Das Serapiontische Prinzip

Eine theoretische und werkimmanente Abhandlung


Hausarbeit, 2008

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretisch-poetologische Untersuchung
1 Das Serapiontische Prinzip in den Erzahlungen ETA Hoffmanns
2. Hoffmann als Erzahler:
3. Das serapiontische Prinzip Norm oder Willkur:
4. Der Mechanismus des serapiontischen Prinzips:
5. Zur Funktion der Lebendigkeit bei Hoffmann:
6. Wirkungsfelder des Serapiontischen Prinzips:
7. Das Serapiontische Prinzip als echtes Dichtungskonzept:

III. Werkimmanente Untersuchung
1. Vorbemerkungen
1.1 Ziele und Grenzen
1.2 Was ist serapiontisch? - eine Annaherung
2. Textgestaltung
2.1 Die Wohlgerundetheit
2.2 Die Lebendigkeit
3. Figurengruppen und -konstellationen
4. Hoffmanns direkte Ansprache an den Leser

IV. Nachwort

V. Literaturverzeichnis
1. Primarliteratur:
2. Sekundarliteratur

VI. Erfahrungsbericht:

I. Einleitung

„Schweigen wir aber uber alles Verfangliche unseres Vereins, das der Teufel schon von selbst hineintragen wird bei guter Gelegenheit, und sprechen wir von dem Serapiontischen Prinzip! Was haltet ihr davon?“

So sei nun dies der Auftakt, tatsachlich uber eben jenes Prinzip zu berichten! Lo- thar, eines der Mitglieder dieses Freundeskreis, wirft sogleich die Vermutung auf, es handele sich hier um ein feindliches Prinzip. Es sei vorweg genommen, dass dem nicht so ist. Was Hoffmann in seinem Werk „Die Serapionsbruder“ von diesem fikti- ven Freundeskreis diskutieren lasst, ist nichts geringeres als seine Kunstauffassung. Es ist indes keine strukturelle Poetik geworden, sondern nach Tieckschem Vorbild eine Sammlung von Erzahlungen, die von Kommentierungen zum Erzahlten durch den Freundeskreis umrahmt werden.

Diese Hausarbeit stellt sich der Frage, was uberhaupt als serapiontisch zu bezeich- nen ist und wie sich dieses Prinzip in den Erzahlung o. g. Werkes darstellt. Da diese Hausarbeit ein Gemeinschaftsprojekt darstellt und die amtlichen Vorgaben zwecks der Moglichkeit zur Bewertung zwei eigenstandige Teile vorschreiben, haben wir uns entschieden, den Begriff in einem theoretisch-poetologischen und in einem werkim- manenten Abschnitt zu untersuchen. Uns ist bewusst, dass beide Methoden des Her- angehens nicht scharf voneinander trennbar sind und voneinander profitieren, wenn sie gleichberechtigt an einer Erzahlung angewendet werden. Um dieses Manko auszu- gleichen, sind die beiden Abschnitte durch Querverweise miteinander vernetzt.

Der theoretische Abschnitt ist eine Auseinandersetzung mit dem Normcharakter dieses Prinzips und seiner intendierten Wirkung. Es werden im gleichen Zuge die Be- griffe der Wirklichkeit, Fiktion und Imagination einer Untersuchung unterworfen und dabei an Hoffmanns Prinzip gemessen.

Im werkimmanenten Abschnitt werden die gewonnenen Erkenntnisse an den ein- zelnen Erzahlungen nachvollzogen und dahingehend uberpruft, ob sich ein verallge- meinbares Gesamtbild entdecken lasst. Es werden die Text- und Figurengestaltung untersucht und dabei einzelne erkennbare Tendenzen herausgearbeitet.

II. Theoretisch-poetologische Untersuchung

1 Das Serapiontische Prinzip in den Erzahlungen ETA Hoffmanns

Wie es bereits im gemeinsamen Vorwort mit meinem Mitautor deutlich geworden ist, haben wir uns entschieden die Hausarbeit thematisch in einen theoretischen und einen praktischen Teil zu gliedern. Die Grunde hierfur wurden bereits im Vorwort na- her erlautert.

Zu Anfang stellt sich dennoch die berechtigte Frage, ob der Stoff, das Serapionti­sche Prinzip, uberhaupt eine blob theoretische Diskussion zulasst, die weitestgehend auf werkimmanente Belege verzichten muss. Meiner Meinung nach ware eine solche Behandlung moglich, wenn der Schwerpunkt der Arbeit auf die sogenannte Rahmen- handlung der Serapionsbruder gelegt wird. Zwar konnen und sollen die einzelnen Wer-ke, wie es in der alteren Forschung durchaus ublich war, einzeln betrachtet wer- den, doch sollte der Rahmenerzahlung Hoffmann ebenso viel Aufmerksamkeit gewid- met werden wie seinen Einzelerzahlungen. Begrunden liebe sich ein solches Vorge- hen wie folgt: „Die Serapiontik Hoffmanns ist eine Umschreibung seines Dichter- tums: seiner von der Kunst und seiner dichterischen Darstellung dieser Auffassung"[1]

Sinnvoll ware ein so geartetes Vorgehen auch, da Hoffmann selbst, fur uns also die wichtigste Referenz in dieser Frage, den Fokus des „geneigten Lesers“ fur seine Ge- schichtensammlung „Die Serapionsbruder “ mit den nachfolgenden Worten auf die Rahmenhandlung und ihren uber den bloben Unterhaltungswert hinaus weisenden Charakter lenkte. Urteil und geistige Schopferkraft der Serapionsbruder bilden den Rahmen fur die vielfaltige Geschichten- und Erzahlungssammlung. Das gemutliche Beisammensein entspricht weniger einem Klubabend als vielmehr einer ausgereiften Diskussion uber die korrekte Technik der Dichtung und ihr angestrebtes Wesen:

Hier soil die Unterhaltung der Freunde, welche die verschiedenen Dichtungen miteinander ver- knupft, aber mit das treue Bild des Zusammenseins der Gleichgesinnten aufstellen, die sich die Schopfungen ihres Geistes mitteilen und ihr Urteil daruber aussprechen.[2]

2. Hoffmann als Erzahler:

Die Bezeichnung „serapiontisches Prinzip“ leitet sich namentlich von einer Text- sammlung ETA Hoffmanns ab, den „Serapionsbrudern“. Es handelt sich um eine Sammlung von insgesamt 30 Erzahlungen und Texten, die ursprunglich uber 4 Bande verstreut vorlagen.[3] Zu Beginn des Jahres 1818 schlug der Verleger Georg Reimer Hoffmann vor diese Erzahlungen gesammelt in Buchform zu publizieren. Hoffmann schlagt im Zuge dessen vor die Erzahlungen in einen gewissen Rahmen einzukleiden nach dem Vorbild von Tiecks „Phantasus“.[4] Bereits im gleichen Jahr entscheidet er sich dann fur den Titel „Die Seraphinen Bruder. Gesammelte Erzahlungen und Mar- chen. Herausgegeben von ETA Hoffmann."[5] Im Laufe des Jahres 1818 anderte er dann den Namen des Werkes auf „Die Serapionsbruder".

Der Name Seraphinenbruder selbst tritt schon im Jahre 1814 in Erscheinung, als Hoffmann mit einigen Freunden am Tag des hl. Seraphinus von Montegranaro den sog. Seraphinenorden grundet. 1816 wurde dieser Orden schon wiederaufgelost und konstituierte sich 1818 dann unter dem Namen „Serapions-Bruder“ neu.

An dieser Stelle festzustellen ist also, dass es einen unmittelbaren Bezug zwi- schen der Textsammlung und dem Freundeskreis um Hoffmann herum zu geben scheint. Belegt wird dies meiner Ansicht nach eindeutig durch die gleichzeitige 1818 Namensanderung sowohl bei der Textsammlung als auch bei der Neugrundung des Ordens.

Doch welche Konsequenzen entstehen nun durch diese von der Literaturwissen- schaft gut belegten Bindung von Autor und Werk fur das Prinzip als solches?[6] Um jene Frage zu klaren, ist es ratsam sich kurz die Rahmenkonzeption, welche bereits in der Begriffsdefinition erwahnt wurde, vor Augen zu fuhren. Die Geschichten aus o. g. Werk werden von sechs fiktiven Freunden erzahlt, wobei hier anzumerken sei, dass die Literaturwissenschaft biographische Bezuge zu engen Freunden Hoffmanns her- stellen kann und die sechs Erzahler ihre Entsprechungen in der Realitat haben.[7] Nichtsdestotrotz kann an dieser Stelle der Meinung von Wulf Seegebrecht gefolgt werden, der die fiktive Seite der Erzahlerfiguren betont, mit der Ansicht, es handle sich um ein autobiographisches Ich, welches in allen sechs Erzahlern gleichermaBen widergespie-gelt wird bzw. allen sechs Freunden gleichermaBen zu Grunde liegt.[8]

Der hier scheinbare Widerspruch zwischen historisch-biographischen Gestal- tungsnormen und einem „Autorenkollektiv“[9] als Ersatz fur eine singulare Erzahlerfi- gur, lost sich mit der Frage nach der unmittelbaren Wirkung der sechs charakterlich verschiedenen Erzahler auf den Leser auf. Sie ermoglichen es dem Leser, sich aus seiner bloBen Rezipientenhaltung zu losen, die er wahrend der Lekture der Texte ein- genommen hat, und sich weitergehend mit dem Text auseinander zu setzten. Der Le­ser wird in eine Position versetzt, aus der er die eben gelesene Erzahlung zu reflektie- ren vermag, ohne die Rahmenhandlung, den Leseprozess und die eigentliche Ge- schichte zu verlassen. Diese Technik wurde jedoch mit einem einzelnen Erzahler zu einer bloBen Belehrung durch den Autor herab gestuft werden; der Leser durfte nicht teilhaftig sein an einer Diskussion mit mehreren Positionen deren Verlauf aus der Vielzahl an Meinungen weitestgehend objektiv ist, sondern musste sich direkt der subjektiven Autormeinung stellen. Eine Entgrenzung des Autors lasst dem Leser die Moglichkeit sich mit verschiedenen kunstlerischen Positionen und Gestaltungsele- menten auf einer objektiveren Ebene auseinander zu setzen.[10] Die Entlehnung der Charaktere bei realen Figuren der Lebenswelt Hoffmanns dient lediglich der Authen- tizitat der verschiedenen Positionen innerhalb der Diskussion.

3. Das serapiontische Prinzip Norm oder Willkur:

Wenn oben von einer Diskussion uber kunstlerisch - asthetische Elemente ge- sprochen wird, so darf nicht vergessen werden, dass es bei allen Diskussionen der Freunde in erster Linie um die Einhaltung des serapiontischen Prinzips an sich geht.[11]

Folgt man einer Deutung durch die Serapionsbruder, so handelt es sich dabei um eine „Poetologie“[12]. Nun muss aber an dieser Stelle angemerkt werden, dass der Be- griff der Poetik/ Poetologie[13] aus literaturwissenschaftlicher Sicht nicht unumstritten ist. Gerhard Kaiser fuhrt diese Unsicherheit in der Forschung auf eine mangelnde Be- ach-tung der Selbstzeugnisse Hoffmanns zuruck, der sich seinerseits „nur zuruckhal- tend theoretisch - programmatisch auBerte.“[14]

Bei einer Poetik handelt es sich, allgemein formuliert, um ein durchgehendes Ge- staltungskonzept oder auch eine Gestaltungsnorm, die der Dichter seinen Werken als roten Faden zu Grunde legt. Auf den ersten Blick scheint die Einbettung der Erzah- lun-gen in eine einheitliche Rahmenhandlung und die stetige Diskussion der Freunde uber das Serapiontische eine solche Vermutung zu stutzen. Aber gerade der Gebrauch einer solchen Normierung ist nicht unproblematisch, da sich Hoffmann in den Serapi- onsbrudern mittels der Person des Lothar ausdrucklich genau gegen eine solche zwanghafte Reglementierung ausspricht und somit fur eine dichterische Willkur:

Herrlicher Einfall ! “, rief Lothar, „fuge doch noch sogleich, lieber Ottomar, gewisse Gesetze hinzu, die bei unsern bestimmten wochentlichen Zusammenkunften stattfinden sollen. Z.B.(...) daB jeder gehalten sein soil, dreimal witzig zu sein, oder daB wir ganz gewiB jedesmal Sardel- lensalat essen wollen. Auf diese Art bricht dann alle Philisterei auf uns ein[15]

Verfolgt man die Frage nach dem Systemcharakter des Hoffmannschen Serapions- werkes hingegen genauer, so gewinnt man den Eindruck, dass das oben stehende Zitat schnell an seine Grenzen stoBt. Die vom Serapionsbruder Lothar geforderte Bedin- gung der inneren Schau erscheint dem Leser als ein „poetischer Imperativ“[16], der ein durchgangiges und vor allem normiertes Konzept impliziert.

Um die Frage nach Normhaftigkeit und Systematik des serapiontischen Prinzips tiefergehend auszuloten ist es zunachst notwendig, sich eingehend mit seinem Mecha- nismus zu beschaftigen.

4. Der Mechanismus des serapiontischen Prinzips:

Anders als sie traditionellen Poetiken der Klassik, sollte die Romantik nach Mei- nung Schlegels einem System der dichterischen Willkur, die oben bereits angespro- chen wurde, und somit einer poetischen Befreiungsideologie, folgen.

Diese dichterische Freiheit vor Augen muss auch als MaBstab fur das Serapionti­sche Prinzip von E.T.A Hoffmann gelten.[17] Wo bei Schlegel Willkur im Sinne einer Negation des bestehenden klassischen Systems im Vordergrund zu stehen scheint, druckt sich Hoffmann mit der Wahl des Einsiedlers Serapion zum Namensgeber kon- kreter aus. Er spricht dem Namenspatron der sechs Freunde eine „Sehergabe“[18] zu, die mit der sogenannten „inneren Schau“ fest verbunden sei.

Da der Seher in derselben Eigenschaft die auBere von uns bewusst wahrgenom- mene Welt zu Gunsten einer inneren Schau verlasst, entzieht er sich ihr ein Stuck weit. Dieser Ruckzug aus der Wirklichkeit geschieht denn die auBere Welt ist fur ihn nur noch in sofern interessant wie sie als „Hebel“ oder auch allgemeiner Ausloser fur die Bilder des Inneren funktioniert.

Es gibt eine innere Welt und die geistige Kraft, sie in voller Klarheit, in dem vollendetsten Glanze des regesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches Erbteil, daB eben die Au- Benwelt, in der wir eingeschachtet, als der Hebel wirkt, der jene Kraft in Bewegung setzt.[19]

Dieser Ruckzug bedeutet auch, dass er weitestgehend ihren GesetzmaBigkeiten und Regeln entflieht und die auBere Welt nur noch als Reservoir von Auslosereizen fur die Innere Schau nutzt. Bezogen auf den Wahnsinn Serapions scheint die MaBga- be der Schlegelschen „Willkur“ also erfullt zu sein, wenn Lothar, einer der Serapions- bruder, stellvertretend fur Hoffmann vorschlagt: „Der Einsiedler Serapion sei unser Schutzpatron, er lasse seine Sehergabe uber uns walten, seiner Regel wollen wir fol- gen, als getreue Serapionsbruder.“[20]

Somit sprechen Autor und fiktiver Erzahler sich fur das Prinzip der Inneren Schau aus und die poetische Willkur Schlegels, da sich die Innere Welt der Kontrolle der au- Beren entzieht. Dieser Ruckzug bedeutet hingegen nicht, dass die Realitat nicht Aus­loser von Schau und Imagination im Inneren sein konnte, doch hat sie auf Grund ihrer reduzierten Funktion als Hebel nur Impuls gebenden Charakter. Aus diesem Grund greifen auch herkommliche klassische Poetiken nicht in der Konzeption des serapion- tischen Prinzips, denn sie hatten regulierenden Charakter; eine Funktion die fur die AuBenwelt schlichtweg nicht vorgesehen ist. Stimmig wird die Argumentation letzt- endlich dadurch, dass gerade die Eigenschaft der inneren Schau die Serapionsbruder maBgeblich beherrscht und auch Hauptmerkmal ihres Namenspatrons Serapion, in seiner Eigenschaft als Seher, zu sein scheint:

Jeder prufe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkunden unternommen, ehe er es wagt, laut damit zu werden. Wenigstens strebe jeder recht ernstlich darnach, das Bild, das ihm im Innern aufgegangen, recht zu erfassen[21]

Als „Prototyp“ eines solchen Sehers erfullt Serapion diese Forderung nach einer wahrhaften inneren Schau ohne Weiteres.[22] Serapion erscheint als losgelost von der AuBenwelt, wie es seinen Eigenschaft als Seher von ihm fordert. Ungebunden an Zeit und Raum lebt er losgelost von der AuBenwelt nur noch von seiner inneren Schau be- herrscht. Doch zeigt sich hier eine ernster Unterschied zu den sechs Mitgliedern der Serapionsbruder. Denn ausdrucklich betonen sie im Verlauf ihrer Ideenentfaltung zu einem einheitlichen Prinzip, dass das im Inneren geschaute in jedem Fall auch nach auBen getragen werden muss:

Jeder (strebe) recht ernstlich darnach, das Bild, das ihm im Innern aufgegangen, recht zu er-fas- sen mit allen seinen Gestalten, Farben, Lichtern und Schatten und dann, wenn er sich recht ent- zundet davon fuhlt, die Darstellung ins auBere Leben zu tragen.[23]

Das hier angesprochene VerauBern der Sinneseindrucke aus der Fantasie der Inne­ren Welt, hat zur Folge, dass die schopferische Fantasie Einzug erhalt in die Wirklich- keit. Diese Wirklichkeit, oder auch bei Hoffmann „AuBenwelt“ genannt, fungiert so- mit „also als Ausgangs- und Zielpunkt des serapiontischen Erzahlens“[24]

Ausgangspunkt wird die AuBenwelt, weil sie immer Grundlage jeglicher fiktiver Erzahlung bleiben wird. Die AuBenwelt, oder etwas zeitgemaBer formuliert die Wirk- lichkeit, diktiert dem Dichter die Bedingungen unter denen seinen Charaktere agieren durfen. Diese Bedingungen sind Bereiche des Moglichen, die dem Autor, als auch dem Erzahler Freiheiten im Sinne eines „als ob“[25] lassen, ihn jedoch in der Bedin- gungsstruktur von moglichen Ereignissen immer an die realen Gegebenheiten der Au­Benwelt koppeln. Somit tritt die AuBenwelt als Determinante der Innenwelt auf. Diese Einschrankung ist notig, damit eine Kommunikation zwischen Erzahler und Publi- kum entstehen kann. Wurde sich der Erzahler von der auBeren „Hebel“ - Welt losen, zu Gunsten eines vollkommenen Abtauchen in eine bedingungslose Imaginationswelt, so hatte er nicht mehr die Moglichkeiten sich der Welt mitzuteilen. Ihm wurden schlichtweg die Symbole fehlen, mit denen er sich seinen Mitmenschen mitteilen konnte. Es wurde ihm die gemeinsam mit anderen Menschen genutzte Zeichenspra- che fehlen, die es ihm ermoglicht abstrakte Inhalte in Bilder zu fassen. Bilder in de­nen diese Inhalte erst voll wirksam werden konnen.[26]

Serapions Sehergabe ware folglich hinfallig und nutzlos, wenn er das innerlich Ge- schaute nicht der auBeren Welt mitteilen konnte. Auch stellt sich die Frage, ob das im Innern geschaute uberhaupt eine Verbindung zur Wirklichkeit hat, wenn der Seher sich der realen Welt, die er mit anderen Menschen teilt, verschlieBt. Fur die Serapi- ons-bruder liegt die Antwort auf der Hand, denn fur sie resultiert aus dieser fehlenden Ver-bindung aus AuBen- und Innenwelt der Wahnsinn des Serapions. Die sechs Freunde nennen es den Verlust der Duplizitat, d.h. die Moglichkeit sich sowohl in In- nen- als auch AuBenwelt bewegen zu konnen, wenn sie vom Wahnsinn Serapions sprechen:

Armer Serapion, worin bestand dein Wahnsinn anders als dass irgendein feindlicher Stern dir die Erkenntnis der Dublizitat geraubt hatte, von der eigentlich unser irdisches Sein bedingt ist.[27]

Wahnsinn ist demnach keine pathologische Kategorie fur Hoffmann, sondern ge- wissermaBen eine vollendete Fahigkeit zur absoluten inneren Schau. Diese Fahigkeit erweist sich jedoch insofern als nutzlos, als dass sie nicht mit der Wirklichkeit der Gesellschaft korrelieren kann. Der Verlust der angefuhrten Duplizitat manifestiert sich fur Serapion im Verlust seiner AuBenwahrnehmung und damit dem Erkennen der Fiktion, die essentieller Grundlage von Dichtung ist:

Aber du, o mein Einsiedler, statuiertest keine AuBenwelt, du sahst den versteckten Hebel nicht, die auf dein Inneres einwirken-de Kraft[28]

[...]


[1] Aus Wiele nachzitiert nach einem SB nachwort. S.1006.

[2] E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Banden, Band 3, Berlin 1963, S. 8.

[3] Pikulik, Lothar: E.T.A. Hoffmann als Erzahler. Ein Kommentar zu den Serapionsbrudern, Gottingen 1987, S.12.

[4] Schnapp, Friedrich (Hrsg.): E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel. Gesammelt und erlautert von Hans von Muller und Friedrich Schnapp. Bd. II: Berlin 1814- 1822, Munchen 1967 - 69, S.156.

[5] Schnapp, Friedrich (Hrsg.): ebd., S.157.

[6] Pikulik, Lothar: ebd., S.13.

[7] Lindken, Hans Ulrich: Erlauterungen und Dokumente. E.T.A. Hoffmann. Das Fraulein von Scuderi, Stuttgart 2001, S.67. oder auch: Steinecke, Hartmund: E.T.A. Hoffmann, Stuttgart 1997, S.115.

[8] Seegebrecht, Wulf: E.T.A. Hoffmann. Die Serapionsbruder, Munchen 1963, S. 1064.

[9] Pikulik, Lothar: ebd., S.14.

[10] Pikulik, Lothar: ebd., S.

[11] Steinecke, Hartmut: E:T.A. Hoffmann, Stuttgart 1997, S.114.

[12] Zum Begriff des Poetologie in Verbindung mit den Serapionsbrudern von E.T.A. Hoffmann siehe: Kaiser, Gerhard: E.T.A. Hoffmann, Stuttgart 1988, S.132.

[13] Beide Begriffe werden synonym von verschiedenen Autoren verwendet. Japp (Japp, Uwe: Das serapiontische Prinzip. In.: Arnold, Heinz - Ludwig (Hrsg.): Text und Kritik. E.T.A. Hoffmann, Munchen 1992, S.63) schreibt durchgangig von einer Poetik. Kaiser (Fuftnote 12) dagegen spricht von einer Poetologie.

[14] Kaiser, Gerhart: ebd., S.123.

[15] E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Banden, Band 3, Berlin 1963, S. 71.

[16] Japp, Uwe: Das serapiontische Prinzip. In.: Arnold, Heinz - Ludwig (Hrsg.): Text und Kritik. E.T.A. Hoffmann, Munchen 1992, S.66.

[17] Diese Bezugnahme auf Schlegel ist nur im Rahmen von Parallelen der poetischen Konzeption zu sehen. Johannes Wiele (Wiele, Jhannes: Vergangenheit als innere Welt. Historisches Erzahlen bei E.T.A. Hoffmann, Frankfurt a.M., u.a. 1996, S.173.) bemerkt, dass es namlich keinen „tragfahigen Rezeptionsnachweis(e)" fur einen Austausch zwischen Schlegel und Hoffmann gibt.

[18] E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Banden, Band 3, Berlin 1963, S. 71.

[19] Ebd., S.69.

[20] Ebd., S.71.

[21] E.T.A. Hoffmann: poetische Werke in sechs Banden, Band 3, Berlin1963, S.71.

[22] Seegebrecht, Wulf: E.T.A. Hoffmanns Schule des Sehens. In.: ders.: Heterogenitat und Integration. Studien zu Leben, Werk und Wirkung E.T.A. Hoffmanns, Frankfurt a.M., u.a. 1996, S.124.

[23] E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Banden, Band 3, Berlin 1963, S. 71

[24] Japp, Uwe: ebd., S.66.

[25] Bei der Formulierung „als ob" handelt es sich um einen festen Begriff aus der Philosophie. Odo Marquart fuhrt ihn seinerseits in der hier getatigten Verwendung auf Emmanuel Kant zuruck (Marquart, Odo: Kunst als Antifiktion. Versuch uber den Weg der Wirklichkeit ins Fiktive. In:

Heinrich, Dieter / Iser, Wolfgang (Hrsg.): Funktionen des Fiktiven, Muchen 1983, S.36.).

[26] Goethe Lexikon : Symbol

[27] E.T.A. ebd., S. 69.

[28] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Das Serapiontische Prinzip
Untertitel
Eine theoretische und werkimmanente Abhandlung
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
E.T.A. Hoffmanns Erzählungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
45
Katalognummer
V150411
ISBN (eBook)
9783640615988
ISBN (Buch)
9783640616176
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Serapiontisches Prinzip, Serapionsbrüder, Die Bergwerke von Falun, Der Nussknacker
Arbeit zitieren
Patrick Ewald (Autor), 2008, Das Serapiontische Prinzip, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150411

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