Montaigne und die Lebenskunst

Ausarbeitung der Frage "Wie soll ich leben?"


Seminararbeit, 2006

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung:
1.1 Einführende Worte zu Michel de Montaignes Biographie und den „Essais“
1.2 Warum sich heute noch mit Montaigne beschäftigen? -eine sachliche und eine persönliche Begründung
1.3 Wissenschaftliche Vorgehensweise

Hauptteil:

2. Erster Essai: „Philosophieren heißt sterben lernen“
2.1 Der gängige Umgang mit dem Tod
2.2 Die Konfrontationsmethode
2.3 Das Toderinnern und sein Dienst fürs Diesseits
2.4 Einige Tröstungsangebote: der perspektivische Umgang mit dem Tod
2.5 Kritischer Einwand: Beruhigen Gedanken die Todesangst?
2.6 Montaignes Paradoxie

3. Zweiter Essai: „Von der Einsamkeit
3.1 Vorüberlegungen für ein freies und bequemes Leben
3.2 Wie man es sich in der Einsamkeit heimisch macht
3.3 Begünstigende Einflussgrößen
3.4 Lebenspraktische Dimension der Einsamkeit
3.5 Zeitliche Abfolge des Rückzugs
3.6 Was dem Weg in die Einsamkeit zuwider geht
3.7 Kritischer Einwand: Vernunft versus Gefühl

4. Dritter Essai: „Von der Reue“
4.1 Das Lebensziel
4.2 Die Autonomie
4.3 Der soziale Aspekt der Autonomie
4.4. Integrität – das Stimmigsein mit sich
4.5 Die Ordnung des Privaten
4.6 Das Entweder – Oder der Hingabe
4.7 Ausgelebte Selbsterkenntnis als Grund für die Reuelosigkeit
4.8 Das zeitgemäße Urteilen
Exkurs: Versuch über die lebenspraktischen Aspekte der Skepsis Schluss

5 Resümee der ars vivendi des Michel de Montaigne
5.1 Ein einführendes Schlusswort
5.2 Ein systematisierendes Fazit: die montaignesche Lebenslehre
5.3 Über dunkelster Folie beleuchtet: mit Montaigne gegen Adorno gedacht
5.4 Zu guter Letzt: die Selbstklärung
5.5 Quellenangaben

1. Einleitung

„Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches achte ich

mir als fremd“

Terenz

1.1 Einführende Worte zu Michel des Montaignes Biographie und den „Essais“

Michel Eyquem de Montaigne, Edelmann und Familienvater wurde 28.2.1533 geboren und starb am 13.9.1592. Zu Lebzeit schloss er erfolgreich das Studium der Jurisprudenz ab und war lange Zeit im Parlamentsrat von Bordeaux politisch tätig. 1582 wurde er zum Bürgermeister derselben Stadt zweijährig ins Amt gewählt, was, neben seinen Reisen nach Italien, in die Schweiz und Deutschland sein selbstgewähltes Eremitendasein und den Rückzug aus dem öffentlichen Leben in die Privatheit des Turm des Schlosses Montaigne kurzzeitig unterbrach.

Dieser Turm war für einundzwanzig Jahre Montaignes Zitadelle. Dort lebte er von 1571 an, bis zu seinem Tode, in kontemplativer Abgeschiedenheit, um ein einmaliges Experiment zu wagen. Montaigne unternahm, aus politischen und emotionalen Gründen zur Einsamkeit entschlossen, seinen Versuch, „sich seiner (Erkenntniskräfte - A.d.V.) ohne Leitung eines Anderen zu bedienen“[1] und machte sich intro- und retrospektiv in gleichsam autistischer Fokussierung zum Objekt der Beobachtung. Er zog sich aus den Kriegswirren seiner Epoche in literarisches Tätigsein zurück und schrieb, von der Tugend der Wahrhaftigkeit beseelt[2], mit anthropophiler Offenheit, intimer Mitteilungsbedürftigkeit und der Lust den kleinen Dingen des Lebens intellektuell nachzugehen, zwei Jahrzehnte an einem dreibändigen Buch, welches um die Beschaffenheit der Conditio humana kreist und, wie der Autor selbst wusste und sagte, einzig in „seiner Art auf der Welt“[3] ist. Dieses Buch, das über die vielfältigen Aspekte des menschliches Lebens handelt, trägt den bescheidenen, wie auch auf den ersten Blick den Inhalt in der Schwebe haltenden Titel: „Essais“[4], was übersetzt soviel wie „Versuche, herantastende Versuche“ bedeutet.

1.2 Warum Montaigne? – eine sachliche und eine persönliche Begründung

Warum soll man sich heute noch mit Michel de Montaigne auseinandersetzen? – Der Kultur der Erinnerung wegen? Oder um den kompensatorischen Kampf gegen das kulturelle Vergessen und eine beschleunigte Ahistorisierung anzutreten?[5] Oder einfach um bei Günter Jauch mit ein wenig Wissen zu brillieren? Warum sich heute im Jahre 2006 mit Michel de Montaigne beschäftigen und ihn nach dem „vita beata[6] fragen, diesen egozentrischen, eitlen Eigenbrödler uns die Frage nach dem gelungenen, glücklichen Leben, wie sie in einem „Wie soll ich leben?[7] formuliert ist, beantworten lassen. Heute im Zeitalter eines fast allinformierenden Internets und institutionalisierter Lebensberatungsstellen, heute da Büchereien und Kataloge voll von Angeboten an Ratgebern und Lebenshilfen sind. Heute, in einer Zeit, in welcher der, von den Sozialwissenschaften konstatierte, alle westlichen Industrieländer betreffende, Individualisierungsprozess stattfindet, in dessen Vollzug das Individuum aus sozialen Bindungen und historischen Traditionen freistellt wird, um dann im Selbstverwirklichungsdrang den eigenen individuellen Existenzentwurf aufs glückliche, gelungene und schöne Leben hin zu gestalten, was gemeinhin den letzten und kleinsten Nenner an gemeinsamer Lebensauffassung in unserer Erlebnisgesellschaft bildet.[8]

Soll man sich bei dieser Sachlage noch mit Michel de Montaigne beschäftigen? Wollen wir denn nicht alle stolz auf uns und unsere ganz eigene und individuelle Lebens- und Selbstgestaltung sein, dass Montaigne eher als Vater dieser „Inthronisation des Individuums“[9] und Ahnenherr, des aus Langeweile, Leere und fehlender Verbindlichkeiten entstandenen Konstrukts eines Selbst und der steten narzisstischen Rückbezüglichkeit auf uns selbst, gelten könnte[10]. Warum sich also mit einem Denker auseinandersetzten, dessen Lebenshaltung unsere Gegenwarts-mentalität offensichtlich[11] schon so sehr bestimmt, dass jedwede Beschäftigung mit demselben uns nichts Neues eröffnet, uns nicht geistig befruchtet und bereichernd voran bringt?

Die Antwort auf dieses „Warum“ liegt in der Ambivalenz unserer Zeit begründet[12] - im Risiko der „Freisetzungsdimension“[13], die Selbstverwirklichung zum kollektiven Zwang werden lässt und im bald völligen Auf-sich-gestellt-sein des Einzelnen auf die eigene Existenz, der „zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen“[14] wird. Ein Grund liegt in der „Desorientierung durch Überinformation“ und dem fast lähmenden Optionsreichtum, der „zum Alltag unserer Gegenwartszivilisation“[15] gehört. Ein anderes Argument findet sich in der rückwärtsgewandten Desorientierung und Identitätsauflösung unserer Gegenwart durch ein partikularisierendes und relativierendes Geschichtsverständnis[16] und des zunehmenden Glaubwürdigkeits-verlustes der „großen Erzählungen“ und der damit verbundenen, in der Zukunft einzulösenden, aber hinfällig werdenden Versprechen.[17]

Was aber haben diese „dunklen Seiten“ der Spätmoderne, diese ubiquitäre "Existenzialisierung", das notgedrungene Zurückgeworfenwerden der/des Einzelnen auf sich, wie wir sie heute, laut der Gegenwartsdiagnosen, erleben, mit Montaigne und der Lebenskunst zu tun? Worin liegt die Gemeinsamkeit zwischen diesen Gründen und der Rückfrage an ihn nach dem gelungenen Leben? – Das Gemeinsame wurzelt in der geschichtlichen Analogie: Montaigne lebte seinerzeit in einer geschichtlich ähnlichen Situation. Und diese Ähnlichkeiten lassen ihn nicht nur in Belangen der menschlichen Dinge wie Liebe, Angst, Freundschaft, Eifersucht, Schmerz und manchen mehr[18] zu unserem Freund und Zeitgenossen werden.

Denn, an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, in der Melancholie ein Massenphänomen war[19], verlor die große Erzählung des Christentums an Glaubwürdigkeit und zerfiel in zwei Parteien, Katholiken und Hugenotten, die in blutigen Kriegen den Absolutheitsanspruch ihrer Konfession ausfochten. Hinzu entwickelte sich der Renaissance-Humanismus, dessen Vertreter die antiken Ideale neubelebten und an der Diesseitigkeit orientiert, für eine zunehmende Verun-sicherung und Relativierung der bis dahin tradierten Lebensentwürfe sorgten. Aufgrund des Brüchigwerdens des Althergekommenen ging ebenfalls eine Freisetzung aus einer Jahrhunderte währenden Tradition und eine öffnende Verwirrung durch Wiederentdeckung verschollener Lebenshaltungen einher, die den Einzelnen die festen und verbindlichen Orientierungspunkte nahmen und somit die Frage nach Sinngebung und der Art und Weise eines auf Gelingen und Glück hin angelegten Lebens aufs Neue stellte.[20]

Wir sind somit fünfhundert Jahre nach Montaigne, um tausend technische und kulturelle Errungenschaften weiter als dieses „gesunde Einzelexemplar, das da zwischen den Epochen gelebt hat“[21], befinden uns aber, was das von ihm als wahres Wissen hochgeschätzte „savoir vivre“[22] angeht, in lebenspraktischer Hinsicht in einer ähnlichen Situation. Heute ist erneut jeder auf sich gestellt, diese Frage des „Wie soll ich leben?“ für sich zu beantworten wie Montaigne sie seinerzeit zu lösen hatte. Darum die historisch-systematische Auseinandersetzung mit Michel de Montaigne und dem sachlichen Interesse nach der detaillierten Ausarbeitung dieser Frage als wohl berechtigt, ja, von orientierungsgebender Aktualität und lebensdienlicher Dringlichkeit.

Soweit die Darlegung der sachlichen Interessenmotive.[23] Die persönliche Antwort, warum ich mich mit Montaigne beschäftige, kann kürzer abgehandelt werden, denn: ich bin wie jeder ein Kind der Zeit, „ein Orientierungswaise“, der nach dem Abitur, das mir alle Möglichkeiten der weiteren Lebensplanung eröffnete, nicht genau wusste, wie ich mit dieser Unabhängigkeit umgehen sollte. Die Allerweltsfrage „Was ich denn werden wolle?“, also die Frage nach dem weiteren beruflichen Werdegang blieb unbeantwortet. Mit jugendlichem Erfahrungs- und Wissensdurst, dem Lebensgefühl eines sozialkritischen Außenseiters entschied ich mich dann für die Fremde und unternahm mit Freunden längere, durch Gelegenheitsarbeiten finanzierte Rucksackreisen, nach Südafrika, Malawi, Indien, Nepal, Spanien, Frankreich und studierte das Leben. Dabei ließ ich mich von nietzscheanischem Gedankengut leiten, etwa dem Gedanken das Leben als Mittel der Erkenntnis zu nutzen[24] und dem existenzialistischen Imperativ im Aphorismus „Das größte Schwergewichte“[25] ausgesprochen, stets so zu handeln, das ewig die Wiederkunft des Gleichen bejaht werden kann, kurzum: Ich lebte selbstgerecht als Weltentingler und Taugenichts in den Tag hinein, sammelte Erfahrung, experimentierte mit allerlei und attestiert mir eine kurze Lebenszeit.

Irgendwann landete ich, durch eine glückliche Beziehung an einem Ort sesshaft geworden und so zur gängigen „Vernunft“ und Lebensführung gekommen, an der Universität. Dort hatte ich in der Philosophievorlesung, „Philosophie der Weltorientierung“, einen Kristallisationsmoment. Und zwar als der Dozent äußerte, die Philosophie habe neben den vier großen Fragen Kants, noch eine fünfte philosophische Frage, die Frage „Wie soll ich leben?“, mit der sich, von den antiken Weisheitsschulen ausgehend, die skeptisch-moralistische Tradition befasst. In diesem Augenblick erkannte ich, dass es zum nicht geringen Teil auch diese Frage war, die mich seit den Jugendjahren umhertrieb. Es wundert also kaum, dass darum Montaigne als „der erste der Moralisten“[26] mein Interesse an dieser Tradition geweckt und, dies sei vorweggenommen, meine Sympathie gewonnen hat. Also, nicht „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“[27], wie sie ein Zeitgenosse Montaignes stellte und später in der Existenzphilosophie von Albert Camus abgewandelt formuliert wurde[28], sondern „Wie soll ich sein?“, um glücklich zu leben - diese Frage gilt es zu erörtern.

1.3 Wissenschaftliche Vorgehensweise

Bevor diese Frage nach dem richtigen Leben erörtert wird, müssen noch einige Anmerkungen zur weiteren Arbeitsweise gemacht werden. Da Montaigne in seinen Essais zu den einzelnen Themen keine stringent begründenden Darlegungen produziert, sondern dieser „Eklektiker reinsten Wassers“[29] sich seinen spontanen, assoziativ und oft sprunghaften Einfällen hingibt, „er sich vom Denken leiten lässt“[30], so das zitaten- und anekdotenreich die verschiedensten antiken Dichter und Denker der abendländischen Weisheitsschulen zu Wort kommen, er deren Gedanken gutheißt, kommentiert oder in skeptischer Manier hinterfragt und gegeneinander ausspielt, um so seine eigenen Ansichten offen zu legen, steht man letztendlich einem nonlinearen Textgewebe gegenüber, das keine direkte Belehrung und argumentativ begründeten Thesen darlegt. Montaignes Schreiben beansprucht ein subjektives Meinen und Erzählen zu sein[31], das jedoch keinen systematischen Verlauf einer anweisenden „Eudämonologie“[32] aufweist und beizeiten in bildlicher Sprache abgefasst ist. Durch diese narrative Nonlinearität und Metaphorik ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Essais nicht immer leicht, so reich an „Gedanken von der Art, welche Gedanken macht“[33] dieses Buch auch ist. Ich habe mich im Folgenden darum auf drei Essais Montaignes zur Erörterung der Frage nach der richtigen Art und Weise zu leben beschränkt und versucht, filtrierend meine Interpretation wesentlicher Aspekte in sachlicher, zeitgemäßer Sprache zu geben, die meines Erachten als Montaignes freundschaftliche Ratschläge und Beiträge zur Lebenskunst heute gelten können.

Zum Schluss wird dann versucht, den erörterten Gesichtspunkten eine Struktur zu entnehmen und auf den gemeinsamen Nenner hinzudeuten, der den Kern der montaigneschen ars vivendi bildet. Hinzu werden die Lebenskunst Montaignes und ihre aktuelle Relevanz auf der unterlegten Folie der „Kritischen Theorie“ kurz diskutiert. Textgrundlage für diese Eruierung ist weitestgehend die Übersetzung ausgewählter Essays von Mathias Greffrath[34].

Hauptteil

2. Erster Essay: „ Philosophieren heißt sterben lernen“

Have you been borne yet & are you alive”.

Jim Morrison

2.1 Der gängige Umgang mit dem Tod

Der übliche Umgang mit dem Tod, so stellt Montaigne fest, entspricht, in zeitgemäßem, psychoanalytischem Jargon ausgedrückt, der Verdrängung, denn „das Mittel des einfältigen Haufens ist, nicht daran zu denken“[35]. Diese Ignoranz und gedankenlose Abweisung des Unangenehmen führt natürlich keineswegs dazu, dem Ableben zu entkommen, sondern verschlimmert nur noch die Ermangelung geliebter Mitmenschen und steigert das Entsetzen beim unerwarteten Eintritt und Erleben des Todes. „Sie gehen, sie kommen, sie laufen, sie tanzen - vom Tod kein Wort. Alles ist ganz schön, aber dann, wenn er kommt zu ihnen oder zu ihren Frauen, Kindern oder Freunden, plötzlich und unvermutet: welche Klage, welche Schreie, welches Toben, welche Verzweiflung befällt sie dann?“[36] Wer also nicht an den Tod denkt, den überrascht er schmerzlichst. Wie aber dann mit dem potentiellen Weltabschied umgehen?

2.2 Die Konfrontationsmethode

Montaigne empfiehlt das genaue Gegenteil der Todesignoranz. „Das Ziel unserer Laufbahn ist der Tod; ganz unvermeidlich steht er uns vor Augen: erschrecken wir vor ihm, wie können wir auch nur einen Schritt nach vorn setzten, ohne zu schaudern“[37]. Oder in einer von Montaigne abgewandelten Aussage in ähnlichem Tenor „ist der Tod, wenn wir uns vor ihm fürchten eine beständige Ursache der Qual, die sich durch nichts lindern lässt. Es gibt keinen Ort, wo er nicht auf uns lauert“[38]. Kurz gesagt, ist der Tod die dem Leben immanente teleologische Notwendigkeit und als Möglichkeit allgegenwärtig.

Mit solchen Gedanken versucht Montaigne, in der mittelalterlichen Tradition des memento mori verhaftet, an die Unausweichlichkeit des Todes zu erinnern, welcher jedem Menschen bevorsteht, da der Mensch heute wie damals und gleich allem anderen Sein, fundamentalontologisch betrachtet, ein „Sein zum Tode“[39] ist, wie Heidegger fünf Jahrhunderte später formulierte, was bedeutet, dass alles Sein von der Stunde der Geburt an prozesshaft und unumgehbar aufs Ende zusteuert.

Aufgrund der Tatsache also, dass die einzige Konstante von allem die Endlichkeit ist, legt Montaigne die Konfrontation mit dem Tod nahe, ihm im Angedenken das Entsetzen zu nehmen und zu „lernen, ihm standzuhalten und ihn zu bekämpfen“[40]. Approximative Todesbekanntschaft und die Reduzierung der Fremdheit, schlägt Montaigne als furchtminderndes Mittel vor, in dem wir uns daran gewöhnen „an nichts so oft wie den Tod“[41] zu denken, weil, wenn man die Sterbebereitschaft und damit das Loslassen von allem zur Lebzeit erlangt hat, einem der Tod nichts Neues bringt. Kurzum: wie Routine Sicherheit gibt, so lindert das Bekannte den Schauder, die Anspannung und Angst, scheint Montaigne ausdrücken zu wollen. Darüber hinaus lehrt das Todesgedenken mit dem Verlust von Gütern und Menschen umzugehen, weil die zu erwartende Entbehrung weniger erschreckt, als wenn man ihr mit unvorbereiteter Sorglosigkeit entgegentritt.[42]

2.3 Das Todeserinnern und sein Dienst fürs Diesseits

Auch wenn Montaignes Konfrontationsmethode mit dem Tod auf den ersten Blick morbid-pessimistisch, ja intellektuell-masochistische Züge tragen mag und, da er doch an nichts so häufig denkt wie an den Tod, sogar „inmitten der Frauen und des Spiels“[43], man fast geneigt ist, die Rückfrage an ihn zu stellen, warum er nicht Selbstmord begannen hat, so intendiert sein uns empfohlenes, stetes Bewusstsein der vitalen Lebensbegrenzung das genaue Gegenteil von Weltverneinung und Diesseitsabkehr.

[...]


[1] Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung. In: Bahr Ehrhard (Hrsg.). Reclam 1974, S. 9.

[2] Vgl. Greffrath, Matthias: Montaigne heute. Diogenes Verlag AG Zürich 1998, S. 61, S. 119.

[3] Montaigne, Michel de. In: Greffrath, Matthias. Montaigne heute. Diogenes Verlag AG Zürich 1998,

S. 55.

[4] Vgl. Burke, Peter: Montaigne zur Einführung. Junius 1993; S. 7 ff.

[5] Lüthe, Rudolf: Der Ernst der Ironie. Königshausen & Neumann. Würzburg 2002, S. 77ff.

[6] Balmer, Hans Peter: Philosophie der menschlichen Dinge. Francke Verlag Bern 1981, S. 42.

[7] Lüthe, Rudolf: Der Ernst der Ironie. Könighausen & Neumann. Würzburg, S. 100.

[8] Vgl. Schimank, Uwe/ Volkmann, Ute (Hrsg.): Soziologischen Gegenwartsdiagnosen, Opladen 2000, S. 22ff. und S. 75ff.

[9] Schultz, Uwe: Montaigne. Rowohlt 1989, S. 18.

[10] Vgl. Ballauff, Theodor: Pädagogik als Bildungslehre. Schneider Verlag Hohengehren 2004, S. 64.

[11] Diese Offensichtlichkeit besteht aber nur auf den ersten Blick: Montaignes Selbstbeobachtung dringt tiefer: so sprengt seine Einsicht, dass es kein festes Sein weder im Mensch noch in den Dingen gibt, m. E. das beengende Korsett eines stets als beständig und unveränderlich angenommenen Selbst.

[12] Auch ist der „Kampf“ gegen die beschleunigte Ashistorisierung ein Grund sich mit Montaigne zu beschäftigen. Arthur Schopenhauer meinte, der Wahnsinn ist der Verlust des Gedächtnisses und sowie es sich mit dem individuellen Leben und der Rückerinnerungsfähigkeit verhält, so verhält es sich wohl auch mit der Kultur- und Ideengeschichte: wer die Vergangenheit vergisst, der kann seine Gegenwart nicht verstehend herleiten und ist so der improvisierenden Willkür und dem Identitätsverlust preisgegeben. Vgl.: Schopenhauer, Arthur: Welt als Wille und Vorstellung. Könemann 1997, Zweiter Band, S. 533f.

[13] Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Suhrkamp Verlag, S. 206.

[14] Ebd., S. 209

[15] Lübbe, Hermann: Der Mensch als Orientierungswaise? Verlag Karl Alber Freiburg, S. 23

[16] Vgl. Nipperdey, Thomas. In: Der Mensch als Orientierungswaise? Verlag Karl Alber, S. 134ff.

[17] Vgl.: Lyotard, Jean- Francois: Postmoderne für Kinder. Edition Passage 1987, S. 44ff. Der Glaubensverlust an die „großen Erzählung“ als negativ darzustellen liegt in der Desorientierung begründet. Als Befreiung der Menschen aus totalitärer Verzweckung und einer vereinseitigenden, indoktrinierter Wirklichkeitsinterpretation ist „das Ende der großen Erzählungen“ sehr wohl positiv zu bewerten.

[18] Vgl. Greffrath, Matthias: Montaigne heute. Diogenes Verlag AG Zürich 1998, S. 365.

[19] Ebd. S. 110 und dazu Lüthe, Rudolf: Der Ernst der Ironie. S. 12 ff.

[20] Vgl.: Schultz, Uwe: Montaigne. Rowohlt 1989, S. 106, auch: Greffrath, Matthias: Montaigne heute. Leben in Zwischenzeiten. Diogenes Verlag AG Zürich 1998, S. 19ff.

[21] Greffrath, Matthias: Montaigne heute. Leben in Zwischenzeiten. Diogenes Verlag AG Zürich 1998, S. 367

[22] Balmer, H.-P.: Philosophie der menschlichen Dinge. Francke Verlag Bern, S. 83

[23] Die Darlegung der persönlichen Beschäftigungsgründe mit Montaigne wurde vom Dozent ausdrücklich erbeten und entspringt keinem Hang zum öffentlichen Exhibitionismus des Autors.

[24] Vgl. Nietzsche, Friedrich: Fröhliche Wissenschaft. KSA 3, dtv 1988, S. 553.

[25] Vgl. Ebd. S. 570.

[26] Balmer, H.-P-: Philosophie der menschlichen Dinge, Francke Verlag Bern 1981, S. 65.

[27] Shakespeare, William: Hamlet. Reclam 2001, S. 6o.

[28] Vgl.: Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos. Rowohlt 1959, S.10ff.

[29] Lüthe, Rudolf: Aphorismen von Michel de Montaigne. Lions-Club Aachen, S. 1.

[30] Ballauff, Theodor: Pädagogik „der selbstlosen Verantwortung der Wahrheit“. Ruhloff, Jörg/ Poenitsch, Andreas (Hrsg.). Juventa 2004, S. 9. Es lässt sich an Montaignes Art der Partizipation am bis dahin gedachten Gedankengut und dem eigenständigen Umgang mit demselbigen das moderne Bildungsideal der „Selbständigkeit im Denken“ erkennen, wie Theodor Ballauff es formuliert hat.

[31] Vgl.: Montaigne; Michel de: Essais. Von der Reue. In: Greffrath, Mathias, S.71.

[32] Vgl. Schopenhauer, Arthur: Aphorismus zur Lebensweisheit. Magnus Verlag 2004, S. 1f.

[33] Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. KSA 2, dtv- 1988, S. 647.

[34] Greffrath, Matthias: Montaigne heute. Leben in Zwischenzeiten. Diogenes Verlag AG Zürich 1998

[35] Montaigne, Michel de: Essais. Philosophieren heißt sterben lernen. In: Greffrath, Mathias, S. 92

[36] Ebd. S. 96.

[37] Montaigne, Michel de: Essais. Philosophieren heißt sterben lernen. In: Greffrath, Mathias, S. 92.

[38] Ebd. S. 92.

[39] Vgl. Heidegger, Martin: In: Dtv-Atlas Philosophie, S. 206.

[40] Montaigne, Michel de: Essais. Philosophieren heißt sterben lernen. In: Greffrath, Mathias, S. 96.

[41] Ebd. S. 96.

[42] Vgl. ebd. S. 98ff.

[43] Ebd. S. 97.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Montaigne und die Lebenskunst
Untertitel
Ausarbeitung der Frage "Wie soll ich leben?"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Philosophie)
Veranstaltung
Vorlesung: Philosophie der Weltorientierung
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V150965
ISBN (eBook)
9783640625970
ISBN (Buch)
9783640626182
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Glück, Moralistik, Skepsis, Bildung, Philosophie, Frühe Neuzeit, Lebensführung, Lebenshilfe, Weisheitslehren, Existenzphilosophie, Adorno, memento mori, Philosophieren heißt sterben lernen, Reue, Einsamkeit
Arbeit zitieren
Mario Stenz (Autor), 2006, Montaigne und die Lebenskunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150965

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