Schulische Berufsorientierung

Berufliches Interesse wecken und mit potentiellen Berufen in Einklang bringen - Vom Berufswunsch zur möglichen Berufswahl


Examensarbeit, 2010
41 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Themenwahl
1.2 Fragestellung, Vorgehensweise und Ziele

2 Problemlage und Relevanz

3 Fachliche Ansätze, thematischer Überblick und Eingrenzung

4 Lerngruppenanalyse
4.1 Lernsituation
4.2 Beschreibung der Lerngruppe
4.3 Einzelne Schülerbeobachtungen und Kind-Umfeldanalysen

5 Entwicklung und Darstellung eines eigenen Konzepts
5.1 Einstiegsphase
5.2 Persönlichkeitsprofil
5.3 Berufe und Arbeitswelt
5.4 Persönlichkeitsprofil mit potentiellen Berufen in Einklang bringen
5.5 Reflexionsphase

6 Schlussbetrachtung und Reflexion
6.1 Rückblick
6.2 Ergebnisse der Arbeit
6.3 Konsequenzen und Weiterarbeit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Themenwahl

Das besondere Interesse und die Wahl des Themas resultieren aus drei Gründen. Erstens entschied ich mich aufgrund des hohen Stellenwerts und der hohen Relevanz für die Zukunft der SuS für das Themenfeld der schulischen Berufsorientierung. Zweitens habe ich dieses Projekt gewählt, da ich bereits durch eigene Erfahrungen in der Wirtschaft über Praxiskenntnisse verfüge. Und drittens rundet meine theoretische Vorbildung die Auswahl und Bearbeitung des Untersuchungsgegenstands ab.

Gerade vor dem Hintergrund von SuS mit Migrationsanteil und aus dem Einzugsgebiet Lauterborn resultiert ein besonderer Förderbedarf bei der Berufsintegration. Sie sind auf Hilfe und Betreuung von außen angewiesen. SuS und deren Eltern, die aus anderen Nationen stammen, sind einerseits oft nicht mit der komplexen, deutschen Strukturlandschaft im Hinblick auf den Berufseinstieg, die Berufswelt und mit dem Ausbildungssystem sowie anderen Alternativen im Übergangsmanagement vertraut. Andererseits ist in Deutschland die Milieudurchlässigkeit gering und das betrifft insbesondere SuS aus dem Offenbacher Einzugsgebiet, so dass sie einen erhöhten und besonderen Förderbedarf haben.

Da ich vor dem Referendariat annähernd zwei Jahre in der Privatwirtschaft im Rahmen eines Traineeprogramms bei einem mittelständischen Industrieunternehmen und als Projektmanager tätig war, konnte ich zahlreiche Berufsfelder und die damit verbundenen Aufgaben kennen lernen. Das Spektrum erstreckte sich vom Facharbeiter in der Produktion, dem Lageristen über den kaufmännischen Sachbearbeiter bis hin zu den Abteilungsleitern im Marketing, Vertrieb und der Entwicklung. Außerdem lernte ich Aufgabenbereiche externer Partner kennen, die aufgrund des Projektgegenstandes

„ Einführung, Produktvariation und -innovation einer Neuen Markisentuchkollektion “ unmittelbar einbezogen waren.

Zudem liegt mein Interesse darin begründet, dass ich eine Erweiterungsprüfung in PoWi abgelegt habe und neben dem Lehramtsstudium ein Diplom in einem wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang absolviert habe.

Deshalb habe ich mir zum Ziel gesetzt, die Kenntnisse in die Schule einfließen zu lassen und SuS bei der Berufsorientierung nachhaltig zu unterstützen und zu beraten. Als hilfreich könnten sich, meines Erachtens nach, auch die Erfahrungen erweisen, die ich in der Phase des eigenen Berufsfindungs- und Bewerbungsprozesses gesammelt habe. Aus diesem Grund möchte ich mit der Wahl des Unterrichtsprojekts mit Interesse einen neuen Pfad beschreiten, der nicht mit meinen derzeitigen Ausbildungsfächern in Verbindung steht.

1.2 Fragestellung, Vorgehensweise und Ziele

„ Die XXX-Schule bemüht sich seit vielen Jahren, die Schüler auf die Berufswelt vorzubereiten und begleitet sie auf dem Übergang von Schule und Beruf. Unser Ziel ist es, dass kein Schüler unsere Schule verl ässt, ohne eine angemessene Entscheidungüber den weiteren schulischen oder beruflichen Weg getroffen zu haben. Bei dieser Entscheidung stehen wir Schülern und Eltern mit Rat und Tat zur Seite. “ 1

In ihrem Schulcurriculum schreiben die Entscheidungsträger meiner Ausbildungsschule ein hohes Ziel fest, wenn sie betonen, dass alle SuS am Ende ihrer Schulzeit in der Lage sein sollen, eine angemessene Entscheidung über ihren weiteren Weg zu treffen. Auch wenn der Grad der Zielerreichung des Vorhabens eher ideellen Charakter aufweist und ein Oberziel der Schulphilosophie darstellt, wirft sich die Frage auf, mit welchen Maßnahmen und Instrumenten diesem weitestgehend entsprochen werden kann und wie es gelingt, die beruflichen Wünsche mit den Stärken und Möglichkeiten der SuS in Einklang zu bringen.

In dieser Arbeit wird das Thema Berufsorientierung behandelt mit; dem Schwerpunkt und der langfristigen Zielsetzung: „Vom Berufswunsch zur möglichen Berufswahl“. Die zentrale Fragestellung heißt:

„ Lassen sich die individuellen Stärken und Fähigkeiten der Schüler meiner 8. Klasse im Rahmen des WPU eruieren, berufliche Wünsche wecken und mit den M ö glichkeiten und potentiellen Berufen in Einklang bringen? “

Nach der Begründung meiner Themenwahl, erfolgt im ersten Abschnitt des Hauptteils der Arbeit die Erörterung der Problemlage und Relevanz des Unterrichtsprojektes. Anschließend stelle ich die Zusammensetzung der Lerngruppe dar. Darauf folgend diskutiere ich fachliche Ansätze, gebe einen thematischen Überblick und grenze das Thema ein. Im nächsten Schritt entwickle ich ein eigenes Konzept, dass ich detailliert vorstelle.

Abschließend diskutiere ich die Ergebnisse des Projekts auf theoretischer und praktischer Ebene. Dabei beantworte ich die Ausgangsfrage, hinterfrage das Konzept kritisch und ziehe Konsequenzen für die Weiterarbeit.

Neben dem Erwerb theoretischer Kenntnisse über den Gegenstand und der Vorbereitung meiner SuS auf ihr Berufsleben, ziele ich darauf ab, ein Programm zu erarbeiten, dass im Rahmen der Berufsorientierung auch künftig an Schulen zur Anwendung kommen kann.

2 Problemlage und Relevanz

„ Die Schule trägt in Zusammenarbeit mit den anderen Stellen zur Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung ( … ) bei. “ 2

Das gilt nicht nur für Hessen, sondern für die gesamte Republik, denn eine „(…) berufliche Orientierung sehen die Curricula für die Schulen der Sekundarstufe I oder/und für die gymnasiale Oberstufe aller Bundesländer vor.“3 Vor diesem Hintergrund ist die Relevanz bereits aus obligatorischen Gesichtspunkten gegeben. Allerdings ist es von großem Interesse, die Bedeutung des Themas für die Zukunft der SuS zu betrachten, insbesondere in einer Phase, die starkem Wandel unterworfen ist und hohe Anforderungen an junge Menschen beim Übergang von Schule in den Beruf stellt.

Der Berufspädagoge, Gerald HEIDEGGER, betont, dass sich die Beschäftigungschancen in der Gesellschaft verschlechtert haben. Während im Anschluss an die Nachkriegsjahre aufgrund der hohen Nachfrage nach Gütern Vollbeschäftigung herrschte, ist seit den 70er Jahren, je nach konjunktureller Phase, stets das Phänomen der Arbeitslosigkeit präsent. Insbesondere für Berufseinsteiger bedeutet das eine große Herausforderung, denn, „(…) Arbeitslosigkeit bedeutet immer, dass diejenigen, die neu auf dem Arbeitsmarkt in Erscheinung treten, das höchste Risiko der Arbeitslosigkeit tragen.“4 Außerdem hebt er auf der Basis aktueller Jugendstudien hervor, dass der Lebensentwurf einer ausgewogenen work-live-balance bei den Jugendlichen, der seit den 90er Jahren zunehmend Anklang genießt, mittlerweile zu einer Diskrepanz geführt hat. Denn Jugendliche wollen heute beides - Familie und Einkommen - in hohem Maße, was in der heutigen Arbeitswelt einen Widerspruch darstellt.5

Aufgrund der wachsenden Unsicherheit in Bezug auf Arbeitsplätze, wie zum Beispiel durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise ausgelöst oder durch zunehmende Automatisation und Rationalisierung, wissen Jugendliche oft nicht, welcher Beruf zu ihnen passt, ihnen eine gewisse Sicherheit bietet und welche Perspektiven bestehen. Die Arbeitswelt wird zunehmend stärker professionalisiert, so dass Einfacharbeitsplätze nach und nach entfallen. Hinzu kommt die starke Vernetzung internationaler Märkte aufgrund der Globalisierung. Volkswirtschaftlich betrachtet kommt es zu einer Verlagerung der Beschäftigung innerhalb der Sektoren. Der Wandel zur Informationsgesellschaft und der wachsende Bedarf an Arbeitnehmern, die mit computergestützten Systemen und dem Umgang mit Informationstechnologie vertraut sind, führen dazu, dass die Aufgaben im Berufsalltag zunehmend anspruchsvoller werden.6 Infolgedessen sind Unterstützungssysteme notwendig, mit deren Hilfe besonders jugendliche mit speziellem Förderbedarf beraten und betreut werden. Heute werden neben den so genannten hard- skills, den Fachkenntnissen, zunehmend Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke und ein geschulter Umgang mit Menschen verlangt.7 KLIPPERT verweist auf die „(…) deutliche Kritik vonseiten vieler (Groß-)Betriebe an der dürftigen Eigeninitiative, Methoden- und Sozialkompetenz der angehenden Lehrlinge.“8 Hinzu kommen Anforderungen wie Flexibilität und Mobilität, um den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen und dauerhaft am Arbeitsmarkt bestehen zu können. Darüber hinaus stellen Tendenzen, wie „(…) Individualisierung, Endtraditionalisierung und Entstrukturierung (…) Individuen wie Bildungseinrichtungen vor neue Herausforderungen.“9 Es hat ein demographischer Wandel in Bezug auf die Geschlechterrollen stattgefunden. Qualifizierte Frauen drängen zunehmend auf den Arbeitsmarkt.10 Diese gesellschaftlichen Veränderungen stellen Jugendliche vor eine große Herausforderung, die sie ohne Beratung, Betreuung und Vorbereitung oft nicht bewältigen können. Denn stellt man SuS die Frage, ob sie bereits wissen, was Sie nach der Schule machen wollen, so lautet die Antwort in vielen Fällen „nein“, oder „weiß nicht so recht“. Infolgedessen sinkt die Zuversicht für ihre persönliche Zukunft.11 Im Vergleich zu anderen Regionen, wie beispielsweise Skandinavien, ist Deutschland bei der Berufsorientierung noch rückständig. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass erst ein Prozent deutscher Schulen Berufsberater angestellt hat (OECD-Durchschnitt 38%).12

Neben soziologischen Parametern fällt auf - und das erschwert die Problemlage im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand - dass viele externe Stellen um knappe Gelder konkurrieren13 und die Berufsintegration untereinander zu wenig kooperativ und gemeinsam koordiniert erfolgt. Dadurch ist es für Lehrer schwierig, die Strukturen zu überblicken und zielgerichtet externe Berater und Einrichtungen in Anspruch zu nehmen. Auf Bundesebene fungiert beispielshalber die Bundesagentur für Arbeit. Daneben beraten regionale Stellen, wie die Jugendberufshilfe, Schule Wirtschaft, die IHK und OloV (Organisation zur Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit) als außerschulische Einrichtungen Jugendliche und Lehrkräfte beim Thema Berufsorientierung. Neuerdings zielen unterschiedliche Beratungsstellen darauf ab, stärker miteinander zu kooperieren.14 OloV hat sich zum Ziel gesetzt, mit der Bundesagentur für Arbeit, Jumina15 (Junge Migranten in Ausbildung), dem stattlichen Schulamt und der Kompetenzagentur, als kompetenter Partner Schulen zu unterstützen. Weshalb braucht man Partner auf unterschiedlicher Ebene? Während die Bundesagentur auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene tätig ist, können lokale Anbieter flexibler reagieren und SuS lokalspezifisch beraten. OloV verspricht sich ein hohes Maß an Erfolg beim regionalen Übergangsmanagement, da die Organisation nah am Arbeitsmarkt ist.

Der Anteil der im Rhein-Main Gebiet beschäftigten Migranten, die keine Ausbildung haben, liegt bei 40% (Anteil aller Beschäftigten in Hessen ohne Ausbildung 22%).16 Besonders in Regionen mit hohem Migrationsanteil und bei Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf ist es notwendig, SuS und Eltern professionell zu beraten sowie die Besonderheiten des deutschen Ausbildungssystems zu vermitteln. Diese SuS haben nachweislich schlechtere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Gründe hierfür sind neben der Unkenntnis über die spezifische Funktionsweise des Systems darin zusehen, dass häufig die rechtzeitige Integration und Förderung an Schulen versäumt wird, die Berufsorientierung nicht differenziert erfolgt und Vorurteile von Arbeitgebern die Einstellungschancen minimieren.17

Als kompetenter Berater ist es unumgänglich, über die berufliche Landschaft informiert zu sein, die Anforderungen zu kennen, die von Arbeitgebern an Jugendliche gestellt werden, zu wissen, welche Einflüsse der demographische Wandel mit sich bringt und stets über Empathievermögen zu verfügen. Folglich ist es im Rahmen des Projektes neben dem Aneignen von theoretischem Wissen, wichtig, die Kompetenzen, Vorerfahrungen und beruflichen Interessen der SuS zu erheben und weiter zu entwickeln. Im Anschluss daran kann ihnen, aufbauend auf ihren Stärken - Empowerment-Konzept -, gezeigt werden, dass die Gesellschaft auch für sie einen Platz hat, für den es sich gemeinsam zu kämpfen lohnt.18

3 Fachliche Ansätze, thematischer Überblick und Eingrenzung

Im Folgenden wird das Thema fachwissenschaftlich betrachtet eingegrenzt und es werden Kernbereiche dargestellt, die Inhalt des allgemeinen Berufswahlunterrichts sein sollten. Außerdem wird ein regionales Konzept zur schulischen Berufsorientierung vorgestellt. Im Anschluss daran wird skizziert, welche Bereiche die XXX-Schule im Hinblick auf den inner- und außerschulischen Bereich bei der Berufsorientierung bereits installiert hat. In der Forschung existieren unterschiedliche Ansätze, auf deren Grundlage Individuen berufliche Entscheidungen treffen. Man unterscheidet nach KOHLI unter anderem allokationstheoretische Ansätze, bei denen äußere und soziologische Parameter entscheidend sind, entscheidungstheoretische Ansätze, mit rationaler oder zufälliger Wahl und entwicklungstheoretische Ansätze, bei denen Selbst- und Rollenbilder entscheidend sind.19

Das Thema Berufsorientierung erstreckt sich über ein sehr breites Spektrum. Die didaktische Herangehensweise und Umsetzung des Themas wird in der fachwissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert:

„ Grundsätzlich erscheint es als sinnvoll, wenn alle Unterrichtsfächer zur Berufsorientierung beitragen, indem z.B. die fachspezifischen Berufe vorgestellt werden. Es ist aber problematisch, den Inhaltskomplex der Berufsorientierung zu „ zerstückeln “ und die einzelnen Elemente in andere Fächerstrukturen einzufügen. Die Vorbereitung auf die Berufswahl ( … ) erfordert auch eine Organisation als eigenständiger Unterrichtsbereich ( … ). “ 20

Die Perspektive von DEDERING impliziert die Problematik bei der Abgrenzung der Sachlage und der Wahl der „richtigen“ Vorgehensweise. Fest steht, dass unterschiedliche Schwerpunkte behandelt werden können und müssen und spezielle Kerninhalte definitiv Bestandteil des Unterrichts zur Berufsorientierung sein müssen. Obwohl innerhalb der Länder der föderalen Bundesrepublik Uneinigkeit bezüglich der Zuordnung von Inhalten und Praxisbausteinen zu den Fächern herrscht, besteht inhaltlich Übereinstimmung:

„ So sollen ein Überblick über die Berufsfelder und Möglichkeiten beruflicher Laufbahnen gegeben und Kenntnisseüber einschlägige Bestimmungen des Arbeitsrechts vermittelt werden. Hinzu kommen die grundlegende Information über Institutionen der Interessenvertretungen,über Formen und Notwendigkeit beruflicher Mobilität, die Chancen und Risiken im Beschäftigungssystem, die Bedeutung familialer und schulischer Sozialisation sowie Wege der Relativierung geschlechtsspezifischer Berufswahlen. “ 21

Der Wahlpflichtunterricht zu diesen Bereichen erstreckt sich im Regelfall über das 7., 8. und 9. Schuljahr. Allerdings bietet es sich an, in der Unterstufe, SuS an das Thema heranzuführen.

Als Wegweiser zur Berufswahl und als Unterstützung für Lehrer hat OloV einen Berufswahlfahrplan für die Stadt und den Kreis Offenbach konzipiert. Der Fahrplan erstreckt sich über einen Zeitraum von drei Jahren und soll in den drei letzten Klassenstufen der Sekundarstufe I durchgeführt werden. Er dient dazu, Lehrern eine Orientierung zu geben, weist regionale Kontaktadressen aus und schafft Klarheit im Bezug auf die Strukturen des Übergangsmanagements. Zu Beginn des Berufswahlunterrichts empfehlen die Autoren, mit den SuS ein erstes Fähigkeitsprofil zu erarbeiten. Anschließend erfolgt die Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt und es werden Informationen über Bildungswege und Berufsfelder vermittelt. Darauf aufbauend werden Berufsinformationsschriften bekannt gegeben und es schließt sich ein Besuch beim BIZ an. Darauf folgend werden persönliche Kompetenzen reflektiert und es wird eine Bewerbungsmappe erstellt. Im zweiten Halbjahr des 7. Schuljahres sollen Wahlpflichtfächer besucht werden, die den Berufswahlprozess unterstützen. Im Anschluss daran werden Alternativen zum Berufswunsch aufgezeigt, Techniken zur Entscheidungsfindung erprobt und Beratungsgespräche zur Berufswahl geführt. Nach dem Durchlaufen der aufgeführten Bausteine sollten die SuS über Bewerbungskompetenz verfügen und sich für einen Berufsweg entschieden haben.22

Auch wenn der Ansatz einige Bereiche abdeckt und für die praktische Arbeit in der Region einen hohen Nutzen stiftet, werden Themenbereiche wie Arbeitsrecht, Interessenvertretungen, der Einfluss des Geschlechts auf die Berufswahl, Mobilität und Chancen, die wie oben erwähnt DIMBATH für unabdingbar hält, in diesem Konzept nicht explizit aufgeführt. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob trotz der guten Strukturierung, die SuS aufgrund der Dauer von über drei Jahren den Überblick behalten.

„ Es wird zukünftig vermehrt darauf ankommen, Kooperationsbeziehungen und Netzwerke im Rahmen von Vereinbarungen abzusichern und dort die Kompetenz der Berufsberatung für das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem zu verdeutlichen. Es bedarf einer geregelten, kontinuierlichen Form der Zusammenarbeit von Schule, Wirtschaft, Arbeitsverwaltung, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverb änden ( … ) um die vielen Projekte der einzelnen Partner und Initiativen zu bündeln, öffentlich abrufbar und unter strategischen Gesichtspunkten nutzbar zu machen. “ 23

Auch wenn es eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte und Projekte gibt, wie unter anderem das Konzept des Schweriner Ausbildungszentrum, der BUW Neubrandenburg, mobile Jugendarbeit als Werkstatt-Bus, Frauen setzen Akzente, etc. sollte ein Konzept, das mit modernen verhaltenswissenschaftlichen Forschungsansätzen konform ist, den allokationstheoretischen Aspekt und den entwicklungstheoretischen Aspekt berücksichtigen. Bei dem erstgenannten Bereich steht die Informationsvermittlung über die allgemeine Wirtschaftslage, der regionalen Wirtschaftsstruktur, Berufe, Arbeitsmarktlage, Verdienst, Ausbildungsstellensituation, Entwicklungstrends und soziologische Determinanten der Berufswahl im Vordergrund. Der zweite Bereich sollte sich mit der Beratung der SuS auf Grundlage ihrer Biographien und ihren Interessen auseinandersetzen.24 Es sei darauf hingewiesen, dass der Forschungsstand zur Erhebung des Einflusses biographischer Prozesse von Heranwachsenden auf die Berufsorientierung noch am Anfang steht.25

Ein handlungsorientiertes und motivierendes Konzept zum Berufswahlunterricht bietet planet-berufe.de der Bundesagentur für Arbeit, das sich motivierend verpackt an Jugendliche richtet. Die didaktisch-methodische Konzeption zielt onlinebasierend darauf ab, dass die SuS „(…) durch entdeckendes Lernen ihre Ergebnisse selbständig bearbeiten.“26

Im Folgenden stelle ich die wesentlichen Kernbereiche ausführlicher dar, die Bestandteil des Unterrichts zur schulischen Berufsorientierung sein sollten und erörtere, weshalb diese Bereiche wichtig sind. Es erfolgt hier noch nicht die Darstellung des Konzepts zur durchgeführten Unterrichtseinheit. Allerdings kann auf dieser Grundlage im späteren Teil ein eigenes Konzept entwickelt und der Gegenstand dann eingegrenzt werden. Im ersten Schritt sollten die SuS, die besonders in der pubertären Phase Orientierung suchen und unsicher sind spielerisch erfahren, erproben und fühlen „wer sie sind“. Das Wesentliche ist, dass die SuS sich und ihre Wünsche zunächst kennen lernen. Im zweiten Schritt bietet es sich an, den SuS einen Überblick über die Berufs- und Arbeitswelt zu vermitteln. Sie sollen erfahren, welcher Beruf welche Anforderungen an sie stellt und welche Kompetenzen und Fähigkeiten sie dafür benötigen. Gleichzeitig sollen sich die SuS mit ihren eigenen Stärken, Fähigkeiten und Wünschen auseinandersetzen und einschätzen lernen, für welche Berufe sie geeignet sein könnten und welches Feld eine Option darstellt.

[...]


1 Curriculum der Schule. Aus Gründen des Datenschutzes wird dieses im Anhang nicht aufgeführt.

2 Hessisches Schulgesetz, §3, Abs. 12.

3 DEDERING, Heinz, Entwicklung der schulischen Berufsorientierung in der Bundesrepublik Deutschland , S. 27, in: SCHUDY, Jörg, (Hrsg.), Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele , Bad Heilbrunn 2002.

4 RADEMACKER, Hermann, Schule vor neuen Herausforderungen , S. 58, in: SCHUDY, Jörg, (Hrsg.), Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele , Bad Heilbrunn 2002.

5 Vgl. HEIDEGGER, Gerald, Zwischen Stabilität und Wandel , S. 69, in: SCHUDY, Jörg, (Hrsg.), Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele , Bad Heilbrunn 2002.

6 Vgl. RADEMACKER, a. a. O., S. 60.

7 Vgl. Ebd., S. 60.

8 KLIPPERT, Heinz, Methodentraining. Ü bungsbausteine für den Unterricht , Weinheim und Basel 2007, S. 26.

9 KAHLERT, Heike, MANSEL, Jürgen (Hrsg.) Bildung und Berufsorientierung von Jugendlichen in Schule und informellen Kontexten , S. 7, in: KAHLERT, Heike, MANSEL, Jürgen (Hrsg.), Bildung und Berufsorientierung. Der Einfluss von Schule und informellen Kontexten auf die berufliche Identitätsentwicklung , Weinheim und München 2007.

10 Vgl. KREHER, Thomas, Strukturwandel, Jugend und Arbeit , in: ARNOLD, Helmuth, LEMPP, Theresa, (Hrsg.) Regionale Gestaltung von Überg ängen in Beschäftigung. Praxisans ätze zur Kompetenzförderung junger Erwachsener und Perspektiven für die Regionalentwicklung . Weinheim und München 2008, S. 24.

11 Vgl. FUCHS-HEINRITZ, Werner, Zukunftsorientierungen und Verhältnis zu den Eltern. Berufsbezogene Zukunftsorientierungen , in: Jugend 2000, 13. Shell Studie , S. 70.

12 Vgl. SENKBEIL, Martin, DRECHSEL, Barbara, SCHÖPS, Katrin, Schulische Rahmenbedingungen und Lerngelegenheiten für die Naturwissenschaften , in: PISA-Konsortium Deutschland (Hrsg.), Pisa 06. Die Ergebnisse der 3. internationalen Vergleichsstudie , Münster 2007, S. 188 ff.

13 Vgl. EGLE, Franz, NAGY, Michael, Arbeitsmarktintegration , Wiesbaden 2008, S.183.

14 Weiterführende Literatur zur pädagogischen Netzwerkarbeit: TIPPELT, Rudolf, SCHMIDT, Bernhard, Pädagogische Netzwerkarbeit im Kontext lernender Regionen und Metropole - Herausforderungen bei Ü bergängen , in: BÖHM-KASPAR, Oliver, SCHUCHART, Claudia, SCHULZECK, Ursula (Hrsg.), Kontexte von Bildung. Erweiterte Perspektiven in der Bildungsforschung , Münster 2007, S. 170ff.

15 Vgl. http://www.cgil-bildungswerk.de/projekte/laufende/titel/jumina-junge-migranten-in-ausbildung/, [Zugriff: 27.11.09].

16 Vgl. BADEN, Christian, SCHMID, Alfons, Beschäftigung von Migranten in der Region Rhein-Main . IWAK-Studie-Betriebsbefragung im Herbst 2008 , Goethe-Universität Frankfurt, 2009, S. 6f.

17 Vgl. GESEMANN, Frank, ROTH, Roland, Lokale Integrationspolitik in der Einwanderungsgesellschaft. Migration und Integration als Herausforderung von Kommunen , Wiesbaden 2009, S. 105.

18 Vgl. BRAUN, Barbara, HOFFMANN-RATZMER, Diana, LINDEMANN, Nicole, MAUERHOF, Johannes, Die Job-Lokomotive. Ein Trainingsprogramm zur Berufsorientierung für Jugendliche , Weinheim und München 2007, S. 9.

19 Vgl. DIMBATH, Oliver, Entscheidungen in der individualisierten Gesellschaft, Eine empirische Untersuchung zur Berufswahl in der fortgeschrittenen Moderne , Wiesbaden 2003, S.123ff. Die aktuelle Forschung geht nach HOPPE von integrativen Mischformen aus.

20 DEDERING, Heinz, a. a. O., S. 28.

21 DIMBATH, Oliver, Die (Be-)Deutung schulischer Berufsorientierung , S. 167, in: KAHLERT, Heike, et all., Bildung und Berufsorientierung. Der Einfluss von Schule und informellen Kontexten auf die berufliche Identitätsentwicklung , Weinheim 2007.

22 Vgl. Arbeitsgruppe „BWFP“ Stadt und Kreis Offenbach, (Red.), Berufswahlfahrplan Stadt und Kreis Offenbach , Offenbach 2009, S. 1ff.

23 STRIJEWSKI, Christian, Berufsorientierung in der Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung . Der Beitrag der Arbeitsämter , S. 105, in: SCHUDY, Jörg, (Hrsg.), Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele, Bad Heilbrunn 2002.

24 Vgl. MAY, Hermann, Didaktik der ö konomischen Bildung , Oldenburg 2007, S. 71.

25 Vgl. WENSIERSKI, von, Hans-Jürgen, SCHÜTZLER, Christoph, SCHÜTT, Sabine, Berufsorientierende Jugendbildung. Grundlagen, empirische Befunde, Konzepte , Weinheim und München 2005, S. 13.

26 Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.), Planet-Berufe.de. Mein Start in die Ausbildung, Berufsorientierung in der Schule , Nürnberg 2009, S. 4.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Schulische Berufsorientierung
Untertitel
Berufliches Interesse wecken und mit potentiellen Berufen in Einklang bringen - Vom Berufswunsch zur möglichen Berufswahl
Hochschule
Studienseminar für GHRF Offenbach  (Studienseminar für Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen Offenbach)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2010
Seiten
41
Katalognummer
V151210
ISBN (eBook)
9783640638369
ISBN (Buch)
9783640638383
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Namen der Schülerinnen und Schüler wurden aus Gründen des Datenschutzes durch XXX ersetzt.
Schlagworte
Übergangsmangement, Berufsintegration, OloV, Jumina, Bewerbung, Praktikum, Lebenslauf, Migrationshintergrund, Traumberuf, Handlungsorientierung
Arbeit zitieren
Jan Schönherr (Autor), 2010, Schulische Berufsorientierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151210

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