Die Gesamtschule

Geschichte, Konzept und Probleme eines Schulmodells


Seminararbeit, 2007
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Geschichte und Entstehung der Gesamtschule
2.1 Bestrebungen zur Vereinheitlichung des deutschen Schulwesens im 19. Jahrhundert
2.2 Entwicklungen vor und nach der Reichsschulkonferenz 1920
2.3 Entwicklungen in der Nachkriegszeit: Ost und West
2.4 Der Reformwille der 1960er und die ersten Gesamtschulen

3 Die Gesamtschul-Idee: Zielsetzungen, Ideale, Motive

4 Pädagogische und didaktische Prinzipien
4.1 Die kooperative und die integrierte Gesamtschule
4.2 Organisation, Didaktik und Pädagogik der Gesamtschule
4.3 Soziales Lernen
4.4 Das Teammodell als dezentralisierendes Organisationsprinzip
4.5 Fächerübergreifender Unterricht

5 Verzahnung mit anderen Teilen des Bildungssystems

6 Die Probleme und Perspektiven der aktuellen Situation in NRW

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Problemstellung

Angesichts der Ergebnisse von PISA und anderen Studien, belebt sich die Gesamtschuldebatte neu (vgl. Herrlitz 2003, S. 5). Im europaweiten Vergleich ist Deutschland eines der wenigen Länder, in dem ein dreigliedriges hierarchisches Schulsystem weitgehend die Norm ist. Im Jahre 2006 gab es in NRW 217 Gesamtschulen im Vergleich zu 627 Gymnasien, 555 Realschulen, 725 Hauptschulen (Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen, www.lds.nrw.de/statistik/datenangebot/daten/d/index.html). Es stellt sich in der neueren Diskussion erneut die Frage, ob ein integriertes System nicht einem hierarchischen System vorzuziehen sei, zumal es für Chancengleichheit und individuelle Förderung steht (vgl. Filan 1981, S. 25-26). Einerseits existieren immer noch weitläufige Vorurteile gegenüber der Gesamtschule: sie sei ein Ort, an dem Begabung untergeht und zu spät oder in ineffektiver Weise Leistung gefordert wird. Andererseits wird das dreigliedrige Schulsystem als Ursache für Diskriminierung, vorzeitige Laufbahnentscheidungen und elitäre Separation) gesehen (vgl. Tillmann 1995, S. 64). Die Gesamtschule ist also ein alternatives Konzept zum dreigliedrigen Schulsystem, das es trotz guter Ideen in den 60er und 70er Jahren nicht ersetzen konnte. Damals war die Idee der Gesamtschule ein Angriff auf das elitäre Bildungswesen. Man plädierte für die Demokratisierung des Bildungssystems und verband mit der Gesamtschule das Ideal von moderner Lernstandserhebung und individueller Förderung (vgl. ebd., S.65). Doch das dreigliedrige Schulsystem hat in Deutschland eine lange Geschichte und ist fest in den Köpfen der Menschen verankert.

Die Entstehung der Gesamtschule in den 60er/70er Jahren, ihre Stellung in der deutschen Gesellschaft, ihre heutige Struktur und die damit verbundenen Vor- und Nachteile, kann man nur vor dem Hintergrund ihrer Geschichte verstehen. Daher soll in dieser Arbeit zunächst mit der Darstellung und Analyse der Geschichte der Gesamtschule, die zugleich die Geschichte des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland ist, begonnen werden. Dabei sind besonders die Anfänge der Etablierung eines einheitlichen Schulsystems im Zuge der Reformen des deutschen Bildungssystems ab 1871 und um 1920 zu beachten, sowie die weitgreifende Kritik und Umstrukturierung des deutschen Schulsystems nach 1945 durch die Alliierten. Anschließend müssen natürlich die eigentliche Entstehungszeit der Gesamtschule und die politischen und sozialen Umstände unter denen sie als „Schulversuch“ überall in Deutschland eingeführt wurde, berücksichtigt werden. Zu dieser geschichtlichen Beleuchtung des Themas sollen vor allem die Arbeiten von Oelkers und Herrlitz berücksichtigt werden.

Ein zweiter, noch wesentlicherer Aspekt, der darauf folgend behandelt werden wird, sind die pädagogischen und inhaltlichen Zielsetzungen der Gesamtschule. Wodurch unterscheidet sich die Gesamtschule von anderen Schulformen? Welche Schwerpunkte werden gesetzt? Diese Fragestellungen sollen vor allem anhand der Arbeiten von Röken und Prengel erörtert werden.

Zuletzt soll ein Blick in die Zukunft geworfen werden. Wird sich das Schulsystem in NRW im Zuge der Umstrukturierungen „Abitur in 12 Jahren“ und „Einheitsabitur“ im Hinblick auf die Gesamtschule positiv verändern? Wird die Gesamtschule weiter ausgebaut oder eher zurück gedrängt werden? Lassen sich Vorurteile ihr gegenüber abbauen oder werden sie durch die Praxis an den bestehenden Gesamtschulen bestätigt? In der heutigen Gesellschaft wird die soziale Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. Trotzdem ist die Gesellschaft nicht mehr wie im 19. Jahrhundert in Schichten geteilt und man kann auch nicht mehr vom klassischen Arbeiterkind sprechen, wie man es in den 1960er Jahren tat. Es stellt sich trotzdem die Frage, ob nicht die Gesamtschule vielleicht die Lösung für das Bildungsproblem der postmodernen deutschen Gesellschaft ist, angesichts der Tatsache, dass sich die einheitliche Verschulung aller Kinder im Ausland bewährt hat. Leider werden in dieser Arbeit nicht alle Fragen und Probleme berücksichtigt werden können. Trotzdem soll versucht werden mit den oben genannten Punkten ein recht umfassendes Bild zu entwerfen und einige der soeben genannten Fragen zu beantworten.

2 Geschichte und Entstehung der Gesamtschule

Nur in Deutschland ist die gemeinsame Verschulung aller Kinder bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit ein kontroverses Thema der Bildungspolitik (vlg. Oelkers 2006, S. 7). Auch wenn nun die „Geschichte der Gesamtschule“ behandelt werden soll, muss eingestanden werden, dass die Geschichte des deutschen Schulsystems nicht die Geschichte der Gesamtschule und auch nicht der Einheitsschule ist, sondern die Geschichte des dreigliedrigen Schulsystems. Der Begriff der Gesamtschule wurde erst in den 60er Jahren, zur Zeit ihrer Entstehung, geprägt. Vorher existierte der Begriff der Einheitsschule, der aber nach Gründung der DDR durch die sozialistische Einheitsschule negativ besetzt war. Im Folgenden wird der Begriff der Einheitsschule in ihrem neutralen Sinne verwendet um ein einheitliches Schulkonzept zu kennzeichnen.

Immer wieder wurde zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Gründen die Einheitsschule (wohl aber mit verschiedenen Konzepten) in Deutschland gefordert, durchsetzen konnte sie sich nicht. Ein Grund dafür ist, dass „das deutsche Schulwesen immer föderalistisch organisiert war, nie eine zentrale Steuerung kannte und starke politische, soziale sowie konfessionelle Unterschiede aushalten musste“ (Oelkers 2006, S. 12). Zudem gibt es in Deutschland kein „Bürgerrecht auf Bildung“, welches „die Schulen verpflichten würde, für eine Bildung zu sorgen, die in einem hohen Minimum für alle gleich wäre“ (ebd., S. 7). Die Einheitsschule war also nie gesetzlich geboten. Zudem wies das dreigliedrige Schulsystem nie so grundlegende Mängel auf, dass eine völlige Umstrukturierung geboten gewesen wäre. Wie sich aber nun einzelne Entwicklungen im deutschen Schulsystem ergaben, die einen Schritt auf die Einheitsschule zu taten und im Rahmen welcher Umstände und mit welchen Folgen dies geschah, soll im Folgenden behandelt werden.

2.1 Bestrebungen zur Vereinheitlichung des deutschen Schulwesens im 19. Jahrhundert

Als Wilhelm von Humboldt als Kultusminister 1809 mit der Leitung der „Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts“ betraut wurde, machte er sich die Neuordnung des Unterrichtswesens zur Aufgabe. Seine Reformen hatten das Ziel, dem mit der Französischen Revolution erwachten Freiheitsstreben der Bürger Raum zu geben und dabei ihre Eigenverantwortung zu fördern. Er setzte in seiner Amtsführung in Königsberg eine erstaunliche Dynamik frei und reformierte Lehrpläne, Lehrerausbildung und Prüfungswesen an Elementar- und Volksschulen, Gymnasien und im universitären Bereich. Als Krönung seines Reformwerks kann die Gründung der Berliner Universität gesehen werden. Humboldt war bekannt für seine nachdrücklich bekundete Hochschätzung von Bildung, die seiner Meinung nach so breit wie möglich verbreitet sein sollte. Humboldt war nicht nur der erste Politiker der die Bildung im Deutschen Reich auf eine einheitliche Weise in einem gestuften System organisierte – vom Kindergarten zur Hochschule – sondern, der eine allgemeine Bildung für ein Dasein als aufgeklärter und freier Bürger als unabdingbar erachtete. So hält er in seinen Briefen an den König im Dezember 1809 fest, dass es Kenntnisse gibt, die allgemein sein müssen und jeder, ungeachtet welchen Beruf er ausübt, nur durch Bildung ein aufgeklärter und guter Bürger ist und auch nur so seinen Beruf gut ausüben kann, falls ihm durch den Schulunterricht diese allgemeinen Kenntnisse vermittelt werden (vgl. Spranger 1910, S. 255). Humboldt setzte sich also für einen hohen Allgemeinbildungsstandard ein. Trotzdem war die Schullandschaft seiner Zeit noch sehr bunt. Es gab die verschiedensten Schulformen und Schularten: Standesschulen, Gelehrtenschulen, konfessionelle Schulen. Das Schulsystem war noch kein einheitliches, außerdem gab es keine allgemeine Schulpflicht. Wirkliche Einheitsbestrebungen wurden erst im Jahre 1848 in Gang gesetzt, als der „Allgemeine Deutsche Lehrerverein“ in Eisenach gegründet wurde, der eine einheitliche Vorschule, also die Abschaffung aller anderen Vorschulen, an die sich die weiterführenden Schulen anschlossen, forderte. Seitdem war „(d)as Thema Einheitsschule ... in Deutschland ... ein durchgehendes und immer kontrovers geführtes bildungspolitisches Thema“ (Oelkers 2006, S. 12). Bereits im Vormärz hatten „pädagogische Autoren wie Friedrich Adolf Diesterweg oder Karl Friedrich Wander Forderungen nach einheitlicher Verstaatlichung der Volksschule veröffentlicht.“ (ebd., S. 12). Im Jahre 1812 hatte zum Beispiel der Schuldirektor Reinhold B. Jachmann eine einheitliche Verschulung aller Kinder in Form einer „Nationalschule“ gefordert (vgl. ebd., S. 12). Ab 1822 kamen auch von Seiten der Volksschullehrer Forderungen nach einer Vereinheitlichung des Systems auf, das in „Vorschule“, „Hauptschule“ und „Bürgerschule“ gegliedert sein sollte (vgl. ebd., S. 13). Doch alle Forderungen und Ansätze beschränkten sich auf den lokalen Bereich. Zudem ging es damals keinesfalls um die Konzeption einer integrierten Schule für alle Kinder, die die gesamte Schulzeit der Kinder umfassen sollte. Auch der Begriff der Einheitsschule war damals noch kein fest gebrauchter Begriff. In Hannover bildete sich 1885 zum Beispiel der „Deutsche Einheitsschulverein“, der die „Verschmelzung der altsprachlichen Gymnasien mit den neuen Realgymnasien“ (ebd., S. 14) forderte, sich also keinesfalls für ein einheitliches Schulsystem für alle Kinder einsetzte.

Am 27. Dezember 1848 wurde in Artikel 6 des Reichsgesetzes die Forderung nach gleichen Chancen niedergelegt. Der Artikel 6 regelte die staatliche Oberaufsicht über das gesamte Unterrichts- und Erziehungswesen, aus der folgt, dass Lehrer Angestellte des Staates sein müssen, das heißt die Rechte und Pflichten eines Beamten wahrnehmen müssen. Außerdem wurde festgelegt, dass die Volksschulen unentgeltlich besucht werden dürfen (vgl. ebd., S. 14-15). Eine passende Schulorganisation, die die Prinzipien dieses Gesetzes verwirklichen sollte, wurde allerdings nicht zum Thema. Die Forderung einer einheitlichen Verschulung aller Kinder war nicht im Ansatz „konsensfähig“ (ebd., S. 16), da die Diskussion um die einheitliche Verschulung aller Kinder vor allem in den Parteiprogrammen sozialistischer Parteien angeregt wurde, die sich gegen das Kaiserreich stellten. Bildung wurde nie als „allgemein und gleich verstanden“ (ebd., S. 16), sondern wurde immer mit der Einbindung in ein soziales Umfeld, das heißt in eine soziale Schicht oder Klasse verstanden. Außerdem fiel Bildung schon damals unter die Zuständigkeit der Länder, sodass sich regionale und konfessionelle Unterschiede, sowie Unterschiede zwischen Stadt und Land ergeben hatten. Ebenfalls gab es Unterschiede zwischen der Erziehung von Jungen und der Erziehung von Mädchen. Die Argumente der damaligen Gegner der einheitlichen Verschulung aller Kinder lassen sich auf „Utopieverdacht, soziale Wahl, soziale Begabung und Bevorzugung von Homogenität“ (Oelkers 2006, S. 24) resümieren. Die Gegner der Einheitsschule hielten es also nicht nur für unrealisierbar alle Kinder gemeinsam zu verschulen, sondern auch für nicht sinnvoll. Man ging davon aus, dass Kinder höherer Gesellschaftsschichten begabter seien und zudem in der gemeinsamen Verschulung mit Kindern niederer Klassen unter dem schlechten sittlichen Einfluss leiden würden: Homogenität wurde bevorzugt. Die Kinder sollten angemessen der Aufgabe, die ihnen in ihrer späteren gesellschaftlichen Rolle zugekommen sollte, erzogen werden. Gesellschaftliche Trennung stand so auch für getrennte Bildung (vgl. ebd., S. 24).

Bereits im 19. Jahrhundert machen sich in der Bildungsdiskussion verschiedene politische Lager bemerkbar. Konservative Stimmen plädieren für soziale und pädagogische Separation, während sich sozialistische und sozialdemokratische Stimmen für Chancen- und daher Bildungsgleichheit einsetzen. Trotz der Ablehnung einer Vereinheitlichung der staatlichen Organisation des Schulwesens muss aber festgehalten werden, dass „(d)e facto ... so etwas wie die Gesamtschule ... im 19. Jahrhundert“ (ebd., S. 19) bestand, da fast alle Kinder (90 bis 95 Prozent) die Volksschule besuchten. Gegen eine allgemeine Einführung der Volksschule für alle sprach also, dass sie praktisch schon vorhanden war. Trotzdem lag noch kein einheitliches System vor und auch entsprechende Gesetze fehlten lange Zeit. Die Entwicklung des deutschen Schulsystems nahm im folgenden Jahrhundert, vor und während des 1. Weltkrieges, weiter Gestalt an. Dies soll im Folgenden behandelt werden.

2.2 Entwicklungen vor und nach der Reichsschulkonferenz 1920

Im Jahre 1906 wurden auf dem Mannheimer Parteitag der SPD Forderungen nach der Einheitsschule laut. Der Begriff Gesamtschule war zuvor wahrscheinlich zum ersten Mal in einem Wahlaufruf der Sozialdemokraten im Jahre 1903 verwendet worden (vgl. ebd., S. 29) worden. Daraufhin wurde ein entsprechendes Reichsschulgesetz verabschiedet, das aber bis 1914 wegen mangelnder politischer Wirksamkeit keine Veränderungen nach sich zog. Der Begriff der Einheitsschule sah zu dieser Zeit kein integriertes System vor, sondern es ging um „die Einheitlichkeit des Aufbaus der Bildungsorganisation vom Kindergarten bis zur Hochschule“ (ebd. 2006, S. 30). Es handelte sich also beim Thema Einheitsschule um den Ausbau der Volksschule und die damit verbundene einheitliche Organisation von Bildung.

1904 wurde auf der deutschen Lehrerversammlung der Vorschlag des Volksschullehrers Karl Gutmann als Gesetz verabschiedet, der „die Einführung einer vierjährigen gemeinsamen Schulzeit für alle Kinder“ (Oelkers 2006, S.31) vorsah. Noch vor 1914 wurde dieses Gesetz in vielen Großstädten Deutschlands verwirklicht (vgl. ebd., S. 33). Das zog nach sich, dass ungleich viele neue Schulen eingerichtet und zusätzliche Lehrer eingestellt wurden. Es erhöhten sich jedoch auch die Zahlen der Schüler pro Klasse.

[...]

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Details

Titel
Die Gesamtschule
Untertitel
Geschichte, Konzept und Probleme eines Schulmodells
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Erziehungswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V150455
ISBN (eBook)
9783640619566
ISBN (Buch)
9783640619832
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte der Gesamtschule, Probleme des Schulmodells, Schulsystem, Konzept Gesamtschule
Arbeit zitieren
Hanna Fedorkov (Autor), 2007, Die Gesamtschule , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150455

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