Ich muss ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein als ich mit dem
Skateboardfahren begonnen habe. Die vorherigen Fahrversuche mit dem
Hartplastikboard meines älteren Bruders würde ich noch nicht als den
Beginn einer noch immer anhaltenden Leidenschaft bezeichnen. Jedoch war
es damals bei weitem nicht so einfach wie heute an Material zu gelangen, da einschlägige Skateboardgeschäfte gegen Anfang der 90er Jahre noch keinen wirklich großen Absatzmarkt hatten. Dementsprechend klein war auch die Auswahl an Geschäften in Deutschland. Mein erstes professionelles „Board“ bezog ich über eines der noch heute größten Versandhäuser im Bereich Skateboarding. Damals noch ein Exot, ist „Titus“ heute eines der mit Abstand angesagtesten Adressen für Jugendliche und Junggebliebene im Bereich des „Boardsports“.
An dem Tag, an dem der UPS-Wagen vor unserem Haus hielt und mir mein
heiß ersehntes Skateboard brachte, veränderte sich schlagartig mein
bisheriges Leben, das bis dahin eher normaltypisch für einen "Teenager“
diesen Alters verlaufen ist. Auf einmal war ich Skater und identifizierte mich fortan mit dem Image, welches damit unweigerlich in Verbindung steht. Von da an verbrachte ich durchschnittlich etwa acht Stunden pro Tag auf dem Brett und machte mit Freunden, die das gleiche Hobby teilten, die Straßen unsicher. Es dauerte etwa ein bis zwei Jahre bis wir eine beträchtliche Anzahl an Skatern waren - eine eingeschworene Gemeinschaft mit einem für die Szene typischen Bekleidungsstil, speziellen Begrüßungsritualen und einem Fachjargon, der für Nichtskater schlichtweg unverständlich war und irritiertes Kopfschütteln hervorrief.
Von der Skaterszene, die schon lange existierte, wurden wir Jüngeren erst viele Jahre später respektiert, obwohl einige von uns wesentlich bessere Skater waren und sich das Skater-Dasein eines Großteils dieser Jungs auch fast nur auf deren Äußeres beschränkte. Uns war dies jedoch egal. Wir hatten eine Beschäftigung gefunden die uns erfüllte, die schnell von einem Sport zu einer Lebenseinstellung wurde und die die meisten von uns auch heute noch inne haben. Im Laufe der Jahre habe ich mich oft gefragt was gewesen wäre wenn ich mich für ein anderes Hobby entschieden hätte. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Identität
2.1 Was steckt hinter dem Begriff Identität?
2.2 Vorstellung drei unterschiedlicher Identitätstheorien
2.2.1 Identitätstheorie von Erik H. Erikson
2.2.2 Identitätstheorie von George H. Mead
2.2.3 Identitätstheorie von Lothar Krappmann
2.3 Identitätsbildung als zentrale Entwicklungsaufgabe in der Jugendphase
3 Jugend und Jugendkultur
3.1 Was sind Jugendkulturen?
3.2 Jugendkultur und Identität
3.3 Szenenzugehörigkeiten als spezifische Lebensstile von Jugendkulturen
4 Skateboarding
4.1 Geschichte des Skateboardings
4.2 Techniken des Skateboardings und die Bedeutung für die Identitätsbildung
4.3 Was sind die Motivationsmerkmale des Skateboardings?
4.4 Was sind die mit der Dimension Skateboarding einhergehenden Identitätsimpulse?
5 Skateboarding und Identität im Jugendalter: Befragung von vier jugendlichen Skatern
5.1 Methodik
5.1.1 Vorgehensweise
5.1.2 Auswertungsverfahren
5.2 Interviews
5.2.1 Soziodemographische Daten der Interviewpartner
5.2.2 Aufzeigen der Kategorien
5.2.3 Kategorisierung der Interviewergebnisse
5.2.4 Zusammenfassung der Kategorisierungen
5.2.5 Ergebnispräsentation
6 Sozialpädagogische Relevanz
6.1 Mögliche Konsequenzen für die Sozialarbeit / Sozialpädagogik
6.2 Experteninterview
6.2.1 Methodik
6.3 Zusammenfassung des Interviewergebnisses
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stellenwert von Jugendkulturen – konkret am Beispiel des Skateboardings – für die Identitätsbildung im Jugendalter. Ziel ist es, den Einfluss dieser spezifischen Subkultur auf die Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher zu analysieren und Konsequenzen für die sozialpädagogische Praxis abzuleiten.
- Identitätstheoretische Grundlagen und Entwicklungsaufgaben
- Soziologische Analyse von Jugendkulturen und Szenen
- Bedeutung des Skateboardings für die individuelle Identität
- Empirische Untersuchung mittels Experten- und Jugendlicheninterviews
- Sozialpädagogische Potenziale und Handlungsansätze
Auszug aus dem Buch
2.1 Was steckt hinter dem Begriff Identität?
Über wohl kaum einen anderen sozial-wissenschaftlichen Begriff existieren so viele Definitionen wie über den der Identität. Diese Vielfalt rührt größtenteils daher, dass diese Thematik für viele unterschiedliche Felder von großer Relevanz ist und dementsprechend von beispielsweise Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Philosophen und Literaturwissenschaftlern entsprechend ihres jeweiligen spezifischen Bereiches gedeutet und definitorisch ausgelegt wird (vgl. Göppel, 2005, S. 218). Dies erklärt auch, warum kaum ein Begriff bei seinem Gebrauch so wenig Identität aufweist, wie der Begriff „Identität“ selbst (Platta, 2002, S. 50).
Für den Theoretiker Abels ist Identität „...das Bewusstsein ein unverwechselbares Individuum mit einer eigenen Lebensgeschichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit anderen eine Balance zwischen individuellen Ansprüchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben“ (2006, S. 254). Neben dieser Definition gibt es noch unzählige andere, die jedoch hinsichtlich ihres definitorischen Ansatzes sehr stark variieren können.
Zumindest existiert aber ein gemeinsamer Bedeutungskern, über den sich sowohl Psychologen, als auch Soziologen einig sind. So ist von Identität dann die Rede, wenn sich eine Person als einzigartig und von anderen unterscheidbar beschreibt und wenn diese Ansicht zusätzlich vom sozialen Umfeld geteilt wird. Daraus erschließt sich, dass Identität zwei unterschiedliche Komponenten umfasst, nämlich die personale und die soziale Identität. Während in der personalen Identität die im Lebenslauf gemachten Erfahrungen verarbeitet und in einem Selbstbild zusammengefasst werden, entsteht die soziale Identität aus dem Bild, welches das Individuum von sich selbst durch andere Personen aus seiner Umwelt vermittelt bekommt (vgl. Brettschneider/Bredenbreck, 1997, S. 157).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der persönlichen Motivation und des Rahmens der Diplomarbeit zur Identitätsbildung durch Skateboarding.
2 Identität: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Identitätsbegriff und den Theorien von Erikson, Mead und Krappmann im Jugendkontext.
3 Jugend und Jugendkultur: Definition von Jugendkulturen und Analyse der Identitätsrelevanz sowie Szenenzugehörigkeiten.
4 Skateboarding: Geschichtlicher Überblick, technische Analyse und Bedeutung für die Identitätsfindung der Skater.
5 Skateboarding und Identität im Jugendalter: Befragung von vier jugendlichen Skatern: Dokumentation und Auswertung qualitativer Interviews mit Jugendlichen zur Bedeutung ihrer Skater-Identität.
6 Sozialpädagogische Relevanz: Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für die Jugendarbeit sowie Auswertung eines Experteninterviews.
7 Fazit: Zusammenfassende Interpretation der gewonnenen Erkenntnisse über die identitätsstiftende Kraft des Skateboardings.
Schlüsselwörter
Identitätsbildung, Jugendkultur, Skateboarding, Szenenzugehörigkeit, Sozialpädagogik, Jugendarbeit, Adoleszenz, Selbstbild, Lebensstil, qualitative Sozialforschung, Identität, Sozialisation, Subkultur, Jugendszenen, Identitätsimpulse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Stellenwert von Jugendkulturen für die Identitätsbildung im Jugendalter, wobei das Beispiel des Skateboardings als zentraler Untersuchungsgegenstand dient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft entwicklungspsychologische Identitätstheorien mit soziologischen Konzepten zu Jugendkulturen und deren Bedeutung für Jugendliche in der heutigen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie und in welchem Maße Skateboarding als Jugendkultur Prozesse der Identitätsbildung unterstützt und welche Bedeutung dies für die sozialpädagogische Praxis hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, der eine theoretische Literaturanalyse mit leitfadengestützten Interviews von vier jugendlichen Skatern und einem Experteninterview kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Darstellung von Identität und Jugendkultur, eine detaillierte Analyse der Skaterszene und eine empirische Auswertung von Interviewdaten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Identitätsbildung, Skateboarding, Jugendszenen, Sozialpädagogik, Adoleszenz und Lebensstilbildung.
Warum wird Skateboarding als „identitätsbildend“ eingestuft?
Laut den Ergebnissen bietet die Skaterszene den Jugendlichen durch ihre Offenheit, den familiären Zusammenhalt und die Möglichkeit, individuelle Fähigkeiten sowie soziale Anerkennung zu erlangen, eine starke Stütze für die Persönlichkeitsentwicklung.
Welche Rolle spielt die Jugendarbeit in diesem Kontext?
Die Jugendarbeit sollte Skateboarding als barrierefreien Sport anerkennen, geeignete Infrastruktur bereitstellen und als unterstützende Instanz agieren, ohne die Autonomie der Subkultur zu beschneiden.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für die städtische Planung?
Der Autor fordert eine stärkere Partizipation von Skatern bei der Planung von Skateparks, um Fehlplanungen zu vermeiden und Orte zu schaffen, die den tatsächlichen Bedürfnissen der Jugendlichen entsprechen.
- Arbeit zitieren
- Alexander Kahle (Autor:in), 2010, Der Stellenwert von Jugendkulturen für die Identitätsbildung am Beispiel Skateboarding, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151066