Wissensbasierte Regionalentwicklung - Das Konzept der "Lernenden Region"


Seminararbeit, 2010
41 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

TABELLEN UND ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. PARADIGMENWECHSEL UND DIE NOTWENDIGKEIT NEUER ANSÄTZE

3. DAS KONZEPT DER „LERNENDEN REGION“
3.1 THEORETISCHE EINORDNUNG
3.2 DEFINITION
3.3 ZIELE
3.4 MERKMALE
3.5 AKTEURE

4. KRITISCHE BETRACHTUNG UND SPANNUNGSFELDER ZWISCHEN ANSPRUCH UND WIRKLICHKEIT

5. FALLBEISPIELE
5.1 DIE LERNENDE REGION GRAZ
5.1.1 Geographische Abgrenzung
5.1.2 Aufgaben und Ziele
5.1.3 Initiierung und Verlauf des Konzeptes Lernende Region Graz
5.1.4 Vergleich zwischen Theorie und Praxis
5.2 LERNENDE REGION MIA – MITTELDEUTSCHE INDUSTRIEREGION IM AUFBRUCH
5.2.1 Geographische Abgrenzung
5.2.2 Aufgaben und Ziele
5.2.3 Ergebnisse
5.2.4 Vergleich zwischen Theorie und Praxis

6. FAZIT

7. QUELLEN UND LITERATURVERZEICHNIS

Tabellen und Abbildungsverzeichnis

TABELLE 1: FORSCHUNGSANSÄTZE DER WIRTSCHAFTSGEOGRAPHIE

TABELLE 2: PRIMÄRZIELE DER LERNENDEN REGION

TABELLE 3: AUSWAHL VON ZIELEN UND PRINZIPIEN DER LERNENDEN REGION

TABELLE 4: MERKMALE LERNENDER REGIONEN

TABELLE 5: BEISPIELE VON AKTEUREN IN DER LERNENDEN REGION

TABELLE 6: SPANNUNGSFELDER IN DER LERNENDEN REGION

TABELLE 7: AUFGABEN DURCH UMSETZUNG VON CHANCEN

TABELLE 8: AUFGABEN DER LERNENDEN REGION MIA

ABBILDUNG 1: MERKMALE LERNENDER REGION

ABBILDUNG 2: GEOGRAPHISCHE EINORDNUNG DER LERNENDEN REGION GRAZ

ABBILDUNG 3: GEOGRAPHISCHE EINORDNUNG DER LERNENDEN REGION MIA

1. Einleitung

Das Konzept der Lernenden Region als Ansatz wissensbasierter Regionalentwicklung scheint ein vielversprechender Ansatz neuerer Zeit zu sein um auf regionaler Ebene Impulse für wirtschaftliches Wachstum setzen zu können. Die Popularität solcher Ansätze und Theorien scheinen dabei einer Fluktuation zu unterliegen und werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten mehr oder minder heiß diskutiert. Mitte der 1990er Jahre war für die Regionalentwicklung unter anderem der Ansatz der Lernenden Region ein viel besprochenes Konzept. Um dieses Konzept besser einordnen zu können, sollen in dieser Arbeit wesentliche Punkte des Konzeptes vorgestellt und kritisch betrachtet werden. Dazu wird im Kapitel zwei der Wandel wirtschaftlicher Aktivitäten sowie verbundenen Änderungen der Anforderungen an Unternehmen erläutert. Anschließend befasst sich das Kapitel drei intensiver mit dem Konzept der Lernenden Region. Auf Grundlage der im Kapitel drei erläuterten Merkmalen und Definitionen werden im Kapitel vier zwei Fallbeispielen vorgestellt und anschließend der Spannungsbogen des theoretischen Ansatzes in der Praxis überprüft und hinsichtlich der Umsetzbarkeit betrachtet. Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Lernende Region charakteristisch vorzustellen. Zum Ende der Untersuchung wird sich zeigen in wie weit es Die Lernende Region gibt und wo Mängel bestehen.

2. Paradigmenwechsel und die Notwendigkeit neuer Ansätze

Die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen setzte bereits vor Jahrtausenden ein. Während dieser Zeit gab es immer wieder Umbrüche und Neuerungen, die die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen beeinflusst und verändert haben. Insgesamt ist zu erkennen, dass der Umfang wirtschaftlichen Handelns immer mehr zunimmt1. Sowohl Reichweite, Volumen und als auch die Geschwindigkeit wirtschaftlicher Aktivitäten stiegen in den letzten Jahrhunderten und Jahrzenten permanent an. Die Wirtschaft agiert heutzutage weitestgehend global; und Akteure stehen in vielfältigen Beziehungen und Abhängigkeiten zueinander. Wie weit diese Verflechtungen reichen verdeutlicht die Wirtschafts- und Finanzkrise beginnend im Jahr 2008. Der im Prozess der Globalisierung stattfindende Wettbewerb auf internationalen Märkten fordert von den beteiligten Akteuren einer postindustriellen Gesellschaft eine veränderte Wettbewerbsfähigkeit, hin zu mehr Innovationsfähigkeit, Flexibilität und Qualität.

Innerhalb des 20. Jahrhunderts konnte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vor allem durch Einführung der Großserienfertigung, wie sie Henry Ford betrieb, aufrechtgehalten werden. Der Industriesektor stellte zu dieser Zeit den überwiegenden Beschäftigungsanteil.

Mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel in der letzten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts setzte ein Prozess ein, in dem der Dienstleistungssektor stark an Bedeutung gewann. Aber auch die Großserienfertigung des verarbeitenden Gewerbes veränderte sich hin zu einer flexibleren Produktionsweise, eingeleitet durch eine zunehmende Kundensouveränität, einen globalisierten Standpunkt der Kunden, einer breiteren Produktpalette und sich schnell ändernden Kundenwünschen2. Wo zu Beginn des 20. Jahrhundert vor allem Stückkostenersparnisse, sogenannte economies of scale, größeren Gewinn für das Unternehmen versprach, sind es jetzt vor allem effizientere Produktionsorganisationen, mit einhergehenden economies of scope, die sich einer schnell ändernden Nachfrage anpassen können. Diese Anpassung wird durch leistungsstarke Dienstleistungen der Entwicklungs- und Managementabteilungen realisiert, die entweder dem Betrieb angehören - interne Dienstleistungen - oder externen Ursprungs sind, z.B. Forschungseinrichtungen, Beratungsunternehmen, Marketingagenturen.

Damit wird deutlich, dass aufgrund (1) technischer Möglichkeiten, welche hochtechnologische Lösungen und flexible Produktionsprozesse beinhalten, und (2) veränderter Nachfragebedingungen am Markt, gekennzeichnet durch das gesteigerte Wohlstandsniveau, Konsumorientierung und Schnelllebigkeit, die Wirtschaftszweige des verarbeitenden Gewerbes nur durch intensive Forschungs- und Entwicklungsleistung, Marketing und Finanzierungslösungen3 am Weltmarkt bestehen können. Mit steigenden Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, die Unternehmen in ein Produkt investieren, gewinnt der Faktor Wissen und damit das Humankapital, im Sinne eines Produktionsfaktors, zunehmend an Bedeutung. Nach den klassischen Wirtschaftstheorien zeichnen sich die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital durch eine hohe Mobilität aus. Der vorher genannte Fakor Wissen in Form des Humankapitals entspricht nach klassischer Ansicht dem Produktionsfaktor Arbeit und wäre demnach hoch mobil. Dem entgegen steht die Ansicht, dass Faktor Wissen durch seine enge Bindung an Personen, hervorgerufen durch Ausbildung und Erfahrungen etc., begrenzt mobil sei4. So erklärt SCHÄTZL „[das] Wissen[...] zur entscheidenden Ressource für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung“5. Bestimmend sei hierbei das Augenmerk auf die nachhaltige Entwicklung zu lenken, die dazu beiträgt, dass einmal erworbenes Wissen und die Fähigkeit Innovationen auf den Markt zu bringen durch geeignete Organisation und Strukturen dazu benutzt wird, weitere Innovationen zu schaffen.6

Die obigen Ausführungen haben veranschaulicht, dass die Anforderungen an Unternehmen in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutliche Veränderungen zeigten. Daraus resultierten auch Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Denn wenn sich einerseits die Anforderungen aber nicht die Unternehmen ändern, ist die Wettbewerbsfähigkeit und somit das Unternehmen selbst bedroht. Andererseits zieht die auf Angepasstheit orientierte Modernisierung von Unternehmen oft einen Verlust von Arbeitsplätzen mit sich. So schreiben SCHREIBER/STAHL,

„[...] dass Arbeitslosigkeit heute und in Zukunft als Nebenprodukt der ökonomischen Effizienzsteigerung aufzufassen ist.7 ;8 Dieser Effekt ist letztlich nur durch ein stetiges Wirtschaftswachstum, verbunden mit der Beschäftigung neuer Arbeitskräfte, zu kompensieren.9 Dabei ist die stetige Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit ein zentraler Punkt. Diese kann nur durch Innovationsfähigkeit erreicht werden. Innovation heißt „mit neuen Ideen schnell und flexibel auf sich ständig wechselnde Marktbedingungen einzustellen und zusammen mit den existierenden Systemelementen neue Produktlösungen zu konkurrenzfähigen Preisen zu finden“.10 Der Begriff der Innovation umfasst dabei nicht nur Produktinnovationen, sondern ebenso Prozessinnovationen und neue Strukturen der Organisation innerhalb des Unternehmens. Alte Innovationsmodelle11 und Organisationsformen scheinen nicht durch einen beliebigen finanziellen Input entsprechende Innovationen zu generieren12. So dass es an dieser Stelle notwendig erscheint, die Innovationsfähigkeit durch Betrachtung zusätzlicher Parameter zu verbessern. Anscheinend spielt dabei das Umfeld, die räumliche Nähe zu anderen Akteuren, eine entscheidende Rolle13. Unternehmen und Regionen sind deshalb angehalten, auf neue Ansätze der Regionalentwicklung zurückzugreifen, um den oben beschriebenen Problemen entgegen zu wirken.

Dahingehend befassen sich neuere Ansätze mit der Beschreibung aktueller raumwirtschaftlicher Prozesse, die mit Hilfe von Modellen und Konzepten Impulse setzen und Handlungsorientierungen für Unternehmen und politische Akteure bereit stellen.14 Der Ansatz der „Lernenden Region“ stellt dabei Lernprozesse als Grundlage einer wissensbasierten Entwicklung in den Mittelpunkt und wird damit den Anforderungen einer Wissensgesellschaft gerechter15. Ausgehend davon soll aber nicht nur der einzelne Akteur in Lernprozesse involviert sein, sondern es soll „[...] das Potenzial aller regionalen Akteure [so gebündelt werden], dass eine umfassende Regionalentwicklung als selbstorganisierter, selbstverantwortlicher und hinsichtlich seiner Effekte systematisch rückgekoppelter, selbstreflexiver Entwicklungsprozess initiiert, stabilisiert und institutionalisiert wird.“16 Beständige Kommunikation und der Dialog sicheren und generieren hierbei Wissen und dessen Weitergabe zwischen den Unternehmen und innerhalb der Region. Ziel ist es, die begrenzte Mobilität17 des Faktors Wissen durch den direkten Kontakt der Unternehmen in die Lernprozesse zu integrieren, um die Entwicklung aller Akteure zu gewährleisten und einen kumulativen Prozess der Erweiterung der Wissensbasis zu etablieren.

Hier zeigen sich Parallelen zu anderen Konzepten der dynamisch evolutionären Ansätze. Diese gehen von örtlich begrenzten und impulsgebenden Kontakten aus, welche als „Face to Face“ Kontakte und „industrial atmosphere“ bezeichnet werden oder den Dialog mit regionalen Hochschulen als wichtige Wissensquelle und als Ausgang für Lernprozesse sehen.18 Die Konzentration auf die Potenziale der Akteure ist dabei ein zentraler Bestandteil. Der Zusammenhalt und die Kooperation soll über die Identifikation mit der Region und über Vertrauen zwischen den Akteuren realisiert werden. Etwa 99,8% aller Unternehmen in Europa sind Klein- und mittelständische Unternehmen (KMU)19 und sie beschäftigen ca. 74 % aller Erwerbstätigen20. Bei der Betrachtung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung fällt auf, dass, ausgehend von Unternehmen mit über 1000 Beschäftigten bis hin zu Kleinunternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten, eine deutliche Abnahme der Gesamt- als auch der Relativaufwendungen zu verzeichnen ist21. Auch die absolute Anzahl der Beschäftigten in FuE - Abteilungen nimmt mit sinkender Beschäftigtenzahl der Unternehmen ab22. So weisen „ [KMU] generell eine deutlich geringere Beteiligung an Innovationsaktivitäten23 auf als große Unternehmen“.24 Auch wenn Großunternehmen einen wesentlich größeren Anteil an FuE-Tätigkeiten besitzen, so führt die sehr hohe Anzahl an KMU dazu, dass es von Vorteil wäre, komplementäre Potenziale ihrer Innovationkräfte zu bündeln und entsprechend voneinander zu lernen. Damit wären auch die KMU der Konkurrenz auf dem globalen Markt gewachsen und könnten zudem als Promotor den Markt betreten.25 Nur durch einen Paradigmenwechsel in der Unternehmensorganisation und den Unternehmensprozessen ist es möglich, eine langfristige Entwicklungsperspektive für solche Unternehmen zu schaffen. Ziel der Gedanken soll es sein, eine wettbewerbsfähige, innovative, flexible und vor allem selbstständige Region zu etablieren, die den dort lebenden Menschen Perspektiven schafft. Das Konzept der Lernenden Region wird dazu im nächsten Kapitel näher betrachtet.

3. Das Konzept der „Lernenden Region“

3.1 Theoretische Einordnung

Die Einordung des Konzeptes LERNENDE REGION in die Wirtschaftsgeographie erfordert einen theoretischen Ansatzpunkt, der in der New Economic Geography zu suchen ist. Der Ansatz der „neuen Wirtschaftsgeographie“ ist verhältnismäßig jung und wurde in den 1980er Jahren erstmals von Autoren wie Romer, Williamson, Krugman, Nelson und Winter aufgegriffen26. Zu der neuen Wirtschaftsgeographie gehören die Ansätze der Geographical Economies, vertreten durch Krugman27, die Ansätze der neuen Wachstumstheorien und neuen Außenhandelstheorien, vertreten durch Romer und Rivera Batiz28 sowie die Ansätze aus interdisziplinären Fachbereichen der Sozialwissenschaften, vertreten durch Granovetter29. Die letzten Jahrzehnte der Wirtschaftsgeographie sind demnach durch vielfältige inter- und transdisziplinäre Einflüsse gekennzeichnet. Großen Stellenwert haben dabei die Sozialwissenschaften, die mit der Netzwerktheorie und dem Konzept der embeddedness (sozial eingebettet sein) starken Einfluss auf wirtschaftsgeographische Betrachtungen ausüben. Daraus entwickelten sich die Ansätze der New Economic Geography , die nunmehr hinterfragen, wie Unternehmen, Institutionen und allgemein Akteure ihr Umfeld so gestalten, dass sozioökonomischen Wachstum generiert werden kann. Wichtige Standpunkte sind dabei die Endogenisierung von Wachstumsfaktoren wie Wissen, technischer Fortschritt, Innovationen und positive externe Effekte bedingt durch Lernprozesse. Damit stellt die New Economic Geography eine Gegenposition zu den bestehenden wirtschaftsgeographischen Theorien dar.30 Mit bestehenden Theorien sind dabei die Konzepte des raumwirtschaftlichen-, des verhaltenswissenschaftlichen-, des funktionalen- und des Wohlfahrtsansatzes gemeint.31 Die neue Wirtschaftsgeographie verlässt die neoklassischen Modelle, mit ihren statischen Gleichgewichtsannahmen, und erklärt Wachstumsunterschiede über Agglomerationen, durch mobile Produktionsfaktoren, durch kumulative Prozesse, durch unvollkommene Märkte sowie durch endogene Entwicklungen. Damit gelingt es ihr, ihren Erklärungsansatz realeren Bedingungen anzupassen.32 Da das Konzept der „Lernenden Region“ vor allem auf intraregionale Strukturen und Prozesse Bezug nimmt, wird es innerhalb der „New Economic Geography“ den dynamisch evolutionären Konzepten zugeordnet, wie es Tabelle1 zu entnehmen ist.

Tabelle 1: Forschungsansätze der Wirtschaftsgeographie 33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sie gehört damit zu einer Reihe von Regionalentwicklungskonzepten, welche zu erklären versuchen, wie eine Region Kreativität, Innovationen und Eigendynamik, unter der Berücksichtigung der Verschiebung von Massenproduktion hin zu einer flexibleren Produktionsweise und zur Wissensgesellschaft , erzeugen kann34. Alle Konzepte, die unter dem dynamisch evolutionären Ansatz gebündelt werden können, haben gemein, dass sie regionalspezifische Erklärungsansätze für Wachstumsdivergenzen - oder - konvergenzen liefern können und dabei auch Faktoren, wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Einbindung der Akteure in das Umfeld usw., berücksichtigen, die in früheren Entwicklungstheorien fehlten. Um eine möglichst genaue Abgrenzung von den anderen Konzepten nachvollziehen zu können, soll im nächsten Kapitel die „Lernende Region“ definiert werden . Auch wenn eine weitere Unterscheidung in wissensbasierende oder netzwerk-millieubasierende Entwicklungskonzepte vorgenommen werden kann, so sei auf die Schwierigkeit einer klaren Abgrenzung hingewiesen. 35

3.2 Definition

In den bisherigen Ausführungen ist der Ansatz der Lernenden Region als auch deren Einordnung in die Wirtschaftsgeographie beschrieben worden. Um im weiteren Verlauf der Untersuchung eine einheitliche Diskussionsgrundlage schaffen zu können, werden verschiedene Definition vorgestellt und miteinander verglichen.

- KOSCHATZKY definiert die Lernende Region „[...] als Raumeinheiten [...], in denen Wissen örtlich gebunden ist und in denen aus der räumlichen Wissensbindung kontinuierliche Lernprozesse zwischen den regionalen Akteuren entstehen, die die regionale Wissensbasis erhöhen“ 36
- Die Lernende Region als räumliche Einheit, in der Beziehungen zwischen Akteuren zum Zwecke des Wissens- und Kompetenzerwerbs in der Region stattfinden. Kontinuierliche Kommunikation verbunden mit Wissenstransferleistungen sichern dabei die Entwicklungs- und Handlungsfähigkeit der Akteure in der Region.

Insgesamt trägt der Prozess des gegenseitigen Lernens zur Stärkung des Zusammenhalts und einer grundlegenden Änderung im normativen Umgang bei.37

- Lernende Region : „Das innovative Potenzial einer Region kann so wahrgenommen und befördert werden, dass durch Koordination auf allen Handlungsebenen und Vernetzung der Aktivitäten unterschiedlichster Akteure (...) trotz unterschiedlichster Interessen, Problemlagen und Zielsetzung Lösungen gefunden werden, die mehr bieten als die Summe aller traditionsgemäßen Einzelaktivitäten“38

Alle drei Definitionen verweisen auf Lernprozesse zwischen verschiedenen Akteuren in einem nicht klar definierten Raum. Allerdings unterscheiden sich alle Definitionen im Ergebnis und in den Mitteln, die sie gebrauchen. So entsteht laut KOSCHATZKY durch eine einfache räumliche Wissensbindung ein regionaler Wissenszuwachs. Die räumliche Konzentration des Wissens ist eine wichtige Grundlage, aus der sich allerdings nicht direkt Lernprozesse zwischen den Akteuren erschließen. Dieser Kausalkette fehlt ein gemeinsames Ziel, wie es in der zweiten Definition von SCHEFF formuliert wurde: „[...]zum Zwecke des Wissens und Kompetenzerwerbs[...]“39. Weiterhin ist der von ihm beschriebene Effekt nicht nur ein Wissenszuwachs, sondern eine Erweiterung um die Sicherung der Entwicklung und Handlungsfähigkeit der Akteure. SCHEFF sieht dabei den Lernprozess nicht nur durch die passive räumliche Nähe gegeben, sondern beschreibt diesen als einen aktiven Vorgang der Kommunikation und Wissenstransferleistungen. In der Definition von SCHREIBER/STAHL werden erstmals innovative Potenziale miteinbezogen, die durch Koordination und Vernetzung, zusammengeführt werden, um Problemstellungen der Akteure besser zu lösen als es dem Einzelnen möglich wäre.

Es zeigt sich, dass alle Aspekte der gezeigten Definitionen durchaus relevant sind. Alle Autoren weisen in die selbe Richtung und ergänzen sich definitorisch. An dieser Stelle erfolgt deshalb ein zusammenfassender Definitionsvorschlag.

Die Lernende Region ist eine Raumeinheit, in der Wissen örtlich gebunden ist, und dieses zum Zwecke des Wissen- und des Kompetenzerwerbs durch Kommunikation, Wissenstransferleistungen und Koordination in Lernprozessen dazu genutzt wird, die Entwicklungs-, Innovations- und Handlungsfähigkeit aller Akteure über ihre eigenständigen Möglichkeiten hinweg zu sichern.

Es wird in allen Definitionen vom Raum oder der Region gesprochen, jedoch sind diese Begriffe bisher noch nicht näher erläutert wurden. Nach KOSCHATZKY wird die Region „[...]als ökonomischer und politischer Handlungsrahmen verstanden, der sich durch gemeinsame normative Interessen, ökonomische Spezifität und administrative Homogenität auszeichnet.“40 Er zeigt damit, dass die Region keine klar definierbaren Grenzen aufweist, und geht konform mit anderen Autoren, die die Region als das verstehen, was sich darunter definiert.41 Jene Autoren sprechen damit Punkte gemeinsamer Interessen, gemeinsamer Kultur, Lernbereitschaft und Konsensfähigkeit der Akteure an. Die Region orientiert sich daher weniger an geographischen oder administrativen Grenzen, sondern bildet sich viel mehr aus einer sozio-ökonomischen Zugehörigkeit. Genauer betrachtet setzt sich die Region damit aus drei Elementen zusammen:

(1) verwaltungstechnische und/oder politische Rahmenbedingungen,
(2) ökonomische Beziehungen zwischen den Akteuren
(3) regionale Selbstzuschreibung der Akteure42.

Bezogen auf die Größenordnung der Region sprechen verschiedene Autoren von einer Raumeinheit unter der Nationalebene aber oberhalb der Kommune.43 Die Region kann damit als kommunenübergreifendes System verstanden werden und bewegt sich im Regelfall auf der Ebene eines subnationalen Territoriums. Wie im Falle der „Lernenden Region Pontes“44, ist es dennoch nicht ausgeschlossen, dass die Lernende Region eine transnationale Dimension annimmt und drei subnationale Territorien zusammenfasst.

3.3 Ziele

Aus den bereits beschriebenen Problemen im Kapitel zwei, die auf Arbeitslosigkeit, Inflexibilität oder Innovationsdefizite hinwiesen, müssen Ansätze der Regionalentwicklung in erster Linie auf den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Region hinsteuern. Die „Fähigkeit zur Mobilisierung von Wissen und neuen Ideen“45 stellt dabei die innovative Zielsetzung dar, um die eben genannten übergeordneten Ziele regionaler Entwicklungskonzepte zu erfüllen. Um diese zu erreichen, sind viele Einzelmaßnahmen und untergeordnete Ziele aufzugreifen, die in den folgenden Ausführungen näher erläutert werden.

[...]


1 Vgl. BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG[Hrsg.](2OO2) S. 22f Abbildung 1 vgl. dazu auch Statistisches Bundesamt − globaler Containerumschlag im Seeverkehr

2 Vgl. SCHÄTZL(2OO3) S.225 vgl. auch SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2OO3) S. f2

3 Vgl. SCHÄTZL(2OO3) S.225

4 Vgl. KOSCHATZKY (2OOf) S. 2O8 f.

5 SCHÄTZL (2OO3) S.226

6 Vgl. SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2OO3) S.28

7 SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2OO3) S.f9 vgl. auch FRIEDRICHSDORFER BÜRO FÜR BILDUNGSPLANUNG[HRSG](f994) S. 24

8 Arbeitslosenquote 2OO9 der EU27 bei 9,2% mit Schwankungen von 3% bis f8,f% vgl. Eurostat

9 Vgl. SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2OO3) S.f9

10 Vgl. SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2OO3) S.f4

11 Lineare Innovationsmodelle

12 als Hinweis zum Grenzertrag und damit höchster Effizienz von FuE kann der Forschungsmultiplikator, wie ihn das Österreichische Institut für Gewerbe und Handelsforschung (IfGH) verwendet, dienen. Siehe dazu http:ƒƒwww.fteval.atƒfilesƒevstudienƒFFG_Projekteval2OO2−2OO5.pdf S. f9 Anhang

13 vgl. SCHÄTZL (2OO3) S.229

14 Vgl. SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2OO3) S.89

15 Vgl. SCHÄTZL (2OO3) S. 2O2

16 Vgl. ebenda. (2OO3) S.27

17 Gemeint ist hier nicht kodifiziertes Wissen, welches auf Kompetenzen, Fähigkeiten, Erfahrungen und Ideen von Individuen beruht (tacit knowledge) und somit örtlich gebunden und nur begrenzt mobil ist. Die Kompetenzen, Fähigkeiten usw. sind, im Gegenteil zum kodifizierten Wissen, weltweit nicht über Datenbanken abrufbar. Vgl. KOSCHATZKY, K (2OOf) S. 2O9

18 Vgl. dazu SCHÄTZL (2OO3) Kap. 2.4.3 S.223 ff

19 Kleinst− und mittelständische Unternehmen bis 249 Mitarbeitern oder max. Jahresumsatz von 50 Mio. € bezogen EU 27 2005

20 Vgl. SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2003) S.fOf vgl. auch Schlüsselzahlen IfM − Institut für Mittelstandsforschung Bonn http:ƒƒwww.ifm−bonn.org

21 Vgl. STIFTERVERBAND FÜR DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT[Hrsg.](2007) Tab 8. S. 29; Tab f3 S. 35f

22 Vgl. INSTITUT FÜR MITTELSTANDSFORSCHUNG BONN[Hrsg.](2007) S. 4

23 Innovationsaktivitäten als Indikator der Innovationskraft lässt Rückschlüsse auf FuE Tätigkeit zu

24 KFW BANKENGRUPPE[Hrsg.](2009) S.fO9

25 Vgl. SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2003) S.f4

26 Vgl. SCHAMP, E. (2007) S.246

27 Vgl. KULKE, E. (2004) S. f6

28 Vgl. SCHÄTZL, L. (2003) S.205

29 Vgl. SCHAMP, E. (2007) S.244

30 Vgl. KULKE, E. (2004) S. f6

31 Vgl. KULKE, E.(2004) S. f5

32 Vgl. SCHÄTZL (2003) S.202

33 Eigene Darstellung nach BATHELTƒGLÜCKLER (2002) S. 27 ff; KULKE (2004)S. f4 ff; SCHAMP(2007) S.238 ff; SCHÄTZL(2003) S.20f ff

34 Vgl. SCHÄTZL, L. (2003) S.223

35 KOSCHATZKY, K. (200f) S. f74

36 KOSCHATZKY, K. (200f) S. 209

37 Vgl. SCHEFF, J. (f999) S. 23

38 SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2003) S. 29

39 SCHEFF, J. (f999) S.23

40 KOSCHATZKY, K. (200f) S.f76, zitiert nach OHMAE, K. (f993) S.78

41 Vgl. SCHEFF, J. (f999) S.f8 f. vgl. auch SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2002) S. 8f

42 Vgl. SCHREIBER, R.; STAHL, T. (2002) S. 82 f.

43 Vgl. KOSCHATZKY, K. (200f) S. f77 vgl. auch SCHEFF, J. (f999) S. f7

44 Vgl. CONTZEN, B; GNAHS,D.; TÖNNISSEN,F (2004) S.34

45 KOSCHATZKY, K. (200f) S. 2f0, zitiert nach Lawson (f997) S. f5

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Wissensbasierte Regionalentwicklung - Das Konzept der "Lernenden Region"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Oberseminar Wirtschaftsgeographie – Regionalökonomik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
41
Katalognummer
V151187
ISBN (eBook)
9783640625550
ISBN (Buch)
9783640625260
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lernende Region Lernende Regionen Konzept der Lernenden Region
Arbeit zitieren
Felix Hacker (Autor), 2010, Wissensbasierte Regionalentwicklung - Das Konzept der "Lernenden Region", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151187

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