Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung


Essay, 2003
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Essay I: Die Bürokratie des Massenmords: Adolf Eichmann und die „Banalität des Bösen“

Jean-Paul Sartre hat sich in seinen Überlegungen zur Judenfrage deutlich ausgedrückt, wenn er den Antisemiten als einen Menschen skizziert, der in Angst vor seiner eigenen Freiheit und der daraus resultierenden Verantwortung für alles was er tut, nicht anders handeln kann, als gegen die Juden vorzugehen. Würde es die Juden nicht geben, der Antisemit täte sie erfinden, so das Fazit Sartres. In der langen Diasporageschichte der Juden liebäugelten die Menschen stets mit der Frage, was denn die Juden hier auf Erden noch wollten, nachdem doch das Christentum als einzig wahre Religion den vermeintlich berechtigten Siegeszug antrat

So entwickelte sich vor allem nach der Aufklärung in allen europäischen Ländern mit je unterschiedlicher Wirkungsweise die „Judenfrage“ heraus. Die Juden stellten ein Problem dar, denn sie waren ja für alles Unbill der Geschichte verantwortlich. Und, so die allgemeinen Vorurteile, sie wollten – und konnten! - sich zudem weder assimilieren noch von ihrer Welteroberung abrücken. Was tun? Man versuchte ihr Dasein gesetzlich zu reglementieren und sie aller Rechte immer weiter zu beschneiden, bis hin Pogrome gegen die Juden durchzuführen, die quasi als Sündenböcke herhalten mussten und zu Tausenden starben und vertrieben wurden. Vor allem im Russischen Reich wurde schon auf die zukünftige und totale Vernichtungspolitik hingearbeitet und Deutschland übernahm mit Hitler die Führung in der physischen Vernichtung der Juden. Mitte des zweiten Weltkriegs kulminierte sich alles Wissen der Deutschen in der „Endlösung der Judenfrage“, mit dem bekannten Ergebnis der fast vollständigen Tötung aller Juden Europas

Wer bekannte sich verantwortlich für diese Untaten? Gab es eine kollektive deutsche Schuld? Reichte der Verweis auf den vermeintlich unhintergehbaren Befehl des Führers, der absoluten Gehorsam im Sinne von „ein Volk, ein Reich, ein Führer“ einforderte, aus, um sich von jeglicher menschlicher Verantwortung und Schuld für den Massenmord freizusprechen? War also Adolf Eichmann „nur“ ein gefall- und ruhmessüchtiger „Schreibtischhengst“ (Wojak, S. 195.) oder in „abgründiger Dummheit“ (Arendt, S. 129.) der Vertreter der „Banalität des Bösen“ schlechthin, wie Hannah Arendt in ihrem Prozessbericht vermuten lässt?

Vieles spricht dafür, Adolf Eichmann, dem 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht wurde, als eine peinlich tragische Figur behandeln zu müssen. Doch angesichts seiner „wirklichen Taten“ (Wojak, S. 201.) fällt es schwer, die dadurch beschworene „Banalität des Bösen“ als alleinigen Hintergrund für Eichmanns Untaten zu sehen. Der „Hanswurst“ war trotz aller „abgründigen Dummheit“ und „pathologischen Verlogenheit“ (Arendt, S. 129.) ein erwachsener Mensch, dem folgerichtiges Denken angesichts seiner rationalen und effektiven Planungen und Verhandlungen zur Deportation fast aller Juden Europas, vorausgesetzt werden musste. Er selbst sah sich nicht nur als einen „normalen Befehlsempfänger“, dann wäre er ja, laut Eichmann, „ein Trottel gewesen“ (Wojak, S. 195.), sondern vor allem als einen Idealisten, der für seine Ideen – u. a. „Blut gegen Ware“ (Wojak, S. 258.) – lebte, aber in „Inkonsequenz“ (Arendt, S. 133.) sein Leben freiwillig nicht opferte, wie er es sehr wohl von den Juden erwartete. Es bleibt also daran zu zweifeln, ob er sich wirklich nie vorgestellt hat, wie Arendt es schrieb, „was er eigentlich anstellte.“ (Wojak, S. 198.) Zuzustimmen ist Arendt, wenn sie über Eichmann festhält, dass er sich nicht in den Standpunkt anderer versetzen konnte; ein Mangel nicht nur am Denken Eichmanns wird hier ersichtlich, sondern der Deutschen im allgemeinen. Dieser Mangel aber sollte es den Anklägern, den überlebenden Opfern und vielen anderen am Schicksal der Juden anteilnehmenden Menschen erschweren, ihn der Schuld und der Verantwortung zu überführen, ihn überhaupt ernst zu nehmen (Arendt, S. 131.). Nicht nur, dass Eichmann diese Unfähigkeit gleichermaßen als Schutzwall diente, vor sich wie vor den anderen, nein, es musste zwangsweise jegliches Schuldbekenntnis Eichmanns ausbleiben, wie er stets mit seiner leeren Phrase, „im Sinne der Anklage nicht schuldig“ (Wojak, S. 191.), bekundete. Denn: Befehl ist Befehl

Auch wenn Arendt Eichmann nicht als einen fanatischen Antisemiten einschätzte, so widerspricht Eichmann dem im Rekurs auf sein „selbst diagnostizierte(s) ‚Bersekertum’“ (Wojak, S. 200.) Nicht nur, dass Eichmann erst gar nicht auf die Idee kam, das angebliche Judenproblem zu hinterfragen, verfällt er im Gegenteil einem blinden Gehorsam gegenüber seinen „’Göttern’“ (Wojak, S. 200.), der ihn letztlich als idealistischen Volltrottel in Person des willfährigen Befehlsempfängers entlarvt. Und seinem Mangel am Denken und Gedächtnis zum Trotz, musste er sich im Gefängnis daran erinnern, wie er maßgeblich am Tausch „Blut gegen Ware“ beteiligt war, der das Leben einer Million Juden kostete. (Wojak, S. 258.) So verwandelt sich also seine Flucht aus der Verantwortung, durch den Verweis auf den Führer-Befehl, in Eichmanns „Zuständigkeit“ für die Deportationen und „Unzuständigkeit“ für den Tod dieser Juden (Wojak, S. 203.), je nach Lesart und Bedarf von ihm gewählt

Angesichts der persönlichen Eigenschaften Eichmanns sehe ich in ihm sowohl den dienstbeflissenen, übereifrigen und idealistisch widerspruchsvollen Schreibtischhengst, als auch den verlogenen, banalen und dummdreisten Menschen, der, bar jeglichen Gewissens, noch bis zu seiner Hinrichtung seine Opfer verhöhnte. Er vereinte in seiner Person den modernen Bürokraten und den fanatischen Antisemiten. Dass ihm hierbei das Schuldbekenntnis nicht über die Lippen kam, ist symptomatisch für nicht allzu wenige Deutsche aus allen Wissens- und Tätigkeitsfeldern. Symptomatisch auch für die restaurative Adenauer-Ära und für die bis heute andauernden Verdrängungsmechanismen, die bis in die höchsten politischen und intellektuellen Reihen, siehe nur M. Möllemann und M. Walser, reichen. Dabei ist die viel beschworene Anonymität der Vernichtung durch Arbeitsteilung nur Mittel zum Zweck, von den wirklichen Taten, der Verantwortung und der Schuld abzulenken. Die sogenannte Stunde Null ist ein Mythos, der bis heute seine destruktiven Wirkungen zeitigt und dem die verschiedenen Kriegsverbrecher-Prozesse nur wenig bis gar nichts für das kollektive Gedächtnis abringen konnten. So verwundert der heute wieder enorm auflebende und wohlgenährte europäische Antisemitismus nicht im geringsten, denn, so Eichmann, „’wo keine Verantwortung, da ist auch keine Schuld.’“ (Wojak, S. 205.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar B:
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V15067
ISBN (eBook)
9783638203043
ISBN (Buch)
9783638758284
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ganz, Männer, Perspektiven, NS-Täter-Forschung, Proseminar
Arbeit zitieren
Anton Distler (Autor), 2003, Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15067

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ganz normale Männer? Perspektiven der NS-Täter-Forschung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden