Die Entstehung der Gesamtschule in den 60er/70er Jahren, ihre Stellung in der deutschen
Gesellschaft, ihre heutige Struktur und die damit verbundenen Vor- und Nachteile, kann man
nur vor dem Hintergrund ihrer Geschichte verstehen. Daher soll in dieser Arbeit zunächst mit
der Darstellung und Analyse der Geschichte der Gesamtschule, die zugleich die Geschichte des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland ist, begonnen werden. Dabei sind besonders
die Anfänge der Etablierung eines einheitlichen Schulsystems im Zuge der Reformen des deutschen Bildungssystems ab 1871 und um 1920 zu beachten, sowie die weitgreifende Kritik
und Umstrukturierung des deutschen Schulsystems nach 1945 durch die Alliierten.
Anschließend müssen natürlich die eigentliche Entstehungszeit der Gesamtschule und die politischen und sozialen Umstände unter denen sie als „Schulversuch“ überall in Deutschland
eingeführt wurde, berücksichtigt werden. Zu dieser geschichtlichen Beleuchtung des Themas
sollen vor allem die Arbeiten von Oelkers und Herrlitz berücksichtigt werden.
Ein zweiter, (...) Aspekt, (...), sind die
pädagogischen und inhaltlichen Zielsetzungen der Gesamtschule. Wodurch unterscheidet sich
die Gesamtschule von anderen Schulformen? Welche Schwerpunkte werden gesetzt? Diese
Fragestellungen sollen vor allem anhand der Arbeiten von Röken und Prengel erörtert
werden.
Zuletzt soll ein Blick in die Zukunft geworfen werden. Wird sich das Schulsystem in NRW
im Zuge der Umstrukturierungen „Abitur in 12 Jahren“ und „Einheitsabitur“ im Hinblick auf
die Gesamtschule positiv verändern? Wird die Gesamtschule weiter ausgebaut oder eher
zurück gedrängt werden? Lassen sich Vorurteile ihr gegenüber abbauen oder werden sie
durch die Praxis an den bestehenden Gesamtschulen bestätigt? In der heutigen Gesellschaft
wird die soziale Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. (...) Es stellt sich
trotzdem die Frage, ob nicht die Gesamtschule vielleicht die Lösung für das Bildungsproblem
der postmodernen deutschen Gesellschaft ist, angesichts der Tatsache, dass sich die
einheitliche Verschulung aller Kinder im Ausland bewährt hat. Leider werden in dieser Arbeit
nicht alle Fragen und Probleme berücksichtigt werden können.
Trotzdem soll versucht werden
(...)ein recht umfassendes Bild zu entwerfen und einige der
(...)Fragen zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Geschichte und Entstehung der Gesamtschule
2.1 Bestrebungen zur Vereinheitlichung des deutschen Schulwesens im 19. Jahrhundert
2.2 Entwicklungen vor und nach der Reichsschulkonferenz 1920
2.3 Entwicklungen in der Nachkriegszeit: Ost und West
2.4 Der Reformwille der 1960er und die ersten Gesamtschulen
3 Die Gesamtschul-Idee: Zielsetzungen, Ideale, Motive
4 Pädagogische und didaktische Prinzipien
4.1 Die kooperative und die integrierte Gesamtschule
4.2 Organisation, Didaktik und Pädagogik der Gesamtschule
4.3 Soziales Lernen
4.4 Das Teammodell als dezentralisierendes Organisationsprinzip
4.5 Fächerübergreifender Unterricht
5 Verzahnung mit anderen Teilen des Bildungssystems
6 Die Probleme und Perspektiven der aktuellen Situation in NRW
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung, die pädagogischen Konzepte sowie die aktuelle Situation der Gesamtschule in Deutschland, mit besonderem Fokus auf das Bundesland Nordrhein-Westfalen. Ziel ist es, die ursprüngliche Reformidee der Gesamtschule kritisch zu beleuchten und zu klären, inwiefern sie den Anspruch auf Chancengleichheit und individuelle Förderung in einem historisch gewachsenen, dreigliedrigen Schulsystem einlösen kann.
- Historische Analyse der deutschen Schulsystementwicklung seit dem 19. Jahrhundert
- Untersuchung der Gesamtschul-Idee als alternatives Bildungskonzept
- Darstellung pädagogischer und didaktischer Prinzipien wie soziales Lernen und Teammodelle
- Diskussion aktueller Probleme, Perspektiven und der bildungspolitischen Verankerung in NRW
Auszug aus dem Buch
Die kooperative und die integrierte Gesamtschule
Die kooperative Gesamtschule und die integrierte Gesamtschule sind zwei verschiedene Formen der Schulform Gesamtschule, welche beide in Deutschland existieren, sich jedoch in ihrem Konzept stark unterscheiden. Die kooperative Gesamtschule ist untergliedert in den Hauptschulzweig, den Realschulzweig und den Gymnasialzweig. Diese drei Zweige bilden die Säulen der Schulform der kooperativen Gesamtschule. Somit kann man sagen, dass die drei Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium „unter einem Dach“ unterrichtet werden. In Fächern wie Musik, Sport und Kunst wird schulzweigübergreifend unterrichtet.
Das bedeutet, dass die Schüler aus den verschiedenen Schulzweigen nicht nur auf dem Schulhof, sondern eben auch in ausgewählten Fächern miteinander in Kontakt kommen können und gegenseitig voneinander profitieren. So fällt es den Kindern leichter, ihren jeweiligen Schulzweig zu wechseln und Kontakte zu Kindern anderer Schulzweige zu knüpfen. Zusätzlich wird der starken Separation und Isolation der Haupt- und Realschüler entgegengewirkt, und bestimmten Schülern wird es sogar ermöglicht an dem einen oder anderen Fach in einem anderen der drei Schulzweige teilzunehmen (vgl. Filan 1981, S. 24-25). Es muss aber erwähnt werden, dass die eine Gesamtschule gar nicht existiert. Jede Gesamtschule hat einen anderen Schwerpunkt, ein anderes Konzept, andere Vorstellungen und Ziele und sogar andere Abschlussmöglichkeiten. Vergleicht man beispielsweise die Waldorf Gesamtschule und die Montessorigesamtschule, so werden konzeptuelle Unterschiede sofort deutlich.
Zusammenfassung der Kapitel
Problemstellung: Einführung in die Debatte um das dreigliedrige Schulsystem und die Rolle der Gesamtschule angesichts aktueller Bildungsstudien wie PISA.
Geschichte und Entstehung der Gesamtschule: Analyse der historischen Bestrebungen zur Vereinheitlichung des deutschen Schulwesens von der preußischen Reformzeit bis zur Nachkriegszeit und den Schulversuchen der 1960er Jahre.
Die Gesamtschul-Idee: Zielsetzungen, Ideale, Motive: Erörterung der ursprünglichen Reformansätze, insbesondere der Ziele Chancengleichheit, soziale Integration und individuelle Förderung.
Pädagogische und didaktische Prinzipien: Detaillierte Darstellung der Organisationsformen (kooperativ/integriert), Unterrichtsmethoden (Tischgruppen, Ganztag) und pädagogischer Schwerpunkte wie soziales Lernen.
Verzahnung mit anderen Teilen des Bildungssystems: Beschreibung der Schnittstellen der Gesamtschule zum restlichen Schulwesen und der Möglichkeiten zur Erlangung verschiedener Schulabschlüsse.
Die Probleme und Perspektiven der aktuellen Situation in NRW: Kritische Bestandsaufnahme der Gesamtschulen in NRW sowie Diskussion ihrer Zukunftsperspektiven im Kontext des selektiven Schulsystems.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung, wonach die Gesamtschule zwar das dreigliedrige System nicht ersetzt hat, aber für eine pädagogische Weiterentwicklung unverzichtbar bleibt.
Schlüsselwörter
Gesamtschule, Schulsystem, Chancengleichheit, Bildungspolitik, NRW, Schulentwicklung, soziale Integration, individualisierte Förderung, Ganztagsschule, Leistungsdifferenzierung, kooperative Gesamtschule, integrierte Gesamtschule, Schulpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Gesamtschule in Deutschland, ihrer historischen Genese, ihrem pädagogischen Selbstverständnis und ihrer Rolle innerhalb des bestehenden dreigliedrigen Schulsystems.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bildungsgeschichte, den Zielsetzungen der Reformpädagogik, der konkreten Organisation des Gesamtschulalltags und der kritischen Analyse der aktuellen Situation in Nordrhein-Westfalen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Gesamtschule als alternative Schulform entstanden ist, welche Ideale sie verfolgt und warum sie trotz ihrer pädagogischen Ansätze das gegliederte Schulsystem bisher nicht verdrängen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung bildungspolitischer Fachliteratur, historischer Dokumente und relevanter Studien zur Schulreform basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben der Historie insbesondere die didaktischen Prinzipien wie das Teammodell, das soziale Lernen, der fächerübergreifende Unterricht und das Ganztagskonzept erläutert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Gesamtschule, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Leistungsdifferenzierung und die Auseinandersetzung zwischen kooperativen und integrierten Schulmodellen.
Warum wird in der Arbeit explizit auf das Modell der Gesamtschule Reichshof Bezug genommen?
Das Modell der Gesamtschule Reichshof dient als praxisnahes Fallbeispiel, um die theoretischen Aspekte des Gesamtschulaufbaus und die Fachleistungsdifferenzierung anschaulich zu verdeutlichen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Zukunft der Gesamtschule?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Gesamtschule das dreigliedrige System zwar nicht ablösen wird, aber aufgrund ihres integrativen Anspruchs und ihrer pädagogischen Qualität auch in Zukunft eine wichtige Säule der Schullandschaft bleiben muss.
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- Hanna Fedorkov (Author), 2007, Die Gesamtschule , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150455