Die Programmatik von Manets Le dejéuner dans l`atelier


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bildbeschreibung

3 Forschungsüberblick
3.1 Bildentstehung
3.2 Personen im Bild

4 Vorbilder und Zitate
4.1 Stilllebentradition
4.2 Gemälde der Zeitgenossen
4.3 Andere Bilder von Manet
4.4 Antike und biblische Motivquellen

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eines der kunsthistorisch meistbearbeiteten Bilder Edouard Manets ist sein Le dejéuner dans l`atelier von 1868/69. Dieses Bild, an dem man heute wahrscheinlich ohne große Beachtung vorbei gehen würde, führte bei den Zeitgenossen des Künstlers zu großen Diskussionen. Das Gemälde evozierte eine Menge Kritik und Unverständnis. Vergleichbar vielleicht mit abstrakter, moderner Kunst, die trotz der Tatsache, dass sie schon länger existiert, noch immer sehr viel Unverständnis und Abscheu hervorruft. Aber was war so kritisch an dem Bild? Wahrscheinlich die Tatsache, dass es auf den ersten Blick keine klare Aussage hat und keine konkrete Denkrichtung vorgibt. Bis heute gibt es die verschiedensten Theorien zur Deutung. Beatrix Ahrens hat 2007 einen Text geschrieben, der versucht, allen Ansätzen und Deutungsrichtungen ihre Berechtigung zu geben und zu einem Ganzen zu verknüpfen. Besonders auffällig in ihrer Arbeit ist die starke Bezugnahme auf Bild-, Motiv- und Gattungsbezüge im Bild. Das ist naheliegend, da das Bild sehr schnell als Collage in vielerlei Hinsicht erkannt werden kann. Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit soll deshalb ebenfalls auf diesem Aspekt liegen. Die Frage, die damit beantwortet werden soll, ist die nach dem vermeintlichen Kunstverständnis Manets. Allgemein kann man nämlich davon ausgehen, dass Atelierbilder, und so nennt sich das Gemälde ja, immer als programmatisch für das Werk eines Malers gesehen werden können. Die Betrachtung der Bildbezüge und die Intention, die hinter der Auswahl liegen könnte, könnten vielleicht zu einer Idee führen. Um dies zu überprüfen, werden sowohl weitere Bilder aus dem Œuvre Manets als auch Bilder seiner Zeitgenossen und der Stilllebenmaler des 17. Jahrhunderts betrachtet. Auch soll auf Motive und private Hintergründe aus Manets Leben Bezug genommen werden.

2 Bildbeschreibung

Eingang in das Bild erhält man über den jungen Mann im Vordergrund, der an einen gedeckten Tisch gelehnt ist und den Bildraum in zwei Abschnitte teilt, wobei der rechte Teil etwas schmaler ausfällt als der linke.

Der junge Herr, denn als solcher lässt er sich aufgrund seiner Kleidung identifizieren, wird nur bis zu den Knien dargestellt. In hellem Gelb bilden seine zartgestreiften Hosen einen starken Hell-Dunkel-Kontrast zu seiner tiefschwarzen Jacke, die ein dunkles Loch im Bildzentrum hervorruft. Das Gelb wird in einer ordentlich gebundenen Krawatte auf blau-weiß-gestreiftem Hemd wiederaufgenommen und endet im leicht nach vorn kippenden Strohhut auf dem nach links geneigten Kopf des jungen Mannes. Sein Blick wandert über den linken Bildrand hinaus und fordert fast dazu auf, selbst nachzuschauen, was dort vor sich geht. Vielleicht ist der junge Mann aber auch nur in Gedanken vertieft, sonst würden die anderen beiden Figuren, die sich im Hintergrund befinden, wohl auch zum Ort des Geschehens schauen. Sowohl der Raucher als auch die Hausdame nutzen ihre Blicke aber, um zwei weitere Richtungen anzudeuten. Der Rauchende mit Zylinder erweitert den Bildraum über den linken Bildrand hinaus, also entgegengesetzt zum jungen Mann, und das Hausmädchen fixiert den Betrachter. Es wird also ein imaginärer zweiter Bildraum aufgemacht, der sich dreieckig rechts und links über den Rand hinaus erstreckt und spitz zulaufend im Betrachter seinen dritten Grenzpunkt findet, wodurch er zum Zentrum dieses zweiten Bildes wird und so nicht nur Betrachter sondern auch Betrachteter ist, nicht zuletzt dadurch unterstützt, dass das Hausmädchen in diesem Sinne als Betrachtende fungiert.

Trotzdem bleibt das eigentliche Bildzentrum der junge Mann. Unterstützt wird dies durch diagonal verlaufende Linien, die ihren Schnittpunkt im schwarzen Loch der Jacke finden. Die eine Diagonale beginnt im grauen Zylinder des bärtigen Mannes in Schwarz, der ähnlich dem Hut des Jungen wie locker aufgesetzt wirkt. Aufgenommen wird die Schräge kurz von dem Bogen, den die Tischdecke schlägt, und verlässt das Bild dann über das Gewehr, dessen hellgelber Schaft am unteren Bildrand endet. Diese Waffe ist Teil eines Ensembles von Kampfgeräten am linken unteren Bildrand. Dazu gehören ein schwarzer Krummbogen, der diese Bildecke optisch abrundet, und ein silbern glänzender Helm, dessen Schild wie ein Pfeil auf den jungen Mann gerichtet ist. Eine schwarze Katze, die links neben dem Helm sitzt und in ihrer putzenden Haltung ebenso wie die Jacke eher wie ein schwarzer Fleck wirkt, erzeugt mit ihrem abgespreizten Bein eine Diagonale, die der ebengenannten direkt entgegensteht. Dies wird durch die unmittelbare Nähe zum Schild des Helmes besonders deutlich. Hauptsächlich wird die Gegendiagonale aber durch den entblößten Arm der Hausmädchen und das über den Tisch herausragende Messer im vorderen Bildbereich gezogen. Es korreliert also je ein Arm mit einer Waffe, wenn man das Messer frei interpretiert.

Ein weiterer Verweis auf die Hauptfigur ist der Ausguss der polierten Kanne, die die Dame im Hintergrund hält. Wobei man sich bei genauerer Betrachtung fragt, wie sie die Kanne halten kann, denn beide Hände berühren sie nur. Auf der Kanne ist deutlich ein M zu erkennen. Ein Verweis auf den Künstler? Auch der Raucher zeigt mit seiner rechten Hand auf die Hauptfigur. Bildet diese vielleicht einen Bezug zum Künstler?

Neben dieser Zentrierung des Bildes innerhalb und außerhalb des Bildraums erfährt es auch eine Tiefengliederung in Ebenen. Ganz vorn befindet sich der junge Mann. In der zweiten Ebene zeigt sich der gedeckte Tisch, auf dem sich eine geschälte Zitrone über die Kante hinweg schlängelt und ebenso wie das Messer den Bezug zur ersten Bildebene sucht. In Kontrast zu dieser gelben Zitrone, die die Farbe der Hose, der Krawatte und des Hutes wiederaufnimmt, steht am rechten Rand des Bildes eine blau-weiße Zuckerdose auf dem Tisch, und auch die Tischdecke lässt ein zartes Blau erkennen, das in der hinteren Bildebene im graublauen Kleid des Hausmädchens wieder auftaucht.

Alle Dinge auf dem Tisch lassen sich einem klassischen Stilllebenarrangement zuordnen, Auster, Wein, Kaffe. Auch die Zigarre des Rauchenden, der ebenfalls der zweiten Bildebene angehört, die ihren blauen Dunst in der rechten oberen Bildecke verteilt und damit ein gerahmtes Wanddekor verdeckt, ist Teil der niederländischen Stilllebenmalerei. Diese deutlichen kunsthistorischen Bezüge sind das Einzige, was auf den ersten Blick eine Verbindung zum, im Titel erwähnten, Atelier herstellt. Übliche Attribute, wie Staffelei oder Pinsel fehlen gänzlich. Allerdings ist im Hintergrund noch erkennbar, dass in einer früheren Version des Bildes einmal große Atelierfenster mit vielen Verstrebungen abgebildet gewesen sein müssen, die ebenfalls oft verwendet wurden, wenn es um Atelierdarstellungen ging. Da stellt sich die Frage, wieso dieser einzige Bezug zum Bildtitel getilgt wurde?

Die Jacke des Rauchers ist in ihrer Tönung nicht so satt schwarz wie die des jungen Herrn. Die Abtönung geht im Kleid der Hausmagd weiter, die sich zusammen mit einer großblättrigen Pflanze in einem bemalten Topf und einem Fenster oder einer Tür in der dritten und hintersten Bildebene befindet. Auch sie trägt eine Kopfbedeckung, allerdings keinen Hut sondern nur ein weißes Häubchen. In der Bemalung des Blumentopfes zeigen sich zwei blau-gelbe Vögel, die den Komplementärkontrast der ersten Ebene wiederaufnehmen und ihm einen rot-grünen hinzufügen, der sich im Spiel zwischen den grünen Blättern der lebendigen Pflanze und den rot-orangen Blütenblättern der gemalten Blume ergibt.

Es zeigen sich im Bild also eine Reihe von Dichotomien: innerer und äußerer Bildraum, Konzentration auf das Bildzentrum im Vordergrund und Gliederung in Tiefenebenen, und Hell-, Dunkel- und Komplementärkontraste. Eine Auffälligkeit, die sich ebenfalls in dieses System fügt, ist die horizontale und die vertikale Gliederung des Bildes, die sich in gleichem Maße zeigt. Horizontale Linien sind im Vordergrund zwischen Tischdecke und schwarzer Bildecke zu erkennen, in dem gerahmten nicht erkennbaren Gebilde hinter dem bärtigen Raucher und im Fenster. In den letzten Beiden tun sich gleichermaßen auch Vertikalen auf, die mit der aufstrebenden Pflanze und den aufrechten Figuren korrelieren. Der Bildraum wird also auf die verschiedensten Weisen gegliedert und strukturiert. So zeigen sich auch die verschiedenen Abschnitte als isolierte, unzusammenhängende Teile eines brüchigen Ganzen. Das Nahrungsstillleben, das anders als der Titel des Bildes es vorgibt, wenig nach Frühstück aussieht, scheint unberührt. Es steht für sich, wie ein gesondertes Bild eines Stilllebens. Man kann nicht erahnen, ob schon gegessen wurde oder dies noch ansteht. Die Personen scheinen unbeeindruckt. Jede blickt starr vor sich hin, ohne Bezug zu einer der anderen Figuren. Man sieht ihnen keinerlei Befindlichkeit an. In ihrer Regungslosigkeit wirken sie fast wie Teile des Stilllebens. Wobei nicht klar ist, welches Stilllebens, denn auch das Waffenstillleben, liegt isoliert in einer Bildecke und will sich so gar nicht in den Bildkontext einfügen. Die Pflanze im bunten Topf im Hintergrund macht diese bezugslose Stückigkeit komplett. Obwohl also aus geometrischer und farblicher Sicht alles auf das jeweils andere verweist, bleibt semantisch gesehen alles für sich. Es gibt keine klare Aussage keine erkennbare Handlung. Das Gemälde gibt sich wie ein Bildrätsel. Nicht zuletzt auch, weil der Titel etwas vorgibt, was im Bildraum nicht zu finden ist.

3 Forschungsüberblick

Nach dieser intensiven Betrachtung überrascht es nicht, dass in der Analyse des Bildes in der Literatur ein sehr breites Spektrum existiert. Dieses hier in seiner Gänze darzustellen, würde den Rahmen einer Hausarbeit sprengen, deshalb nun ein eher schematischer Überblick.

Verschiedene Ansatzpunkte führen zu völlig unterschiedlichen Deutungsvarianten. So gibt es eine Richtung, die gesellschaftlich argumentiert und so eine Darstellung der Isolierung des Individuums als vordergründigen Aspekt betrachtet, wie Hofmann, während andere aus einem ähnlichen Blickwinkel das Gegenteil zu sehen glauben, nämlich ein verstecktes Familienporträt, wie Körner. Ein anderer Startpunkt für eine genauere Betrachtung ist die montageartige Darstellung von Gegenständen und Personen. Diese führt zum einen zu der Variante, dass in der Verknüpfung verschiedener Genres und Motive die künstlerische Entwicklung Manets gezeigt ist, so Collin, zum anderen zu der Idee, dass in der Verschmelzung verschiedener Bildgattungen eine Art neue Gattung erkennbar wäre, wie bei Lüthy. Andere geben sich sehr stark mit der Symbolik der Stilllebens und sonstigen Gegenstände ab. Körner spricht von einer „Emanzipation der Farbe“ in diesem Bild. Mögliche Bildbezüge oder gar Bildzitate erweitern das Analysespektrum nochmal um eine ganze Menge anderer Ansätze. Ein Blick in die Forschungsliteratur vertieft also vielmehr den verwirrenden Eindruck des Bildes, als dass er Ordnung schafft.

Einigkeit herrscht allerdings inzwischen weitestgehend in Bezug auf die Hintergründe der Bildentstehung und der dargestellten Personen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Programmatik von Manets Le dejéuner dans l`atelier
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kunsthistorisches Seminar)
Veranstaltung
Manet
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V151181
ISBN (eBook)
9783640630318
ISBN (Buch)
9783640630721
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühstück, Manet, Stillleben
Arbeit zitieren
Romy Knobel (Autor), 2010, Die Programmatik von Manets Le dejéuner dans l`atelier, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151181

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