Immer öfter hören wir aus den Medien von Gewalttaten und Überfällen auf Ausländer,
von Brandanschlägen auf Ausländer- oder Aussiedlerheime, Beschädigungen und
Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen oder von Übergriffen auf Homosexuelle und
Behinderte etc. Ebenso sind die Wahlerfolge der REP's und das allgemeine Erstarken
rechtsextremistischer Kräfte in der Bundesrepublik und in anderen Ländern der Erde
erschreckend, was viele Menschen betroffen macht.
Grundlage für diese zu verachtenden Verhaltensweisen sind rechtsradikale Einstellungen
und Haltungen. Zu verachten sind sie deshalb, weil sie das Leben und die Psyche
anderer Menschen verletzen.
Sie stellen ebenso ein Problem dar, weil diese Menschen Absolutheitsansprüche für ihre
Meinungen haben und deswegen andere nicht gelten lassen.
Die Existenz von rechtsradikalen Standpunkten ist auch ein politisches Problem, weil auf
dieser Ebene außer der längst nicht ausreichenden Forderung nach einer juristischen
Lösung keine schlüssigen Antworten gegeben werden. Es müssen Zeichen vom Staat
gesetzt werden, indem Strafen für Gewalttäter und die Verbote der
rechtsextremistischen Vereinigungen wirklich durchgesetzt werden. Die Grenzen des
Staates müssen deutlich spürbar gemacht werden. Trotzdem ist die Forderung völlig
unzureichend, weil sie keine dauerhafte Wirkung haben kann. Das hat seine Ursachen in
den Entstehungsbedingungen für Ideologien der Ungleichheit, völkische Überhöhung
(Nationalismus) oder Gewaltakzeptanz. Diese entwickeln sich mitten in unserer
Gesellschaft, nämlich aus der Existenz gesellschaftlicher Probleme wie Arbeitslosigkeit,
Wohnungsnot, Individualisierung etc. und dem latenten Vorhandensein rechtsradikaler
Einstellungs- und Handlungsmuster unter der Bevölkerung. Um der Entstehung
rechtsextremistischer Tendenzen entgegenzuwirken, sollte man sich zunächst den eben
genannten primären Ursachen zuwenden.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, daß einer Freundin von ihren Eltern
die Freundschaft zu einem Äthiopier verboten worden ist. Dieses Mädchen kommt aus
einer ganz normalen deutschen Durchschnittsfamilie. Wie weit sind solche Einstellungen
verbreitet? Existieren sie, mehr als wir glauben, in den Überzeugungen der breiten
Bevölkerungsschicht? Übernehmen die Jugendlichen diese von den Erwachsenen? [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
2.1 Radikalismus
2.2 Extremismus
2.3 Terrorismus
2.4 Erscheinungsbild des Rechtsextremismus
2.4.1 Neonazis
2.4.2 Skinheads
2.4.3 Hools
2.4.4 "Alte Rechte"
2.4.5 "Neue Rechte"
2.4.6 Eigene Begriffsbstimmung
3. Entwicklungspsychologie der Pubertät und Adoleszenz
3.1 Begriffsbestimmung der Pubertät und Adoleszenz
3.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
3.2.1 Identitätsentwicklung als wichtigste Entwicklungsaufgabe
3.2.2 Identitätsfindung in der Gruppe
4. Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen
4.1 Politikwissenschaftliche Erklärungsansätze
4.1.1 Faschismustheoretischer Ansatz
4.1.2 "Modernisierungsopfer" - Ansatz
4.1.3 Extremismustheoretischer Ansatz
4.1.4 "Politische Kultur" - Ansatz
4.1.5 Zusammenfassung und Schlußfolgerung
4.2 Gesellschaftliche Ursachen
4.2.1 Wertewandel
4.2.2 Individualisierung
4.2.3 Politik-und Parteienverdrossenheit
4.2.4 Werte-und Orientierungskrise insbesondere bei Jugendlichen der Neuen Bundesländer
4.2.5 Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte
4.2.6 Politisches Meinungsbild der Bevölkerung der BRD
4.2.6.1 SINUS-Studie
4.2.6.2 Eigene Befragung
4.3 Individuelle Ursachen
4.3.1 Persönlichkeitsstruktur
4.3.2 Angstverarbeitung
4.3.3 Politische Sozialisation
4.4 Gruppendynamische Prozesse
4.4.1 Theorie der Subkultur
4.4.2 Theorie des Intergruppenverhaltens
5. Handlungsmöglichkeiten für die Sozialpädagogik
5.1. Präventive Arbeit
5.1.1 Politische Bildungsarbeit
5.1.2 Interkulturelle Jugendarbeit
5.1.2.1 Internationaler Jugendaustausch
5.1.2.2 Eigenes Projekt: "Cafe´der Begegnung"
5.2 Reagierende Arbeit
5.2.1 Akzeptierende Jugendarbeit
5.2.2 "Anti-Aggressivitäts-Training"
5.3 Grenzen für die Jugendarbeit
6. Abschlußgedanken
Zielsetzung und Themen der Diplomarbeit
Die Arbeit analysiert die Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen bei Jugendlichen, wobei ein besonderer Fokus auf die Entwicklungsphasen der Pubertät und Adoleszenz sowie auf gesellschaftliche und individuelle Bedingungsfaktoren gelegt wird. Ziel ist es, sozialpädagogische Handlungsfelder aufzuzeigen, um diesem Phänomen präventiv und reagierend zu begegnen.
- Theoretische Grundlagen zur Begriffsabgrenzung von Radikalismus, Extremismus und Rechtsextremismus.
- Entwicklungspsychologische Aspekte der Identitätsbildung im Jugendalter.
- Analyse gesellschaftlicher Ursachen wie Wertewandel, Individualisierung und Politikverdrossenheit.
- Diskussion individueller Ursachen, einschließlich Persönlichkeitsstrukturen und gruppendynamischer Prozesse.
- Erörterung sozialpädagogischer Handlungsansätze, unterteilt in präventive Bildungsarbeit und akzeptierende, reagierende Jugendarbeit.
Auszug aus dem Buch
2.1 Radikalismus
Radikalismus läßt sich auf das lateinische Wort "radix" zurückführen. "Radix" bedeutet "die Wurzel". Es ist ein Denkansatz, welches an die Wurzel einer Sache geht. Radikale suchen tiefgründige Erklärungsmuster für Probleme in der Gesellschaft und glauben fest an die Richtigkeit und Berechtigung ihres Ideengerüstes.
Radikalismus hat einen analytischen Anspruch, es bedeutet Ursachenforschung und ein dementsprechendes Verhalten. Radikalismus kann von der eigentlichen Wortbedeutung her einen fortschrittlichen und positiven Charakter haben.
In der Philosophie bezeichnet das Wort "radikal" "Denk- und Handlungsweisen, die auf die grundlegende Umgestaltung bestehender Verhältnisse abzielen". 1)
Die zielgerichteten Handlungen von Radikalen werden innerhalb gesellschaftlich normierter Wege und Institutionen umgesetzt. Deshalb genießen Radikale auch den Schutz der Gesellschaft.2) Greenpeace setzt sich z.B. radikal für den Umweltschutz ein. Solange sie nicht gegen bestimmte Gesetze verstoßen, können sie öffentlich ihre Meinungen aufgrund der Meinungsfreiheit kundtun.
Die Anwendung von Gewalt wird abgelehnt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Präsenz rechtsradikaler Gewalttaten und Einstellungen in der Gesellschaft und stellt die Notwendigkeit sozialpädagogischer Konzepte zur Prävention und Intervention heraus.
2. Begriffsklärung: Dieses Kapitel differenziert zwischen verschiedenen politischen Begrifflichkeiten wie Radikalismus, Extremismus und Rechtsextremismus, um eine fundierte Arbeitsgrundlage zu schaffen.
3. Entwicklungspsychologie der Pubertät und Adoleszenz: Der Autor untersucht die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters, insbesondere die Identitätsfindung, und deren Bedeutung für die Anfälligkeit gegenüber rechtsradikalen Gruppierungen.
4. Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen: Das Kapitel bietet eine tiefgehende Ursachenanalyse, die politikwissenschaftliche Ansätze mit soziologischen und psychologischen Faktoren verknüpft.
5. Handlungsmöglichkeiten für die Sozialpädagogik: Es werden konkrete Strategien für die pädagogische Arbeit vorgestellt, wobei zwischen präventiven Bildungsansätzen und akzeptierenden, reagierenden Methoden unterschieden wird.
6. Abschlußgedanken: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass eine dauerhafte Bekämpfung rechtsradikaler Einstellungen über die Arbeit an der Oberfläche hinausgehen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen einbeziehen muss.
Schlüsselwörter
Rechtsradikalismus, Jugend, Identitätsentwicklung, Pubertät, Adoleszenz, Sozialpädagogik, Prävention, Rechtsextremismus, Wertewandel, Individualisierung, Politische Bildung, Gruppendynamik, Jugendsozialarbeit, Politische Kultur, Gewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Hintergründe für die Entstehung rechtsradikaler Einstellungen bei Jugendlichen unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Entwicklungsphasen und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der begrifflichen Klärung von politischer Radikalität, der entwicklungspsychologischen Identitätsbildung im Jugendalter sowie der Analyse soziologischer und psychologischer Ursachen für rechtsradikale Orientierungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Lebenswelt Jugendlicher zu entwickeln und daraus effektive sozialpädagogische Handlungsoptionen abzuleiten, um Radikalisierungsprozessen entgegenzuwirken.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Literaturanalyse mit einer eigenen, beispielhaften Befragung von Jugendlichen in einem Freizeitheim, um Hypothesen zur Entstehung rechter Einstellungen zu überprüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Ursachenanalyse (gesellschaftlich, individuell, gruppendynamisch) und eine Darstellung praktischer Handlungsfelder für Sozialpädagogen, inklusive konkreter Projektbeispiele.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Rechtsradikalismus, Identitätsentwicklung, Pubertät/Adoleszenz, Sozialpädagogik, Prävention sowie der Einfluss von Wertewandel und Individualisierung.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "radikal" und "extremistisch" für die Autorin eine wichtige Rolle?
Die Differenzierung ist entscheidend, um zwischen einer bloßen, mitunter vorübergehenden Suche nach Orientierung in rechten Subkulturen und einer gefestigten, demokratiefeindlichen extremen Weltanschauung zu unterscheiden.
Welchen Stellenwert nimmt die eigene Befragung in Hellersdorf ein?
Sie dient als illustrative Ergänzung zur SINUS-Studie, um aufzuzeigen, wie Jugendliche im konkreten Alltag (hier im Osten Berlins nach der Wende) auf politische Statements reagieren, auch wenn sie keinen repräsentativen Anspruch erhebt.
- Quote paper
- Anja Binder (Author), 1995, Ursachen für das Entstehen rechtsradikaler Einstellungen bei Jugendlichen. Handlungsfelder für die Sozialpädagogik ?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15040