Die Kronen-Zeitung nach 1959. Hans Dichand und seine Partner


Bachelorarbeit, 2009

36 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Relevanz des Themas
1.2. Forschungsfragen und Hypothesen
1.3. Methode
1.4. Aufbau der Arbeit

2. Hans Dichand und seine Partner
2.1. Vom Nobody zum Chefredakteur der Krone
2.2. Dichand und die Macht „seiner“ Zeitung
2.3. Das Erfolgsrezept
2.4. Kurt Falk
2.5. Friedrich Dragon
2.6. Der Streit mit der WAZ Krone und „Kurier“ haben eines gemeinsam: die MEDIAPRINT

3. Die Wiederauferstehung einer Zeitung
3.1. Die „alte“ Krone
3.2. Voraussetzungen für eine neue Tageszeitung Wiener Zeitungskrieg
3.3. Gründung der „neuen“ Krone Im Café Resch
3.4. Die Olah-Affäre
3.5. Weitere Entwicklung der Zeitung
3.6. Die Gegenwart

4. Eine Zeitung macht Politik
4.1. Politische Kampagnen der Krone
4.1.1. Nein zu Temelin
4.1.2. Die Waldheim-Verteidigung
4.2. Die EU als Feind
4.3. Antisemistismus und Rassismus
4.4. „Onkel Hans“ als Kanzlermacher?

5. Konklusion
5.1. Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
5.2. Schlussfolgerungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Personenregister

1. Einleitung

1.1. Problemstellung und Relevanz des Themas

Die „Neue „Kronen Zeitung“ gilt als das mächtigste Medium in Österreich. Mit einer Reichweite von über 40 Prozent erreicht das Kleinformat täglich an die drei Millionen Leser. Eine ähnliche Monopolstellung am Zeitungsmarkt findet man nicht in der Medienwelt. Mit dem Boulevardblatt ist ein Name unzertrennlich verbunden – Hans Dichand. Der heute 87-Jährige wurde zum Journalisten des Jahrhunderts gekürt und hat eine beispiellose Karriere hinter sich. Der Erfolg der „Krone“ ist eng an seinen Namen geknüpft.

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit der „Kronen Zeitung“ seit ihrem Gründungsjahr 1959. Damals sicherte sich Hans Dichand als ehemaliger „Kurier“-Chefredakteur die Titelrechte und begann, seine Vision eines Volksblattes in die Tat umzusetzen. Gemeinsam mit Kurt Falk wurde die Zeitung ein Erfolg und hatte bald die Vormachtstellung im Land. Dazwischen folgte die Olah-Affäre, in der Hans Dichand um „seine“ Krone kämpfen musste. Der ÖGB beanspruchte die Zeitung für sich, da Gewerkschaftsboss Franz Olah damals ÖGB-Sparbücher als Bankgarantie für die „Krone“ hinterlegte. Immer wieder kommt es zwischen Hans Dichand und seinen Partnern zum Bruch. Kurt Falk wird aus der Zeitung herausgekauft und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) übernimmt zur Hälfte die Krone (und den „Kurier“). Damit wird die Mediaprint gegründet. 2001 eskaliert der Streit mit den Herren aus dem Ruhrpott und dauert bis heute an. Die WAZ akzeptiert Sohn Christoph nicht als Chefredakteur.

Ein weiterer Wegbegleiter Dichands war und ist Friedrich Dragon. Er arbeitete 40 Jahre lang an der Seite von Dichand, heute ist er Prokurist der WAZ und arbeitet gegen seinen einstigen Chef. Die „Krone“ ist berühmt für ihre tendenziöse Berichterstattung. So greift das Kleinformat politische Kampagnen auf, mit der Erfolge gefeiert werden. Vom Sternwartepark bis zur Hainburger Au, von Zwentendorf bis Temelin, von Waldheim-Wahlkampf zur EU, immer wieder gibt es eine klare Botschaft und eine einseitige Berichterstattung. Jüngstes Beispiel ist die Rolle der „Kronen Zeitung“ im Nationalratswahlkampf 2008. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Macht der „Kronen Zeitung“ und letztendlich auch des Herausgebers Hans Dichand.

Ich will in dieser Literaturarbeit der Frage nachgehen, wie die „Kronen Zeitung“ zum mächtigsten Printmedium in Österreich avancieren konnte und wie viel Macht Hans Dichand und seine Zeitung tatsächlich ausüben.

1.2. Forschungsfragen und Hypothesen

Die zentrale Forschungsfrage dieser Bakkalaureatsarbeitet lautet:

à Wie entwickelte sich die „Neue „Kronen Zeitung“ zur erfolgreichsten Zeitung und wie viel Macht besitzt Hans Dichand mit dem Boulevardblatt.

Detailfragen, die in diesem Zusammenhang geklärt werden sollen:

- Wer ist Hans Dichand?
- Welche Etappen gibt es seit der Gründung der Krone im Jahr 1959?
- Was passierte in der Olah-Affäre?
- Welche Umstände führten zur Gründung der Krone?
- Wer waren strategisch wichtige Partner von Hans Dichand?
- Wie sieht die Berichterstattung der Krone aus, vor allem in Hinblick auf die Politik und welchen Stil hat sie?
- Wie mächtig ist die Krone?
- Wer steht hinter der WAZ und worum geht es bei den Streitigkeiten?

Daraus entwickeln sich folgende Hypothesen, die am Ende dieser Arbeit verifiziert oder falsifiziert werden sollen:

1) Die „Kronen Zeitung“ entwickelte sich durch die Krise der Parteipresse zur stärksten Zeitung.

2) Hans Dichand hat entscheidenden Einfluss auf die österreichische Politik.

3) Die Krone nahm wesentlichen Einfluss auf den Ausgang der Nationalratswahl 2008.

1.3. Methode

Die vorliegende Arbeit wurde mit Hilfe ausgewählter Literatur erstellt. Dazu dienten sowohl Quellen von Mitarbeitern (Günther Nenning, Lore Jarosch) bzw. dem Herausgeber der „Kronen Zeitung“ selbst als auch kritische Beiträge über die Berichterstattung des Boulevardblattes. Dazu wird auch auf aktuelle Geschehnisse rund um die Nationalratswahlen 2008 und die Rolle Dichands bzw. der „Krone“ Bezug genommen. Hierzu wurde vor allem intensive Internetrecherche betrieben.

1.4. Aufbau der Arbeit

Im nun folgenden Kapitel meiner Arbeit werde ich die Person Hans Dichand näher beschreiben. Sein Werdegang zum Journalisten und zum Chefredakteur der „Krone“, die Macht, die von seiner Zeitung ausgeht und seine Partner Kurt Falk und Friedrich Dragon sowie sein Streit mit der WAZ. Kapitel 3 widmet sich der Geschichte der „Kronen Zeitung“, von den ersten Nachkriegsjahren als Voraussetzung für die Gründung, der ersten Ausgabe und dem ersten Erfolg bis hin zum Olah-Prozess, die weitere Entwicklung und die gegenwärtige Situation. In Kapitel 4 „Eine Zeitung macht Politik“ sollen die politischen Kampagnen der „Krone“ kurz erläutert werden und auf den antisemitischen und rassistischen Stil der Krone hingewiesen werden. Weiters soll aus aktuellem Anlass die Rolle der Krone im Nationalratswahlkampf 2008 beleuchtet werden. Abschließend werde ich in Kapitel 5 meine Ergebnisse zusammenfassen und die eingangs gestellten Forschungsfragen beantworten. Die Literaturangaben finden sich alphabetisch geordnet am Ende meiner Arbeit

Die Begriffe „Neue Kronen Zeitung“, „Kronen Zeitung“ und „Krone“ werden in dieser Bakkalaureatsarbeit synonym verwendet.

2. Hans Dichand und seine Partner

Hans Dichand hat auf seinem Weg zum erfolgreichsten Journalisten und mächtigsten Zeitungsmacher im Land einige Stationen durchwandert. In diesem Kapitel soll daher die Person Hans Dichand und sein Werdegang beschrieben werden. Auf seinem Lebensweg hin zum Krone-Erfolg haben ihn auch wesentliche Partner begleitet. Der Streit mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) soll in einem Unterkapitel näher gebracht werden.

2.1. Vom Nobody zum Chefredakteur der Krone

Hans Dichand wurde am 29. Jänner 1921 in Graz geboren. Seine Mutter (Leopoldine Dichand) war Hausdame, sein Vater (Johann Dichand) ein Unternehmer. Die einst gut situierte Familie musste nach dem Bankrott des Vaters in ärmliche Verhältnisse absteigen. Dichand wuchs in einer armen Gegend von Graz auf (vgl. Janitschek 1992, 31ff.). Dass Hans Dichand Journalist werden wollte, wusste er schon bald. Auf dem Schulweg kam er stets an der Druckerei der „Kleinen Zeitung“ vorbei, damals eine Nachbildung der „Illustrierten „Kronen Zeitung“ (Anm.: Vorgängerin der „Neuen „Kronen Zeitung“). Vor allem die Überschriften und Illustrationen sollen es dem kleinen Dichand damals angetan haben. Bald war er der einzige seiner Klasse, der den Wunsch hegte, Journalist zu werden (vgl. Janitschek 1992, 46f.). Dichand schrieb bereits in jungen Jahren an die Redaktion der „Kronen Zeitung“ mit der Frage, wie er seinen Traumberuf erlernen könnte. Die Zeitung antwortete ihm mit dem Rat, das Buchdruckergewerbe zu erlernen. Dichand war 13 Jahre alt, als er diesen Rat befolgte und nach seiner Hauptschulzeit Schriftsetzerlehrling wurde (vgl. Janitschek 1992, 48). Dichand meldete sich im zweiten Weltkrieg freiwillig der Kriegsmarine. Bei einem seiner Einsätze wäre der heute 87-Jährige beinahe umgekommen. Dichand, damals Matrose auf der „Leverkusen“ im Mittelmeer, konnte nach einem Torpedoangriff eines U-Bootes und dem Sinken des Schiffes schwer verletzt gerettet werden (vgl. Janitschek 1992, 67f.).

Sein erster Posten als Chefredakteur erhielt Dichand kurz nach 1945 bei der „Murtaler Zeitung“. Innerhalb eines Jahres konnte er mit Exklusivgeschichten, die ihm ein Freund des britischen Nachrichtendienstes, für den er lange Zeit im Krieg gearbeitet hatte, immer wieder zusicherte, die Auflage mehr als verdoppeln. Knapp ein Jahr war Dichand Chefredakteur, ehe er 1948 zum „Steirerblatt“ wechselte. Sein dortiger Chefredakteur, Dr. Helmut Schuster, sollte sein „Lehrer“ werden. Schuster erhielt den Auftrag, die „Neue Wiener Tageszeitung“ in Wien zu gründen und Dichand ging mit ihm. Als junger Journalist teilte er damals ein Zimmer mit Hugo Portisch. Dichand und Portisch wurden enge Freunde. Mit der Nachricht, dass in Graz erstmals nach dem Krieg wieder die „Kleine Zeitung“ errichtet werden sollte, wurde Dichand wieder hellhörig. Die Zeitung erinnerte ihn an seine Kindheit. Er bewarb sich schlussendlich. Die Entscheidung, wer Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ (und das wollte Dichand) werden sollte, wurde in einer Redaktionssitzung getroffen. Dabei kam es auch zum Bruch mit der APA (Austria Presse Agentur), der auch heute noch aufrecht ist. Die APA verweigerte damals der „Kleinen Zeitung“ ihren Dienst. Die anwesenden Redakteure waren fassungslos und konnten sich eine Tageszeitung ohne Presseagentur nicht vorstellen, Dichand jedoch kannte einen Ausweg. Er wollte die Zeitung ohne Nachrichtenagentur füllen. Die Arbeit der Agentur kannte er vom britischen Nachrichtendienst. Damals hatte er gesehen, wie die Nachrichten zu den Zeitungen gelangen. In jener Redaktionssitzung sagte Dichand wörtlich: „Eine Tageszeitung kann auch ohne Nachrichtendienst gemacht werden. Der APA-Boykott ist leicht zu brechen. Benötigt werden ein paar gute Stenotypistinnen, die Auslandssender aufnehmen können, und ein Korrespondent in Wien, mehr nicht.“ (Janitschek 1992, 97)

Die Antwort des Styria-Generaldirektors auf diesen jungen und selbstbewussten Mann war: „Dann werden Sie Chefredakteur!“ Und so startete die „Kleine Zeitung“ (vgl. Janitschek 1992, 95ff.). Als die APA schlussendlich doch den Lieferboykott beendete, war es Dichand selbst, der auf den Dienst der einzigen Nachrichtenagentur in Österreich verzichtete. Die „Krone“ arbeitet auch heute noch ohne die APA und spart sich damit 700.000 Euro jährlich (vgl. Janitschek 1992, 98).

Vom Erfolg der „Kleinen Zeitung“ in der Steiermark hörte man auch in Wien. Die Amerikaner brachten damals noch den „Wiener „Kurier““ heraus, stellten ihn aber im Sommer 1954 ein. Dichand wurde von Ludwig Polsterer, einem Mühlen-Millionär, nach Wien geholt um eine Nachfolge-Zeitung zu starten. Kurz nach der Einstellung des amerikanischen „Wiener-“Kurier““ erschien am 18. Oktober 1954 erstmals der „Neue „Kurier““. Dichand war Chefredakteur und nahm eine handvoll Leute von Graz mit nach Wien, darunter auch Ernst Trost, Hugo Portisch, Hermann Stöger (späterer stellvertretender Chefredakteur des „Kurier“) und Harald Eggerer (später Chefredakteur des Express). (vgl. Janitschek 1992, 99-106). Der „Kurier“ wurde vor allem durch die zunehmende Boulevardisierung zum Erfolg und Dichand baute auch mit seiner Blattkonzeption auf die britische Boulevardzeitung „Daily Mirror“ auf (vgl. Vogd 2000, 135).

1958 kam es zum großen Zerwürfnis zwischen dem Herausgeber Polsterer und dem Chefredakteur Dichand. Polsterer gefiel die Boulevardisierung seiner Zeitung nicht. Daraufhin verließ Dichand den „Kurier“. Portisch wurde Chefredakteur, zwei Jahre später jedoch auf ähnliche Weise wie Dichand entlassen (vgl. Janitschek 1992, 112f.). 1959 gründet er schließlich seine eigene Zeitung – und lässt mit der „Neuen „Kronen Zeitung“ ein Stück Geschichte wieder auferstehen (detaillierte Beschreibung der Gründung in Kapitel 3).

Anfang 2001 versucht Dichand erneut, eine Zeitung auf den Markt zu bringen. Er bringt das Gratisblatt „U-Express“ heraus, vor allem auch, um gegenüber der „Krone“ keine Konkurrenz durchkommen zu lassen. Insider glauben jedoch zu wissen, dass Hans Dichand immer wieder von Neuem eine Zeitung aufbauen und auf dem Markt etablieren will. Nachdem dies mit der Krone sehr erfolgreich gelungen war, sollte nun also eine Gratiszeitung folgen. Damit setzt sich Dichand kurzfristig über die WAZ hinweg, 2004 wird ihm für „sein jüngstes Lieblingsprojekt“ (Fidler 2004, 27) allerdings der Hahn abgedreht (vgl. Fidler 2004, 27).

Heute ist der Journalist des Jahrhunderts mit seiner Frau Helga zusammen, ist Vater von drei Kindern (Johanna, Michael und Christoph) und einer der reichsten Österreicher. Laut dem Magazin „trend“ bringt es Dichand auf gut 518 Millionen Euro. Daneben hat er Domizile am Attersee, in Lech am Arlberg und der Costa Smeralda auf Sardinien. Dichand wohnt in Wien-Döbling in einer Villa, die Stararchitekt Wilhelm Holzbauer für ihn kreiierte (samt Swimmingpool). Als Hauptgeschäftsführer der „Krone“ staubt Dichand monatlich über 700.000 Euro (739.000,-) ab (vgl. Fidler 2004, 20f.). Immer wieder wendet sich der heute 87-Jährige unter dem Pseudonym „Cato“ persönlich an die Leser und er macht neuerdings auch vor den neuen Medien nicht halt. So veröffentlicht der 87-Jährige zu Themen die ihn bewegen sogar einen eigenen Internet-Blog (vgl. Fidler 2004, 16ff.). Cato war der Name eines römischen Senators, der seine Reden im Dritten Punischen Krieg stets damit beendete, dass er zum Krieg gegen Karthago aufrief und der Meinung war, diese Stadt müsse man zerstören (vgl. Portisch 2000, 258). Der 87-Jährige regiert die „Kronen Zeitung“, tagtäglich vom 16. Stockwerk in der Muthgasse im 19. Wiener Gemeindebezirk. Lediglich Samstagnachmittag nimmt sich der Herausgeber frei. Dichand absolviert also auch in hohem Alter noch ein enormes Arbeitspensum. Sein schönster Tod, so sagte er zu Interviewpartnern stets, sei es, tot neben seinem Schreibtisch umzufallen (vgl. Jarosch 2000, 226).

2.2. Dichand und die Macht „seiner“ Zeitung

Hans Dichand sieht sich selbst nicht als Politiker und auch nicht als mächtig an, wie dieses Zitat zeigen soll:

„Wir wollen keine Macht. Ich sag immer: Bevor ich Macht ausübe, streichle ich lieber unseren Hund daheim. Nicht? Das hält man mir ohnehin vor. Ich will aber wirklich keine Macht. Ich bin ein Mensch, der lieber nicht so im Vordergrund steht, der zum Politiker überhaupt nicht geeignet ist. Ich bin ein Journalist, und ganz und so will ich bleiben.“ (Transkript „Kronen Zeitung“ – Tag für Tag ein Boulevardstück“ 2002, 23)

Und doch kann man ihm und seiner Zeitung ein gewisses Machtpotenzial nicht absprechen. Der einstige Chefredakteur des „Kurier“ gründete die „Neue „Kronen Zeitung“ (detaillierte Beschreibung der Gründung in Kapitel 3) und ist mittlerweile Hälfteeigentümer, Herausgeber und Hauptgeschäftsführer der größten Zeitung Österreichs.

„Wenn jemand in Österreich wirklich Macht hat, ohne gemeinhin zu den für politisch mächtig Gehaltenen zu zählen, dann er“. Dies schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Hans Dichand. Und könnte damit Recht behalten. Die Politik kommt an seiner Zeitung nicht vorbei, und Dichand hat enge Kontakte zur österreichischen Innenpolitik. Die Dokumentation von Nathalie Borgers „Tag für Tag ein Boulevardstück“ zeigt Dichands initme Beziehung zum damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil. Bei Kaffee und Gugelhupf in der Hofburg sprach man über die ungewollte schwarz-blaue Regierung. Auch Heinz Fischer setzte die Tradition fort und lud Dichand zu sich nach Hause ein. Der Zeitungszar ist eine gleichwohl gefürchtete Persönlichkeit. Der ORF hat die umstrittene Doku der Niederländerin Nathalie Borgers (Tag für Tag ein Boulevardstück) bis heute nicht ausgestrahlt, obwohl der Aufsichtsrat des ORF dies einforderte (vgl. Fidler 2004, 16ff.). Die Rache der „Krone“ für diese Doku, die der deutsch-französische TV-Sender „arte“ ausstrahlte, folgte prompt. „arte“ wird seither aus dem Fernsehprogramm der Krone ausgeklammert (vgl. Klenk 2008, 2).Viel mehr verbeugt sich der Österreichische Rundfunk vor Dichand, indem man eine Doku von ihm und ein Dichand-Porträt im Hauptabendprogramm zeigt. Zur Machtausübung der Krone meint Portisch, dass es vor allem die Angst der Politiker sei, die der Zeitung voraus eile. „Diese Zeitung hat keine Regierung gestürzt, hat keine gemacht und auch keine verhindert“ (Portisch 2000, 259). Der Ausspruch des früheren ÖVP-Generalsekretär und Mediensprecher Herbert Kukacka über das Verhältnis von Politikern zur Krone und umgekehrt sagt jedoch wesentlich mehr aus: „Man hat Angst, also arrangiert man sich“ (Kukacka, zit. n. Klenk 2008, 2). Auch der ansonsten nicht sehr wortkarge Wiener Bürgermeister Michael Häupl äußerte sich zur Profil-Coverstory 1996 „Wer hat Angst vor Hans D.?“ nur damit, dass er nicht verrückt sei, etwas gegen die „Krone“ zu sagen (vgl. Profil Nr.40 1996, 28).

Im Vorfeld der Abstimmung über den Beitritt zur EU im Jahr 1994 pilgerten die Politiker scharenweise zu Hans Dichand um ihn von einem Beitritt zu überzeugen. Der Krone-Macher reagierte und brachte Schlagzeilen wie: „EU-Nein bedroht Urlaubs- und Weihnachtsgeld der Österreicher“ oder „Auch in EU keine Ausländerflut“ (Profil Nr. 28 2008, 36). Das Ergebnis der Abstimmung ist bekannt. Wenige Wochen danach schrieb die „Krone“ in gewohnter Manier gegen die EU – bis heute (vgl. Profil Nr. 28 2008, 36).

Die „Krone“ und Dichand haben es auch geschafft, Gesetze durchzudrücken. 1996 etwa wurde für Werkverträge eine Sozialversicherungspflicht eingeführt. Über Nacht kam vor Beschlussfassung des Gesetzes im Parlament ein Abänderungsantrag zustande. Darin wurden die Zeitungskolporteure von dieser Pflicht ausgenommen. Dichand hatte damals die Mitglieder des Sozialausschusses in einem Brief dazu aufgefordert – die Abgeordneten befolgten den Befehl (vgl. Profil Nr. 28 2008, 38).

2.3. Das Erfolgsrezept

Warum die Zeitung auch heute noch so erfolgreich ist und über 40 Prozent der Österreicher die „Krone“ lesen, hängt von einigen Faktoren ab. Zum einen muss hier festgestellt werden, dass Hans Dichand stets das richtige Gespür für eine Zeitung hatte. Die Erfolge der „Kleinen Zeitung“, die auch heute noch in der Steiermark auf seine Zeit als Chefredakteur fußt, und des „Kurier“ bestätigen diese Einschätzung. Das Konzept der „Kronen Zeitung“ war von Beginn an, eine Zeitung für’s Volk herauszugeben, die Unabhängigkeit dabei zu wahren und den Unterhaltungsfaktor mitzubringen. So zumindest beschreibt es Hans Dichand (vgl. Malcolm 1991, 162f.). Die Vorbilder für die Krone kamen dabei stets aus großen amerikanischen und englischen Zeitungen. Die Anzahl der Kolumnen, die die Krone heute täglich erscheinen lässt, gründet auf eben diese Vorbilder (vgl. Malcolm 1991, 163). Dichand trifft mit seiner Blattlinie den Geschmack der Österreicher. Da wären die täglich wiederkommenden „Nackten“ auf Seite 7 oder 9 und das „Herz für Tiere“ mit seiner Tierecke (vgl. Fidler 2004, 19). „Mädchen, Kinder und Tiere“ (Dichand, zit. n. Malcolm 1991, 165) bestimmen die Fotos und gehören für Hans Dichand eindeutig zum Erfolgsrezept. „Mädchen, Kinder und Tiere sehen die Menschen lieber an. Macht ihnen mehr Freude“ (Dichand, zit. n. Malcolm 1991, 166). Abbildungen von Politikern oder Unfällen versucht man weitestgehend zu vermeiden (vgl. Malcolm 1991, 166). Portisch erklärt das Erfolgsrezept der Krone damit, dass sie sich stets für die Kleinen und Schwachen einsetzt und gegen die Großen kämpft. Damit sei das Kleinformat auf Augenhöhe mit dem Volk (vgl. Portisch 2000, 259).

Hans Dichand zum Erfolg seiner „Kronen Zeitung“:

„Das Hauptgeheimnis – es ist kein Geheimnis, weil es jeder sieht im Grunde – aber ich sag trotzdem "Geheimnis", weil es eigentlich niemand nachmacht, um so erfolgreich zu sein, ist, dem Leser nahe zu sein. Das ist eigentlich dasselbe, das man von einem Politiker verlangt. Auch ein Politiker soll ja seinem Wähler nahe sein. […]“ (Transkript „Kronen Zeitung“ – Tag für Tag ein Boulevardstück“ 2002, 3)

Hans Dichand meint dazu, dass man sich schlicht und einfach nicht zu weit vom Leser entfernen sollte. Mit der Masse irren sei besser (vgl. Jarosch 2000, 227).

Ein Faktor dürfte wohl auch das handliche Format der Zeitung und die seit den 70er Jahren stark forcierte Regionalisierung sein (vgl. Vogd 2000, 152). Als Tageszeitung schafft die „Kronen Zeitung“, so wie kein anderes Medium in Österreich, gewisse Identifikationspunkte für „die in den Stricken des Alltags und seiner mittelmäßigen Gemeinheiten verfangenen Normalbürger des Landes“ (Bruck 1991, 9). Die „Kronen Zeitung“ spricht die vielseitigen Interessenskonflikte und Missverständnisse der Bevölkerung an und nutzt die Neigung verschiedene Meinungen als bösartige Lügen und Unterstellungen und Hinterlist zu verstehen, aus (vgl. Bruck, 1991, 9). Charakteristisch für die Sprache sind auch einfache und kurze Sätze mit zahlreichen umgangssprachlichen Wendungen, wodurch es zu einer Simplifizierung der Inhalte kommt. Durch die Konnotation, also die Nebenbedeutungen eines Wortes, kommt es zu einer schnellen Verständlichkeit und Emotionalisierung der Geschichten. Beim Rezipienten werden also Emotionen ausgelöst. Jegliche Emotionen werden durch folgende Stilmittel verstärkt: Reizwörter, die Verwendung von Superlativen („gewaltigster“), bildlich kraftvolle Attribute (zum Beispiel „die nackte Angst“), Begriffe der Konfrontation („Gemetzel“) und die Steigerung der Nichtalltäglichkeit („Mega-Streit“) (vgl. Burkhardt 2005, 32-35). Hugo Portisch sieht Hans Dichands Erfolg mit der Krone aber auch darin, dass dieser „mitten in den Boulevard Anspruch stellt“ (Portisch, zit. n. Jarosch 2000, 18). Damit meint Portisch, dass Dichand stets durch politische Kommentatoren und Kolumnen die Zeitung nicht nur mit Boulevardsujets füllt (vgl. Jarosch 2000, 18).

2.4. Kurt Falk

Kurt Falk, damals noch Leiter des Rechnungswesens bei Persil und gerade einmal 26 Jahre alt, wurde von Franz Olah für Hans Dichand empfohlen. In manchen Kreisen wurde sogar darüber spekuliert, dass Falk der Sohn Olahs sei. Dies wurde jedoch nie bewiesen (vgl. Konrad/Lechner 1992, 94). Er galt schon damals als ehrgeiziger Mann der Wirtschaft, hatte mit Journalismus aber anders als Dichand wenig zu tun. Falk gilt als „Erfinder“ der Sonntagsstandln in Österreich. Da die Trafikanten am Sonntag traditionell zusperrten, konstruiert Falk 1962 nach dem Vorbild der US-Medien eigene Tische mit Behältern und Kassenbüchsen für die Sonntagsausgabe. Heute sind es die Sonntagsstandln, die von beinahe jeder Zeitung aufgestellt werden. Damals war die „Krone“ mit dieser Erfindung alleine am Markt und so griffen viele am Sonntag zum „Revolverblatt“. Wie viel allerdings tatsächlich von den Käufern eingeworfen wird, ist fraglich. Geschätzt wird, dass etwa ein Viertel des Kaufpreises auch tatsächlich in der Büchse landet. Aber schon am Montag reduzierte sich die Anzahl der Leser wieder. Falk lässt daraufhin die „Krone“ mit Gewinnspielen und Kupons auf Seite eins herausgeben. Die Idee dahinter: Für den nächsten Kupons muss der Leser nicht nur die Sonntags-, sondern auch die Montagsausgabe erstehen. In Kürze wird Kurt Falk zum Rätselonkel Österreichs und die Leserschaft wird größer (vgl. Fidler 2004, 45). In einer der ersten Unterredungen mit Hans Dichand soll der erstklassige Geschäftsmann Falk verkündet haben, dass „eine Zeitung nichts anderes sei wie Waschpulver“ (Dichand 1996, 241). Dichand entgegnete seinem damaligen Partner mit den Worten: „Eine Zeitung ist mehr!“ (Dichand 1996, 241). Schon damals war klar, dass zwei solch eigenständige Persönlichkeiten über kurz oder lang nicht zusammenarbeiten konnten. Falk als wirtschaftliches Talent sah die Zeitung mit anderen Augen als der Journalist Dichand. Lediglich einmal waren sich beide Herren einig – 1987, als sie beschlossen, getrennte Wege zu gehen (vgl. Jarosch 2000, 224).

Kurt Falk behalf sich in seiner Zeit als Hälfteeigentümer der „Krone“ aber auch einiger Finten. So wollte er nach dem Vorbild der englischen Daily Mirror auf das „Tabloid-Format“ umstellen. Dies scheiterte jedoch an Dichands Einverständnis. Das Volksblatt, damals einer der Hauptkonkurrenten der „Krone“ am Markt, sah sich ebenso zu einem Großformat hingezogen. Falk vereinbarte die Umstellung von Klein- auf Großformat, wohl wissend, dass die „Krone“ auch weiterhin in DIN A4 herausgegeben werden wird. Zudem beschloss Falk mit dem Volksblatt eine Preiserhöhung. Das Volksblatt erschien daraufhin tatsächlich im „Tabloid-Format“, und mit einer entsprechenden Preiserhöhung. Die „Krone“ behielt ihr Format, trotz aller Ansagen Falks, und gewann mit einem Schlag Tausende Leser des Volksblattes. Die SPÖ-Konkurrenz, den „Express“, kauft Falk damals, gegen den Willen von Dichand, und stellt das Blatt bald daraufhin ein (vgl. Fidler 2004, 45f.).

1974 verlässt Kurt Falk die „Krone“ im Streit mit Hans Dichand. Allerdings stellt Falk bei seinem Abgang zwei Bedingungen: Erstens darf der Jahresgewinn der „Krone“ die sechzig Millionen Schilling nicht unterschreiten und zweitens darf die Auflage nicht mehr als 20 Prozent sinken. Beides geschieht auch nicht unter Dichands Führung. 1986 gründet Kurt Falk „Die Ganze Woche“. Da er aus vertraglicher Sicht keine Tageszeitung gründen darf, gibt er das neue Blatt als Wochenzeitung heraus. Dabei arbeitet Falk mit ähnlichen Methoden, wie schon bei seiner „Krone“-Zeit. Er bringt jede Menge Preisausschreiben, ein umfangreiches Fernsehprogramm und schon kletterte „Die Ganze Woche“ auf 37 Prozent Reichweite. Dichand sieht in Falks neuer Wochenzeitung eine Konkurrenz für die „Krone“ und klagt. 1987 schließlich wollen sich beide endgültig trennen. Falk und Dichand, so heißt es zumindest, haben sich überpünktlich auf einer Parkbank nahe der Kanzlei ihrer Anwälte getroffen. Falk habe damals den Deal vorgeschlagen, für 2,2 Milliarden Schilling seine „Krone“-Anteile zu übergeben. Dichand hat somit ein halbes Jahr Zeit, die geforderte Summe aufzutreiben (vgl. Fidler 2004, 47f.). Würde Dichand es nicht schaffen, hätte Falk für ein halbes Jahr die Möglichkeit gehabt. Bis 30. November 1987 hatte Hans Dichand Zeit. (vgl. Fidler 2004, 47). Dichand beschafft das Geld, die WAZ steigt ein und Kurt Falk ist 1987 endgültig aus dem Rennen. Seine „Ganze Woche“ ist heute mit 17,5 Prozent immer noch der Wochentitel mit der größten Reichweite in Österreich. 2001 übergibt er sie seinen Söhnen Noah und Samuel. Falk arbeitet aber auch 2004 noch in der Redaktion mit. Kurt Falk will es Dichand 1992 noch einmal zeigen und gibt eine eigene Tageszeitung „täglich Alles“ heraus. Das Projekt verschlingt Milliarden, nicht zuletzt, weil Falk eine eigene Druckerei braucht und seine Zeitung in Tiefdruck herausgibt. Der als Sparefroh bekannte Falk, zu einem Krone-Mitarbeiter soll er einmal gesagt haben „Sie fressen mein Eigentum auf“, als dieser an einem Bleistift kaute, will nicht nur den Kollektivvertrag der Drucker verhindern, ihn interessieren auch keine Betriebsräte. Die Zahl der Journalisten, die kommen und gehen, steigt ins unermessliche. (vgl. Fidler 2004, 44 und 55f.). „täglich Alles“ schafft auf Anhieb 17,2 Prozent Reichweite und schiebt sich noch vor den „Kurier“ auf Platz zwei. Am 12. August 2000 wird die Zeitung nicht mehr gedruckt. Sie erscheint im Internet, doch auch nur bis Mai 2002. Seither ist „täglich Alles“ Geschichte (vgl. Fidler 2004, 55f.). Im Jahr 2005 starb Kurt Falk an einer Krebserkrankung. „Die Ganze Woche“ hat er bereits zu Lebzeiten an seine Söhne weiter gegeben, die nun auch seinen Kampf mit Hans Dichand ausfechten wollen. Weil sich die „Kronen Zeitung“ im Nationalratswahlkampf 2008 hinter die SPÖ gestellt habe, soll sie auch den Titel „Unabhängig“ nicht mehr tragen dürfen. Falks Wochenblatt „Die Ganze Woche“ (mit Sohn Noah an der Spitze) reichte beim Wiener Handelsgericht Klage gegen unlauteren Wettbewerb ein. Demnach wollen die Falks, dass Dichand den Namen „Unabhängig“ vom Zeitungstitel streicht (vgl. DerStandard 24.9.2008).

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Kronen-Zeitung nach 1959. Hans Dichand und seine Partner
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,6
Autor
Jahr
2009
Seiten
36
Katalognummer
V151115
ISBN (eBook)
9783668716087
ISBN (Buch)
9783668716094
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kronen Zeitung, Hans Dichand, Geschichte, Medien, Boulevard, Kurt Falk
Arbeit zitieren
Heidi Huber (Autor), 2009, Die Kronen-Zeitung nach 1959. Hans Dichand und seine Partner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151115

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