Schülern unterschiedlicher Religionen in gottesdienstlichen Situationen gerecht wird, ohne dabei die eigene religiöse Identität aufzugeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theologisch-liturgiewissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen mit einem konkreten Praxisbeispiel (Schulgottesdienst) verknüpft und diese anhand von Fachliteratur reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kernprobleme interreligiöser Feiern, klassifiziert verschiedene Feiertypen wie die „Liturgische Gastfreundschaft“ und diskutiert das Spannungsverhältnis zwischen Glaubensbekenntnis und Respekt vor dem Anderen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie liturgische Gastfreundschaft, religiöser Pluralismus, interreligiöse Feier und das Konzept des gemeinsamen respektvollen Schweigens charakterisiert.
Warum wird im Kontext der interreligiösen Feier vor einem „gemeinsamen Gebet“ gewarnt?
Die Arbeit warnt davor, da ein erzwungenes gemeinsames Gebet die Gefahr birgt, interreligiöse Unterschiede und spezifische Glaubenswahrheiten zu ignorieren, was keiner der beteiligten Religionen gerecht werden würde.
Was zeichnet die „Liturgische Gastfreundschaft“ nach dem beschriebenen Modell aus?
Sie zeichnet sich durch eine Einladung aus, bei der der Gast seine eigene religiöse Identität behalten darf, während er am christlichen Gottesdienst teilnimmt, ohne jedoch zu Gebetsformen gedrängt zu werden, die nicht dem eigenen Glauben entsprechen.
Welche Rolle spielt die „Freiwilligkeit“ in dem vorgestellten Schulprojekt?
Die Freiwilligkeit der Teilnahme ist ein zentraler Faktor, um sicherzustellen, dass sich kein Schüler in seiner religiösen Glaubensabsicht verletzt fühlt und der Respekt vor der individuellen Entscheidung gewahrt bleibt.
Wie unterscheidet der Autor zwischen religiösem und rituellem Pluralismus?
Während der religiöse Pluralismus die Koexistenz verschiedener Religionen in einer Gesellschaft bezeichnet, bezieht sich der rituelle Pluralismus auf die Vitalität, die entsteht, wenn Rituale aus verschiedenen Traditionen wahrgenommen werden und das Spektrum der Handlungen sich ergänzen kann.
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- Stefan Rohde (Author), 2010, Christlicher Gottesdienst in pluralistischer Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150355