Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen bei Jugendlichen. Handlungsfelder für die Sozialpädagogik ?


Diplomarbeit, 1995

68 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Radikalismus
2.2 Extremismus
2.3 Terrorismus
2.4 Erscheinungsbild des Rechtsextremismus
2.4.1 Neonazis
2.4.2 Skinheads
2.4.3 Hools
2.4.4 "Alte Rechte"
2.4.5 "Neue Rechte"
2.4.6 Eigene Begriffsbstimmung

3. Entwicklungspsychologie der Pubertät und Adoleszenz
3.1 Begriffsbestimmung der Pubertät und Adoleszenz
3.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
3.2.1 Identitätsentwicklung als wichtigste Entwicklungsaufgabe
3.2.2 Identitätsfindung in der Gruppe

4. Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen
4.1 Politikwissenschaftliche Erklärungsansätze
4.1.1 Faschismustheoretischer Ansatz
4.1.2 "Modernisierungsopfer" - Ansatz
4.1.3 Extremismustheoretischer Ansatz
4.1.4 "Politische Kultur" - Ansatz
4.1.5 Zusammenfassung und Schlußfolgerung
4.2 Gesellschaftliche Ursachen
4.2.1 Wertewandel
4.2.2 Individualisierung
4.2.3 Politik-und Parteienverdrossenheit
4.2.4 Werte-und Orientierungskrise insbesondere bei Jugendlichen
der Neuen Bundesländer
4.2.5 Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte
4.2.6 Politisches Meinungsbild der Bevölkerung der BRD
4.2.6.1 SINUS-Studie
4.2.6.2 Eigene Befragung
4.3 Individuelle Ursachen
4.3.1 Persönlichkeitsstruktur
4.3.2 Angstverarbeitung
4.3.3 Politische Sozialisation
4.4 Gruppendynamische Prozesse
4.4.1 Theorie der Subkultur
4.4.2 Theorie des Intergruppenverhaltens

5. Handlungsmöglichkeiten für die Sozialpädagogik
5.1. Präventive Arbeit
5.1.1 Politische Bildungsarbeit
5.1.2 Interkulturelle Jugendarbeit
5.1.2.1 Internationaler Jugendaustausch
5.1.2.2 Eigenes Projekt: "Cafe´der Begegnung"
5.2 Reagierende Arbeit
5.2.1 Akzeptierende Jugendarbeit
5.2.2 "Anti-Aggressivitäts-Training"
5.3 Grenzen für die Jugendarbeit

6. Abschlußgedanken

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Immer öfter hören wir aus den Medien von Gewalttaten und Überfällen auf Aus­länder, von Brandanschlägen auf Ausländer- oder Aussiedlerheime, Beschädigungen und Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen oder von Übergrif­fen auf Homosexuelle und Behinderte etc. Ebenso sind die Wahlerfolge der REP's und das allgemeine Erstarken rechtsextremistischer Kräfte in der Bundesrepublik und in anderen Ländern der Erde erschreckend, was viele Menschen betroffen macht.

Grundlage für diese zu verachtenden Verhaltensweisen sind rechtsradikale Ein­stellungen und Haltungen. Zu verachten sind sie deshalb, weil sie das Leben und die Psyche anderer Menschen verletzen.

Sie stellen ebenso ein Problem dar, weil diese Menschen Absolutheitsansprüche für ihre Meinungen haben und deswegen andere nicht gelten lassen.

Die Existenz von rechtsradikalen Standpunkten ist auch ein politisches Problem, weil auf dieser Ebene außer der längst nicht ausreichenden Forderung nach einer juristischen Lösung keine schlüssigen Antworten gegeben werden. Es müssen Zeichen vom Staat gesetzt werden, indem Strafen für Gewalttäter und die Verbote der rechtsextremistischen Vereinigungen wirklich durchgesetzt werden. Die Grenzen des Staates müssen deutlich spürbar gemacht werden. Trotzdem ist die Forderung völlig unzureichend, weil sie keine dauerhafte Wirkung haben kann. Das hat seine Ursachen in den Entstehungsbedingungen für Ideologien der Un­gleichheit, völkische Überhöhung (Nationalismus) oder Gewaltakzeptanz. Diese entwickeln sich mitten in unserer Gesellschaft, nämlich aus der Existenz gesell­schaftlicher Probleme wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Individualisierung etc. und dem latenten Vorhandensein rechtsradikaler Einstellungs- und Handlungs­muster unter der Bevölkerung. Um der Entstehung rechtsextremistischer Tenden­zen entgegenzuwirken, sollte man sich zunächst den eben genannten primären Ur­sachen zuwenden.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, daß einer Freundin von ihren Eltern die Freundschaft zu einem Äthiopier verboten worden ist. Dieses Mäd­chen kommt aus einer ganz normalen deutschen Durchschnittsfamilie. Wie weit sind solche Einstellungen verbreitet? Existieren sie, mehr als wir glauben, in den Überzeugungen der breiten Bevölkerungsschicht? Übernehmen die Jugendlichen diese von den Erwachsenen?

Welche anderen Handlungsmöglichkeiten bestehen neben der juristischen? Die Frage geht nicht nur an die Politiker, die kraft ihres Amtes Individualisierungs­schüben entgegenwirken könnten, wenn sie beispielsweise die Familien mehr un­terstützen oder wenn sie Konzepte gegen Arbeitslosigkeit oder Wohnungsnot o. ä. entwickeln und durchführen würden. Die Frage geht auch an alle Pädagogen und Personen, die beruflich oder privat mit Kindern und Jugendlichen zusammen sind. Hier sind sozialpädagogische Konzepte von großer Bedeutung. Existieren solche oder ist die Arbeit des Sozialpädagogen mit rechtsradikalen Jugendlichen hoff­nungslos, wenn nicht an den gesellschaftlichen Bedingungen etwas geändert wird?

In dieser Diplomarbeit wird versucht, die Entstehungsbedingungen für rechtsradi­kale Einstellungen aufzuzeigen.

Sie ist mit dem Ziel geschrieben worden, Verständnis für die Jugendlichen zu entwickeln. Wie kann es dazu kom­men, daß sie sich rechtsradikale Einstellungen aneignen? Diese Erklärungsmöglichkeiten sollen keine Entschuldigung für mögliche rechtsextremistische Verhaltensweisen sein. Aber sie zeigen die Entstehung sol­cher auf und bergen so auch die Chance in sich, diese anzugehen und außerdem rechtsradikalen Einstellungen vorzubeugen.

Wer Jugendlichen Werte und Orientierungen vermitteln will, muß sie in ihren Le­benswelten aufsuchen und sich darin auskennen. Das gilt für alle, die die Jugend­lichen erreichen und von ihnen akzeptiert werden wollen. Diese Diplomarbeit soll eine kleine Hilfe auf dem Weg dahin sein.

Um das Verständnis für dieses Thema zu erleichtern, erläutere ich zunächst ver­schiedene Begriffe und deren Abgrenzung. Außerdem zeige ich die Bandbreite vielfältigster rechtsradikaler und -extremistischer Erscheinungsformen auf und stelle meinen Arbeitsbegriff vor. Anschließend gehe ich auf entwicklungsspezifi­sche Aspekte der Pubertät und Adoleszenz ein. Es soll deutlich werden, warum es gerade in der Jugendzeit nicht selten ist, daß Jugendliche sich, auch manchmal nur vorübergehend, rechtsradikalen Gruppen zuwenden. Bei der darauffolgenden näheren Betrachtung der Entstehungsursachen soll dieser Entwicklungsaspekt immer mit in die Erklärung einfließen. Im Vordergrund der Erläuterungen stehen allerdings gesellschaftliche und individuelle Bedingungen, die rechtsradikale Einstellungen hervorbringen bzw. begünstigen. Dabei spielen auch gruppendy­namische Prozesse eine große Rolle. Schließlich sollen Handlungsmöglichkeiten für die Sozialpädagogik aufgezeigt werden.

2. Begriffsklärung

Es existieren vielfältige Begriffe für politische Orientierungen, deren Klärung es am Anfang meiner Diplomarbeit bedarf. Gerade auf dem Gebiet von politisch- rechten Einstellungen gibt es so viele Bezeichnungen, die verwirrend wirken. Worte wie "Rechtsradikalismus", "Rechtsfundamentalismus", "Neonazismus", "Neofaschismus", "Rechtsextremismus", "Neue Rechte" werden ständig in der Presse, Wissenschaft und Politik gebraucht.

Eine entscheidende Rolle in den Diskussionen dazu scheint das Demokratiever­ständnis bzw. der Grad des Verstoßes gegen die Demokratie zu spielen. Es ist je­doch festzustellen, daß nicht nur der bloße Begriff "Demokratie" im Grundgesetz verwandt wird, sondern die Bezeichnung "freiheitlich" hinzu kommt.1)

Leider läßt sich in keinem Gesetz eine Definition der "freiheitlich demokratischen Grundordnung" finden. Aber das Bundesverfassungsgericht läßt "... in sei­nem Urteil gegen die Sozialistische Reichspartei von 1952"2) diese "... als eine Ordnung bestimmen, die unter Ausschluß jeglicher Gewalt- und Will­kürherrschaft eine rechtstaatliche Herrschaftsordnung auf der Grundlage der Selbstbestimmung des Volkes nach dem Willen der jeweiligen Mehrheit und der Freiheit und Gleichheit darstellt. Zu den grundlegenden Prinzipien dieser Ordnung sind mindestens zu rechnen: die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, vor allem vor dem Recht der Persönlichkeit, auf Leben und freie Entfaltung, (...), die Unabhängigkeit der Gerichte, das Mehrparteienprinzip und die Chancengleichheit für alle politischen Parteien mit dem Recht auf verfas­sungsmäßige Bildung und Ausübung einer Opposition".3) Anhand dieses Begrif­fes und seiner Definition muß entschieden werden können, ob eine Vereinigung, Or­ganisation oder Partei verfassungsgemäß oder -widrig handelt, d. h. ob sie in­ner­halb der "freiheitlich demokratischen Grundordnung" handelt oder gegen sie. Daraus leitet man dann ab, ob diese radikal oder schon extremistisch ist. Das be­reitet zumeist größte Schwierigkeiten.

An den langen Diskussionen um die REP's wird die Problematik deutlich, Partei­en, Organisationen oder sonstige Vereinigungen präzise auf ihr Extremismuspo­tential hin zu untersuchen. Dies gilt insbesondere im rechten Politikspektrum.

Die Forschung zur Begriffsklärung und -abgrenzung befindet sich noch am An­fang. Es gibt vielfältige Auffassungen sowie Diskussionen darüber. Allein die­ses Thema würde eine gesonderte Arbeit füllen.

Gerade deshalb ist es so schwer, sich auf eine "allgemeingültige Formel" zu beru­fen. Aber ich werde trotzdem im folgenden Kapitel versuchen, diese Begriffe nä­her zu erläutern und abschließend mich auf einen beschränken, den ich als Grundlage meiner Arbeit verwende.

2.1 Radikalismus

Radikalismus läßt sich auf das lateinische Wort "radix" zurückführen. "Radix" bedeutet "die Wurzel". Es ist ein Denkansatz, welches an die Wurzel einer Sache geht. Radikale suchen tiefgründige Erklärungsmuster für Probleme in der Gesell­schaft und glauben fest an die Richtigkeit und Berechtigung ihres Ideengerüstes.

Radikalismus hat einen analytischen Anspruch, es bedeutet Ursachenforschung und ein dementsprechendes Verhalten. Radikalismus kann von der eigentlichen Wortbedeutung her einen fortschrittlichen und positiven Charakter haben.

In der Philosophie bezeichnet das Wort "radikal" "Denk- und Handlungsweisen, die auf die grundlegende Umgestaltung bestehender Verhältnisse abzielen".1)

Die zielgerichteten Handlungen von Radikalen werden innerhalb gesellschaftlich normierter Wege und Institutionen umgesetzt. Deshalb genießen Radikale auch den Schutz der Gesellschaft.2) Greenpeace setzt sich z.B. radikal für den Umwelt­schutz ein. Solange sie nicht gegen bestimmte Gesetze verstoßen, können sie öf­fentlich ihre Meinungen aufgrund der Meinungsfreiheit kundtun.

Die Anwendung von Gewalt wird abgelehnt.

Die Verwendung des Begriffs "Radikalismus" im rechten Politikspektrum ist hart umstritten. "Rechtsradikalen" wird vorgeworfen, nicht an die Wurzeln der Pro­bleme zu gehen, sondern an der Oberfläche zu bleiben. Für mich ist diese Auffas­sung fraglich, da auch "Rechtsradikale" ihre Ideologie zur Klärung gesellschaftli­cher Probleme haben, die allerdings nicht logisch nachvollziehbar ist. Diese Denkweise ist v. a. durch einen "... aggressiven Nationalismus, verbunden mit der Feindschaft gegen Ausländer, Juden und Minderheiten, fehlende Kompromißfähigkeit und Intole­ranz in der politischen wie ideologischen Ausein­andersetzung sowie der Glaube an Recht durch Stärke, Militarismus und Verherr­lichung des NS-Staates"3) ge­kennzeichnet. Wenn diese einzelnen Ideologieele­mente zu einem ganzen Gerüst ausgereift sind, so ist dieses auf jeden Fall ein Verstoß gegen die "freiheitlich de­mokratische Grundordnung", weil sie verschie­dene Grundsätze dieser mißachten. Hier ist aber entscheidend, wie weit das Ideo­logiegerüst bei den Betref­fenden ausgebaut ist. Wenn es nur einzelne Elemente sind, die Anwendung von Gewalt abgelehnt wird und sich innerhalb des demo­kratischen Verfassungsstaates bewegt wird, könnte man von "Rechtsradikalen" sprechen. Selbst diese irrationa­len Grundelemente bieten für sie eine durchaus "an die Wurzel" gehende Erklä­rung. Man muß also in diesem Zusammenhang auch die Sicht der Rechtsradikalen berücksichtigen.

Eine genaue Unterscheidung von "radikal" und "extremistisch" ist leider immer noch nicht existent. Dies wird mit Sicherheit auch nicht einfach sein, weil die Übergänge sehr fließend sind.

In der neueren Literatur läßt sich nur noch selten der Begriff des "Rechtsradikalismus" finden. Inzwischen hat sich mehr der Begriff des "Rechtsextremismus" durchgesetzt.

2.2 Extremismus

Extremismus leitet sich vom lateinischen Wort "extremus" ab, welches "äußerster

Teil" bedeutet.

"Extremismus (...) ist eine politische Richtung, die danach trachtet, den demokrati­schen Verfassungsstaat revolutionär zu verändern".1)

Extremisten gefährden durch ihre politischen Ziele den Bestand der vorhandenen Gesellschaft. Ihre Ziele und Mittel zur Durchsetzung entsprechen nicht der "frei­heitlich demokratischen Grundordnung".

Gewalt ist für sie ein legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Vorstel­lungen, welche sich auf die Beseitigung des freiheitlichen Rechtsstaates richten.

Kennzeichnend für politische Extremisten ist, daß sie neben ihren Auffassungen keine anderen Anschauungen gelten lassen. Andere Wahrheiten können nicht to­leriert werden, was bis zur Bekämpfung dieser führt. Nach ihrer Meinung geht von Andersdenkenden die Ge­fahr aus. Für das Überzeugungsmuster politisch extremistischer Einstellungen gilt ein Absolutheitsanspruch.

"Extremistisches Denken hält das eigene ideologische System für den Ausdruck 'objektiver' Wahrheiten, schreibt ihm Erklärungskraft für alle wesentlichen Pro­bleme des Lebens zu. Daraus erwächst die Neigung, andersartige Vorstellungen als illegitim einzustufen und entsprechend unnachsichtig zu bekämpfen".2)

Es gibt also zwei grobe Merkmale, die den "politischen Extremismus" charakteri­sieren. Das ist zum einen die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und damit auch seiner Werte. Die Anwendung von Gewalt ist zum anderen das zweite Standbein, auf dem sich die Begriffsdefinition stützt.

Für mich stellt sich die Frage, wie man den "politischen Extremismus" zum demo­kratischen Verfassungsstaat abgrenzt. Welche Auffassungen, Meinungen und Verhaltensweisen muß man innerhalb des demokratischen Verfassungsstaates to­lerieren und welche müssen verboten werden? Daß Antworten dazu nicht einfach gefunden werden können und daß keine einheitliche Meinung darüber besteht, zeigt, wie oben erwähnt, sehr deutlich die Dis­kussionen um die REP's. Ein ande­res Beispiel ist die "Wiking-Jugend", die jetzt erst verboten worden ist, obwohl sie mit ihrem Programm und ihren Zielen schon seit 1952 existiert. Warum geschah das nicht schon früher? Offenbar haben die Politiker Schwierigkeiten mit der Einschätzung, ob eine Or­ganisation verfassungsfeindlich agiert, d. h. ob sie extremistisch ist.

Eine Hilfe zur Feststellung dessen bietet die Untersuchung der Strukturmerkmale des Extremismus. Diese Strukturmerkmale können sein: "Dogmatismus, Utopis­mus und kategori­scher Utopieverzicht, Freund-Feind-Stereotypie, Verschwörungs­theorien, Fana­tismus und Aktivismus."1)

Sie sind allen politischen Richtungen des Extremismus gleich. Es ist jedoch falsch, daraus zu schlußfolgern, daß man rechts- und linksextremistische Gruppen inhaltlich gleich setzt.

Kennzeichnend sind z. B. die Argumentationsstrukturen mit Hilfe von "Freund/Feind" oder "gut/böse" Denkmustern. Den bösen Feind stellen für Rechtsextremisten beispielsweise Ausländer, Homosexuelle, Linke und Behin­derte dar. Sie sind an allen Widrigkeiten des politischen Lebens schuld.

Ein weiteres Merkmal, welches besonders für Extremisten gilt, ist ihr Aktivimus. Die Mitglieder extremistischer Organisationen sind im Vergleich zu demokrati­schen Organisationen sehr aktiv, "... zeichnen sich durch größeres Engagement und eine leidenschaftlichere, häufig die Grenze zum Fanatismus überschreitende Hingabe an die Sache aus".2) Eine Erklärung dafür bietet das Bestreben der Mit­glieder, an der Gesellschaft etwas ändern zu wollen. Somit stecken sie all ihre Energie in die Arbeit der Organisationen. "Extremistische Organisationen sind häufig Lebensmittelpunkt der Mitglieder. Die Zahl der 'Karteileichen' ist weit ge­ringer als bei demokratischen Organisationen".3)

Man wirft der Theorie des "politischen Extremismus" vor, daß sie ihre Grundla­gen und Erklärungen allein aus der "verfassungsrechtlich angeleiteten Sicht"1) bezieht. Dieser Kritik schließe ich mich an, da es zur Erklärung des Phänomens nicht ausreicht zu prüfen, ob etwas verfassungsrechtlich- oder widrig ist. Es müßten weitere Kriterien entwickelt werden, um dem Erscheinungsbild des "politischen Extremismus" gerecht zu werden bzw. es entsprechend zu beurteilen. Wichtig ist die Weiterentwicklung und Vertiefung der Forschung des Extremis­mus, um eine gute Arbeitsgrundlage, natürlich auch für die Erkundung sozialer und gesellschaftlicher Ursachen zu haben.

Als letzten Punkt meiner Betrachtungen zum Extremismus halte ich es für wich­tig, festzuhalten, daß es ein gewaltiger Unterschied ist, ob sich jemand am rechts-­ extremistischen Gedankengut orientiert oder ob er die gesamte Ideologie für sich übernimmt und sie in seinem Verhalten gegenüber der sozialen Umwelt zeigt. Hier ist die Rede vom "latenten und manifesten Rechtsextremismus."2) Rechtsra­dikale Einstellungen existieren in erschreckender Anzahl unter der Bevölke­rung. Das bedeutet aber noch nicht, daß diese Menschen sich auch danach verhalten würden. Ich be­zeichne sie als Menschen mit rechtsradikalen Ein­stellungen bzw. Orientie­rungen. Darauf wird im nächsten Kapitel näher eingegangen.

2.3 Terrorismus

Terrorismus bezeichnet den bewaffneten Kampf gegen ein herrschendes Gesell­schaftssystem, der auf einem langfristig aufgebauten politischen Programm ba­siert, um politisch motivierte Ziele durchzusetzen.3) Am Ende des politischen Extremismus steht der Terrorismus, wenn schwerste Gewalttaten, wie Mord an Repräsentanten des bekämpften Regimes, Geisel­nahme, Sprengstoffanschläge (z. B. Bombenanschläge auf lebenswichtige oder als Symbole der Unterdrückung betrachtete Einrichtungen), Banküberfälle zur Fi­nanzierung des Kampfes verübt werden. Die Opfer sind zumeist Unbeteiligte. Dieser Kampf findet illegal statt.

Von der Wortbedeutung her heißt terror (lateinisch) Schrecken oder Schrecknis.

Terrorismus ist eine "Form der politisch motivierten Gewaltandrohung und -an­wendung".1)

Terroristen meinen, daß man nur durch Gewalt etwas an der Gesellschaft ändern kann. Sie halten politische Diskussionen für fruchtlos, nachdem sie zumeist vor­her damit nur negative Erfahrungen machten. Die Geschichte hat auch bewiesen, daß solche Veränderungen oft nur so funktionieren. Man denke an alle Revolutio­nen, die die alte Gesellschaftsordnung stürzten und eine neue einleiteten (z. B. Novemberrevolution in Rußland oder Französische Revolution). Hier ist aller­dings wichtig, daß man zwei verschiedene Zielrichtungen des Terrorismus unter­scheidet. Die eine kann die "Beseitigung einer Fremdherrschaft" sein "zur Errin­gung oder Wiedergewinnung nationaler Selbständigkeit oder Autonomie (nationaler Terrorismus)" und die zweite kann der "Sturz eines Regimes und grundlegende Veränderung einer politischen und gesellschaftlichen Ordnung (revolutionärer Terrorismus)"2) sein.

Oft wird das Wort Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland mit politisch motivierten Taten gleichgesetzt, die man zu verurteilen hat. Aber der revolutio­näre Terrorismus erhält eine positive Bewertung, da er revolutionäre, fortschrittli­che Veränderungen einer Gesellschaft bringt.

Wie ist nun der heute vorhandene Terrorismus in der BRD zu beurteilen?

Es läßt sich der Begriff des Terrorismus im öffentlichen Leben der BRD eigent­lich nur in Bezug auf linksterroristische Aktionen bzw. Gruppierungen finden (RAF, "Revolutionäre Zellen" und "Bewegung 2. Juni"; letztere löste sich 1980 auf). Warum wird dieser Terminus nicht auch auf rechtsextremistische Gruppie­rungen angewandt?

Ich meine, daß auch Rechtsextremisten terroristische Gewaltakte (z. B. der An­schlag auf das Asylbewerberheim in Rostock) verüben. Allein in der SINUS-Studie der von mir aufgeführten Literaturangaben findet dieser Bewertungsaspekt eine Beachtung.

2.4 Erscheinungsbild des Rechtsextremismus

Zunächst erwähne ich die Bestimmung des Rechtsextremismus. Er zeichnet sich v. a. durch seine Demokratiefeindlichkeit aus. Demokratiefeindlichkeit läßt sich mit Hilfe von vier Grundhaltungen beschreiben. Diese sind: Nationalismus, Ab­leh­nung von universellen Freiheits- und Gleichheitsrechten der Menschen, Ablehnung parlamentarisch-pluralistischen Regierungssystemen mit dem gleich­zeitigen Streben nach einer Ein­heitspartei bei Verbot aller anderen Parteien sowie die Orientie­rung an einer Volksgemeinschaft.1) "Die Grundelemente des Rechtsextremismus sind Nationalismus, Verabsolutierung des Staates und völkische Ideologie, in Deutschland in der verschärften Form einer Rassenideo­logie".2)

Im folgenden werde ich versuchen, auf möglichst alle Begriffe, die in Presse, Rundfunk, Fernsehen oder Politik, also insgesamt im öffentlichen Leben kursieren, einzugehen und sie kurz zu erläutern.

Anschließend ziehe ich Schlußfolgerungen und stelle meinen Arbeitsbe­griff als Grundlage der Diplomarbeit vor.

2.4.1 Neonazis

Die Neonazis bekennen sich in ihrer Ideologie zum Nationalsozialismus und haben den nationalsozialistischen Staat als Vorbild, was sie von den Rechtsextremen abgrenzt. Aus diesem Grunde streben sie die Wiederbelebung des Nationalsozialismus an. Durch verschiedene Neuentwicklungen benutzt man die Vorsilbe "Neo".

Die meisten Neonazis erkennen Adolf Hitler als ihren Führer an und übernehmen viele Symbole dieser Zeit, wie z. B. das Hakenkreuz. Sie sind gegen die Demo­kratie und bekämpfen sie. Statt einer demokratischen Staatsform wollen sie eine totalitäre Regierungsform mit einer autoritären Führer­persönlichkeit und seinen Gefolgten - nach dem Vorbild des Dritten Reiches. An­tisemitismus und Auslän­derfeindlichkeit spielen eine bedeutende Rolle.

Es gibt keine einheitliche neonazistische Bewegung in der BRD, aber mehrere zersplittete Organisationen. Das liegt zum großen Teil daran, daß sie kein ein­heitliches realistisch politisches Programm besitzen. Daher werden von Neonazis meist unerwartete, spontane Handlungen ausgeführt. Diese Taten bestehen aus Rechtsverletzungen wie z. B. Schmier- und Krawallaktionen, öffentliche Provo­kationen durch das Verwenden nazionalsozialistischer Kennzeichen. Auch grobe Gewaltakte, z. B. gegenüber Ausländern gehören zum "Repertoire". Demzufolge kann man sie als neonazistisch orientierte Terroristen bezeichnen.

Zur militärischen Ausbildung ihrer Anhänger organisieren sie z. T. sogenannte "Wehrsportgruppen". "Bei paramilitärischen Übungen, bei denen Hieb-, Stich- und Schußwaffen eingesetzt werden, sollen die Teilnehmer auf die gewaltsame Durchsetzung ihrer Ziele vorbereitet werden".1)

Die jetzt erst verbotene "Wiking-Jugend" beispielsweise hat einen eindeutigen ne­onazistischen Charakter. Weitere Organisationen sind u. a. die "Nationale Alter­native (NA)", "Deutsche Alternative (DA)" und "Freiheitliche Deutsche Arbeiter­partei (FAP)" etc.

"Bundesweit gab es Ende 1993 etwa 1500 gruppengebundene Neonazis sowie weitere 950 neonazistische Einzelaktivisten".2) In Berlin soll es 280 Neonazis ge­ben.3) Ob diese Zahlen realitätsgetreu sind, ist fragwürdig, da der Verfassungs­schutz nicht alle Personen erfassen kann.

2.4.2 Skinheads

Skinheads haben ihre Wurzeln in den Arbeiterwohnbezirken britischer Industrie­städte der sechziger Jahre. Arbeiterkinder krempelten sich die Jeans hoch, um ihre Doc-Martens-Stiefel zu zeigen. Sie trugen Hosenträger über dem Hemd und Bom­berjacken. Sie schnitten sich die Haare ab, so daß man nicht mehr in sie hinein­greifen konnte (skinhead: geschorener Kopf). Es war ein offener Protest gegen die jungen, finanzkräftigen Mittelschichtkinder, die von der Rationalisierung in der Industrie profitierten. Sie wehrten sich gegen die Hippies, die eine gute Ausbil­dung genossen und aus bürgerlichem Elternhaus stammten. Im Gegensatz zu den langen Haaren der Hippies, ihrem Drogenkonsum und deren Offenheit für alles machten sie mit ihrem spezifischen Aussehen auf sich aufmerksam.

Die meisten Skinheads waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht rechtsextremistisch. Das begann erst Mitte der siebziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt waren die Skins (Abkürzung für Skinhead) bereit, einfache Antworten auf die Massenarbeitslosig­keit und Armut sowie Wertvermittlungen wie Kameradschaft anzunehmen (z. B. "Ausländer raus!"). Die Skins wurden von Neonazisten unterwandert. Innerhalb kürzester Zeit erhielt die gesamte "Skin-Kultur" ein rechtsextremistisches Image. Rechtsextremistische Skin­heads sind zumeist äußerlich an Kleidung und Haar­schnitt erkennbar. Neuerdings passen sie sich allerdings den sogenannten "Normalbürgern" an und wollen damit optisch nicht mehr auffallen. Sie hören Oi-Musik, die gekennzeichnet von "... einpeitschenden Rhythmen und brutalen Texten ..." ist. Diese "... erzeugen immer wie­der eine aggressive Stimmung, die in Verbindung mit exzessivem Alkoholgenuß oftmals zu Gewalttaten führt".1) In Oi-Musiktexten kommen deutlich rechtsex­tremistische Inhalte zum Ausduck - wie der Haß auf Ausländer oder Linke. So sang z. B. der Sänger der Berliner Band "Macht & Ehre" zum Abschied ihres Lie­des "Macht und Ehre": "Macht und Ehre soll Schrecken verbreiten und uns befrei­en von der Judentyrannei".2) Neben der Musik ist auch die Verbreitung rechtsex­tremistischen Gedankenguts in Zeitschrif­ten, sogenannten Fanzines, eine Kom­munikationsmöglichkeit. Eine Skinhead-Fanzine ist "Der Aktivist". In den Fanzi­nen wird über Neuigkeiten und Verände­rungen in der Skinszene berichtet und Texte von Liedern mit rechtsextremistischen Inhalten veröffentlicht.

Insgesamt kann man sagen, daß es innerhalb der rechtsextremistischen Skinheads aktive Neonazis gibt. Aber nicht jeder Skinhead ist gleich ein Neonazi. Und so gibt es innerhalb der Subkultur-Szene gravierende Unterschieden v. a. in den po­litischen Orientierungen. Es gibt auch Skinheads, die unpolitisch blieben und sol­che, die sich ausdrücklich gegen die rechtsextremistische Orientierung ausspre­chen. So existieren neben den rechtsextremistischen Skinheads (Oi-Skins, Nazi-Skins und Baby-Skins) auch linke Red- und SHARP-Skins (Skinheads Against Racial Prejudice).3) In einer Befragung von Skinheads zählten nur 17 % zu den Nazi-Skins.4) Die ehemalige Nazi-Skin-Musikband und heutige Heavy-Metal-Band "Böhse Onkelz" sangen 1985 in ihrem Lied "Häßlich, Brutal und Gewalttä­tig" folgendes: "Wir tragen alle Hakenkreuze, wir haben nur Gewalt im Sinn, ist es das, was ihr hören wollt, daß wir hirnlose Schläger sind".5)

2.4.3 Hools

Hooligans sind fußballbegeisterte Fans. Sie definieren sich über den Fußball, das ist ihr gemeinsames Interesse. Hooligans sind nicht automatisch Rechtsradikale oder gar Extremisten, so wie es meist im öffentlichen Leben dargestellt wird. Aber natürlich gibt es auch rechtsradikale Hooligans. Sie stellen jedoch eher eine Jugendkultur-Szene dar, die sich mal für oder gegen Nazis prügeln. Eine spezifi­sche politische Ideologie vertreten sie nicht. Es sind mehr bestimmte Interessen, Rituale und Äußerlichkeiten, die Hooligans kennzeichnen. Sie suchen nach Mög­lichkeiten, sich auszutoben und kurzzeitig aus dem Alltag auszubrechen. In einem Interview beantwortet ein 22jähriger die Frage, was ihn so am Hooligan-Sein fasziniert, folgendermaßen: "Das es für jeden, der Mut hat, auch wenn er nicht ge­rade der große Kampfsportler oder der große Schläger ist, eine Möglichkeit ist, sich trotzdem irgendwie zu präsentieren".1)

2.4.4 "Alte Rechte"

Unter dem Begriff der "Alten Rechten" werden all jene nationaldemokratischen Organisationen zusammengefaßt, deren Wurzeln schon kurz nach Beendigung des 2. Weltkrieges liegen. Zu diesen Organisationen zählt man z. B. die "Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD)" und ihre Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten (JN)" oder die "Deutsche Volksunion e. V. (DVU e. V.)". Sie orientieren sich im Unterschied zu den Neonazis "... stärker an völkisch-kollektivistischen, etatistischen, nicht unbedingt nationalsozialistischen Vorstel­lungen. Gewalttätige Aktionen gehen von diesen Parteien nicht aus".2)

Die "Nationaldemokraten" vertraten während der Jahre der deutschen Teilung immer die Meinung, daß Deutschland sich wiedervereinigen soll. Sie erhofften sich nach der Wende, von der "nationalen Welle" profitieren zu können. Jedoch konnten DVU und NPD keinen Zuwachs erhalten, da das Thema "Wiedervereinigung" von den anderen großen Parteien aufgegriffen wurde.

2.4.5 "Neue Rechte"

"Neue Rechte" ist ein allgemeiner Begriff für das neuerliche Erstarken von recht­sextremistischen Parteien und deren Zulauf.

Der Begriff wurde von Wolfgang Gessenharter geprägt, der damit ein Zwischen­stück zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus beschreibt.1) Problema­tisch hierbei ist die Begriffsbedeutung von Konservatismus und die Grenzziehung zwi­schen diesem und Rechtsextremismus. Der Übergang vom Nationalkonserva­tismus zum Rechtsextremismus und umgekehrt ist nicht eindeutig und gestaltet sich oftmals fließend. Die Mitglieder der "Neuen Rechten" befinden sich mit ihrer Ideologie genau in diesem Grenz­bereich. Sie orientieren sich an Idealen der Ver­gangenheit, nämlich der Weimarer Republik und an rechtsradikalem Ge­dankengut. Oft sind es intellektuelle Vereinigungen.

Es handelt sich bei der "Neuen Rechten" "... um ein Phänomen, das seine Wurzeln im Rechtsextremismus der Nachkriegszeit und in einem sich 'geistig' erneuernden Konservatismus besitzt".2) Die Vernetzung von nationalkonservativen und rechts­extremistischen Ideologieelementen ist auf einen gemeinsamen Bezugspunkt "Neuer Nationalismus", d. h. auf die Klärung der Frage nach einer "deutschen Identität" gerichtet.3)

Autoren der "Neuen Rechten" sind u. a. Armin Mohler, Bernhard Willms, Hans-Dietrich Sander, Pierre Krebs, Robert Hepp und Alain de Benoist.4) Sie zählen zu den Wegbereitern der Bewegung, stellen aber nicht das gesamte Spektrum derer dar. Sie sind Intellektuelle, z. B. war Willms ab 1970 Professor für politische Wissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum5) und Hepp ist Professor für Soziologie in Osnabrück.6) In den Aussagen der Vertreter der "Neuen Rechten" kommen deutlich rechtsradikale Einstellungen zutage. Gefordert wird von ihnen eine "Kulturrevolution von rechts", die sie versuchen, wissenschaftlich zu bele­gen. Die "Neue Rechte" stellt also eine intellektuelle Gruppierung dar, die nach ei­nem neuen Nationalismus und einer "deutschen Identität" strebt. Gerade die ge­sellschaftliche Stellung dieser Vertreter (man bedenke: z. B. Professor an einer Universität!) schafft eine besondere Gefährlichkeit, da sie ihr Gedankengut sehr gut verbreiten können.

2.4.6 Eigene Begriffsbestimmung

In meiner Arbeit nehme ich mehr Bezug auf die Jugendlichen. Aufgrund ihrer Entwicklungsphase muß man immer dabei berücksichtigen, daß sie evtl. "nur" Gefallen an der Gruppe haben und sich ihr anschließen, weil sie keine anderen Kontakte zu Gleichaltrigen haben. Subkulturelle Integration verschafft Halt und Orientierung. Auch besteht die Möglichkeit, daß sie "nur" Mitläufer sind. Ich un­terstelle keinem Jugendlichen, er sei demokratiefeindlich (extremistisch), weil er einer rechten Subkultur, vielleicht auch nur vorübergehend, angehört.

In meinen Betrachtungen untersuche ich nicht nur schon vorhandenes rechtsex­tremistisches Verhalten, sondern vielmehr die Ursachen für rechtsradikales- und extremes Einstellungspotential. Das ist ein erheblicher Unterschied.

Ich halte es deshalb für angebracht, das gesamte rechte Spektrum in dieser Arbeit unter dem Sammelbegriff Rechtsradikalismus zu führen. Ich möchte dabei Jugendliche mit rechtsradikalen Einstellungen in den Vordergrund stellen und sie damit von denen mit extremistischen und terroristischen Tendenzen abgrenzen.

3. Entwicklungspsychologie der Pubertät und Adoleszenz

Um die Ursachen für politische Radikalisierung Jugendlicher besser verstehen zu können, ist es notwendig, besonders die Entwicklungsphase der Pubertät und Adoleszenz näher zu beleuchten.

Gerade in dieser Zeit machen Jugendliche viele neue Erfahrungen und müssen neue Aufgaben bewältigen. Neben der rasanten körperlichen Entwicklung der Mädchen und Jungen, in der sie zu Frauen und Männern heranwachsen, müssen sie v. a. mit den neuen Anforderungen in der Schule und im Elternhaus sowie in der übrigen sozialen Umgebung zurecht kommen.

Hinzu kommt, daß diese Zeit eine "Zeit des Übergangs"1) darstellt, in der "der Jugendliche in neue Umwelten eintritt, aber bisherige Umwelten noch nicht ver­läßt."2) Auf diesem Weg sind die Jugendlichen vielen Schwierigkeiten der Be­wältigung, die nicht immer jedem ausreichend gelingt, ausgesetzt.

3.1 Begriffsbestimmung der Pubertät und Adoleszenz

In der Literatur findet man die beiden Begriffe, die die Jugendphase beschreiben: Pubertät und Adoleszenz.

Der Begriff Pubertät stammt vom lateinischen Wort pubertas: Mannbarkeit ab und bedeutet, daß der Jugendliche die Geschlechtsreife erlangt. Ausschlaggebend dafür ist die Ausbildung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale (Brüste, Bartwuchs etc.) . Während der Pubertät tritt bei den Mädchen das erste Mal die Menstruation und bei den Jungen die nächtlichen Samenergüsse (Pollution) auf.

Der Beginn der Pubertät liegt bei Mädchen etwa zwischen 10 bis 12 Jahren, bei den Jungen ungefähr 2 Jahre später. Diese Altersangaben können variieren.

Mit dem Begriff der Pubertät ist in aller Regel der Prozeß der körperlichen Ver­änderungen während der Geschlechtsreifung gemeint. Sie leitet auch die Verände­rungen im psychischen Bereich ein und steht am Anfang der Phase der Adoles­zenz.

Der Begriff Adoleszenz stammt vom lateinischen Wort adulescens: der Heran­wachsene ab. Es beschreibt einen Prozeß, deren Ergebnis der Erwachsene ist. Im allgemeinen benutzt man das Wort Adoleszenz synonym mit der Jugendphase, die auch die Pubertät beinhaltet. Nach längerem Literaturstudium stellt man aber fest, daß "... Adoleszenz im weiteren Sinne das Jugendalter bedeutet, im engeren Sinne den Übergang vom Jugendalter zum Erwachsenenalter".1)

Der Beginn der Adoleszenz (im weiteren Sinne) läßt sich relativ genau bestim­men. Er setzt wie oben erwähnt mit der Pubertät ein. Viel schwerer ist der Ab­schluß der Phase der Adoleszenz festzustel­len. Der Zeitpunkt des Eintretens in die Welt des Erwachsenen ist nicht genau bestimmbar.

Erikson z. B. "... kennzeichnet die Adoleszenz als einen Lebensabschnitt, in dem sich ein neues Identitätsgefühl entwickelt. Mit Identität ist hier gemeint, daß der Jugendliche einen persönlichen Lebensstil ent­wickelt...".2) Dieser Begriffsbe­stimmung schließe ich mich an.

Zusammenfassend kann man sagen, daß der gesamte Prozeß des Erwachsenwer­dens die Phase der Adoleszenz bezeichnet. Sie wird von der Pubertät eingeleitet und endet mit dem Erwachsenenalter, welches vom Zeitpunkt her nicht genau bestimmbar ist und individuell verschieden ist.

[...]


1) vgl. GG v. a. Art. 18, 21 S. (2),

2) Jesse Eckhard, Streitbare Demokratie. Theorie, Praxis und Herausforderung in der Bundesrepublik Deutschland, 1981, S. 17

3) ebd. , S. 18

1) Böhme-Kuby Susanna, Extremismus, Radikalismus, Terrorismus in Deutschland, 1991, S. 27

2) vgl. GG, Art. 3 S. (3)

3) Magistratsverwaltung für Jugend, Familie und Sport, Jugend und Rechtsextremismus in Berlin-Ost. Fakten und Gegenstrategien, 1981, S. 70

1) Jesse, Eckhard, a. a. O., 1981, S. 41

2) Backes, Uwe/Jesse, Eckhard, Extremismusforschung - ein Stiefkind der Politikwissenschaft in: Extremismus und streitbare Demokratie, 1987, S. 24

1) Pfahl-Traughber, Armin, Rechtsextremismus - Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung, 1993, S.16

2) Backes, Uwe/Jesse, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, 1989, S.179

3) ebd. , S.181

1) Pfahl-Traughber, Armin, a. a. O., 1993, S. 17

2) Stöss, Richard, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik. Entwicklung, Ursachen, Gegenmaßnahmen, 1989, S.20

3) Backes, Uwe/Jesse, Eckhard, a. a. O., 1989, S. 151

1) Bertelsmann 1992, Bd. 16, S. 59

2) ebd., S. 60

1) vgl. Stöss, Richard, a. a. O., 1989, S. 19

2) Hohlbein, Hartmut, Politischer Extremismus. Links-und Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, 1985, S. 36

1) Hohlbein, Hartmut, a. a. O., 1985, S. 39

2) Landesamt für Verfassungsschutz Berlin, Rechtsextremismus in Berlin, 1994, S. 74

3) vgl. ebd. S. 61

1) Landesamt für Verfassungsschutz Berlin, a. a. O., 1994, S. 112

2) ebd. , S. 113

3) vgl. ebd., S. 107

4) vgl. Seidel-Pielen, Eckhard in: Otto, Hans-Uwe/Merten, Roland, Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Jugend im gesellschaftlichen Umbruch, 1993, S. 371

5) ebd.

1) Farin, Klaus/Seidel-Pielen, Eberhard, Krieg in den Städten, 1991, S. 102

2) Landesamt für Verfassungsschutz Berlin, a. a. O., 1994, S. 145

1) Pfahl-Traughber, a. a. O., 1993, S. 28

2) Mantino, Susanne, Die 'Neue Rechte' in der 'Grauzone' zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus, 1992, S. 14

3) vgl. ebd.

4) vgl. ebd., S. 89

5) vgl. ebd., S. 110

6) vgl. ebd., S. 148

1) Oerter, Rolf /Montada, Leo, Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, 1987, S. 266

2) ebd.

1) Bertelsmann, Bd. 1, 1992, S. 52

2) Wit, Jan de/ Veer, Guus van der, Psychologie des Jugendalters, 1982, S. 15

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen bei Jugendlichen. Handlungsfelder für die Sozialpädagogik ?
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin  (FH)
Note
1
Autor
Jahr
1995
Seiten
68
Katalognummer
V15040
ISBN (eBook)
9783638202800
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursachen, Entstehen, Einstellungen, Jugendlichen, Berücksichtigung, Entwicklungsphasen, Pubertät, Adoleszenz, Handlungsfelder, Sozialpädagogik
Arbeit zitieren
Anja Binder (Autor), 1995, Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen bei Jugendlichen. Handlungsfelder für die Sozialpädagogik ?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15040

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