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Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung

Title: Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung

Essay , 2003 , 13 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Anton Distler (Author)

History of Germany - National Socialism, World War II
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Wer bekannte sich verantwortlich für diese Untaten? Gab es eine kollektive deutsche Schuld? Reichte der Verweis auf den vermeintlich unhintergehbaren Befehl des Führers, der absoluten Gehorsam im Sinne von „ein Volk, ein Reich, ein Führer“ einforderte, aus, um sich von jeglicher menschlicher Verantwortung und Schuld für den Massenmord freizusprechen? War also Adolf Eichmann „nur“ ein gefall- und ruhmessüchtiger „Schreibtischhengst“ (Wojak, S. 195.) oder in „abgründiger Dummheit“ (Arendt, S. 129.) der Vertreter der „Banalität des Bösen“ schlechthin, wie Hannah Arendt in ihrem Prozessbericht vermuten lässt
Aber, um einmal ohne Maskierung des Geschehenen zu fragen und zu argumentieren: Wer waren denn nun konkret die Deutschen, die jenen Millionen (!) jüdischen Menschen den Tod besorgten, als seien sie weniger Wert als Schlachtvieh? Handelte es sich nur um ganz normale deutsche Männer, wie Browning es vermuten lässt oder waren es, laut Goldhagen, die ganz normalen Deutschen insgesamt, die ganz normalen Deutschen, die als „mobile(n) Völkermordkohorten, (die) als Weltanschauungskrieger“ (Goldhagen, S. 321.), den bestens organisierten Mord an den jüdischen Kindern, Frauen, alten und jungen Männern begingen?
“Die beschriebene ´Unmöglichkeit, eine Geschichte zu erzählen´, bildet die psychische Realität einer extremen Terror-Handlung präzise ab“ (Reemtsma, S. 143.). Die hier zitierte extreme Terrorhandlung steht beispielhaft für die gezielte, geplante und fast vollständig durchgeführte Judenvernichtung durch Hitlers Nationalsozialismus. Reemtsma will die spezifische „Logik“ des Terrors herausstellen, eine einfache Beschreibung dessen verwehrt. Reemtsma führt daher die Wortschöpfung Terroratio ein, um „jene(n) Prozeß der ´Zerstörung von Erfahrung´ (...)“ (Reemtsma, S. 145.) zu beschreiben. „Binnenrationalität“, die den Tätern eine gewisse Sinnhaftigkeit in ihrem Tun gewähre. Denn „`die Deutschen töteten mehr als fünf Millionen Juden (...)“ indem sie diesem Massenmord „(...) einen Sinn beimaßen.´“ (Basic/Welzer, S. 79.) Sie reden in diesem Punkt, ob der Rationalität und Irrationalität, zum einen R. Hilberg das Wort, und in gewisser Weise auch H. Arendt und Reemtsma, wenn man die von ihr beschriebene „vollendete Sinnlosigkeit“ einerseits und die Terroratio Reemtsmas andererseits synonym nimmt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Essay I: Die Bürokratie des Massenmords: Adolf Eichmann und die „Banalität des Bösen“

Essay II.: Ganz normale Deutsche?

Essay III.: „Autoritärer Charakter“ und Rationalität: Jan Philipp Reemtsma: Terroratio

Essay IV.: „Binnenrationalität“ und Tötungsbereitschaft

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht zentrale Ansätze der NS-Täterforschung, um ein tieferes Verständnis für die psychologischen und soziologischen Mechanismen hinter der Beteiligung an Massenmorden zu gewinnen. Dabei wird kritisch hinterfragt, ob es sich bei den Akteuren um "ganz normale Männer" handelte und wie kollektives Handeln in extremen Situationen rationalisiert wird.

  • Psychologische Analyse der Tätermotivation
  • Kritische Auseinandersetzung mit der "Banalität des Bösen"
  • Vergleich verschiedener theoretischer Ansätze (u.a. Goldhagen, Browning, Reemtsma)
  • Rolle von Sozialisation und situativen Faktoren bei Tötungsbereitschaft
  • Herausforderungen der moralischen Verantwortung im Kollektiv

Auszug aus dem Buch

„Binnenrationalität“ und Tötungsbereitschaft

Während Reemtsma für das Handeln im Terror während des Nationalsozialismus den Begriff „Terroratio“ als logisches Konzept kreierte, sehen die Autoren Basic und Welzer die „Binnenrationalität“, die den Tätern eine gewisse Sinnhaftigkeit in ihrem Tun gewähre. Denn „`die Deutschen töteten mehr als fünf Millionen Juden (...)“ indem sie diesem Massenmord „(...) einen Sinn beimaßen.´“ (Basic/Welzer, S. 79.) Sie reden in diesem Punkt, ob der Rationalität und Irrationalität, zum einen R. Hilberg das Wort, und in gewisser Weise auch H. Arendt und Reemtsma, wenn man die von ihr beschriebene „vollendete Sinnlosigkeit“ einerseits und die Terroratio Reemtsmas andererseits synonym nimmt. Sie begründen dies mit einer interaktionistischen Sozialpsychologie, gemäß derer „(...) Menschen grundsätzlich infolge ihrer Definition der Situation handeln, wie irrational, falsch oder unbegründet diese Definition aus einer Außenperspektive sich auch immer darstellen mag.“ (Basic/Welzer, S. 79.)

Wenn der Paranoiker also den Briefträger umbringt ist es für den Täter „höchst rational und sinnhaft” (Basic/Welzer, S. 79.), objektiv aber, also im Sinne des philosophischen Begriffs der Vernunft, nicht für uns. Dieses Einzelbeispiel lässt sich, so die Autoren, auf das kollektive Phänomen der Judenvernichtung übertragen, womit sie ihren Ansatz am Polizeibataillon 101 erläutern wollen.

Zusammenfassung der Kapitel

Essay I: Die Bürokratie des Massenmords: Adolf Eichmann und die „Banalität des Bösen“: Dieses Kapitel analysiert Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen“ anhand der Person Adolf Eichmann und hinterfragt, ob dieser lediglich als Befehlsempfänger oder als überzeugter Ideologe agierte.

Essay II.: Ganz normale Deutsche?: Hier werden die Thesen von Daniel J. Goldhagen und Christopher R. Browning kontrastiert, um zu klären, ob es sich bei den NS-Tätern um einen "repräsentativen Durchschnitt" der deutschen Gesellschaft handelte, der einem eliminatorischen Antisemitismus folgte.

Essay III.: „Autoritärer Charakter“ und Rationalität: Jan Philipp Reemtsma: Terroratio: Das Kapitel erläutert Jan Philipp Reemtsmas Modell der „Terroratio“, das die Judenvernichtung als Synthese von Werte- und Zweckrationalität begreift, um die vermeintliche Unerklärlichkeit des Holocausts zu überwinden.

Essay IV.: „Binnenrationalität“ und Tötungsbereitschaft: Die Autoren Basic und Welzer untersuchen die soziale Konstruktion von Sinnhaftigkeit bei Tätern und ziehen sozialpsychologische Experimente heran, um die Entstehung von Tötungsbereitschaft in Gruppen zu erklären.

Schlüsselwörter

NS-Täterforschung, Holocaust, Banalität des Bösen, Terroratio, Binnenrationalität, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Sozialpsychologie, Milgram-Experiment, Tötungsbereitschaft, kollektive Schuld, Verantwortung, Ideologie, Genozid, Gewaltforschung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit setzt sich kritisch mit verschiedenen theoretischen Erklärungsmodellen der NS-Täterforschung auseinander, um das Handeln von Tätern während des Holocausts besser zu verstehen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die psychologischen Mechanismen der Tötungsbereitschaft, die Bedeutung von Ideologie versus situativer Gruppendynamik und die Frage nach individueller moralischer Verantwortung.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das primäre Ziel ist es, die Komplexität der Tätermotivation aufzuzeigen und zu untersuchen, wie Menschen in kollektiven Kontexten zur Teilnahme an Massenmorden gebracht werden konnten.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?

Der Autor nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem er die Thesen bekannter Historiker und Sozialwissenschaftler wie Arendt, Goldhagen, Browning und Reemtsma analysiert und kritisch in Beziehung setzt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in vier Essays, die jeweils spezifische Erklärungsmodelle (Terroratio, Binnenrationalität, eliminatorischer Antisemitismus) analysieren und in einen größeren theoretischen Zusammenhang einordnen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie NS-Täterforschung, Holocaust, Terroratio, Binnenrationalität und Sozialpsychologie beschreiben.

Wie bewertet der Autor die Bedeutung des Milgram-Experiments?

Der Autor sieht im Milgram-Experiment einen wichtigen Hinweis darauf, wie situative Settings und Gruppendruck normale Menschen dazu bringen können, moralische Schranken bei der Ausübung von Gewalt zu überschreiten.

Warum reicht laut Autor der Verweis auf das „Befehl ist Befehl“-Prinzip nicht aus?

Der Autor betont, dass die meisten Täter Wahlmöglichkeiten hatten. Das Beharren auf dem Befehlsnotstand dient primär der Entlastung von der eigenen Schuld und der Wahrung des Bildes der "moralischen Integrität".

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Details

Title
Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung
College
University of Freiburg  (Historisches Seminar)
Course
Proseminar B:
Grade
1,0
Author
Anton Distler (Author)
Publication Year
2003
Pages
13
Catalog Number
V15067
ISBN (eBook)
9783638203043
ISBN (Book)
9783638758284
Language
German
Tags
Ganz Männer Perspektiven NS-Täter-Forschung Proseminar
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anton Distler (Author), 2003, Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15067
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