Kleine Verteidigung des „Buck-Passing“ Ansatzes in einer Analyse der Angemessenheit von Wertschätzungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problemaufriss
2.1 Wertschätzer, Umstände und Pro-Einstellungen
2.2 Träger von Werten

3 Der „Buck-Passing“ Ansatz
3.1 Gründe als Angemessenheitskriterium
3.2 Böse Dämonen und Falsche Gründe
3.2.1 jekt- und Einstellungsbasierte Gründe
3.2.2 Gründe als intentionaler Bestandteil der Wertschätzung
3.2.3 Instrumentelle und abgeleitete Gründe

4 Die Basis normativer Gründe
4.1 Möglichkeiten für die Basis normativer Gründe
4.2 Evaluative oder natürliche Eigenschaften als Basis

5 Ist der „Buck-Passing“ Ansatz zu retten?

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In Zeiten in denen von Werteverfall, Wertewandel und neuen Werten gesprochen wird; Es eine Vielzahl unterschiedlichster aber für sich gültiger Wertmaßstäbe und Wertesysteme gibt; In denen jedes Individuum frei ist, seine Wertmaßstäbe selbst zu wählen, danach zu handeln, oder sie wieder zu verwerfen, scheint es eigenartig, dass eine Theorie der Werte noch nicht gefunden wurde.

Umweltschutz, Meinungsfreiheit, Demokratie, Menschenwürde sind Werte die erst im letzten Jahrhundert als solche Bedeutung gewonnen haben. Gold hingegen ist schon seit Jahrtausenden ein anerkannter Wert, während Arbeit als solche noch nicht lange als wertvoll gilt, die Griechen der Antike hatten es beispielsweise nur als notwendiges Übel angesehen. Auf der theoretischen Ebene scheinen diese Dinge auf den ersten Blick allerdings nicht allzuviel gemein zu haben: Gold ist ein Edelmetall, ein konkretes Objekt, dessen Wert darin liegt es zu besitzen, während Meinungsfreiheit ein Recht darstellt, das erstritten, befördert und erhalten werden muss, und gleichzeitig eine notwendige Vorraussetzung und damit ein Mittel ist, eine demokratische Ordnung zu schaffen, deren Wert wiederum vor allem darin liegt, dass in ihr Werte wie die persönliche Freiheit, besonders gut erhalten werden können. Arbeit hingegen ist eine Handlung, die das Mittel zum Zweck schlechthin darstellt, was aber kann dann an Arbeit als solcher wertvoll sein, wenn sie doch immer nur als Mittel dient?

Im angelsächsischen Raum wurde in den letzten Jahren der Versuch gemacht, eine allgemeine Theorie und damit eine Definition für das zu finden, was wir das „Gute“ oder den „Wert“ zu nennen pflegen. Meist mit Rekurs auf George Edward Moores „Principia Ethica“1 beschäftigten sich die Philosophen damit, die Möglichkeiten einer allgemeinen Werttheorien zu gründen und zu diskutieren. Die entstandenen Theorien sind dabei allerdings sehr unterschiedlich.

Im deutschsprachigen Raum hat sich jüngst Gerhard Schönrich der Aufgabe gestellt, diese Heterogenität der Werttheorien zu ordnen und zu systematisieren, dabei ist ein Analyseschema entstanden,2 das unterschiedliche Ansätze zulässt, diese aber leichter vergleichbar macht, und bekannte und nocht nicht behandelte Probleme verdeutlicht.

Da Werte intuitiv weder kategorisch als gültig, aber auch nicht als hochgradig subjektiv angesehen werden, spielt die Bestimmung der genauen Bedingungen unter denen etwas als Wert gilt eine besondere Rolle bei der Suche nach einer allgemeinen Werttheorie. Als einfachste Möglichkeit bietet sich dazu an, Wertmaßstäbe zu entwickeln, die auf mehr oder weniger vielen oder nur einem finalen Wert fußen, und alle anderen Werte daran zu messen, inwiefern sie die finalen Werte befördern. Solche finalen Werte könnten etwa der „gute Wille“ Kants sein, oder das „Glück“ der Hedonisten. Selbst wenn festgelegt werden kann, was als finaler Wert geeignet ist und was nicht. Einen solchen Wertmaßstab zu haben ist sicher ein sinnvolles Instrument, es löst allerdings nicht das eigentliche Problem, denn angesichts des Wertpluralismus wird deutlich, dass ein Wertmaßstab nicht ohne Begründung hingenommen werden kann. Die Frage danach was das „Glück“ bzw. den „guten Willen“ so wertvoll macht, dass sie als Bedingung für das Wertsein von etwas fungieren können, bleibt noch unbeantwortet.

Eine allgemeine Werttheorie muss also zwingend eine sinnvolle Definition für finale Werte liefern. Instrumentelle Werte könnten dann in den Begriffen dieser Theorie bestimmt werden.3

Als eine der vielversprechendsten Ansätze für eine zukünftige allgemeine Werttheorie kann die sogenannte „Fitting-Attitudes“ Analyse gelten,4 darin wird ein Wert definiert als etwas, das als angemessenes (fitting) Objekt einer Wertschätzung gilt. Ein Vertreter dieser Analyse ist Thomas Scanlon, der mit seinem „Buck-Passing“ Ansatz einen vielversprechenden Versuch gemacht hat, der „Fitting-Attitudes“ Analyse zum Durchbruch zu verhelfen. Für Scanlon ist etwas dann wertvoll, wenn wir gute Gründe für eine positive Einstellung (Pro- Einstellung) diesem gegenüber haben, und davon ausgehen, dass auch andere diese Gründe teilen.5 In diesem Fall bedeutet die Analyse der Angemessenheit der Wertschätzung also, herauszufinden welche Gründe die Guten sind, die als Kriterium für das Wertsein von etwas fungieren können. Wie diese Gründe beschaffen sein müssten und welche Probleme dabei entstehen ist das Thema dieser Arbeit. Um das Problem besser zu verstehen, werden zunächst einige andere Möglichkeiten vorgestellt, und erläutert warum sich diese weniger für die Grundlage einer allgemeinen Werttheorie eignen.

2 Problemaufriss

Dass die „Fitting-Attitudes“ Analyse eine der vielversprechendsten Möglichkeiten ist, zeigt sich auch in dem von Gerhard Schönrich entwickelten Analyseschema und der daraus hervorgegangenen Arbeitsdefinition, die die unterschiedlichen Möglichkeiten einer solchen Analyse zeigt:

„x gilt als Wert gdw. S unter geeigneten Umständen U [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (mit Inhalt x) haben würde, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] eine Pro-Einstellung ist, [und] es angemessen ist, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] mit dem Inhalt x zu haben.“6

Das Hauptproblem dieser Definition für Wert liegt darin wie die Angemessenheit der Pro- Einstellung festgestellt werden kann.

2.1 Wertschätzer, Umstände und Pro-Einstellungen

Die erste Intuition, die Angemessenheit einer Pro-Einstellung zu beurteilen, ist die, dass das Wertsein von x mit bestimmten Eigenschaften von x verbunden sein sollte. Dies bietet die Möglichkeit einer sehr objektiven Theorie, da die Wertschätzung damit vollständig unabhängig von den Wertschätzern selbst ist. Auch bei genauerem hinsehen scheint diese Variante noch durchaus möglich, sind doch Gegenstände, die selten oder einzigartig sind, oder solche Eigenschaften haben, potenziell wertvoller als solche, die in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Problematisch wird diese Ansicht allerdings, wenn es um abstrakte Gegenstände, wie Freiheit, Demokratie oder Menschenwürde geht. Deren Komplexität steht einer Reduktion auf mehr oder weniger viele Eigenschaften, die deren Wert begründen, entgegen.

Es gibt aber noch zahlreiche Möglichkeiten wie diese Analyse der angemessenen Pro- Einstellung gelöst werden könnte. Es stellt sich beispielsweise die Frage was für die Wertschätzer S einzusetzen ist? Sind dies Individuen, eine Gemeinschaft von Menschen, einzelne Autoritäten? Und unter welchen Umständen kann eine Wertschätzung gelingen, welche Kriterien müssen hier angesetzt werden? Und was ist eine Pro-Einstellung?

Jede Antwort auf diese Fragen birgt eine eigene Möglichkeit auf das Problem der Angemessenheit zu reagieren: Es könnten beispielsweise Kriterien für die idealen Umstände der Wertschätzung aufgestellt werden um die Angemessenheit einer Wertschätzung zu bestimmen, oder man macht die Angemessenheit von einer idealen Wertschätzergemeinschaft abhängig.

Hier soll vor allem untersucht werden, ob es als Angemessenheitskriterium ausreichend ist, dass wir im Sinne der Buck-Passing Auffassung gute Gründe für die Wertschätzung haben.

Die Begriffe sollten vorher jedoch trotzdem geklärt werden: Als Pro-Einstellung sollen alle Einstellungen gelten, die in irgendeiner Form „auf die Förderung oder Bewahrung von x abzielen“ und über eine – zumindest schwache – kognitive Basis verfügen.7 Was unter „geeigneten Umständen“ zu verstehen ist, kann besser negativ bestimmt werden, als Situationen, die keine Ausnahme-, Krisen- oder Extremsituationen darstellen.8

Wer oder was als Wertschätzer fungieren kann, ist für das Thema dieser Arbeit mehr oder weniger unerheblich, nichtsdestotrotz gibt es für die Definition der wertschätzenden Subjekte einige interessante Optionen. Für diese Arbeit werden vorläufig nur zwei intuitiv vernünftige Grundannahmen gemacht. Erstens werden Einzelsubjekte nicht als Wertschätzer anerkannt, um einem vollständigen Wertrelativismus vorzubeugen, und zweitens wird davon ausgegangen, dass die Subjekte gewisse Vorraussetzungen erfüllen müssen, so sollen Kinder oder geistig Kranke beispielsweise ausgeschlossen werden, in dem davon ausgegangen wird, dass die Wertschätzer im allgemeinen vernüftige Subjekte sind. Wie genau dieses „Vernüftige“ beschaffen sein sollte, muss an anderer Stelle bestimmt werden.9

2.2 Träger von Werten

Von den typischerweise genannten Möglichkeiten, die für x eingesetzt werden können, wie konkrete Dinge, Eigenschaften, Tatsachen oder Sachverhalten10, scheint die letzte Option die Vielversprechendste zu sein, nicht zuletzt deshalb, weil alle anderen Optionen auf Sachverhalte reduziert werden können: Sagt jemand beispielsweise er präferiere einen Apfel oder ein Stück Schokolade, so ist es tatsächlich der Sachverhalt, den Apfel oder die Schokolade zu essen, oder zu schmecken, die tatsächlich verlangt wird. Auch die Phänomene Liebe oder Hass gegenüber bestimmten konkreten Objekten können auf Sachverhalte zurückgeführt werden.11 Wobei hier die Frage ist, ob Liebe oder andere Gefühle adequate Pro-Einstellungen gegenüber einem Wert sind, oder nicht besser Einstellungen mit stärkerer kognitiver Basis gewählt werden sollten.12

Für Eigenschaften als Träger des Wertes spricht zunächst die grundsätzliche Intuition, dass die Basis für unsere Wertschätzung gegenüber einem Objekt, nicht das Objekt selbst sondern eine oder mehrere seiner Eigenschaften ist. Wir präferieren einen Apfel nur insofern er süß ist, hat er diese Eigenschaft nicht sondern gar die Eigenschaft sauer zu sein, wird er wertlos. Das Wertvollsein selbst ist allerdings keine natürliche Eigenschaft, sondern steht in einer Abhängigkeitsbeziehung zu den natürlichen Eigenschaften: Die Eigenschaft wertvoll zu sein superverniert auf den Eigenschaften des wertvollen Objekts.13 Die Frage ist ob ein Objekt wertvoll ist weil es bestimmte natürliche Eigenschaften hat, oder ob die natürlichen Eigenschaften uns Gründe geben, das Objekt in einer bestimmten Art und Weise wertzuschätzen („Buck-Passing“).

Die erste Option hätte den Vorteil, dass wir nur die wertvoll-machenden Eigenschaften zu identifizieren brauchen, um in Erfahrung zu bringen was ein Wert ist. Dafür gibt es durchaus ausichtsreiche Kandidaten (wie beispielsweise Seltenheit), die zunächst so scheinen als würden sie Objekte stets wertvoll machen. Allerdings gibt es potenziell unendlich viele Eigenschaften, die nur unter bestimmten Bedingungen ein Objekt wertvoll machen: So ist die Schwere und Langlebigkeit von Gold ein Grund für den Wert des Goldes, die Leichtigkeit des Aluminiums allerdings ein Grund für dessen Wert. Die Eigenschaft wertvoll zu sein, scheint also auf so zahlreichen unterschiedlichen anderen Eigenschaften supervenieren zu können, dass eine Analyse mühsam, wenn nicht sogar unmöglich scheint. Suchen wir angesichts dieser Schwierigkeiten die Gründe für die Wertschätzung in der Eigenschaft des Wertvollseins, dreht sich unsere Begründung im Kreis: Dass wir etwas wertschätzen, weil es wertvoll ist, ist tautologisch, und lässt kaum weitere Optionen offen.14

[...]


1 Moore (1996).

2 Vgl. Schönrich (2008), S. 104.

3 Was genau ein finaler Wert ist, scheint immer noch nicht vollständig geklärt, einen der Vielversprechendsten Ansätze stammt von Rabinowicz und Rønnow-Rasmussen, die finale Werte definieren als Werte, die um ihrer selbst willen („for there own sake“) wertgeschätzt werden, vgl. Rabinowicz; Rønnow-Rasmussen (2005): Distinction.

4 Vgl. Rabinowicz; Rønnow-Rasmussen (2004), S. 396, dort findet sich auch ein kurzer Abriss über die Geschichte dieser Auffassung.

5 Vgl. Scanlon (1999), S. 95.

6 Schönrich (2008), S. 117.

7 Schönrich (2008), S. 116. Prinzipiell werden in diesem Text die Termini „Pro-Einstellung“ und „Wertschätzung“ aus stilistischen Gründen synonym verwendet. Das entsprechende gilt für die Verben „wertschätzen“ und „eine Pro-Einstellung haben“.

8 Vgl. ebd., S. 114f.

9 Vgl. ebd., S. 113.

10 Vgl. Lemos (2005), S. 181.

11 Vgl. ebd., S. 189f.

12 Vgl. Schönrich (2008), S. 106.

13 Zur Supervenienzbeziehung siehe Scanlon (1999), S. 87ff. und Schönrich (2008), S. 106f.

14 Vgl. Schönrich (2008), S. 107.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kleine Verteidigung des „Buck-Passing“ Ansatzes in einer Analyse der Angemessenheit von Wertschätzungen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophiesches Institut)
Veranstaltung
Werte - Theorien und Begriffsanalysen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V151212
ISBN (eBook)
9783640627530
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theoretische Philosophie, Werte, Werttheorie, Buck Passing
Arbeit zitieren
Emanuel Goscinski (Autor), 2007, Kleine Verteidigung des „Buck-Passing“ Ansatzes in einer Analyse der Angemessenheit von Wertschätzungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151212

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