Haben Kinder Rechte?


Essay, 2007

15 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. Standortbestimmung
1.1. Erst Bilder, erste Fragen
1.2. Überblick

2. Die UN-Kinderrechtskonvention
2.1. Die Entstehung
2.2. Das Konzept
2.3. Kritik
2.4. Deutschland

3. Das Paradigma der Kindheit – Werte im Wandel

4. Implikationen für den pädagogischen Alltag

5. Zusammenfassung

6. Quellenverzeichnis
6.1. Literaturquellen
6.2. Internet

1. Standortbestimmung

1.1. Erst Bilder, erste Fragen

Noch vor nicht allzu langer Zeit waren Kinder mehr Objekte als Subjekte des Rechts und unterlagen primär der Verfügungsgewalt der Eltern oder des Staates[1]. Haben Kinder Rechte?

Wenn ich über Rechte von Kindern nachdenke, denke ich an die Geschichten, die mir eine Bekannte über ihre Kindheit als Tochter eines Arztes im Niger und in Algerien erzählt. Im Niger, in einem kleinen Dorf namens Tahoua, in dem sie lebten, gab es im Wesentlichen eine Straße: nördlich dieser Straße standen die Lehmhütten der Nigerianer, südlich die Häuser der Entwicklungshelfer. Nachts hörten sie ab und zu eine Detonation. Dann war, im günstigsten Fall, eine Gazelle oder eine Ziege auf eine Landmine geraten. Im ungünstigsten Fall musste ihr Vater am nächsten Morgen im Krankenhaus mit seinen Kollegen retten, was noch zu retten war. Das Gebiet, in dem es Landminen gab, war bekannt, aber vermutlich hatten viele Eltern aus den Lehmhüten einfach keine Ressourcen, ihre Kinder so genau zu beaufsichtigen, dass sie nicht doch ins Sperrgebiet kamen. Viele der Kinder arbeiteten schon im Grundschulalter als Hirten. Im Ort gab es nur eine Koranschule, aber keine Schule, in der Kinder Schreiben und Rechnen lernen konnten. Die Entwicklungshelferkinder wurden zuhause, meist von ihren Müttern, unterrichtet, oder sie wurden ins Internat geschickt. Der Küchenjunge, der ihrer Mutter half, war nur wenige Jahre älter als sie. Es wurde allgemein erwartet, einen zu beschäftigen.

Wie viele der Kinder der Lehmhütten, mit denen sie mit ihrem Bruder lebte, leben heute noch? Und unter welchen Umständen? Sie hat vier Kinder, gut kontrolliert im Krankenhaus zur Welt gebracht – hätte sie alle Geburten ohne komplexere medizinische Hilfe überlebt? Eher nicht.

Später zogen sie nach Algerien, noch vor dem Bürgerkrieg. Sie und ihr Bruder gingen in eine französische Grundschule, die auch Algeriern offen stand und von ihnen auch besucht wurde. Welche ihrer Mitschüler leben noch? Und mit welcher Ausbildung? Wie viele Kinder haben sie bekommen? Eins der Kinder meiner Bekannten starb an einem komplexen Herzfehler, nachdem die Ärzte fünf Monate versucht hatten, das kleine Mädchen zu retten. Wie wäre es Ihrer Tochter in Algerien ergangen? Hätte sie dort überhaupt eine Chance bekommen? Hätte sie selbst dort unter der Angst vor den Islamisten überhaupt einen Universitätsabschluss machen können, arbeiten können?

Sie wuchsen behütet auf. Ihre Freunde von der anderen Straßenseite durften mehr. Sie trugen schon als Kleinkinder Verantwortung – etwa für eine Ziege – der Bekannten hätte man noch als Jugendliche kaum die Verantwortung für einen Hund übertragen. Nicht weil sie besonders verantwortungslos war, sondern weil ihre Eltern von Nachbarn als verantwortungslos etikettiert worden wären.

Kindheiten verlaufen unterschiedlich. Vorausgesetzt, ihre Freunde haben ihre Kindheit überlebt – wer von ihnen war glücklicher, wer hat mehr gelernt, wer kann sich besser in seiner Umwelt und in fremden Umwelten behaupten? Und welche Empfehlungen lassen sich daraus für die staatlich garantierten Rechte von Kindern – etwa die auf ihr eigenes Überleben – ableiten?

Was ist das Ziel, „the pursuit of happines“, wie das in der Unabhängigkeits-erklärung der USA festgelegt ist[2] – oder Chancen auf optimale Entwicklung oder der Schutz zum puren Überleben, damit das Kind als Erwachsener seine Möglichkeiten selbst erkämpfen kann? Und welche dieser Werte haben Priorität, wenn sie in Widerstreit zueinander geraten sollten? Das sind Fragen, die sich den Förderern und Vorkämpfern von Kinderrechten im gemeinsamen Diskurs immer wieder stellen:

1.2. Überblick

„In den letzten Jahren hat es sich als notwendig erwiesen, die Menschenrechte bestimmter Gruppen genauer zu formulieren, die man als „besonders verwundbar“ betrachtet, beispielsweise Frauen, Angehörige kultureller Minderheiten und Kinder.“ (Schöfthaler in Carle, Kaiser, 1998, o.P.)

Was mit Menschen in fremden Ländern passiert, gerade in Ländern mit Bürgerkrieg, oder unzureichender Infrastruktur, erfahren wir täglich aus dem Fernsehen (zumindest zur Weihnachtszeit), aufbereitet ist es in vielen Büchern für unterschiedliche Altersstufen, etwa dem Buch „Kinder ohne Rechte“ in der verschiedene Autoren Erfahrungsberichte zusammengetragen haben, wie die Ärmsten der Ärmsten der Ärmsten – Kinder – überleben müssen, wenn es ihnen denn gelingt, zu überleben: In Flüchtlingscamps, als Aidswaise oder Kindersoldat, in Fabriken, in Slums, oder auch einfach nur unvorstellbar arm[3].

Nigeria, Iran, China und mehrere andere Staaten vollziehen die Todesstrafe auch bei Kindern – bis 2005 auch in den USA[4].

Die Rechte von Kindern werden heute in der Politik systematisch aufbereitet. Das liegt vermutlich einmal daran, dass Kinder auch künftige Wähler sind (auch wenn das vielleicht etwas zynisch gedacht ist), andererseits sicher an einem im letzten Jahrhundert gewachsenen Verständnis von der Kindheit als besonders verwundbarer und besonders schützenswerter Phase – was, wie ich später noch diskutieren werde, auch Nachteile hat.

Sie sind eine Weiterführung der Diskussion darüber ob Kinder, da sie noch nicht fertig gebildet und ausgebildet sind und noch nicht vollständig für ihre Lebensführung und ihren Lebensunterhalt verantwortlich sind, überhaupt ein Recht haben, in der Gesellschaft mitzubestimmen[5].

Worin gründen diese spezifischen Kinderrechte? Und welches Verhältnis zwischen Person und Gemeinwesen beschreiben sie?

Die Menschenrechte gründen auf der Annahme natürlicher Rechte, die allein darauf begründen, ein Mensch zu sein[6]. Kinderrechte gründen auf diese. „Es wird unterschieden zwischen elementaren oder fundamentalen Menschenrechten, wie dem Recht auf Leben, Menschenwürde und der Unverletzlichkeit der Person, und weitergehenden Menschrechten [] wie das Recht der Völker auf freie Verfügung über ihre natürlichen Reichtümer oder das Recht auf eine zufrieden stellende Umwelt.“ (Liebel, 2007, 9) Und das Recht der Kinder?

[...]


[1] Vgl. Thomson in Engelmann, Fiechtner, 2006,

[2] Vgl. Wikipedia.org am 3.11.

[3] Vgl. Engelmann, Fiechtner,

[4] Vgl. Thomson in Engelmann, Fiechtner, 2006,

[5] Vgl. Carle, Kaiser, 1998,

[6] Vgl. Liebel, 2007,

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Haben Kinder Rechte?
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V150501
ISBN (eBook)
9783640618170
ISBN (Buch)
9783640617890
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechte, Kinder, UN-Kinderrechtskonvention, interkulturelle Perspektive
Arbeit zitieren
Dr. Phil. Kathrin Kiss-Elder (Autor), 2007, Haben Kinder Rechte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150501

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Haben Kinder Rechte?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden