Das deutsche duale System

Vorteile und Begrenzungen eines Traditionsmodells beruflicher Bildung


Seminararbeit, 2009

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Historischer Kontext des dualen Systems in Deutschland
2.1. Die Gründungsphase dualer Berufsausbildung
2.2. Die Konsolidierungsphase dualer Berufsausbildung
2.3. Die Ausbauphase des dualen Systems der Berufsausbildung

3. Das deutsche duale System der Berufsausbildung
3.1. Merkmale der dualen Ausbildung
3.2. Berufsbildungsgesetz
3.3. Ausbildungsordnung

4. Vorteile der dualen Berufsausbildung
4.1. Verbindung von Theorie und Praxis
4.2. Innovationskraft und Leistungsfähigkeit
4.2. Sonstige Stärken der dualen Berufsausbildung

5. Nachteile und Begrenzungen der dualen Berufsausbildung
5.1. Quantitative und Qualitative konjunkturelle Abhängigkeit
5.2. Chancengleichheit der Auszubildenden
5.3. mangelnde Lernortkooperation
5.4. Flexibilität des dualen System
5.5. Folgen der Europäisierung

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Im Jahr 2000 „absolvieren etwa zwei Drittel eines Alterjahrgangs eine Lehre in einem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf. Die Zahlen untersteichen den Stellenwert dieser zentralen Institution der beruflichen Bildung […].“1

Das duale System ein Traditionsmodell?

Die Entwicklungsgeschichte der deutschen Berufsausbildung reicht weit zurück und hält damalige Prinzipien und Strukturen noch heute Inne. Die derzeitige duale Ausbildung stellt weiterhin einen wichtigen Standort- und Produktionsfaktor in Deutschland dar und ist durch seine Dualität auch international anerkannt. Seit einiger Zeit stellt sich jedoch die Frage, ob das traditionell vorliegende System den gestiegenen Anforderungen weiter gerecht werden kann2. Mit dem Fokus auf eine vorbildlich da gewesene Berufsausbildung, fällt es nicht leicht von dem Traditionsaspekt abzusehen und lediglich zeitliche sowie ökonomische Veränderungen und ihren Einfluss auf die Berufsbildung zu beachten. Inwieweit benötigt das duale System Reformen und Modernisierung? „Modernisierung setzt voraus zu wissen, was nicht mehr möglich ist. Wer sich auf dem, was früher einmal Modernisierung war, ausruht, findet sich schnell im Antiquariat wieder.“3

In dieser Arbeit soll zunächst die geschichtliche Entwicklung der dualen Berufsausbildung vorgestellt werden, um im weitern Verlauf die traditionellen Aspekte der heute geltenden Berufsausbildung zu können.

Weiß man Fakten über die Geschichte, Struktur und Anwendbarkeit, kann versucht werden die Vorteile und die Begrenzungen des dualen Systems an Hand aktueller Zustände festzumachen.

Am Ende soll überlegt werden, ob das duale System ohne Reformen als Traditionsmodell beruflicher Bildung bestehen kann und soll, oder inwieweit die Tradition als lastend erachtet wird und durch Reformierung beseitigt werden sollte.

2. Historischer Kontext des dualen Systems in Deutschland

Das deutsche duale System ist weltweit bekannt. Es dient als Vorbild und wird international als anstrebenswertes Berufsbildungssystem betrachtet. Doch wie kommt es dazu? Es könnte der Gedanke aufkommen, dass das duale System ein Konstrukt jahrelanger, ausgiebiger bildungspolitischer Forschungsarbeit ist, ein Ergebnis bewusster Planung und Entwicklung. Die deutsche Berufsausbildung basiert jedoch auf einem komplexen historischen Entwicklungsprozess, welcher das duale System zu dem Modell hat heranwachsen lassen, das heute in Deutschland vorliegt. Die historischen Wurzeln und Traditionslinien des deutschen dualen Systems reichen weit zurück bis in die ständische Berufsausbildung des Hochmittelalters. Ihre Anfänge fand die eigentliche Gründungsphase mit der strukturellen Grundlegung der Berufsausbildung jedoch ein wenig später im Deutschen Kaiserreich. Weiter entwickelte sich das duale System in verschiedenen, durch die Politik geprägten Entwicklungsabschnitten bis hin zum Wirksamwerden des Berufsbildungsgesetzes von 1969. Im Rahmen dieser Gesetzesverabschiedung sprach man vom dualen System der Berufsausbildung in der Bundesrepublik und begann das System fortlaufend auszubauen.4 Im weiteren Verlauf wird nun Bezug auf diese historischen Entwicklungsphasen der dualen Berufsausbildung genommen.

2.1. Die Gründungsphase dualer Berufsausbildung

Die Entstehung einer dual organisierten Berufsausbildung ist, laut berufspädagogischer Literatur, auf die Jahre um 1900 zurückzuführen. Genauer gesagt zwischen 1870 und 1920. Die wirtschaftliche Abschwungphase im letzten Drittel des 19. Jahrhundert, heute bekannt als „Große Depression“, brachte soziale und politische Umbrüche mit sich und führte neben zahlreichen anderen Problemlagen zum Niedergang des alten Mittelstandes, insbesondere des Handwerkes.5 Es kann behauptet werden, dass die, auf die Missstände gerichteten, politischen Reaktionen des deutschen Kaiserreiches die Geburtsstätte des dualen Systems darstellen. Allerdings ist das System keine gezielte Folge, sondern ein Nebenprodukt der Mittelstandspolitik des Kaiserreiches.6

Nach den Depressionsperioden und dem Übergang zum „Massenzeitalter“ stand der ökonomische Niedergang des Handwerks kurz bevor und mit ihm die Auflösung seiner traditionellen Ausbildungsform, der Lehre. Die handwerkliche Lehre war charakterisiert durch reproduktives Lernen am Arbeitsplatz und lehrte nach dem Erziehungsprinzip der Imitatio (von lat. Imitari = nachahmen). Den äußeren Rahmen des ständischen Sozialisationsmodells regelten die damaligen Zünfte, unter anderem mit der Entwicklung eines gestuften Erziehungsgangs, vom Lehrling über den Gesellen zum Meister. Diese Ausbildungsstufung, die methodischen Elemente und das Imitationslernen als Lernform finden sich in unserem heutigen Modell der Berufsausbildung beinahe unverändert wieder, weswegen man durchaus von einem Traditionsmodell spricht.7

Die Mittelstandspolitik des Kaiserreichs ließ das ständische Ausbildungsmodell, mit dem Ziel den Zerfall des damaligen Mittelstands zu verhindern, wiederaufleben. Verschiedene Novellierungen der Gewerbeordnung von 1869 zur politischen Stabilisierung des Handwerks folgten. Die bedeutendste unter ihnen stellt das Handwerkerschutzgesetz von 1897 dar, welches die Einrichtung von Handwerkskammern zur Wahrnehmung gemeinsamer Interessen regelte. Ein ebenso entscheidender Grundbaustein für das deutsche duale System war die Wiedereinführung des kleinen Befähigungsnachweises 1908, woraufhin lediglich geprüfte Meister Lehrlinge ausbilden durften.8

Weniger ungewollt, sondern zielgerichteter entwickelten sich Fortbildungsschulen in Richtung Berufsschule. Bereits seit dem 18. Jahrhundert existieren für schulentlassene Jugendliche so genannte (Fortbildungs-)schulen, deren Bestehen jedoch infolge ausbleibendem Erfolg unsicher war. Eine größere Dynamik im Bezug auf die Etablierung der Fortbildungsschulen erfolgte ab 1873 mit der Intention die Erziehungslücke zwischen Volkschulentlassung und Militärdienst zu überbrücken.9 Die zu Beginn gegründeten allgemeinen Fortbildungsschulen verfehlten allerdings ihren erzieherischen angestrebten Einfluss und entwickelten sich erst durch verschiedene Reformierungen zu einer beruflichen Fortbildungsschule. Diese zentrale Weichenstellung in Richtung der Berufsschule wurde initiiert von dem erfolgreichen Reformer Georg Kerschensteiner. Er unterbreitete den Vorschlag die Fortbildungsschulen an den Ausbildungsberufen zu orientieren und somit die proletarischen und kleinbürgerlichen Jugendlichen in den bürgerlichen Nationalstaat zu integrieren. Durch das Wiederaufleben der handwerklichen Berufsausbildung gab es einen direkten didaktischen Bezugspunkt für die Fortbildungsschulen, der es zwischen 1895 und 1914 ermöglichte ein Pflichtbesuch einzuführen und die Fortbildungsschulen flächendeckend auszuweiten.10

2.2. Die Konsolidierungsphase dualer Berufsausbildung

Die zweite Entwicklungsphase des dualen Berufsausbildungssystems überdauerte drei aufeinander folgende politische Epochen, die ohne Zweifel jede für sich eine prägende Wirkung auf die deutsche Berufsausbildung hatten. Die Phase umfasst die Jahre von 1920 bis 1970 mit der Weimarer Republik, über den Nationalsozialismus hin zur Bundesrepublik. Das Hauptaugenmerk liegt durchgehend auf der Strukturierung des bisher eher uneinheitlichen Ausbildungssektors und der Verbindung von betrieblichen und schulischen Qualifikationen.11 Zusammenfassend kann diese Phase kurz in drei Handlungsstränge aufgeteilt werden:

1. Der Versuch der Industrie ein eigenes Berufsausbildungsmodell aufzubauen, bei der explizit nur die Unternehmerschaft die Verfügungsgewalt besitzt.
2. Der Versuch der Unternehmer, Berufsschullehrer und staatlicher Bürokratie eine entpolitisierte Berufsschule zu schaffen, die sich an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert.
3. Der Versuch der Gewerkschaften ein Gesetz zu erlassen, welches die Berufsausbildung beeinflusst und die Mitwirkung der gesellschaftlichen Interessensvertreter der Arbeitnehmerschaft regelt.12

1. Epoche: Die Weimarer Republik

Die Weimarer Republik war zu Beginn konfrontiert mit einem Anstieg der Qualifikationsanforderungen der Industrie, in Folge beschleunigten Wachstums und Rationalisierungen. Eine neue Art von Industriearbeitern wurde erforderlich, da die traditionellen Ausbildungsmethoden des Handwerks dem benötigten Profil nicht entsprachen. Mitte der 20er Jahre wurde daraufhin die Berufsausbildung weiterentwickelt, so dass ein neues Ausbildungsmodell entstand, das industrielle Ausbildungsmodell mit drei zentralen Dimensionen:

- Institutionell Einführung von Lehrwerkstätten und Werkschulen
- methodisch Einführung neuer Arbeits- und Lernmethoden
- berufssystematisch Einsatz von Ordnungsmitteln, Berufsbild, Ausbildungsplan und Prüfungsanforderungen13

Der neu entstandene Qualifikationstyp, der Facharbeiter, galt ab den 30er Jahren als Leitfigur des dualen Systems. Einen erheblichen Beitrag leisteten dafür speziell gegründete Institutionen, Deutscher Ausschuß für Technisches Schulwesen (DATSCH), Deutsches Institut für technische Arbeitsschulung (DINTA) und Arbeitsausschuß für Berufsausbildung (AfB). Trotz starker Bemühungen konnte sich das industrielle Ausbildungsmodell neben der Handwerkerausbildung nicht eigenständig entwickeln, sondern unterwarf sich dem traditionellen Organisationsrahmen der dualen Ausbildung.14 Neben der rasanten Entwicklung der Industrieausbildung gab es in der Weimarer Republik zudem Veränderungen des Schulwesens. In Anlehnung an die Gründungsphase wurde die Fortbildungsschule in eine Berufsschule umgewandelt und als zweiter Lernort allgemein anerkannt. Bedingt durch die Weltwirtschaftskrise konnte die Berufschule nicht weiter den erwünschten Zweck der Förderung der Berufstüchtigkeit verfolgen, vielmehr zeichnete sich die Tendenz hin zu einem sozialen Auffangbecken erwerbsloser Jugendlicher ab. Die Berufsschule fungierte als arbeitspolitisches Instrument und verlor infolgedessen berufsbildungspolitisch an Bedeutung.15

2. Epoche: Das Dritte Reich

Der Nationalsozialismus und sein ideologisches Konzept nahm mit der Gründung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, im Jahre 1934, erstmals Einfluss auf das Berufsschulwesen. Es folgte 1937 die rechtseinheitliche Benennung der Berufsschulen, 1938 die Einführung der allgemeinen Berufsschulpflicht und 1940 die Festlegung des zeitlichen Umfanges des Berufsschulunterrichts. Darüber hinaus wurden so genannte Reichslehrpläne entwickelt, die die Zusammenführung von Betriebsausbildung und Berufsschule sichern sollten. Diese Regelungen zur Pflichtberufschule wurden juristisch fixiert und reichen noch bis in das gegenwärtige Ausbildungssystem hinein. Dabei muss erwähnt werde, dass es erst nach dem Krieg und unter föderalistischen Gesichtspunkten zur flächendeckenden Einführung des öffentlichen Berufsschulwesens gekommen ist.16

3. Epoche: Die Bundesrepublik

Die dritte politische Epoche innerhalb der Konsolidierungsphase der Berufsausbildung, die Bundesrepublik, knüpfte an die Versuche an, in einem speziellen Gesetz die umfassenden Regelungen des Lehrlingswesens festzuschreiben und die Mitwirkungsrechte der Gewerkschaften an der Berufsausbildung zu regeln. Zunächst gelang es dem Handwerk im Jahr 1953 die umfassenden Regelungen in der, für seinen Beriech zuständigen, Handwerksordnung (HWO) durchzusetzen. Das Ende der Konsolidierungsepoche wurde mit der Gesetzesinitiative von SPD und CDU eingeleitet, dem am 14.08 1969 erlassenen Berufsbildungsgesetz (BBiG).17

2.3. Die Ausbauphase des dualen Systems der Berufsausbildung

Das Ende der Konsolidierungsphase und der Beginn der Ausbauphase der Berufausbildung wurden mit der Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes 1969 eingeleitet. Es konnten rechtliche Unklarheiten beseitigt, das gewachsene Ausbildungssystem rationalisiert werden und der Staat erlangte einen stärkeren Einfluss auf die Berufsausbildung.

Markant für den Epochenwechsel war hingegen nicht das BBiG sondern eine veränderte Problemlage. Der sozioökonomische Modernisierungsprozess Anfang der 70er Jahre, führte zu einem Wegfall traditionaler Strukturen, die eigentlich das Bildungs- und Berufswahlverhalten größerer Bevölkerungsgruppen stabilisieren.18

[...]


1 Steinmann, 2000, S. 37

2 Vgl. Pätzold, 2003 , S. 471

3 Kutscha, 1997, S. 140

4 Vgl. Greinert, 1998, S. 33 ff.

5 Vgl. Steinmann, 2000, S. 22

6 Vgl. Greinert, 2008, S. 41

7 Vgl. Greinert, 1998, S. 33 ff.

8 Vgl. Greinert, 1997, S. 26

9 Vgl. Steinmann, 2000, S. 22

10 Vgl. Greinert, 1997, S. 27

11 Vgl. Greinert, 1997, S. 28

12 Vgl. Greinert, 1998, S. 28 f.

13 Vgl. Steinmann, 2000, S. 23 f.

14 Vgl. Greinert, 1997, S. 30

15 Vgl. Steinmann, 2000, S. 25

16 Vgl. Greinert, 1997, S. 31 f.

17 Vgl ebenda, S. 32 f.

18 Vgl. Greinert, 1997, S 35

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das deutsche duale System
Untertitel
Vorteile und Begrenzungen eines Traditionsmodells beruflicher Bildung
Hochschule
Universität Konstanz  (Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V151155
ISBN (eBook)
9783640625048
ISBN (Buch)
9783640625109
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
System, Vorteile, Begrenzungen, Traditionsmodells, Bildung, Dualität
Arbeit zitieren
Stefanie David (Autor), 2009, Das deutsche duale System, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151155

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das deutsche duale System



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden