Der „Zeitbegriff“ bei Augustinus und seine philosophischen und theologischen Wurzeln


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

31 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographisches

3. Antike Zeitvorstellungen
3.1. Platon
3.2. Aristoteles
3.3 Sextus Smpiricus
3.4. Plotin
3.5. Seneca

4. Die Bibel:Das Svangelium nach Johannes
4.1. Die Bibel: Der Prediger Salomon

5. Augustinus: Zur Sinführung in die Confessiones XI
5.1. Die Genesis – Frage
5.2. Subjektive und objektive Zeitfragen

6. Augustinus: Der Gottesstaat

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist es, den Zeitbegriff von Augustinus im Überblick mit dessen philosophischen und theologischen Wurzeln darzustellen. Wegen der Fülle des Materials kann im Rahmen dieser Arbeit nur eine grobe Skizze geboten werden. Wie fast alle Texte über Augustinus beginnt auch der vorliegende bei dessen Biographie. Augustinus Biographie ist außerordentlich gut erforscht und bietet einen guten Ansatzpunkt für die Darstellung seiner philosophischen Wurzeln: man kann dem Bildungsweg des jungen Mannes folgen.

Natürlich konnte die umfangreiche Augustinus - Literatur hier nicht einmal ansatzweise erschöpfend behandelt werden; das wäre kein Thema für eine Seminararbeit, sondern für ein Lebenswerk. Ich konnte nur der einen oder anderen Spur ein paar Schritte nachgehen. Die Hauptquellen sind neben: Kurt Flasch „Augustin " - Sinführung in sein Denken" und "Was ist Zeit?“, Christoph *orn: „Augustinus“ die meines Wissens aktuellste und umfassendste Monographie zum Thema ist. Die „Bekenntnisse“ (Confessiones) stellen dabei die wichtigste Primärquelle zur Biographie des jungen Augustinus dar und dieser Schrift ist es überhaupt zum größten Teil zu verdanken, daß Augustinus Leben so gut bekannt ist. Neben diesen Werken greife ich auf verschiedene andere Texte zurück, die im Text und im Literaturverzeichnis aufgeführt sind.

2. Biographisches

Augustinus Aurelius wurde 354 n.Chr. in Tagaste (Nordafrika) geboren (Brown 19L3, S.15.) Mit sieben Jahren wird Augustinus eingeschult (Marrou 1984, S.159). Das Griechische lernt er nur mangelhaft, was er sich später in seinen Bekenntnissen selbst zum Vorwurf macht (Bekenntnisse I, XIII, 20) und was ihn von den Originalquellen der hellenischen Philosophie abschneidet. Während seiner schulischen Srziehung ist er wahrscheinlich zum ersten Mal mit den Lehren der Stoiker in Berührung gekommen, die damals allgemeines Schulgut waren (Flasch 1980, S.23.). Mit 19 Jahren liest er Ciceros Hortensius, der ihn moralisch aufrüttelt (Augustinus: De Beata vita 1(4) S.8/9). Sr schreibt die Suche nach der Weisheit auf seine Fahne und begibt sich auf dieser Suche zunächst in die Sinflußsphäre der Manichäer, einer streng dualistischen *eilslehre (Brown 19L3, S.3L/38.), von der hier jedoch nicht die Rede sein wird. Mit 20 liest er die Kategorienschrift des Aristoteles. Dieses Buch hat einen nachhaltigen und bleibenden Sinfluß auf ihn. Sein Inhalt erscheint ihm derart evident, daß er ihn ohne viel Aufhebens übernimmt (Flasch 1980, S.20.). 383 trifft er Faustus von Mileve, einen großen Lehrer der Manichäer (Brown 19L3, S.50.). Die Begegnung enttäuscht ihn (Bekenntnisse V,VI,10 ), und er folgt seinen schon länger bestehenden Zweifeln und wendet sich von der Lehre ab. (Bekenntnisse V,VII,12) Sine neue geistige *eimat findet er nicht sofort. Ss beginnt das, was man seine skeptische Phase nennt (Flasch 1980, S.3€.). Diese Phase dauert drei Jahre und endet 38€ mit seiner Bekehrung zum Christentum, oder besser: zum Neuplatonismus (Schöpf 19L0, S.2L-32). Damit hat er im Alter von 31 Jahren in einem neuplatonistisch geprägten Christentum seine neue und endgültige geistige *eimat gefunden. (Marrou 1989, S.159.).

3. Antike Zeitvorstellung

Der Zeitbegriff den Augustinus entwickelt hat geht auf die Auseinandersetzungen mit Schriften von Platon (Timaios), Aristoteles: (Physikalische Vorlesungen IV), Sextus Smpricus (Pyrrhonischen Skepsis III, 133 – 150), Plotin (Snneaden III) uns Seneca (De Brevitate Vitae) zurück. (Flasch 1993).

3.1. Platon

Platon lebte von 428 bis ca. 34L v.Chr. und gilt als einer der einflußreichste Denker der abendländischen Philosophie. Als junger Mann verschrieb er sich zunächst der Politik, wurde jedoch von den politischen Verhältnissen in Athen enttäuscht, und wandte sich der Philosophie zu. Sr wurde Schüler des Sokrates und bekannte sich zu den Grundlagen seiner Philosophie und seinem dialektischen Srörterungsstil.

Für Platon ist die Welt, gemäß der Vernunft, planvoll und geordnet. (Wörterbuch der Philosophie) Sr war der Meinung, daß die Welt aus der Formung eines ursprünglich vorhandenen Stoffes entstanden ist. Die „Dinge“, die Abbilder der Ideen, entstehen aus den fünf Slementen, die in der Welt vorkommen.. Ss sind dies Feuer, Wasser, Srde, Luft und einem Slement aus dem der *immel gebildet worden ist. (Tim. 53b) Diese „platonischen Körper“ sind geometrische, vom Dreiecken abgeleitete, Tertiärer. (Röd 1998)

Damit sich überhaupt die Formen bilden konnten, hat der Weltschöpfer (Demiurg) zunächst den Raum geschaffen Die konkreten, dem Wandel unterworfenen, Dinge entstehen dadurch, daß der Raum die idealen Formen als das wahrhaft Wirkliche aufnimmt.“(Röd 1998, S.155). Die Zeit ergibt sich, in dieser Vorstellung, aus der Schaffung der Himmelskörper und fällt mit dieser gleich, solange es den Kosmos gibt wird es die Zeit geben.

„Die Zeit - darauf liegt der Nachdruck- ist also nicht ein eigenes Geschöpf, sondern ergibt sich aus der Schaffung der *immelskörper durch den Demiurgen.“(Flasch 1993, S.111)

Sie ist deshalb ihrem Wesen nach unvergänglich bzw. ewig und somit, weil es keine Veränderung gibt, zeitfrei. Die daraus entstandene Vorstellung definiert Zeit als ein bewegtes Abbild der Swigkeit. (*orn 1995) Platon ist der Meinung, daß sie etwas mit Bewegung bzw. mit Veränderung, an sich zu tun hat. (Flasch 1993) Daraus ergibt, daß die platonische Zeitvorstellung eng an die Zahl bzw. an Zahlenverhältnisse gekoppelt ist. (Vergl. U.a. Tim. 3Lc- 39c und Parmenides 15€d )

Ähnlich wie Augustinus, weißt Platon auf unsere sprachlichen ungenauen zeitlichen Ausdrücke hin. Die "Arten der Zeiten" (Tim. 3Le) wie z.B. „wie war, ist, wird sein“ dürfen nicht auf die Swigkeit übertragen werden, „weil sie das "Nicht - Sein" des zeitlichen Seienden zum Ausdruck bringt.“ (Flasch 1993, S.111)

Platon teilt die Geschöpfe in unbelebte und teilsbelebte ein. Die Lebewesen bilden 4 Gattungen aus: Zunächst einmal das Geschlecht der Götter und danach folgen die fliegenden, im Wasser lebenden, und die schließlich die auf dem Land lebenden Tiere. (Tim. 39e-40d) Weil die Lebewesen nicht direkt von dem Weltschöpfer stammen, sondern von den Göttern, die ihrerseits nur faktisch unsterblich sind, ist die Lebenszeit zeitlich begrenzt. Durch ihre Sinbeziehung in die Menschenwelt haben die Götter eine Zwischenstellung und können so ein Teil der Wirklichkeit der Menschen sein. (Tim. 41b – 41d)

Aus der Tatsache, daß die Welt dem Weltschöpfer ähnlich ist, ergeben sich zwei interessante Aspekte. Sinmal entwickelt Platon aus der Ähnlichkeit seinen Seelenbegriff: Die Seele ist aufgespalten in die Weltseele, Gestirnseele und die Seele der Lebewesen. Da die Welt- und Individualseele wesensverwandt sind, können sie von einander wissen und wenn sie die Gesetze achten zu den Gestirnseelen zurückkehren, aus denen sie entstanden sind. Falls sie aber nicht den Gesetzen gehorchen werden sie als niedrige Form wiedergeboren. (Röd 1998) Zum anderen entwickelte Platon daraus seine Vorstellung der Ausrichtung der Welt auf einen allumfassenden Ordnungsgedanken, der Schönheit und der Vernunft, welche die Regentschaft führt. (Wörterbuch der Philosophie)

3.2. Aristoteles

Aristoteles (384 - ca. 322 v Chr.) wurde in Stagira in Makedonien geboren und zog im Alter von 1L Jahren nach Athen, um an Platons Akademie zu studieren. Dort blieb er etwa 20 Jahre lang, anfangs als Student und dann später als Lehrer. In die Philosophiegeschichte ist er als ein überzeugter Vertreter der Logik eingegangen. (Röd 1998)

In seinen physikalischen Vorlesungen (P.V.) befindet sich auch ein Abschnitt, in dem er etwas über die Zeit schreibt. (P.V. IV, 21Lb (10) – 224a) Aristoteles untersucht sie im *insicht auf ihre Wirklichkeit und kommt zu dem Schluß, daß die Zeit nur im „Jetzt“, für uns real, ist. Unter dem „Jetzt“ versteht er den Augenblick, der selbst kein Bestandteil der Zeit ist, sondern vielmehr ein feststehender Zeitpunkt, der keine Veränderung ausbildet. (Flasch 1993)

„Das Jetzt ist jedoch kein Teil. Sin Teil muß ja messen und das ganze Ganze muß aus den Teilen zusammengesetzt sein. Die Zeit jedoch scheint nicht aus dem „Jetzt“ zu bestehen. (...) Das Jetzt ist aber Grenze, und man kann eine begrenzte Zeit greifen.“ (P.V. IV 218 a)

Die Veränderung und die Zeit sind zwei unterschiedliche Begriffe. Die Zeit ist überall gleich, wo hingegen die Veränderung in unserer subjektiven Sicht, mal langsam und dann wieder schneller verstreicht. Diesen Zustand können wir aber nur wahrnehmen, weil wir ein unveränderliches Maß, also eine Zeitvorstellung in uns haben. (Vergl. P.V. IV 220a 12)

Aber eine Zeit ohne eine Veränderung zu denken ist unmöglich. Die weltliche Veränderung ist immer ein linearer Prozeß, demnach bewegt sich ein jedes der 4 Slemente (Srde, Luft, Feuer und Wasser) in einer geradlinigen Bahn auf seinem ihm innewohnenden Ruhepunkt hin. Jede Bewegung auf der Srde ist somit immer geradlinig und kommt immer zum Stillstand. Das 5. Slement der „Äther“ (Aither), der in den Himmelsschalen vorkommt, bewegt sich hingegen, seiner natürlichen Bewegung gemäß, kreisförmig und ewig, er ist somit unvergänglich. (Röd 1998)

Da die Zeit kontinuierlich verläuft, im Gegensatz zur Swigkeit, ist sie gleichzeitig vergänglich und somit dem Zerfall ausgesetzt, wie alle natürlichen Dinge. Die Veränderung nimmt ihren Ausgangspunkt im „Jetzt“ und endet im „Jetzt“, wobei sich der Zeitindex verändert hat. Zeit ist nichts anders als die ständige Rückkehr sich wiederholender natürlicher Prozesse die sich in einem Kreis abspielen, wo hingegen die Bewegung des Himmels regelmäßig und kreisförmig verlaufen, wodurch sie den Maßstab der Bewegung ausbilden. (Vergl. P.V. IV 223b) Diese Bewegung der „Gestirnseelen“, also der Kreisbewegung der Himmelsschalen, findet ihren Niederschlag als Zeit bzw. als Zahl die die Tätigkeit der Menschenseele beschreibt und selbst linear verläuft. Das Wesen der Zeit liegt nicht in der Bewegung des Weltalls begründet, sondern die Zeit ist das Maß der natürlichen und kontinuierlichen Veränderung. (Flasch 1993) Die Swigkeit wird zum Maß der Zeit, die von einem unbewegten Beweger (Gott) ausgeht. (Röd 1998) Im „Göttlichen“ selbst fallen Form und Denken zusammen. (Wörterbuch zur Philosophie) Das göttliche Denken hat nur sich selbst zum Inhalt. Ss ist somit einzig völlig „Wirklich“. (Röd 1998)

Unsere lineare Denkvorstellung fragt immer nach einem „Davor“ und einem „Danach“. „Denn das ist die Zeit, die Zahl der Bewegung (kontinuierlichen Veränderung Flasch 1993, S.11L) in Bezug auf ein Früher und Später.“ (P.V. IV 219b) Da wir aber nur den Augenblick als wirklich erfahren kann man sagen, daß das „Davor“ und das „Danach“ unsere wahrnehmbare Zeit abgrenzen. Die Zeit hat aber nun einen Anteil in der Ruhe (Zeitpunkt) und gleichzeitig einen in der Bewegung (Veränderung), was letztlich bedeutet, daß die Zeit schon bei der Möglichkeit einer Veränderung beginnt. (Flasch 1993)

„Da die Zeit das Maß der Bewegung ist, wird sie als Folge auch das Maß für den Ruhezustand sein. Denn alle Ruhe ist in der Zeit. " (P.V. IV 221b 12)

Unsere Zeitvorstellung ist aber auch eng an unser Gedächtnis geknüpft, weil wir uns dort auf Vergangenes, die Wahrnehmung des „Jetzt“ und auf das Zukünftige als *offnung bzw. Vorwegnahme beziehen. (Flasch 1993)

Wie die Zahlen in einer Zahlenreihe reihen sich die Zeitpunkte (Augenblicke) aneinander. Die Zeit ist immer in Bewegung. Die Zählbarkeit der Zeit drückt sich in einem "Mehr" oder "Weniger" der Zahlen, die durch die Zeitveränderung entstehen, aus. Uns ist dieser Umstand allgegenwärtig, im Rechnen mit der Zeit oder durch einen Blick auf dem Kalender. (Weiß 1998)

Das „Jetzt“ bringt somit die Unterscheidungsmöglichkeit der Zeitspannen mit sich. (Flasch 1993)

3.3. Sextus Smpiricus

Wann Smpiricus gelebt hat, wissen wir nicht genau. Man geht aber davon aus, daß er etwa um 100 n. Chr. gelebt hat. (Ricken 1994)

Smpiricus beschäftigte sich damit ob die Zeit überhaupt wahr ist. Seine Untersuchungen stehen auf dem Boden der platonisch - aristotelischen Zeittheorie, die er gekannt haben muß. (Flasch 1993) Wie kann etwas „Sein“, was sich aus „Nicht-Seienden“ zusammensetzt. (Pyrrhonischen Skepsis (P.S.) III, 13L-142)

„ Ss ist (...) unsinnig die vergangene und die zukünftige Zeit Gegenwart zu nennen. Also ist die Zeit auch nicht unendlich. Wenn aber weder unendlich noch endlich, dann gibt es überhaupt keine Zeit (P.S. III, 142)

Das Messen der Zeit erscheint ebenso unmöglich, weil man die Zeit nur mit sich selbst messen würde. „Die Zeit aber kann nicht durch einen Teil ihrer selbst gemessen werden.“ (P.S. III, 143)

Die Zeit darf nicht teilbar sein, denn wäre sie es, dann würde sie nicht existieren. Ss bleibt also nichts anderes übrig als die Zeit als „sehr winziges“ (P.S. III, 142) im „Jetzt“ existierend anzunehmen, oder in der anderen Prämisse, zu der auch Smpiricus letztlich kommt, daran zu zweifeln das es die Zeit überhaupt gibt, weil sie sich ja sich aus etwas nicht existierenden zusammensetzt. (P.S III, 14€)

Nach Smpiricus kann es weder eine Swigkeit noch eine Zeit vor bzw. nach der Zeit gegeben haben, denn wie kann etwas aus etwas hervorgehen, wenn dieses nicht existiert und umgekehrt müßte man annehmen die Zeit ginge in etwas was nicht seien wird. (P.S. III, 148) Augustinus löst dieses Problem, indem er die Zeit ihren Anfang im zeitlosen Wort findet. (Flasch 1993)

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der „Zeitbegriff“ bei Augustinus und seine philosophischen und theologischen Wurzeln
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
31
Katalognummer
V151189
ISBN (eBook)
9783640625567
ISBN (Buch)
9783640625277
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustinus, Wurzeln
Arbeit zitieren
Gerd Pfefferle (Autor), 1999, Der „Zeitbegriff“ bei Augustinus und seine philosophischen und theologischen Wurzeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151189

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