Subprime, Hypotheken und faule Kredite – Alles klar?!

Wie verständlich berichten Printmedien über die Finanz- und Wirtschaftskrise?


Diplomarbeit, 2009

89 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wirtschaftsjournalismus in deutschen Printmedien
2.1. Was ist Wirtschaftsjournalismus?
2.1.1 Inhalte des Wirtschaftsjournalismus
2.1.2 Funktion und Aufgaben von Wirtschaftsjournalismus
2.2 Entwicklung des Wirtschaftsjournalismus in den Tageszeitungen
2.2.1 Die Anfänge: vom Mittelalter bis zur Industriellen Revolution
2.2.2 Von der Industriellen Revolution bis zu den beiden Weltkriegen
2.2.3 Die Entwicklung bis in die Gegenwart: Neue Medien fordern heraus
2.3 Kritik am Wirtschaftsjournalismus
2.3.1 Vorwurf der mangelnden Fachkompetenz
2.3.2 Wirtschaftsjournalismus: unverständlich?!
2.4 Diskussion und Ausblick

3. Die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007
3.1 Entstehung und Verlauf
3.1.1 Niedrige Zinssätze und die Immobilienblase in den USA
3.1.2 Die Immobilienkrise erfasst die Finanzwelt
3.1.3 Die Krise greift auf die Produktion über
3.2 Bedeutung der Finanz- und Wirtschaftskrise
3.2.1 Auswirkungen auf die Finanzbranche selber
3.2.2 Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Bevölkerung
3.3 Berichterstattung über die Finanz- und Wirtschaftskrise
3.3.1 Kritik I: Zu spät und zu blind – aber auch „sachgerecht und informativ“
3.3.2 Kritik II: sprachliche Verständlichkeit

4. Verständlichkeit
4.1. Verständlichkeitsforschung und ihre Teilbereiche
4.2 Ansätze zur Messung der Textverständlichkeit
4.2.1 Lesbarkeitsforschung
4.2.2 Hamburger Verständlichkeitsmodell
4.2.3 Groebens Verständlichkeitskonzept
4.3 Die Formeln der Lesbarkeitsforschung
4.3.1 De Variabeln der Lesbarkeitsformeln
4.3.2 Die bekanntesten Lesbarkeitsformeln
4.3.3 Wie können Lesbarkeitsformeln überprüft werden?
4.3.4 Zusammenfassung und Diskussion

5. Vorgehen bei der Analyse der Artikel
5.1 Warum Lesbarkeitsformeln?
5.1.1 Formeln, Vergleichswerte und zusätzliche Faktoren
5.1.2 Arbeit mit der Analyse-Software TextLab
5.2 Auswahl der Medien
5.3 Auswahl der Untersuchungszeiträume
5.4 Auswahl und Vorbereitung der Artikel

6. Auswertung der quantitativen Artikelanalyse
6.1 Ist die Sprache der Wirtschaftsberichterstattung über die Krise verständlich?
6.2 Ist die Sprache mit längerer Dauer der Krise verständlicher geworden?
6.3 Sind einzelne Ressorts in ihrer Berichterstattung verständlicher als andere?
6.4 Sind einzelne journalistische Stilformen verständlicher geschrieben als andere?
6.5 Verbesserungsvorschläge für exemplarisch ausgewählte Artikel
6.6 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

7. Interviews mit den Ressort(mit)verantwortlichen
7.1 Interview mit der FAZ
7.2 Interview mit der Stuttgarter Zeitung
7.3 Interview mit der Eßlinger Zeitung
7.4 Zusammenfassung und Diskussion

8. Schlussbetrachtung
8.1 Kritik am verwendeten Verfahren der Lesbarkeitsforschung
8.2 Kritik an der Operationalisierung
8.3 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Im Anhang fehlen aus urheberrechtlichen Gründen einige Artikel sowie Beispiele für Stilformen und deren Einteilung. Die Quellen werden aber im Literaturverzeichnis aufgeführt.

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Case-Shiller-Home Price Indices (1968-2009)

Quelle: Standard & Poor’s, www.standardandpoors.com/indices/sp-case-shiller-home-price-indices/en/us/?indexId=spusa-cashpidff--p-us----

Abb. 2: Bruttoinlandsprodukt (2002-2009)

Quelle: Statistisches Bundesamt,

http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Zeitreihen/WirtschaftAktuell/Schluesselindikatoren/Bruttoinlandsprodukt/liste__bip.psml

Abb. 3: Eigenschaftspaare des Hamburger Modells

Quelle: Langer, Inghard/Schulz von Thun, Friedemann/Tausch, Reinhard (1981): Sich verständlich ausdrücken

Abb. 4: Angenommener Zusammenhang zwischen Textverständlichkeit und Lernerfolg

Abb. 5: Zeitungen im Vergleich (Hohenheimer Index)

Abb. 6: Wortfaktoren im Vergleich (Punktwert)

Abb. 7: Wortfaktoren im Vergleich (Punktwert)

Abb. 8: Ressortvergleich Eßlinger Zeitung (Hohenheimer Index)

Abb. 9: Stilformenvergleich Eßlinger Zeitung (Hohenheimer Index)

Tabelle 1: Jahresvergleich (Oktober 2008/November 2009) für auffällige Faktoren

Tabelle 2.1: Die 5 verständlichsten Artikel (Hohenheimer Index)

Tabelle 2.2: Die 5 unverständlichsten Artikel (Hohenheimer Index)

1. Einleitung

„Journalisten informieren und unterhalten, sie vermitteln und agieren als „Anwälte“ ihrer

Leser, Hörer und Zuschauer. Mit ihrer täglichen Arbeit erbringen sie eine unverzichtbare

Informationsleistung, auf die nahezu alle Bereiche der modernen Industriegesellschaft angewiesen sind.“[1]

Doch tun sie das wirklich? Berichten Journalisten tatsächlich so, dass sie ihre Leser in einer Art und Weise informieren, dass diese sie verstehen – gerade in Bereichen, die für Menschen von großer Bedeutung sind, deren komplexe Zusammenhänge sie aber nur schwer begreifen können?

Einer dieser großen Bereiche ist das weite Feld dessen, was als „Wirtschaft“ umschrieben wird. Sie scheint gerade in jüngster Zeit immer komplexer geworden zu sein. Denn welcher Bürger, der nicht in den Tiefen des Finanzwesens heimisch ist, hatte vor der Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise schon einmal Abkürzungen und Begriffe wie CDS oder Subprime-Kredit gehört? Geschweige denn, dass er damit auch etwas anfangen konnte und wusste, welche Auswirkungen das für ihn persönlich und sein Lebensumfeld haben könnte und würde?

Gerade in diesen Zeiten sind deshalb Journalisten als Vermittler und Orientierungsgeber gefragt, insbesondere die der klassischen Medien – trotz Internet und Co[2]. Doch wurden sie dieser Rolle auch gerecht? An kaum einem anderen Teil von Zeitungen übten in der Vergangenheit mehr

Autoren Kritik als am Wirtschaftsressort. Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher rieten 1969 in einem Rundumschlag manchen Lokal- und Regionalzeitungen gar, ganz auf diesen Teil zu verzichten. Denn neben zahlreichen weiteren Kritikpunkten monierten sie, dass ihn sowieso keiner verstünde: „Die Journalisten der Wirtschaftsteile sprechen eine Fachsprache. Sie bemühen sich nur selten um eine „Übersetzung“ des Wirtschaftschinesisch.“[3] Auch Jahre später noch kritisierten Autoren anlässlich des Börsencrashs zu Beginn dieses Jahrtausends die „insiderische“ Sprache im Wirtschaftsjournalismus.[4] Doch hat sich seitdem etwas geändert, ist die Sprache heute verständlich, beziehungsweise verständlicher? Wissenschaftliche Untersuchungen darüber gibt es kaum. Ein weiterer Grund, dieser Frage mit der vorliegenden Diplomarbeit nachzugehen.

Basis des empirischen Teils ist die Lesbarkeitsforschung. Sie ermittelt Werte für Sätze und/oder Wörter und gibt anhand vorher festgelegter Kriterien Auskunft darüber, wie gut oder schlecht verständlich ein Text ist. Mithilfe einer speziellen Software sollen Artikel der FAZ, der Stuttgarter und der Esslinger Zeitung untersucht und so herausgefunden werden, ob die Wirtschaftsberichterstattung heute auch für die Bürger verständlich ist, die nicht 13 Jahre oder länger eine Schul- oder Universitätsbank gedrückt haben. Dabei sollen – da „Wirtschaft“ ein Querschnittsthema ist – andere Ressorts ebenso mit einbezogen werden wie unterschiedliche journalistische Stilformen.

Zusammengefasst soll die Arbeit folgende Fragen klären:

1. Ist die Sprache der Wirtschaftsberichterstattung über die Krise verständlich?
2. Ist sie mit längerer Dauer der Krise verständlicher geworden?
3. Sind einzelne Ressorts in ihrer Berichterstattung über die Krise verständlicher als andere?
4. Sind einzelne journalistische Stilformen verständlicher geschrieben als andere?
5. Wie sehr ist in den Redaktionen sprachliche Verständlichkeit ein Thema?

Aufbau der Arbeit

Einführend soll zunächst der Wirtschaftsjournalismus in Deutschland beschrieben werden, mit dessen Definition sich Wissenschaftler offenbar ebenso schwer tun wie viele Praktiker mit einer verständlichen Sprache, wie die anschließende Darstellung der Kritik zeigt. Diese bezieht sich unter anderem auf eine mangelnde Sachkompetenz der Journalisten und sprachliche Unverständlichkeit der Texte. Inwieweit das Eine das Andere bedingt, oder ob unverständliche Texte lediglich aus der Bequemlichkeit oder der Hektik des Arbeitsalltags resultieren, wäre eine spannende Forschungsfrage, die aber in dieser Arbeit leider nicht berücksichtigt werden kann.

Ein weiteres Kapitel stellt zusammenfassend die Entwicklung, Hintergründe und Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise dar, die seit dem Jahr 2007 die Medien und Menschen zunächst in den USA und später dann in Europa und dem Rest der Welt beschäftigt. Dabei soll der Blick auch auf die Berichterstattung über diesen Zeitraum und die Kritik daran gerichtet werden.

Das dritte Kapitel führt in die Verständlichkeitsforschung ein. Schwerpunkt ist dabei der Teilbereich der Lesbarkeitsforschung mit ihren Formeln und den gemessenen Variablen, aber auch der Kritik an diesem Verfahren.

Im empirischen Teil werden Artikel dreier ausgewählter Zeitungen unter Berücksichtigung der

genannten Fragen untersucht. Exemplarisch werden einige Texte herausgegriffen und aufgezeigt, wie diese mit Blick auf die Lesbarkeitsforschung verständlicher gemacht werden können.

Gespräche mit den jeweiligen Verantwortlichen sollen zudem Auskunft darüber geben, inwieweit „Verständlichkeit“ ein Thema in den Wirtschaftsredaktionen ist, wie versucht wird, sie umzusetzen und welche Möglichkeiten zur Verbesserung die „Textproduzenten“ selber sehen.

Es wäre zwar interessant gewesen herauszufinden, ob und wie die von der Software als besonders „gut“ oder „schlecht“ verständlich gemessenen Texte auch bei den Lesern mit ihrer unterschiedlichen Vorbildung und verschiedenen Interessen ankommen, doch war dies im recht

begrenzten Rahmen dieser Abschlussarbeit nicht möglich. Aus diesem Grund sollte auch keine inhaltliche Bewertung der Wirtschaftsberichterstattung (der Richtigkeit und der Reaktionen der Medien) vorgenommen werden – zumal es im Nachhinein mit einem aktuellen Wissensstand immer leichter ist, zu kritisieren und zu sagen, was die Journalisten zu welchen Zeitpunkten alles hätten wissen können und sollen, um angemessen über die Krise berichten zu können.

Dies möge denen vorbehalten sein, die sich selbst nie im Glashaus wähnen.

2. Wirtschaftsjournalismus in deutschen Printmedien

Rund 48.000 hauptberufliche Journalisten zählte eine Studie im Jahr 2005 quer über alle Medien in Deutschland. Die meisten (rund ein Drittel) arbeiten für die überregionalen, regionalen und lokalen Zeitungen (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 36 ff.).[5] Doch wie viele davon genau als „Wirtschaftsjournalisten“ bezeichnet werden können, bleibt unbeantwortet.[6] Zwar gaben rund zwölf Prozent an, sich zumindest mit dem Thema Wirtschaft zu befassen. Doch gerade einmal fünf Prozent arbeiten auch tatsächlich für das entsprechende Ressort.

Diese Zahlen zeigen, dass „Wirtschaft“ ein „Querschnittsthema“ ist und auch in anderen Ressorts eine Rolle spielt. So haben beispielsweise Redakteure des Politikteils ebenso mit Wirtschaftsthemen zu tun wie Sportjournalisten, die sich mit den Bilanzen von Fußballbundesligaklubs auseinandersetzen müssen oder Feuilletonisten mit den städtischen Kulturhaushalten.

Doch können deshalb nur die Mitarbeiter der auf Wirtschaft spezialisierten Printtitel als „Wirtschaftsjournalisten“ bezeichnet werden? Redakteure bei Wirtschaftszeitungen wie der börsentäglich erscheinenden Financial Times Deutschland, dem Handelsblatt oder der Börsen-Zeitung, der Wochenzeitung Wirtschaftswoche oder Fachmagazinen und -zeitschriften wie brand eins, Capital oder Der Handel ? Dann wären sicher die in der bereits erwähnten Journalisten-Studie erhobenen Zahlen noch zu hoch.

Doch obwohl Wirtschaft zweifelsohne unser Leben in vielen Bereichen (und Ressorts) dominiert[7], scheint der darauf spezialisierte Journalismus nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Und auch wenn es eigens auf Wirtschaftsthemen spezialisierte Printtitel gibt: Das börsentäglich und bundesweit erscheinende Handelsblatt erreicht mit 160 000 Exemplaren gerade einmal die Auflage eines Regionalblattes. Weil Wirtschaft als trocken und leserfern gilt? Moss stimmt dem indirekt zu: „Eine Wirtschaftszeitung mag relevant sein, auch sie mag Wirtschaft und Sprache klug miteinander in Einklang bringen, aber die Kunden konsumieren lieber andere Medien.“ (2009: 9, vgl. auch Eckhardt 2002: 21)

Warum ist das so, was sind mögliche Gründe dafür, dass nur vergleichsweise wenige Menschen Wirtschaftstitel oder -teile ihrer Tageszeitungen lesen? Und was ist überhaupt Wirtschaftsjournalismus, gibt es ihn als solchen überhaupt? Dieses Kapitel versucht, darauf Antworten zu geben.

2.1 Was ist Wirtschaftsjournalismus?

Genauso wenig, wie es Zahlen zu den Wirtschaftsjournalisten gibt, die aus mehreren belastbaren Quellen bestätigt werden können, gibt es – in einer der Bedeutung des Themas angemessenen Anzahl – wissenschaftliche Definitionen, was Wirtschaftsjournalismus eigentlich ist. „Es fehlt uns aber die Definition des Wirtschaftsjournalismus bzw. der Wirtschaftsnachricht.“ (Klaue 1991: 47; vgl. auch Knödler 2005: 31; Spachmann 2005: 17 und 29 ff.). So sucht man vergeblich nach einer solchen zum Beispiel bei Mast (2003), im Fischer-Lexikon Publizistik/Kommunikationswissenschaft (2003) oder bei den auch in Praxisbüchern zum Thema viel zitierten Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher aus dem Jahr 1970 und den – allerdings eher als Ratgeber und weniger wissenschaftlich angelegten – Büchern von Frühbrodt (2007) und Viehöver (2003). Gründe für diese Schwierigkeiten sehen viele Autoren schon darin, den Begriff Wirtschaft eindeutig abzugrenzen (vgl. Klaue 1991: 47). Auch die Definition des Brockhaus muss kritisch hinterfragt werden. Für die Autoren des Universallexikons ist Wirtschaftsjournalismus die „Gesamtheit der Berichterstattung und Kommentierung von Wirtschaftsfragen in Printmedien (Wirtschaftspresse) u.a. Massenmedien“ (1994: S. 265). Weiter ausdifferenziert sehen sie die Berichterstattung in den Wirtschaftszeitschriften als Wirtschaftsjournalismus im engeren Sinne im Gegensatz zu den Artikeln in der Wirtschaftsrubrik in Tageszeitungen. Die Tatsache, dass „Wirtschaft“ auch in anderen Ressorts vorkommt, lässt das Lexikon mit dieser Definition allerdings unter den Tisch fallen.

Wissenschaftliche Versuche einer Definition stammen von Wolfgang Schöhl und Jürgen Heinrich. Ersterer behilft sich allerdings damit, dass er anhand von Themenfeldern unterscheidet. Für ihn ist Wirtschaftsjournalismus im engeren Sinne das, was etwa typischerweise in Tageszeitungen wie beispielsweise der FAZ steht. Denn die wirtschaftsnahen Themen werden dort allesamt auch in einem eigenen Wirtschaftsressort behandelt. Die Kollegen beispielsweise beim Handelsblatt oder bei der Wirtschaftswoche hingegen betreiben nach Schöhls Ansicht mit ihren Themen Wirtschaftsjournalismus im weiteren Sinne, weil ihre Themen die Breite einer Tageszeitung umfassen (vgl. Schöhl 1987: 12 ff.). Drei Jahre später fasst er seine Definition allerdings weiter und unterteilt nicht mehr (vgl. Schöhl 1990: 232). Wolff kritisiert dieses Vorgehen zu Recht, da „mit dieser Ausrichtung an einem auch von Zufälligkeiten, Ressorteitelkeiten, ökonomischen Verlagsinteressen und Konjunkturen bestimmten Themenspektrum keine wissenschaftliche Umschreibung zu leisten ist.“ (2005: 482).

Besser erscheint dagegen die Definition von Heinrich, die er aber selbst als „sehr weit gefasst“ bezeichnet. Für ihn definiert sich Wirtschaftsjournalismus als „Aussagenproduktion in aktuell berichtenden Massenmedien, deren Gegenstand das System Wirtschaft und Wirtschaftspolitik […], Ökonomik – also die individuelle und/oder gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse – […oder (Anm. d. Verf.)] die ökonomischen, also auf den Maßstab des Geldes reduzierbaren Wirkungen von Ereignissen und Maßnahmen“ ist (1989: 284, zitiert nach Spachmann 2005: 31).

17 Jahre später behilft Heinrich sich in seinem gemeinsam mit Christoph Moss verfassten Buch zur Wirtschaftspublizistik mit einer Beschreibung dessen, was dieses Themenfeld, bzw. dessen praktische Ausrichtung umfasst, nämlich

„die aktuelle Berichterstattung über Menschen, Unternehmen, Institutionen und Organisationen der Wirtschaft, über Märkte und Bereiche der Wirtschaft, über Branchen, Sektoren und Industrien, […] Volkswirtschaften und Probleme der Weltwirtschaft sowie […] über

ökonomische Funktionen und Rollen der Menschen etwa als Arbeiter, Unternehmer, Sparer, Konsument oder Steuerzahler.“ (2006: 9)

Gerade der letzte Teil dieser Beschreibung zeigt auf, warum es den aufgeführten Autoren so schwer gefallen sein mag, ihr Themenfeld zu definieren. Denn Wirtschaft an sich lässt sich nur schwer abgrenzen, beispielsweise vom politischen oder kulturellen System (vgl. ebd.: 9 f. und Wolff 2005: 481).

Folglich ist auch die Wirtschaftsberichterstattung nicht immer nur auf ein klassisches Ressort beschränkt. So stehen im Politikteil und auf den Nachrichtenseiten die neuesten Arbeitslosenzahlen, im Feuilleton Berichte über die Folgen der Wirtschaftskrise für die Kultur oder im Sport Artikel über die Kosten der Fußball-WM. Am deutlichsten zeigt sich dies wohl beim täglichen Blick in das Lokale einer Zeitung, wo nicht nur kleinere Unternehmen porträtiert, sondern beispielsweise auch die Folgen einer Fusion für Mitarbeiter, Kunden, Partner usw. vor Ort aufgezeigt werden.

2.1.1 Inhalte Wirtschaftsjournalismus

Die eingangs erwähnte Schwierigkeit bei der Abgrenzung, was Wirtschaft und die Berichterstattung darüber ist, setzt sich auch in der Beschreibung der Inhalte fort. Schwerpunkte lassen sich nicht einheitlich bestimmen, zumal die Aufbereitung der Themen je nach Medium – von der Tageszeitung bis hin zum Magazin – stark differiere (vgl. Mast 2003: 82). Dazu merken auch Gabriele Goderbauer-Marchner und Christian Blümlein kritisch an: „Nicht alles, was die Wirtschaftsmagazine und -seiten sowie -sendungen bieten, ist reine Berichterstattung“ (2002: 12).

Eine Studie über die inhaltlichen Schwerpunkte bei überregionalen Tageszeitungen aus dem Jahr 1991 stellte fest, dass rund die Hälfte der Artikel Unternehmensberichterstattung zum Inhalt haben, gefolgt von der deutschen Wirtschaftspolitik mit einem Anteil zwischen einem Viertel und gut einem Drittel. Texte über die Weltwirtschaft hingegen, wie sie gerade in Zeiten der Globalisierung und großer Krisen wie der derzeitigen ebenfalls wichtig wären, fanden damals mit maximal 10 Prozent Anteil „demgegenüber relativ geringe Beachtung“ (Hilgert/Struckmann 1991: 18). Ähnlich geringe Anteile fanden die Autoren nur noch für die Verbraucherberichterstattung, konstatierten aber schon damals eine Zunahme ihrer Bedeutung (ebd.: 21). Auch Vollbracht, der fünf Jahre später sechs Wochenblätter und Nachrichtenmagazine analysierte, stellte einen mit rund zwei Dritteln aller Themen deutlichen Schwerpunkt bei der Berichterstattung über Unternehmen fest.[8]

2.1.2 Funktion und Aufgabe von Wirtschaftsjournalismus

Zu der Funktion und den Aufgaben speziell des Wirtschaftsjournalismus gibt es dagegen in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit. In Anlehnung an die Aufgaben des „einfachen“ Journalismus soll der Wirtschaftsjournalismus informieren (Themen aus der sozialen Umwelt sammeln, auswählen und bearbeiten), Orientierung bieten, politisches und soziales Handeln kontrollieren sowie Sprachrohr sein (Artikulationsfunktion) (vgl. Heinrich/Moss 2006: 10 und 16). Zudem sei es fast schon zwingende Aufgabe, „dem Publikum einen individuell zurechenbaren Informations- und/oder Animationsnutzen zu bieten“ (Heinrich/Moss 2006: 16). Denn nur, wenn man ihnen einen Nutzen oder Unterhaltung biete, könne man Leser oder Zuschauer/-hörer überhaupt erst dazu bringen, die Informationen zu rezipieren. Die Nutzwertorientierung der Wirtschaftsberichterstattung sei damit notwendig, um die öffentliche Aufgabe herzustellen, da nur so eine kontrollierende Öffentlichkeit entstehe. Heinrich und Moss begründen dies auch mit der „Denktradition der Ökonomie, dass Menschen im Durchschnitt ihres Handelns durch Anreize gesteuert werden, dass sie ihrem Handeln eine, meist implizite, Kosten-Nutzen-Analyse zu Grunde legen“. Die „Orientierung am Kunden“ – das Autoren-Duo bleibt in der passenden Fachsprache – sei auch deshalb so bedeutend, weil einerseits die wirtschaftliche Vorbildung in der Gesellschaft recht gering sei, „das Verständnis für ökonomische Zusammenhänge […aber…(Anm. d. Verf.)] von zentraler Bedeutung für die Funktionsweise der Gesellschaft“ sei. Wirtschaftsjournalisten müssten sich demnach also mehr anstrengen, um ihrer öffentlichen Funktion gerecht zu werden.

Der Volkswirt Werner Zohlnhöfer sieht es angesichts einer – bereits zum Zeitpunkt seiner 1989 getroffenen Aussage – „immer größeren Flut von Einzelinformationen und Detailwissen“ als eine der zentralen Aufgaben, dem Rezipienten „beobachtbare Entwicklungen in verständlicher Weise nahezubringen und ihm auf diese Weise eine verläßliche Orientierungshilfe zu bieten“. Er soll dadurch zum einen gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge erkennen und entsprechend seinen eigenen Rechten und Pflichten handeln (vgl. Zohlnhöfer 1989: 28 f.).

Frühere Autoren nennen als weitere Aufgaben Erläuterung, Öffentlichkeitsarbeit, Forum für Aussprachen, Konjunkturbeobachtung und Verkündung amtlicher Mitteilungen[9], Meinungsbildung und -beeinflussung[10] sowie in geringerem Maße Bereitstellung von Informationen für die wirtschaftswissenschaftliche Forschung[11] und für die Handelnden staatlicher Wirtschaftspolitik.[12]

[...]


[1] Mast (2000: 39)

[2] vgl. Spachmann (2009a: 3)

[3] Glotz/Langenbucher (1970: 68)

[4] Viehöver (2003: 8)

[5] Das gilt auch für die meisten Wirtschaftsjournalisten, vgl. Wolff 2005: 482

[6] vgl. dazu auch Will 1993: 67 und Hilgert/Stuckmann 1991: 14, sie wenden sich auf der Suche nach einer Zahl an Krolls Taschenbuch für die Wirtschaftspresse – dort sind aber auch Pressesprecher u.ä. von Unternehmen aufgeführt

[7] vgl. Spachmann 2005: 15

[8] vgl. Haller/Rettich (1996) „Wochenmedium Jahrbuch 1996“, S.161-197; zitiert nach Mast 2003: 82

[9] vgl. Röper 1977, nach Heinrich 1991: 58

[10] vgl. Röper 1954: 7, nach Spachmann 2005: 34

[11] vgl. Fürst 1979 und Schneider 1921/22 nach Heinrich 1991: 59

[12] vgl. Kraft 1978 nach Heinrich 1991: 59

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Subprime, Hypotheken und faule Kredite – Alles klar?!
Untertitel
Wie verständlich berichten Printmedien über die Finanz- und Wirtschaftskrise?
Hochschule
Universität Hohenheim  (Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Kommunikationstheorie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
89
Katalognummer
V150818
ISBN (eBook)
9783640620777
ISBN (Buch)
9783640620951
Dateigröße
1193 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang fehlen aus urheberrechtlichen Gründen einige Artikel sowie Beispiele für Stilformen und deren Einteilung. Die Artikel werden aber im Literaturverzeichnis aufgeführt.
Schlagworte
Verständlichkeit, Wirtschaftsjournalismus, Finanzkrise, Lesbarkeitsforschung, Tageszeitung, Print
Arbeit zitieren
Julia Schweizer (Autor), 2009, Subprime, Hypotheken und faule Kredite – Alles klar?! , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150818

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Subprime, Hypotheken und faule Kredite – Alles klar?!



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden