Der Vater-Sohn-Konflikt in Josef Winklers "Roppongi – Requiem für einen Vater"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Requiem für einen Vater

3. Meinungen der Forschung

4. Konflikte und Kontraste
4.1. Die Vater-Sohn Beziehung
4.2. Das erste Kapitel
4.3. Motivkreise und Wortfelder
4.4. Erzählverfahren
4.5. Narayama-Lieder
4.6. Das letzte Kapitel

5. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

Josef Winklers Novelle Roppongi-Requiem für einen Vater aus dem Jahr 2007 reiht sich inhaltlich und formal in das bisherige Œuvre des Schriftstellers ein. Der Ich-Erzähler ist ähnlich angelegt und auch der Themenkreis um katholisches Dorf und Tod, ebenso wie die Bilder, die montageartig aneinandergereiht werden, sind dem Leser bekannt. Im Zentrum dieses Buches stehen eindeutig der Tod des Vaters, der Tod an sich und der Umgang damit. In vielen Rezensionen wird ein Versöhnungsprozess mit dem Vater deklariert. Ob das tatsächlich der Fall ist, ist fraglich, aber sicher ist, dass der Konflikt zwischen Vater und Sohn dargelegt wird. Dies wird vor allem durch eine stark dichotomische Struktur des Textes deutlich. Sowohl auf der Textoberfläche als auch in Erzählverfahren und Buchaufbau lassen sich kontrastive Aspekte schnell ausmachen. Am auffälligsten in der offensichtlichen Zweiteilung des Buches durch den örtlichen Wechsel von Kärnten nach Varanasi, der auch auf das Gesamtwerk Winklers verweist, das sich von der Trilogie Das wilde Kärnten zu Domra und Roppongi – Requiem für einen Vater hin entwickelt hat. Die Wende im Buch wird durch den Tod des Vaters, der wie eine Mittelzäsur wirkt, markiert. Solche antagonistischen Strukturen in Winklers Œuvre werden in der Literatur oft negiert, weswegen es wichtig erscheint sie in Roppongi klar herauszuarbeiten und ihre konfliktverdeutlichende Funktion zu zeigen. Interessant ist dieser Aspekt auch aufgrund der Tatsache, dass dieses Buch Josef Winklers oft als Zäsur in seinem Werk beschrieben wird, da der wahrhaftige Tod des Vaters ein bedeutendes Ereignis sei. Demzufolge müssten sich im Text Hinweise auf eine solche Trennung von vor und nach dem Tod des Vaters finden lassen. Was diese Hausarbeit also erreichen will, ist die Herausarbeitung der Manifestation eines Vater-Sohn-Konfliktes auf Textebene, die durch dichotomische Strukturen realisiert wird.

Zur Annäherung an diese These wird zunächst vom Titel ausgehend zu zeigen sein, inwieweit dieser schon die Richtung und das Thema des Buches vorgibt. Dabei werden einige Fakten zum Konflikt zwischen Vater und Sohn, die aus der Biografie und anderen Büchern Josef Winklers bekannt sind kurz gestreift. Im Zusammenhang damit wird eine Betrachtung der gängigen Forschungsmeinungen zum Autor und zu seinen Themen, im Besonderen natürlich zur Rolle des Vaters, folgen. Die Herausarbeitung der dichotomischen Strukturen in den diversen Textebenen wird dann den Hauptteil der Arbeit ausmachen, dabei liegt Das Hauptaugenmerk auf dem ersten und letzten Kapitel und auf den Zusammenhängen des Haupttextes mit den Narayama-Liedern.

2. Requiem für einen Vater

Josef Winkler wurde am 3. März 1953 in einer Bauernfamilie in Kamering in Kärnten geboren. Als Eines von sechs Kindern hatte er die Position des schwarzen Schafes inne und vor allem bei seinem Großvater einen schlechten Stand. Da dieser dem Vater eine Autoritätsperson war, hielt auch der eine Distanz zu seinem Sohn, um vor seinem Vater nicht als weich da zu stehen, z.B. indem er Josef nicht auf den Schoß nahm, wie es im Buch auch Erwähnung findet[1]. Winkler protestierte im Gegenzug zu seinen Geschwistern, die sich mit dem bäuerlich-katholischen Leben abfanden, stetig gegen seinen Vater. Er trug langes Haar, zerrissene Jeans und las Bücher. Diese Ausgangssituation eines gespannten Vater-Sohn-Verhältnisses kulminierte in dem Verlangen des Vaters, dass der Sohn aufhören sollte Geschichten aus dem Dorf zu erzählen. Josef Winkler hielt daraufhin lange Abstand von zu Hause, um später dann die Rückkehr des Verlorenen Sohnes zu schreiben.

Seit 1982 ist Josef Winkler freier Schriftsteller. Die Initialerlebnisse seines Schreibdranges waren der Tod der Großmutter, deren Aufbahrung im Haus und der Doppelselbstmord zweier Jungen, die sich im Dorf aufhingen, die Winkler seitdem in seiner Bildsprache immer wieder neu aufgreift. So kam es irgendwann zum Anruf des Vaters: „Sepp! Was bist du denn für ein Schwein, ein richtiger Sauhund bist du! […] Wenn ich mal nicht mehr bin, dann möchte ich nicht, dass du zu meinem Begräbnis kommst!“ (S. 55). Das Verbot ist der Grund, dass Josef Winkler keinen Abschied nehmen kann. Es scheint Schicksal zu sein, dass er gerade in Japan, in Roppongi ist, als der Vater stirbt, denn so kann er diesem Verbot ohne Gewissensbisse Folge leisten. Durch einen weiteren Anruf der Schwester weiß Winkler allerdings auch, dass der Vater Angst davor hat, was die Leute aus dem Dorf mit seinem Sohn machen könnten, wenn er zum Begräbnis käme. Allein in diesem Wunsch, der einen Ausgangspunkt für das Buch bildet, liegt also schon etwas Konträres. Der Vater erfuhr erst durch das Schreiben des Sohnes, dass es überhaupt ein Problem gibt, jedoch hilft das nicht den Konflikt aufzulösen, sondern intensiviert ihn sogar noch.

Neben diesen offensichtlichen Indizien für ein liebloses Verhältnis zum Sohn, gibt es aber auch Ereignisse, wie dieses, dass der Vater dem Sohn seine erste Schreibmaschine schenkte, aus „unbeholfene[m] Stolz auf den Sohn“[2], die einen anderen Aspekt der Beziehung andeuten. Man erfährt auch, dass der Vater ganz zärtlich gestimmt war, wenn er unter der Wirkung eines Wärmepflasters stand (S. 62). In den ersten Büchern Winklers war der Ton gegen den Vater noch ein harter, die neueren Bücher aber schlagen einen versöhnlicheren Ton an und zeichnen den Vater „[w]eicher [und] differenzierter“[3]. Gut und Böse werden abgewogen und die spannungsgeladene Beziehung wird immer weiter aufgearbeitet. Sicher auch bedingt durch einen wachsenden Abstand zu den Dingen. Dies ist auch in Roppongi –Requiem für einen Vater zu erahnen, z.B. am Titel.

Das Requiem ist die heilige Messe für Verstorbene in der katholischen Kirche und bezeichnet auch die kirchenmusikalische Komposition für das Totengedenken. Der Zweck, den das Requiem erfüllt, besteht darin, das Seelenheil des Verstorbenen zu erbitten. 1970 wurden Textpassagen geändert, weil sie zu stark auf die Hinterbliebenen Bezug nahmen, die Heilswirkung soll aber allein dem Toten zukommen. Nimmt man diese Überschrift als Leitfaden des Buches, könnte man also ganz stark davon ausgehen, dass eine Versöhnung mit dem Vater zu erwarten ist und darüber hinaus sogar eine Bitte um dessen Seelenheil, denn die erste Zeile des Requiem lautet: Herr, gib ihnen die ewige Ruhe. In Hinblick auf die Tatsache, dass die Heilswirkung streng dem Toten vorbehalten sein soll, könnte dieser Zweck sogar zentral sein.

Von Leopold Federmair wird der zweite Teil der Überschrift gänzlich ignoriert und nur Roppongi betrachtet. Seine Annahme, dass der Titel in die Irre führt, hat also weder Hand noch Fuß.[4] Natürlich handelt es sich bei dem Buch nicht um eine Darstellung der Stadt Roppongi, insofern wäre der Titel vielleicht potentiell verwirrend, aber die Unterüberschrift Requiem für einen Vater löst diese Verwirrung. Es geht um Versöhnung, um Abschied. Roppongi markiert lediglich den Ort, an dem diese Versöhnung beginnt, wenn der Sohn vom Tod des Vaters hört. Zwischen Kärnten und Indien gelegen, steht es für einen Übergang. Das scheint der eben geäußerten These, dass der Konflikt zwischen Vater und Sohn dargestellt wird, zunächst zu widersprechen, jedoch kann ein Konflikt nun einmal nur tiefgreifend aufgelöst werden, wenn er vorher umfassend aufgearbeitet wird. Dazu ist es eigentlich nötig, dass beide Konfliktseiten sich miteinander aussprechen. Das Problem, dass sich für den Josef Winkler in Roppongi – Requiem für einen Vater stellt, ist also offensichtlich das Fehlen der Möglichkeit zur Aussprache, da der Vater bereits tot ist. Winkler muss also auch den Diskussionspart des Vaters übernehmen, was in zitierten Sätzen erfolgt.

Das Totenlied verlässt in diesem Buch seine fest vorgegebene katholische Form und behält nur noch dem Namen nach seine Wurzel als Totenlied bei. Das Requiem, das sich dem Leser präsentiert, ist somit keines im eigentlichen Sinne. Es muss zwangsläufig zwei Aufgaben erfüllen. Neben dem Gebet für den Toten muss auch ein Aufarbeitungssprozess stattfinden, bei dem auch schlechte Seiten des Verstorbenen betont werden. Der Titel steht also keineswegs im Kontrast zur These sondern untermauert sie sogar, da die feste Form des Requiems der katholischen Kirche komplett negiert wird, was zum einen, einen Widerspruch in sich trägt, und zum anderen auch das gespaltene Verhältnis zur katholischen Kirche zeigt, ähnlich dem gespannten Verhältnis zum Vater.

Im Buch kommen keine katholische Totenmesse und auch kein Totenlied vor, zumindest nicht im Sinne eines Requiems. Nur der Umgang Sterbender mit dem Tod, was danach mit ihren Körpern geschieht und wie die Angehörigen damit umgehen, wird thematisiert und aus Sicht verschiedener Kulturen deutlich gemacht.

Gegenübergestellt wird dem katholischen Requiem in diesem Kontext das hinduistische Dhrupad (S. 11), eine Urform hinduistischer Musik, die „[l]aut der indischen Mythologie […] den Weg zu Moksha, zur Befreiung also[, zeigt]“ (S. 12). Diese Musik gehört einer völlig anderen Kultur an, erfüllt aber denselben Zweck. Die Seele des Verstorbenen soll ihre Ruhe im Jenseits finden. Diese beiden Formen der Musik markieren also schon am Anfang des Buches eine kontrastive Tendenz, die mit dem gespaltenen Verhältnis zum Vater korreliert, aber gleichzeitig machen sie auch eine Omnipräsenz des Todes deutlich. Winkler scheint die Ruhe des Vaters im Jenseits sichern zu wollen und dafür die Aussöhnung mit ihm zu suchen.

Interessant ist auch die deiktische Formulierung einen Vater. Es ist klar, dass der tote Vater des Erzählers gemeint ist, aber es wird im Titel nicht direkt ausgedrückt. „Nichts ist irreführender als dieser unbestimmte Artikel“[5]. Steht das für die Distanz, für den schwelenden Konflikt, der zu Beginn des Buches noch vorhanden ist und noch aufgearbeitet werden muss? Rüdiger Görner weist darauf hin, dass Winkler keine andere Möglichkeit hatte mit dem Vater zu sprechen als über sein Schreiben. Er zieht den Bezug zu Kafkas Brief an den Vater. Kafkaeske Züge beschreibt auch Johann Strutz in der Auflehnung gegen den Vater durch das Brechen des Schweigens. Dieser Vergleich bestätigt die zentrale Stellung der Beziehung zum Vater.

Anders wird das Verhältnis des Vaters zum Großvater beschrieben, denn hier wird die erhabene Stellung des Patriarchen bis zum Schluss als ungebrochen dargestellt, womit Winkler nicht nur einen Konflikt beilegen muss, sondern ein generationsübergreifendes Werk vollbringt, was sich auch darin zeigt, dass Winkler nicht allein als Sohn, sondern überdies auch als Vater auftritt.

Zum Schreiben Winklers, zu seinem Umgang mit dem Vater-Sohn-Konflikt und auch konkret zum Buch Roppongi-Requiem für einen Vater gibt es in der Forschung, dabei vor allem in Rezensionen, sehr verschiedene Meinungen, die vor der konkreten Betrachtung des Textes berücksichtigt werden sollten.

3. Meinungen der Forschung

Wie schon erwähnt, schreibt Winkler immer wieder Geschichten, die sich aus den gleichen Bildern zusammenfügen. Er selbst beschreibt sich als Filmkamerakopf (S. 23), der Bilder aufnimmt, wie sie sind und später unzensiert wiedergibt. Cornelia Ebner sieht Winklers Bilder auf Basis dieser Bezeichnung als „eine Art „Regieanweisung“[6]. Durch seine „vervielfachte Darstellungskapazität“ schafft er es mit einem begrenzten Ausgangsmaterial die Motive „Geburt, Tod, Sexualität, Gewalt, Familie, Kirche“[7] umfassend auszuleuchten. Auch in RoppongiRequiem für einen Vater folgen die verschiedensten verschriftlichten Bilder direkt aufeinander. So folgt zum Beispiel auf die Schilderung der schon erwähnten Zärtlichkeit des Vaters, wenn er das Wärmepflaster auf dem Rücken hat, die erschrockene Feststellung, dass der kleine Josef Winkler nie auf dem Schoss des Vaters sitzen durfte (S. 62f.). An anderer Stelle im zweiten Teil des Buches wird ein grauweißes Streifenhörnchen, dass an Ästen rauf- und runterläuft, und in Tücher eingewickelte Tote, die von ihren Verwandten mit brennenden Sandelholzräucherstäbchen verabschiedet werden, in einem Satz beschrieben. Katrin Hillgruber empfindet diese Bilderwelt als „rhapsodischen Genuss“[8], Thomas Kraft hingegen fühlt sich von der Beobachtungsfülle erschlagen, da sie für ihn funktionslos bleibt[9] und bezeichnet Winkler als Dilettanten im fotografischen Erzählen[10]. Das breite Zeit- und Raumpanorama, das sich durch aufeinanderfolgende Bilder ergibt, evoziert also nicht durchgehend das Wohlwollen der Rezensenten, trotzdem hat Josef Winkler 2008 den Georg-Büchner-Preis erhalten. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sah die Begründung für ihre Entscheidung darin, dass Winkler „auf die Katastrophen seiner katholischen Dorfkindheit mit Büchern reagiert, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig [sein]“. Diese Dringlichkeit wird durch die abrupte Bildkonstitution aus dem Nichts und deren rasches Abtauchen hinter neuen Bildern, die sich ganz unvorhergesehen zeigen, gefördert. Im Rezipieren ergibt sich der Eindruck, der Erzähler gäbe die Bilder genauso wieder, wie sie sich in seinem Kopf ergeben, unzensiert. Dadurch wird der Leser in die Rolle eines Psychiaters versetzt, der sich die Leidensbilder seines Patienten anhört, der durch das Von-der-Seele-Reden genesen kann. Die Dringlichkeit, die beschrieben wird, liegt somit nicht nur beim Textproduzenten, der genesen will, sondern deszendiert auch beim Rezipienten, der Zuhören muss, der sich der verzweifelten Flut der Bilder nicht erwehren kann. Diese Flut wird durch die hypotaktischen Sätze in ihrem Fluss bestärkt, die Rüdiger Görner „mit teils kleistischer Syntax“ wahrnimmt.[11] An dieser Aussage ist etwas Wahres, denn auch in Roppongi gibt es viele Sätze, wie z.B. der eben erwähnte mit dem Eichhörnchen, die sich über halbe Seiten erstrecken und eine enorme Vielfalt verschiedenster Zusammenhänge in einen Kontext bringen. Kleist gehört allerdings nicht zu Winklers Vorbildern, das sind Jean Genet, Peter Handke, Oscar Wilde, Franz Kafka, Pier Paolo Pasolini, etc.[12]. Fast keine Rezension kommt aus, ohne diese Litanei aufzuzählen, die Winklers Geschichten beeinflusst haben. „Geschichten sind [Josef Winkler] in seinen Werken [allerdings] weniger wichtig als Sprache, Form, Stil und Klang.[13] “ Aus diesem Grund ist sehr unpassend, dass Josef Winkler von vielen Kritikern zur Verleihung des Büchner-Preises zu hören bekam, seine Themen wären zu veraltet, er „stehe für eine rückwärts gewandte Form von Literatur“[14]. Hubert Spiegel meint: „Das ist unzeitgemäß. Aber nicht alles Unzeitgemäße ist groß.“[15] Damit sind die Thematisierungen von Katholizismus, Familie und Landidylle gemeint. Winklers „Dorfwelt seiner Kindheit und Jugend erscheint [aber vielmehr] als eine Art Hölle“[16], als dass man von Dorfidylle sprechen könnte. Carmen Ulrich spricht sogar von „Antiheimatromanen“[17]. Das Thema ist somit durchaus kein Neues, aber es trägt neue Gewänder und präsentiert sich vielschichtig. Es hat nichts zu tun „mit den derzeitigen Versuchen „Familie zu thematisieren“[18]. In diesen Zusammenhang passt es, dass oft betont wird, dass Winkler gegen das Schweigen schreibt, wie es eben auch in seinem Dörfchen und seiner Familie vorherrschend war. Eindringlich beschrieben von Brigitte Schwens-Harrant:

Er schreibt gegen die Totenstille im lebendigen Dorf, schreibt über all die unglücklich zu Tode Gekommenen, über die nicht nur Friedhofserde sondern vor allem Schweigen geworfen wird.[19]

Vor allem in der Darstellung seiner Mutter wird das immer wieder deutlich. Diese Figur wird in RoppongiRequiem für einen Vater nur am Rande erwähnt, was darauf hindeutet, dass hier auf eine andere Person und einen neuen Kontext der Schwerpunkt gelegt wird. Auch homosexuelle Szenen kommen in diesem Buch nur selten vor, obwohl dieses Thema von Rezensenten als Hauptpunkt in Winklers Œuvre gesehen wird. Das vorliegende Buch scheint also trotz problemlos erkennbarer Eingliederung in Winklers bisheriges Werk, doch eine Sonderstellung zu beanspruchen.

4. Konflikte und Kontraste

Die Forschung tut sich schwer damit Josef Winklers Schreiben als kontrastiv zu sehen. Das In-Worte-Fassen des Grauens, der Angst, des Ekligen steht meist im Vordergrund. Carmen Ulrich schreibt z.B., dass man „Winkler keinen antagonistischen Schreibstil unterstellen [muss]“[20]. Diese Aussage bezieht sich zwar auf Domra, und lässt sich somit nicht ohne Weiteres auf Roppongi anwenden, aber sie zeigt die Denkrichtung der Forschung diesen Punkt stiefmütterlich zu behandeln, was, wie sich noch zeigen wird, ein Fehler ist.

Nun soll es hier nicht die Aufgabe sein diese Herangehensweise komplett zu negieren, aber zumindest im vorliegenden Buch kann man ein dichotomisches Vorgehen nicht leugnen. Johann Strutz erkennt im Gegensatz zu vielen Kollegen eine „Kontrapunktik“[21] in Winklers Werk. Die Motivation dessen ist, wie nun schon ausgeführt in der Untermauerung des schwierigen Vater-Sohn-Verhältnisses zu suchen, deshalb wird nun zunächst das Augenmerk auf der direkten Entfaltung dieses Konflikts auf der Textoberfläche liegen. Im Anschluss daran folgen unterstützende dichotomische Muster, die diesem Hauptkonflikt ein festes Fundament bieten.

4.1. Die Vater-Sohn Beziehung

Das Buch hat elf Kapitel, von diesen kommen nur drei ohne die Erwähnung des Vaters aus. Das erste Kapitel hat an sich noch nichts mit dem konkreten Ablauf des Buches zu tun, zumindest nicht auf den ersten Blick und Kapitel acht und zehn drehen sich hauptsächlich um Varanasi, Einäscherungsrituale und damit mit dem Tod an sich. Überhaupt verschwindet der Vater ab dem siebten Abschnitt zunehmend aus der Bilderwelt des Buches. Die Kapitel zwei bis sechs greifen immer wieder in repetitiver Form auf Bilder und Erinnerungen an den Vater zurück. Im Zentrum steht ein braunes Foto aus den Dreißiger Jahre, auf dem der Vater auf seiner neuen Mähmaschine sitzt (Vgl.: S. 26). Dieses Foto wird viermal erwähnt. Damit korrespondierend wird dem Leser zweimal der Vater auf seinem Traktor vor Augen geführt (Vgl.: 52). Im selben Themenkreis bewegt sich auch die Erzählung von dem Tag, an dem der Vater seinen kleinen Finger an der Mähmaschine verlor (Vgl.: S. 35). Das sind die eindringlichsten Bilder den Vater betreffend, die alle einen Eindruck von seinem Arbeitseifer geben, den er vom vierten bis zum fünfundneunzigsten Lebensjahr ausgelebt hat. Zwei andere, oft wiederholte Szenen sind der Vater als Speckdieb mit zwanzig Jahren, die zweimal erwähnt wird und die sechs Kriegsjahre, in denen der Vater das Dorf verlassen hat und solchen Hunger hatte, dass er dem Teufel die Ohren hätte abfressen können, die dreimal Erwähnung findet. Diese Szenen zeigen in ihrem Bezug auf Hunger eine menschliche Seite des Vaters. Auch er kann nur arbeiten, wenn er Nahrung zu sich nimmt. Es werden zwei konträre Seiten des Vaters gezeigt, ohne direkten Bezug auf die Beziehung zum Sohn Josef zu nehmen. Es gibt aber noch eine ganze Reihe anderer Bilder, die zwar weniger repetitiv auftreten, aber ebenso eindringlich ein Bild des Vaters konstruieren. Zunächst wären da Passagen, die den Vater als typischen Bauern zeigen, der alles ablehnt, was er nicht kennt, z.B. wenn der Sohn Blattsilber auf die Torte legt und der Vater erwidert „Ich friß kein Eisen“ (S. 137) oder wenn er die Beatlesfrisur seines Sohnes zum Anlass nimmt ihn als „Gammler“ zu beschimpfen (S. 63) oder wenn er nicht nahvollziehen kann, warum der Sohn freiwillig das Heimatdorf verlässt, wo er nur als Kriegsgefangener unfreiwillig sechs Jahre weg war (Vgl.: S. 27). Das zeigt den Vater als konservativen, sturen, vielleicht sogar intoleranten Mann. Die letzten beiden Szenen deuten auch das Verhältnis zum Sohn an. Er stellt sich gegen die Werte des Vaters und dieser wiederum schaltet auf stur, jedoch beginnt diese spannungsgeladene Beziehung nicht erst mit dem Älterwerden des Sohnes. Von Beginn an steht der Großvater zwischen Vater und Sohn, der auch der Auslöser dafür ist, dass der kleine Josef, wie schon erwähnt, nie auf dem Schoß des Vaters sitzen durfte.

[...]


[1] Vgl.: Reinacher, Pia: Der Vater auf dem Scheiterhaufen. http://www.buecher.de/shop/buechner-georg/roppongi/winkler-josef/products_products/content/prod_id/22804428/#faz (02.03.2010).

[2] Wilke, Insa: Der lange Blick. http://www.zeit.de/2008/45/L-Winkler (02.03.2010).

[3] Wilke, I.: Der lange Blick.

[4] Vgl.: Federmair, Leopold: Der Tod, das Leben und das wilde Kärnten. http://derstandard.at/3026691 (15.03.2010).

[5] Görner, Rüdiger: Brief an den toten Vater. http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/330100/index.do (15.03.2010).

[6] Ebner, Cornelia: „Das Universum des Todeserotikers“. Josef Winkler im literarischen und geographischen Spannungsfeld von Eros und Thanatos von Kamering bis Varanasi. (Diplomarbeit). Wien: 2008. http://public.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/projekte/janke/Diplomarbeit_Cornelia_Ebner_-_Das_Universum_des_Todeserotikers.pdf. S. 110.

[7] Strutz, Johannes: Josef Winkler. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. http://ulbw3k27.ulb.uni-jena.de/han/KLGKritischeLexikonderGegenwartsliteratur/www.munzinger.de/

[8] Hillgruber, Katrin: Der Tod auf Reisen. http://www.fronline.de/in_und_ausland/kultur_und_medien /feuilleton/?em_cnt=1651917& (02.03.2010).

[9] Vgl. Kraft, Thomas: Sprachoses Elendshäufchen. Josef Winkler versucht sich mit fotorealistischem Schreiben. In: Der Tagesspiegel, Nr. 15801 (1996). S. 5.

[10] Ullrich, Carmen: Sinn und Sinnlichkeit des Reisens. Indien(be)schreibungen von Hubert Fichte, Günter Grass und Josef Winkler. München: IUDICUM 2004 (= Cursus. Texte und Studien zur deutschen Literatur). S. 213.

[11] Görner, R.: Brief an den toten Vater.

[12] Vgl.: Weinzierl, Ulrich: Schreiben als disziplinierte Raserei. http://www.welt.de/welt_print/article2728398/ Schreiben-als-disziplinierte-Raserei.html (15.03.2010).

[13] Dpa: Österreicher erhält Büchner-Preis. http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten /darmstadt/?em_cnt=1622493& (02.03.2010).

[14] Dpa: Todesangst und Katholizismus. http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/1352747_Portraet-Todesangst-und-Katholizismus.html (02.03.2010).

[15] Hubert, Spiegel: Kindheitsmusterknabe. http://www.faz.net/s/Rub79A33397BE834406A5D2BFA87FD 13913/Doc~E9BE89CDAE72D469DB9AF5624AC07FA6B~ATpl~Ecommon~Sspezial.html(15.03.2010).

[16] Ujma, Christina: Die Toten tun mir nichts. http://www.freitag.de/2008/44/08441601.php (15.03.2010).

[17] Ullrich, C.: Sinn und Sinnlichkeit des Reisens. S. 210.

[18] Kunisch, Hans-Peter: Wenn Geier von den Ästen fallen. http://www.zeit.de/2007/46/Wenn_Geier _von_den_ Aesten (02.03.2010).

[19] Religion und Gegenwartsliteratur. Spielarten einer Liaison. Hrsg. von Albrecht Grözinger, Andreas Mauz und Adrian Portmann. Würzburg: Könighaus & Neumann 2009 ( = Interpretation Interdisziplinär. Band 6). S. 79.

[20] Ulrich, Carmen: Sinn und Sinnlichkeit des Reisens. S. 214.

[21] Strutz, J.: Josef Winkler.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Vater-Sohn-Konflikt in Josef Winklers "Roppongi – Requiem für einen Vater"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Literaturwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Literarische Neuerscheinungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V150377
ISBN (eBook)
9783640618361
ISBN (Buch)
9783640618682
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontrapunktitk, Dichotomie, Josef Winkler, winkler, Vater
Arbeit zitieren
Romy Knobel (Autor), 2010, Der Vater-Sohn-Konflikt in Josef Winklers "Roppongi – Requiem für einen Vater", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150377

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