Ausländer in der DDR

Betrachtung des ambivalenten Lebens spezifischer Ausländergruppen in der DDR unter Berücksichtigung der diesbezüglichen Absichten seitens des SED-Regimes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
37 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die tradierten Angste Nachkriegsdeutschlands - Das Bild der schlechthinnigen Fremden als Grundlage eines ambivalenten Verhaltnisses
Einleitung

2. Vom allgemeinen Umgang mit Auslandern in der DDR
Hauptteil
2.1. Sowjetburger - Zivilpersonen und Besatzungstruppen in der DDR- Gesellschaft
2.2. Die DDR als Hort politisch Verfolgter - Asylsuchende und politische Emigranten
2.3. Zwischen politischer Instrumentalisierung und gesellschaftlicher Abschottung - Auslandische Studenten in der DDR
2.4. Arbeitskraftekooperation zum Aufbau des internationalen Sozialismus - Die Situation der Vertragsarbeiter

3. Wie Sand in der Hand - Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Die tradierten Angste Nachkriegsdeutschlands - Das Bild der schlechthinnigen Fremden als Grundlage eines ambivalenten Verhaltnisses

Einleitung

Genau wie die junge Bundesrepublik stand die DDR in der unmittelbaren Nachfolgeschaft des Dritten Reiches. Da es jedoch, anders als dies in der BRD der Fall war, in der DDR keine offentliche Debatte um die Vergangenheit gab, schwelte eine unausgesprochene Feindschaft gegenuber anderen Menschen, anderen Kulturen und anderen Lebensweisen im Habitus der DDR-Bevolkerung mit.[1] Dieser Umstand zeigte sich fruhzeitig im Bestehen der jungen sozialistischen Republik, was zu einem gewichtigen Teil das kunftige ambivalente Verhaltnis zwischen DDR-Deutschen und Auslandern fundierte.

Die ersten Auslander, die sich bis zum Ende der DDR auf deutschem Boden aufhalten sollten, waren die sowjetischen Armee- und Zivilangehorigen. Wahrend des Dritten Reiches war von Seiten der NS-Propaganda stets vor der Bedrohung aus dem Osten gewarnt worden. Kurz nach Ende des Krieges, bzw. schon wahrend der letzten Kriegstage schienen sich die geschurten Befurchtungen zu bewahrheiten. Mit den heranruckenden russischen Truppen kam es zu Vertreibungen der Deutschen aus den Ostgebieten, zu Plunderungen sowie zu Demontagen vorhandener Industrieanlagen. Durch die Grauel und die unfassbaren Verluste, die Russland wahrend des Krieges erfahren musste, erscheinen in der Ruckschau diese MaBnahmen als psychologisch gerechtfertigt und verstandlich. Doch die zeitgenossischen Deutschen sahen darin und vor allem in den massenhaften russischen Graueltaten an der deutschen Zivilbevolkerung - die unzahligen Vergewaltigungen deutscher Frauen konnen hier exemplarisch genannt werden - nur ihre schlimmsten Befurchtungen bestatigt. An dieser Stelle ware es nun Aufgabe der SED gewesen, uber die Vergangenheit zu sprechen und die Menschen uber die deutschen Kriegsverbrechen aufzuklaren. Somit hatten sie - zumindest zu einem gewissen Teil - das Verhalten der Russen erklaren konnen. Doch anstatt dies zu tun, versuchte die SED die vergangenen deutschen sowie die gegenwartigen russischen Schrecken mit einem antifaschistischen Mythos zu uberdecken. So wurden kommunistische Widerstandskampfer wie Ernst Thalmann glorifiziert, um die Menschen auf die neue politische Linie einzuschworen. Aufgrund der antikommunistischen Propaganda wahrend des NS-Regimes sowie aufgrund des sowjetischen Siegergebarens, das synonym zum nationalsozialistisch tradierten Verstandnis des Kommunismus ging, entstand eine Erfahrungs- bzw. Wahrnehmungslucke, die sich negativ auf die Entwicklung der DDR auswirkte. Die Russen als die „[...] Fremden schlechthin“[2] [3] wurden im Zuge des Antifa-Mythos von der SED-Propaganda als Helden und Befreier gepriesen, jedoch von der DDR-Bevolkerung als Besatzungsmacht und Unterdrucker empfunden. Doch nicht nur die Deutschen, sondern auch die Russen brachten ihre vorgefertigten Feindbilder in die SBZ, d.h. in die kunftige DDR mit ein. So betrachteten sie die Deutschen durch die Brille des Krieges als „entmenschlichte Bestie[n], mit [denen] man entsprechend umzugehen hatte.“[4]

Diese beidseitigen Vorurteile und Stereotypen mussten jedoch im Alltag in gewisser Weise aktualisiert bzw. verworfen werden. Nicht jeder Deutsche war ein NS- Verbrecher und nicht jeder Russe war ein slawischer Barbar. Durch diese Erkenntnis entstand im alltaglichen Zusammenleben ein Spannungsverhaltnis zwischen Deutschen und Russen. Dieses Verhaltnis erstreckte sich zwischen Aneignung und Umformung, zwischen Abschottung und Kontakt sowie zwischen propagierter Fortschrittlichkeit des sowjetischen Gesellschaftssystems und erlebter Fremdheit und Ruckstandigkeit der DDR-Bevolkerung - mit all diesen Formulierungen lieBe sich das Verhaltnis zu den auslandischen Besatzern kennzeichnen.[5] Dieses wiederum spiegelte sich dann in der Beziehung zu anderen Auslandergruppen auf dem Boden der DDR wieder.

2. Vom allgemeinen Umgang mit Auslandern in der DDR

Hauptteil

Bevor wir uns im Nachfolgenden genauer mit den einzelnen Auslandergruppen in der DDR beschaftigen, mussen wir einen Aspekt genauer betrachten. Die DDR, die von sich selbst glaubte, frei von Rassismus und Diskriminierung zu sein, war ein statisches Konstrukt, in dem die innere Mobilitat, d.h. die Moglichkeit der DDR-Burger von einem Teil des Landes in einen anderen Teil abzuwandern, stark eingeschrankt war.[6] Im Vergleich zu den Burgern der Bundesrepublik Deutschland waren die DDR-Burger in ihrer individuellen Lebensfuhrung somit beeinflusst und von auBeren Faktoren vorgepragt. Dies betraf die schulische Laufbahn, die berufliche Karriere, die personliche Wohnsituation und viele weitere Aspekte des alltaglichen Lebens. Uber allem schwebten die staatlichen Organe und jede einzelne Entscheidung unterlag staatlicher Kontrolle. Dieser Situation mussten sich alle Teile der Gesellschaft anpassen, was schlussendlich auch auf die auslandischen Gaste zutraf. Deren Aufenthalt war, so sieht es Patrice Poutrus, eine „[...] extreme Ausnahme [und] uber die vierzigjahrige Existenz [der DDR] hinweg vergleichsweise gering.“[7] Abgesehen von der zahlenmaBig groBen Gruppe der Sowjetburger lag die Zahl der Auslander an der Gesamtbevolkerung der DDR konstant bei 1%. Im Vergleich zu anderen, vor allem westeuropaischen Industrielandern, war dies eine geringe Quote. In der BRD zum Beispiel lag die Auslanderquote bei etwa 7,7%.[8] Jedoch nahm die DDR im Ostblock mit ihrem prozentualen Auslanderanteil eine fuhrende Stellung ein. Dementsprechend kam den Auslandern in der DDR eine besondere gesellschaftliche Rolle zu.

Die Offentlichkeit in der DDR, so Silke Satjukow, entsprach einer Theaterbuhne, auf der die Burger des sozialistischen Staates ihre zugewiesene Rolle zu spielen hatten. Und wie jedes Theaterstuck wollte auch die SED-Inszenierung volle Zuschauerreihen erreichen. „Die Struktur der Offentlichkeit in der DDR [sollte] nach dem Willen ihrer Betreiber zuerst dem Zweck dienen, die marxistisch-leninistische Weltauffassung zu propagieren und den neuen Menschen des Sozialismus zu entwickeln.“[9] In diesem Aktionsradius mussten sich dann auch die Auslander zurechtfinden. Die auslandischen Studenten, Fluchtlinge und spater auch die Vertragsarbeiter bekamen vom SED-Staat die Rolle der „Reprasentanten ihrer jeweiligen Staatsvolker [zugeschrieben].“[10] In ihrem gesamten Verhalten und offentlichen Auftreten waren sie somit verpflichtet, ihr Land wurdig zu vertreten. Um dies gewahrleisten zu konnen, mobilisierte die DDR-Regierung samtliche zur Verfugung stehenden Instanzen. Jeder einzelne Lebensabschnitt, ja selbst die sparliche Freizeit der auslandischen Gaste wurde dahingehend pseudodiplomatisch umgeformt. Abseits dieser staatlichen Kontrolle waren Mensch-zu-Mensch-Beziehungen nicht vorgesehen, verboten oder zumindest unerwunscht. Dieses Verhalten vertrug sich in keiner Weise mit der propagierten, internationalen Bewegung des Sozialismus, in welcher nationales Denken uberwunden sein sollte. Vielmehr war dieses reglementierte Verfahren der Ansicht geschuldet, dass jeder Mensch eine von Geburt an permanent fixierte Nationalitat besaBe, der eine Vorrangstellung zukommen musse.[11] So blieben Auslander, auch wenn sie - wie zum Beispiel die griechischen Fluchtlinge - vollstandig in die DDR-Gesellschaft integriert wurden, ihrer Nationalitat verbunden. Die Folge daraus war eine gesellschaftliche Randexistenz.

Die Statistiken des Jahres 1989 belegen eine heterogene Durchmischung der unterschiedlichen Nationalitaten auf dem Staatsgebiet der DDR. Es stellt sich nun die Frage, wie diese Menschen in der DDR leben konnten und ob sich im Zuge etwaiger Kontakte zu DDR-Burgern eine gesellschaftlich-kulturelle Pluralitat ergab. Um dieser Frage nachzugehen, werden sich die nachfolgenden Ausfuhrungen vornehmlich mit den Gruppen der Sowjetburger, der politischen Fluchtlinge, der auslandischen Studenten sowie der sogenannten Vertragsarbeiter beschaftigen. Dabei soll der Alltag dieser Gruppen, ihr gesellschaftlicher Stellenwert und der Kontakt zu DDR-Burgern - positiver sowie negativer Art - beleuchtet werden. Hinter dieser Betrachtung steht die These, dass der Aufenthalt von Auslandern in der DDR ambivalenter Natur war und zwischen staatlicher Kontrolle und Abschottung sowie fruchtbaren Kontakt und echter Freundschaft schwankte.

Tabelle 1: Auslandische Wohnbevolkerung in der DDR nach Staatsangehorigkeit, 31.12.1989

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt nach Angaben des (DDR-)Ministeriums des Inneren[12]

2.1. Sowjetburger - Zivilpersonen und Besatzungstruppen in der DDR- Gesellschaft

Jungeren Schatzungen zufolge hielten sich zwischen 1945 und 1994 - bis zum endgultigen Abzug der alliierten Besatzungsmachte - insgesamt etwa 10 Millionen Burger der Sowjetunion als Soldaten, Zivilbeschaftigte der Streitkrafte sowie deren Familienangehorige auf deutschem Boden auf. Doch wie verlief das Zusammenleben zwischen Deutschen und Russen? Was wussten die einen uber die anderen und in welchem Rahmen konnten beide Gruppen miteinander agieren?

Wie wir dies bei den auslandischen Asylsuchenden, bei den Studenten und den Vertragsarbeitern noch sehen werden, ware das Urteil, dass die sowjetischen Staatangehorigen in der DDR nicht gern gesehen und dementsprechend gesellschaftlich isoliert wurden, zu kurzsichtig. Wahrscheinlich ist eher, dass der Alltag, in dem Deutsche und Russen direkt miteinander agierten, einem „[...] Paradox parallelen Zusammen- und Nebeneinanderlebens [und] hermetischer Abschottung [entsprach].“[14] Auf staatlicher Ebene erstreckte sich dieses Paradoxon zwischen Abgrenzung auf der einen und Glorifizierung auf der anderen Seite. Die einfachen Rotarmisten und Sowjetburger wurden von staatlicher Agide aus isoliert und weitgehend aus dem Alltag herausgehalten. Nur wenn offentliche Veranstaltungen anstanden, - die jahrlichen Maifeierlichkeiten oder international Versammlungen wie die Weltfestspiele 1951 waren entsprechende Beispiele - sah man auch im groBeren Umfang russische Burger auf deutschen StraBen. Verdiente Sowjetburger hingegen wurden zu regelrechten Helden stilisiert und offentlichkeitswirksam inszeniert. So tourten Juri Gagarin und Walentina Tereschkowa durch die DDR, wurden mit Orden und Auszeichnungen uberschuttet und man benannte sogar StraBen und offentliche Platze nach ihnen.[15] Naturlich waren diese beiden Personen - Gagarin als erster Mensch und Tereschkowa als erste Frau im All (1961/63) - weltweite Symbolfiguren und Hoffnungstrager und genossen folglich in beiden Blocksystemen hohes Ansehen, doch standen sie auch stellvertretend fur den widerspruchlichen Umgang der DDR mit Auslandern. Anstatt alien auslandischen Burgern dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken und sie im gleichen Umfang in die Gesellschaft zu integrieren, wurden nur die verdientesten aufgebaut. Unter Berucksichtigung dieser Situation stellt sich die Frage, inwiefern tradierte Stereotypen und Aversionen uberwunden werden konnten bzw. inwiefern sie weiterhin im Alltag zutage traten.

Die Gruppe der sowjetischen Streitkrafte in Deutschland (GSSD) war ein weitgehend autonomes Gebilde, das zum Teil neben, zum Teil inmitten des Alltags der deutschen Bevolkerung existierte. So unterhielt die GSSD eigene Wohn- und Kaufhauser, Restaurants, Sportanlagen, Friedhofe, eigene Kulturhauser und verfugte uber 1027 Liegenschaften mit einer Gesamtflache von 243.816 Hektar.[16] Dieser Umstand legt die Vermutung nahe, dass eine Interaktion zwischen Sowjets und DDR- Burgern bestanden haben muss. Immerhin waren die Russen omniprasent vertreten, sodass man sie nicht ignorieren konnte, bzw. sie sich nicht ignorieren lieBen.

Nach Kriegsende hatten sich die russischen Militars nicht nur in Kasernen einquartiert, - was ein weitverbreitetes Vorurteil, selbst unter ehemaligen DDR-Burgern war - sondern sie beschlagnahmten Villen in den besten Stadtvierteln und bezogen zentrale offentliche Gebaude. Die Einschatzung, dass sich die russischen Staatsangehorigen ausschlieBlich an der stadtischen Peripherie ansiedelten und somit keinen Einfluss auf die deutsche Bevolkerung nahmen, ware daher falsch. Vielmehr traten beide Parteien in einen regen, jedoch sehr differenzierten Kontakt zueinander. Mittelpunkte dieses ambivalenten Verhaltnisses waren zum Beispiel die in den russischen Kasernen zu findenden Russenmagazine und die deutschen HO-Geschafte. Ambivalent war der Kontakt, der in diesen wirtschaftlichen Enklaven entstand, weil einerseits die Russen von dem Warenangebot der DDR und die Deutschen von den russischen Luxusgutern profitierten, andererseits jedoch beide Seiten das Einkaufsverhalten des Gegenubers kritisch beaugten. In den zweitausend Russenmagazinen fand man Produkte wie Sudfruchte, Konfekt, Sahne, Fischkonserven, Braunkohlebriketts etc., die in den „[...] eigenen [DDR-] Kaufhallen nicht einmal vor Weihnachten zu ergattern waren.“[17] Deshalb nutzen etliche DDR-Burger die Moglichkeit in den Magazinen einzukaufen. Dieser Einkauf nahm zuweilen obskure Formen an. Die Russenmagazine fuhrten namlich auch Waren, die ausschlieBlich fur den Bedarf der GSSD gedacht waren, jedoch heimlich und zur Halfte des staatlich festgesetzten Preises weiterverkauft wurden. So war beispielsweise manche LPG auf die Benzinlieferungen der Russen angewiesen, die mittels militarischer Tank- und Loschfahrzeuge erfolgte.[18] Trotz aller Vorzuge beschwerten sich die Deutschen - nach Recherche Silke Satjukows - gleichzeitig, wenn die russischen Burger in den einheimischen Geschaften die wenigen Konsumguter, vor allem Elektrogerate, erhaschten.[19] Doch nicht nur im Handel, sondern auch im Berufsleben trafen Russen und Deutsche aufeinander. Mitte der 80er Jahre arbeiteten rund 2.000 DDR-Burger als Festangestellte in den russischen Garnisonen. AuBerdem erfullten etliche deutsche Kleinbetriebe Auftrage fur die russischen Besatzer. Dieses Beschaftigungsverhaltnis war in zweierlei Hinsicht von Bedeutung. Zum einen konnten die Deutschen - entgegen aller Vorurteile, dass die Mehrzahl der Russen konigsgleich und auf Kosten der DDR-Wirtschaft lebte - die Lebensumstande der russischen Soldaten, die den groBten Anteil an der GSSD darstellte, erleben. Und zum anderen konnten durch diese ernuchternden Erkenntnisse des rauen Kasernenalltags echte Freundschaften entstehen.[20] Dies geschah auch auf der anderen Seite. Bedingt durch die Arbeitskrafteabwanderung, die spater zur Beschaftigung abertausender Vertragsarbeiter fuhrte, mussten auch sowjetische Soldaten in deutschen Betrieben arbeiten. Dies wurde aufgrund der bestehenden Vorurteile und aufgrund der Stellung, die der Roten Armee als Besatzungsmacht zukam, nicht offentlich gemacht. So unterlag die Behandlung der russischen Arbeiter der staatlichen Segregationspolitik, die - wie dies im spateren Verlauf der Ausfuhrung noch aufgegriffen werden wird - die Integration und die Gleichstellung der Auslander eindammen wollte. So erhielten die sowjetischen Arbeiter keine Entlohnung fur ihre meist korperlich schwere Arbeit. Die Industriebetriebe fuhrten zur Entschadigung Waren und Baumaterialien, die LPGs Schweine, Obst und Gemuse an die Sowjets ab.[21] In Konsequenz dieser gemeinsamen Arbeit entstanden vielfaltige Beziehungen zwischen Deutschen und Russen. So kam es vor, dass Russen und Deutsche gemeinsam ihre Feierabende verbrachten. In der Regel mit dem einen oder anderen Glas Wodka - die russischen Kollegen sorgten schon dafur - und einer gepflegten Partie Karten. Sowohl die DDR-Fuhrung als auch die russische Militaradministration waren aus politischen Beweggrunden jedoch gegen solche Freundschaften oder gar Beziehungen, vor allem dann, wenn Liebesbeziehungen entstanden. Seit 1953 war es formalrechtlich moglich, deutsch-sowjetische Ehen zu schlieBen. Doch war eine solche Vermischung nicht erwunscht. Die sowjetische Fuhrung glaubte, dass dadurch militarische Geheimnisse durchsickern konnten. Immerhin vermutete Moskau auch in der DDR allerorts „[...] Spione des Westens.“[22] Deshalb galten deutsch-sowjetische Verbindungen als Sicherheitsrisiko und sollten - selbst wenn bereits Kinder daraus hervorgegangen waren - nach Moglichkeit ver- und behindert werden. Bis auf die geschilderten Interaktionsraume - Berufs- und Wirtschaftsleben - unterband die Isolationspolitik der DDR die reale Enkulturation der russischen Burger, wodurch die Differenzen zwischen ihnen und den DDR-Burgern verstarkt und tradierte Angste reanimiert wurden. Dies konnte wiederrum zu alltaglichen, vor allem strafrechtlichen Storungen fuhren. Die nachfolgenden Tabellen verdeutlichen dies sehr gut.

Tabelle 2: Ubersicht uber die Straftaten, verubt von Angehorigen der GSSD in den Jahren 1976-1989 (Auszug)[23]

[...]


[1] Vgl. POUTRUS, Patrice G.: Die DDR, ein anderer deutscher Weg? Zum Umgang mit Auslandern im SED-Staat. In: Rosmarie BEIER-DE HAAN (Hrsg.): Zuwanderungsland Deutschland, Seite 120-133 <http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/portals/ zf/documents/pdf/migrationen poutrus.pdf>, Seite 2.

[2] Vgl. Ebd., Seite 3.

[3] Ebd., Seite 4.

[4] Zit. nach: Satjukow, Silke: Besatzer. „Die Russen“ in Deutschland 1945-1994, Gottingen 2008, Seite 37.

[5] Vgl. POUTRUS, Patrice G..: DDR - anderer Weg? , Seite 5.

[6] Vgl. Ebd., Seite 6// Satjukow, Silke: Helden, Seite 86: „Die DDR verkorperte [.] das opferreiche Ringen der Arbeiterklasse unter Fuhrung ihrer revolutionaren Partei gegen kapitalistische Unterdruckung und Ausbeutung, gegen Imperialismus, Militarismus und Krieg, fur Demokratie, Frieden, gesellschaftlichen Fortschritt und fur den Triumph des Sozialismus und Kommunismus.“

[7] Ebd., Seite 6.

[8] Vgl. Ebd., Seite 6// BADE, Klaus/ Oltmer, Jochen: Ost-West-Flucht, Auslanderbeschaftigung und Asylpolitik in der DDR, in: dies., Normalfall Migration, Bonn 2004, S. 91// Elsner, Eva-Maria / Elsner, Lothar: Zwischen Nationalismus und Internationalisms. Uber Auslander und Auslanderpolitik in der DDR 1949-1990, Rostock 1994, Seite 18.

[9] Zit. nach: Satjukow, Silke: Helden, Seite 85.

[10] Poutrus, Patrice G.: DDR - anderer Weg?, Seite 6.

[11] Vgl. Ebd., Seite 6.

[12] Elsner, Eva-Maria / Elsner, Lothar: Nationalismus, Seite 77f.

[13] Vgl. POUTRUS, Patrice G.: DDR - anderer Weg?, Seite 3f.//Anmerkung DM: Diese enorme Anzahl sowjetischer Burger und Soldaten ist uber den Zeitraum von vierzig Jahren - also von 1949 bis 1989 - zu sehen.

[14] Behrends, Jan C. / Kuck, Dennis / POUTRUS, Patrice G.: Thesenpapier „Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den Neuen Bundeslandern“. ZZF Potsdam / Projektgruppe „Herrschaft und Eigen- Sinn“ fur das Aktionsbundnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit des Landes Brandenburg, 2000, Seite 17.

[15] Vgl. Satjukow, Silke: Helden, Seite 147-157.

[16] Vgl. Satjukow, Silke: Befreiung? Die Ostdeutschen und 1945, Leipzig 2009, Seite 121.

[17] Ebd., Seite 127.

[18] Anmerkung DM: Durch die Olkrise 1973 stieg der Preis fur Rohol drastisch an. Diese Entwicklung betraf auch die Ostblockstaaten. Durch den arabischen Boykott im Zuge des Jom-Kippur-Krieges war russisches Ol auf dem Weltmarkt sehr gefragt, was folglich zur Teuerung der russischen Ressourcen fuhrte. So - obwohl zum groBen Teil staatlich subventioniert - stieg auch der Benzinpreis in der DDR. Mein Stiefvater, Herbert Denecke, der zu dieser Zeit Melker in Niederndodeleben (Bordekreis, in der Nahe Magdeburgs) war, berichtet davon, dass seine LPG zwischen Fruhjahr und Sommer 1974 mehrmals pro Woche von Russen beliefert wurde. Die Lieferungen erfolgten fassweise und oftmals sogar per Panzer.

[19] Vgl. Satjukow, Silke: Befreiung?, Seite 124.

[20] Anmerkung DM: So zeigen etliche Berichte, dass der Lebensstandard der einfachen russischen Soldaten sehr schlicht gehalten wurde. Dies erstreckte sich uber die Verpflegung, den Zustand der Unterkunfte und die Behandlung durch die hoheren Militars. „So etwas Gespenstiges, diese Banke, die verbeulten Napfe, diese Schusseln und diese jungen Manner! So schmalschulterig, da war keiner ein bisschen dick oder hatte einen Bauch. Es waren ganz schmale, hagere Jungs. [...] Das hat mich so an Buchenwald erinnert. Diese Pritschen sahen genauso aus. [.] Bei der NVA wurden wir im Vergleich dazu mit Samthandschuhen angefasst.“ Zit. nach: Ebd., Seite 131-133.

[21] Vgl. Ebd., Seite 126ff.

[22] Ebd., Seite 128.

[23] Vgl. Satjukow, Silke: Russische Besatzung, Seite 240f.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Ausländer in der DDR
Untertitel
Betrachtung des ambivalenten Lebens spezifischer Ausländergruppen in der DDR unter Berücksichtigung der diesbezüglichen Absichten seitens des SED-Regimes
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Migration und Zwangsmigration im 19./20. Jahrhundert
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
37
Katalognummer
V150414
ISBN (eBook)
9783640617043
ISBN (Buch)
9783640616404
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausländer, DDR, SED, Ausländerpolitik, Vertragsarbeiter, politische Flüchtlinge, ausländische Studenten, GSSD, Sowjetische Truppen, Sozialismus, Bruderkampf, Asyl, Emigration
Arbeit zitieren
Daniel Meyer (Autor), 2010, Ausländer in der DDR , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150414

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