„Offener Unterricht ist in Perfektion nur in entschulten Situationen vorstellbar“ (Ramsegger 1992: 26). Die immer noch zutreffende Aussage Ramseggers wirft sofort die Frage auf, ob die Rede vom geöffneten Lernen, vom offenen Unterricht, nicht ein Antagonismus, auf der sprachlichen Ebene ein Oximoron darstellt, dessen schwunghafte Karriere einzig seiner pla-kativen Neuartigkeit geschuldet ist. Nichtsdestoweniger soll in dem hier reflektierten unter-richtsversuch die Stärken eines geöffneten Unterrichts ausgelotet werden. Unterricht in der Institution Schule ist durch Strukturen gekennzeichnet: Das beginnt beim Stundenklingel und hört bei den schriftlich festgehaltenen Erwartungen hinsichtlich der zu erlernenden Wissens-bestände und Kompetenzen auf. Diesen Unterricht nun zu öffnen, ist ein Grundtenor zeitge-nössischer Vorstellung von Schule, und doch bleibt der Anspruch aufgrund der gegenwärtigen institutionellen Situation kaum eingelöst. Im Folgenden geht es darum, in kleine Schritten auf die Potentiale und Fallstricke des geöffneten Unterrichtes zu verweisen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Vorüberlegungen und konzeptionelle Überlegungen
2.1 Die Erfordernisse eines sich wandelnden Bildungsbegriffes – Forschungshypothesen
2.2 Gesellschaftstheoretische wie allgemeindidaktische Rahmenbedingungen
2.3 Didaktischer Paradigmenwechsel? Der offene Unterricht als individualisierter Unterricht
2.4 Strukturierter und offener Unterricht – (k)ein Widerspruch?
2.4.1 Der strukturierte Unterricht
2.4.2 Der geöffnete Unterricht
3 Anlage der Untersuchung
3.1 Evaluation und Indikatoren - Begründung
4 Anlage der Unterrichtseinheit
4.1 Angaben zur Lerngruppe
4.2 Thema der Unterrichtseinheit und Einbettung in die Gesamtplanung
4.3 Begründung der didaktischen Entscheidungen
4.3.1 Sachanalytische Hinweise
4.3.2 Didaktische Entscheidungen
4.4 Begründung der Methoden- und Medienauswahl
4.6 Überblick über den Verlauf der Unterrichtseinheit
5 Auswertung der Unterrichtseinheit
5.1 Freies Arbeiten oder strukturiertes Lernen – meine Beobachtungen
5.2 Die Meinung der ExpertInnen
5.2.1 Vorteile des geöffneten Unterrichtes
5.2.2 Schwierigkeiten geöffneten Unterrichtes
6 Schlussfolgerungen
6.1 Neujustierung von SchülerInnen- und LehrerInnenrolle
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit offener Unterricht im Vergleich zu strukturiertem Unterricht den Kompetenzerwerb von Oberstufenschülern in einer kooperierenden Gesamtschule fördert. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie viel Vorstrukturierung für erfolgreiche Lernprozesse notwendig ist und welche Auswirkungen verschiedene Unterrichtsformen auf fachliche sowie überfachliche Kompetenzen haben.
- Vergleich von strukturiertem und geöffnetem Unterricht
- Einfluss der Unterrichtsform auf den Wissenserwerb
- Förderung von Handlungs- und Sozialkompetenzen
- Rolle der Selbststeuerung und Eigenverantwortung bei Schülern
- Reflexion der Lehrerrolle im Kontext einer "Neuen Lernkultur"
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Der strukturierte Unterricht
Der strukturierte Unterricht ist nicht gleichzusetzen mit Frontalunterricht. Er kann individuelle und individualisierte Arbeitsphasen enthalten. Beiden gemein ist jedoch die starke Lehrersteuerung. Gegenstand, Ziele und der Weg sind vorstrukturiert, die Strukturgebung dient der Entlastung und gleichzeitigen Klarheit des pädagogischen Prozesses. Mit den Zielvorgaben werden von der Lehrkraft vorbereitete Wissensabschnitte zur Be- und Verarbeitung dargereicht. Sowohl die Verfahren der Darstellung und Vermittlung als auch die Aneignungsprozesse sind vorgegeben:
>>Lernen durch Lehre<< ist an die kulturelle Tradition gebunden, die in der Schule durch den Lehrplan, die Systematik des Lehrganges, >>die den beliebigen Wünschen einzelner Schüler entzogen ist<<, und durch die berufliche Kompetenz des Lehrers gesichert werden soll, der für die fachwissenschaftliche und didaktische Güte des Unterrichts einstehen muß
Die Vorurteile, die dem strukturierten Unterricht häufig entgegengebracht werden, sind vielfach berechtigt. Starre, vorgegebene Unterrichtsgänge scheinen die individuellen Persönlichkeiten und damit Lernwege der Lernenden zu vernachlässigen und eine Lehrerzentrierung geradezu zu provozieren. Lehrpläne, Schulstrukturen und Lernprozesse erscheinen dabei als “rigide Reglementierungen, die eine optimale Entfaltung der seelischen und geistigen Kräfte der Schüler behindern.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Ambivalenz von offenem Unterricht in einer strukturierten Schulumgebung und formuliert das Ziel, dessen Potenziale und Fallstricke zu untersuchen.
2 Theoretische Vorüberlegungen und konzeptionelle Überlegungen: Dieses Kapitel diskutiert den gesellschaftlichen Wandel und die damit verbundenen Anforderungen an eine "Neue Lernkultur", die individualisiertes und selbstgesteuertes Lernen in den Fokus rückt.
3 Anlage der Untersuchung: Hier wird das Untersuchungsdesign erläutert, das durch den Vergleich zweier unterschiedlich strukturierter Unterrichtssequenzen versucht, Erkenntnisse über Gelingensbedingungen zu gewinnen.
4 Anlage der Unterrichtseinheit: Das Kapitel beschreibt detailliert die Lerngruppe, das Thema der Unterrichtseinheit (politische Theorien) sowie die didaktischen Begründungen für die gewählten Methoden und Medien.
5 Auswertung der Unterrichtseinheit: Dies umfasst die Beobachtungen des Autors während der Unterrichtssequenzen sowie die Auswertung des Schülerfeedbacks zu den Vorteilen und Schwierigkeiten des geöffneten Lernens.
6 Schlussfolgerungen: Die Schlussfolgerungen fassen zusammen, dass beide Unterrichtsformen ihre Berechtigung haben und plädieren für eine Neujustierung der Rollen von Lehrern und Schülern hin zu einer forschenden Haltung.
7 Fazit: Das Fazit reflektiert auf Basis pädagogischer Theorie, dass offener Unterricht das lineare Belehrungsverhältnis aufbrechen und Wissen der Schüler als konstruktiven Beitrag integrieren kann.
Schlüsselwörter
Offener Unterricht, strukturierter Unterricht, Kompetenzerwerb, individualisiertes Lernen, Neue Lernkultur, Selbststeuerung, Handlungsfähigkeit, Sozialkompetenz, politische Bildung, Vertragstheorien, Reflexion, Lehrerrolle, Schülerpartizipation, Unterrichtsmethoden, Leistungsheterogenität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Wirksamkeit von offenem gegenüber strukturiertem Unterricht bei der Förderung von Kompetenzen in der Oberstufe einer Gesamtschule.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung des selbstgesteuerten Lernens, die Anwendung politischer Theorien und der Wandel der Lernkultur im schulischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, ob offener Unterricht den Kompetenzerwerb stärker unterstützt als stark strukturierter Unterricht und wie viel Vorstrukturierung für den Lernerfolg förderlich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Autor führt einen Unterrichtsversuch in zwei aufeinanderfolgenden Phasen durch, die sich im Grad der Strukturierung unterscheiden, und wertet diese anhand von Beobachtungen und Schülerfragebögen aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung, der konkreten Planung der Unterrichtssequenzen zur politischen Philosophie sowie der detaillierten Auswertung der Beobachtungen und Schülerergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Offener Unterricht, Kompetenzerwerb, Selbststeuerung, Handlungs- und Sozialkompetenz sowie die Neujustierung der Lehrerrolle.
Warum wurde das Thema der Vertragstheorien für den Versuch gewählt?
Dieses Thema eignet sich aufgrund seiner Komplexität ideal, um sowohl inhaltlich-fachliche Kompetenzen als auch die Fähigkeit zur eigenständigen Problemreflexion zu trainieren.
Welche Schwierigkeiten wurden beim offenen Unterricht besonders hervorgehoben?
Schüler nannten als Schwierigkeiten die eigene Faulheit, das fehlende Material, unklare Leitfragen und die Überforderung durch die plötzlich geforderte Selbstorganisation.
Welches Fazit zieht der Autor in Bezug auf die Lehrerrolle?
Der Autor schlussfolgert, dass die Lehrerrolle weg von einer belehrenden Instanz hin zu einer begleitenden, beratenden Funktion transformiert werden sollte, um einen forschenden Gestus bei den Schülern zu ermöglichen.
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- Dr. Torsten Junge (Author), 2010, Gelungener Kompetenzerwerb durch offenen oder strukturierten Unterricht? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150589