Der Sinngehalt der Metaphysik aus der Sicht Rudolf Carnaps


Seminararbeit, 2004

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung - (un)strenge Sinnlosigkeit von Satzen

2. Scheinsatze
2.1 Die Bedeutung eines Wortes
2.2 Ein Wort meint nichts uber seine Bedeutung hinaus
2.3 Metaphysische Worter ohne Bedeutung

3. Weitere Arten von Scheinsatzen

4. Metaphysische Scheinsatze

5. Schlussteil

Abkurzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung - (un)strenge Sinnlosigkeit von Satzen

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Interpretation des Textes ‘Uberwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache’[1] . In diesem Zusammenhang werden die folgenden Fragen beantwortet: ‘Sind - nach Carnap - metaphysische Satze immer Scheinsatze (sinnlose Satze)?’ und ‘Worin besteht der wesentliche Unterschied zwischen den „klassischen“ Uberwindungsversuchen der Metaphysik durch deren Kontrahenten und dem Uberwindungsversuch[2] Carnaps?’.

Carnap versucht in seinem Text auf die Frage nach der Gultigkeit und Berechtigung der Metaphysik eine neue Antwort zu geben. Er glaubt, durch den Einsatz von Analyseverfahren, die auf der „modernen“ Logik basieren, den Ansatz der Metaphysik selbst als widerspruchlich uberfuhren zu konnen. Hieraus resultiert seiner Ansicht nach ihre Uberwindung.

Da seit der Spatantike die Metaphysik als die Grundwissenschaft betrachtet wurde, in der alle philosophischen Disziplinen wurzeln, impliziert Carnaps ziemlich radikaler Uberwindungsversuch weit reichende Konsequenzen fur die Philosophie als Wissenschaft selbst. Fur den Bereich, den er als Metaphysik einstuft, ergeben sich negative Konsequenzen,

wie etwa, „[...] dab die vorgeblichen Satze dieses Gebietes ganzlich sinnlos sind“[3]. Doch die gleiche Methodik fuhrt bei den empirischen Wissenschaften zu folgenden positiven Ergebnissen: „[...] die einzelnen Begriffe der verschiedenen Wissenschaftszweige werden geklart; ihr formal-logischer und erkenntnistheoretischer Zusammenhang wird aufgewiesen.“[4].

Wenn Carnap die Satze der Metaphysik als sinnlos bezeichnet, so tut er dies in einem bestimmten, wie er sagt „strengsten Sinn“[5], der sich wie folgt von einer unstrengen Sinnlosigkeit unterscheidet.

Sinnlos - im strengen Sinn - sind solche Satze, die innerhalb einer Sprache keinen Satz bilden, sondern Scheinsatze darstellen, die den korrekt formulierten Satzen bei grober Betrachtung vorerst ahneln. Er unterscheidet zwei Arten von Scheinsatzen. Die einen enthalten Worter, die keine Bedeutung haben und die anderen enthalten zwar Worter mit einer Bedeutung, sind aber in syntaxwidriger Weise zusammengesetzt.

Das Wesen der von Carnap als unstreng bezeichneten Sinnlosigkeit von Satzen sollen die drei folgenden, von mir formulierten Satze verdeutlichen.

Beim ersten Beispiel handelt es sich um die folgende Frage: Hat der Greifswalder Dom zu Reparaturzwecken zu wenig Dachziegel im Keller gelagert?

Diese Frage erscheint uns unfruchtbar. In der Unfruchtbarkeit von Fragen sieht Carnap ein Kriterium fur ihre Sinnlosigkeit gegeben. Somit ware die aufgestellte Frage sinnlos. Es liegt aber keine strenge Sinnlosigkeit vor, da sie zumindest beantwortet werden konnte - mit ja oder nein.

Das zweite Beispiel :

Der vom Menschen durch sein Gehor wahrnehmbare Schall liegt in einem Frequenzbereich von 20 bis 30000 Hz.[6]

Hierbei handelt es sich um eine falsche Behauptung, die sich zumindest jedem Ohrenarzt als offensichtlich sinnlos darbieten muss. Auch in diesem Fall liegt keine strenge Sinnlosigkeit vor, da der Satz - obwohl falsch - syntaxgemafi gebildet ist.

Das dritte Beispiel gibt eine logisch falsche Behauptung wieder:

Einen Fehler zu begehen ist gut und nicht gut.

Diese Aussage, die (streng genommen) in sich einen kontradiktorischen Widerspruch birgt, ordnen wir schnell dem Sinnlosen zu. Jedoch liegt, nach Carnaps Unterscheidung, auch hier kein Fall von Sinnlosigkeit im strengen Sinn vor, sondern nur, wie beim zweiten Beispiel, eine fasche Behauptung.

Zusammenfassend lasst sich feststellen, dass sich fur Carnap unstrenge Sinnlosigkeit von Satzen dadurch aufiern kann, dass diese Satze unfruchtbar wirken, den Tatsachen unserer empirischen Umwelt widersprechen oder in sich kontradiktorische Widerspruche bergen.

Wo Carnap die Grenze zwischen metaphysischen und nicht-metaphysischen Worten zieht, ist in seinem Text nicht so deutlich zu erkennen, wie die von ihm gezogene Grenze, die sinnlose (bedeutungslose) von sinnvollen (bedeutungstragenden) Worten trennt. Die Erlauterung der Methode, die nach Carnap zur Uberwindung der Metaphysik fuhrt, wird den grofiten Teil meiner Arbeit in Anspruch nehmen. Was fur Carnap alles unter den Begriff ‘Metaphysik’ fallt, wird in meiner Arbeit nur teilweise erortert.

2. Scheinsatze

Um innerhalb einer Sprache Satze bilden zu konnen, benotigt man einen Bestand an Wortern, die eine Bedeutung haben, sowie ein Regelwerk, welches die Zusammensetzung dieser Worter zu Satzen vorgibt. Carnap zufolge kann man bei der Untersuchung des Sinngehalts von Satzen bei der Feststellung von Sinnlosigkeit, diese in eine strenge und eine unstrenge Sinnlosigkeit unterscheiden. Alle Satze die unstreng sinnlos sind, stellen trotzdem ordnungsgemafie Satze innerhalb einer Sprache dar.[7] Alle Satze, die Carnap als streng sinnlos betrachtet, sind auch immer Satze, die entweder syntaktisch falsch gebildet sind, oder die mindestens ein Wort ohne Bedeutung enthalten. Diese Satze bezeichnet er als Scheinsatze. Damit man die „normalen“ Satze als solche erkennen und von den Scheinsatzen unterscheiden kann, muss man also auf die korrekte syntaktische Bildung des Satzes achten und darauf, ob alle im Satz verwendeten Worter eine Bedeutung haben. Da man mit Hilfe des syntaktischen Regelwerks einer jeweiligen Sprache entscheiden kann, ob ein Satz innerhalb dieser Sprache als syntaktisch korrekt gebildet gilt, und da diese Regelwerke far jedermann zuganglich und nachlesbar sind, werde ich mich an dieser Stelle nicht eingehender damit beschaftigen. Vielmehr richte ich nun meinen Blick auf die Bedeutung von Wortern.

2.1 Die Bedeutung eines Wortes

Carnap stellt folgende Frage: „Ist nicht jedes Wort nur deshalb in die Sprache eingefuhrt worden, [.. .]so dafi es von seinem ersten Gebrauch an eine bestimmte Bedeutung hat?“8

Ja, man kann davon ausgehen, dass jedes Wort eine bestimmte Bedeutung hatte, als es in eine Sprache eingefuhrt wurde. Diese Worte, so sagen wir, bezeichnen jeweils einen Begriff. Doch einige Worter andern im Lauf der Geschichte ihre Bedeutung, und noch andere verlieren ihre Bedeutung, ohne, dass eine neue Bedeutung den Platz der vorherigen einnimmt.[9] Solch ein Wort ohne Bedeutungssubstitution verweist auf einen „Scheinbegriff‘.

Doch wodurch bekommt ein Wort seine Bedeutung? Wann behaupten wir von Wortern, dass sie eine Bedeutung haben? Die Antwort auf diese Fragen macht Carnap durch zwei Uberlegungen kenntlich. Zusammengenommen stellen diese dann das mafigebliche Kriterium dar, um Wortern Bedeutung zuschreiben zu konnen oder zu entscheiden, ob ein Wort bedeutungstragend ist oder nicht. Als Erstes muss die Art festliegen, wie ein Wort in der einfachsten Satzform auftritt, in der es vorkommen kann; d. h. die Syntax des Wortes muss festliegen. Carnap nennt die einfachsten Satze, in denen Worter vorkommen konnen,

Elementarsatze. Eine elementare Satzform fur das Wort ‘Pflanze’ ist: ‘x ist eine Pflanze’. Die Variable x steht fur irgendeine Bezeichnung aus der Menge der Dinge, z. B. ‘diese Eiche’ oder ‘dieser Strumpf.

Zweitens muss fur den Elementarsatz A des betreffenden Wortes die Antwort auf folgende Frage gegeben sein: Aus welchen Satzen ist A ableitbar, und welche Satze sind aus A ableitbar?[10] Um die hier angefuhrte Vorgehensweise an einem Beispiel zu verdeutlichen, betrachte ich das Wort ‘Turbine’ [11].

Im ersten Schritt zeige ich den hier zugehorigen Elementarsatz A auf, der da lautet: ‘x ist eine Turbine.’ Im zweiten Schritt muss ich diejenigen Satze angeben, aus denen der Elementarsatz A abgeleitet ist und die aus ihm ableitbar sind. Sie lauten: ‘x gehort zu den Stromungsmaschinen.’, ‘x ist eine Kraftmaschine.’, ‘x entzieht einem Fluid (Wasser, Gas oder Dampf) Energie.’ und ‘x wandelt die einem Fluid entzogene Energie in mechanische Energie um.’ Durch diese beiden Schritte habe ich die Bedeutung des Wortes ‘Turbine’ definitorisch festgelegt; auberdem habe ich die Festlegungskriterien aufgezeigt, durch die dieses Wort seine Bedeutung erhielt.

Bei ‘Turbine’ handelt es sich um ein Wort, das hauptsachlich aus dem Wissenschaftsbereich der Physik stammt und das sich in den oben genannten Satzen nun auf andere Worte, einige auch aus dem Bereich der Physik, stutzt, wobei fur die definierenden Worte vorausgesetzt ist, dass auch sie bedeutungstragend sind und nach dem gleichen Verfahren ihre Bedeutung erhielten.

Als weiterfuhrendes Beispiel werde ich das Wort ‘Kraftmaschine’12 wahlen, welches oben in einem der Satze benutzt wurde, um dem Wort ‘Turbine’ seine Bedeutung zuzuweisen. Der zugehorige Elementarsatz A lautet: ‘x ist eine Kraftmaschine.’ Die Satze, aus denen der Elementarsatz A dieses Wortes ableitbar ist, und die aus ihm abgeleitet werden konnen, sind folgende: ‘x ist eine Maschine.’, ‘x wandelt Energieformen (thermische, kinetische, elektrische Energie) in mechanische Energie um.’, ‘x treibt Arbeitsmaschinen oder Fahrzeuge an.’ und ‘x ist unterteilt in Warmekraftmaschinen, Wasserkraftmaschinen und Elektromotoren.’ Man sieht also, dass das Wort Kraftmaschine eine Bedeutung hat und es somit vollig legitim ist, dass wir es in dem Verfahren verwenden, welches dem Wort ‘Turbine’ seine Bedeutung gibt. So, wie beispielhaft ausgefuhrt, konnte man nun mit den verbliebenen Worten der obigen Sätze verfahren und aufzeigen, dass auch sie bedeutungstragend sind.

[...]


[1] UdM.

[2] Carnap war (nur) einer von vielen Vertretern der positivistisch-logistischen Philosophie. Somit steht er nicht allein fur diesen Uberwindungsversuch, sondern fur eine ganze philosophische Richtung steht fur ihn.

[3] UdM, S.220.

[4] UdM, S.219-220.

[5] UdM, S.220.

[6] Der vom Menschen als Horereignis wahrgenommene Schall liegt in einem Frequenzbereich von ca. 16Hz - 16000Hz.

[7] Siehe die drei Beispiele fur unstrenge Sinnlosigkeit in der Einleitung.

[8] UdM, S.221.

[9] Der Bedeutungsverlust, den einige Worter erfahren haben, wird in Kapitel 3 beispielhaft belegt.

[10] Zwar gibt Carnap noch drei weitere Fragen an, welche aber nur, anders formuliert, auf den gleichen, von dieser Frage schon dargestellten Inhalt abzielen.

[11] Brock, S.2039.

[12] Brock, S.1129.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Sinngehalt der Metaphysik aus der Sicht Rudolf Carnaps
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Scheinprobleme: Das Philosophiekonzept von Rudolf Carnap
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V150509
ISBN (eBook)
9783640616022
ISBN (Buch)
9783640616329
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sinngehalt, Metaphysik, Sicht, Rudolf, Carnaps
Arbeit zitieren
Hermann Sievers (Autor:in), 2004, Der Sinngehalt der Metaphysik aus der Sicht Rudolf Carnaps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150509

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