Ende des 18. Jhs. unternahm Jeremy Bentham den Versuch, aus der Ethik eine exakte Wissenschaft zu machen. Er wollte damit der auf Tradition, Verkündigung oder Intuition basierenden Moral eine gesicherte Grundlage verschaffen und sie damit auch entsprechend korrigieren. Er gründete das moralische Handeln auf das Prinzip der Nützlichkeit (Utility). “Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and pleasure. It is for them alone to point out what we ought to do, as well as to determine what we shall do. On the one hand the standard of right and wrong, on the other the chain of causes and effects are fastened to their throne. … The principle of utility recognizes this subjection,…”
Von diesem Ansatz her beurteilt der Utilitarist “Handlungen, Normen und Institutionen”.
Ist eine Handlung moralisch richtig, so hat sie zur Folge, dass Freude oder Lust vermehrt und Leiden oder Schmerz verhindert werden. “By the principle of utility is meant that principle which approves or disapproves of every action whatsoever, according to the tendency which it appears to have to augment or diminish the happiness of the party whose interest is in question…”
An diesen Grundsatz knüpft Bentham eine Zielbestimmung an: “It is the happiness of the greatest number that is the measure of right and wrong.” Was die Handlungen der Menschen bestimmt, ist zugleich das Erstrebenswerte. “Im Kern der Theorie werden eine deskriptiv-anthropologische und eine normativ-ethische These verbunden.”
Inhaltsverzeichnis
1. Der Utilitarismus
1.1 Benthams Prinzip des Utilitarismus
1.1.1 Benthams Glückskalkül
1.2 John Stuart Mill: Qualität des Glücks und sozialer Zusammenhang
1.3 Sidgwick: Utilitarismus vereint mit “common sense morality”
1.4 Weitere Entwicklungen des Utilitarismus
1.4.1 Der Begriff “Glück”
1.4.2 Das Gerechtigkeitsproblem
1.4.3 Der Regel-Utilitarismus
1.5 Wirkungsgeschichte des Utilitarismus
1.6 Bedeutung für die Gegenwart
2. Finanzmärkte und Finanzkrise
2.1 Bedeutung der und Innovationen an den Finanzmärkten
2.2 Kreditmarkt: viel Neues und keine Haftung
2.2.1 Sub-Prime Hypotheken
2.2.2 Verbriefen und irreführen: Collateralized Debt Obligations
2.2.3 Rating und mathematische Methoden unzuverlässig
2.2.4 Beispiel CDO-Handel
2.2.5 Investitionen in CDOs: Leverage und Risikofreude
2.2.6 Zweckgesellschaften als Risiko-Verstecke
2.3 Grobe Skizze der Finanzkrise
2.3.1 Die “Hypo Real Estate” als Beispiel für Spekulation und staatliche Hilfe
2.4 Gigantische Staatshilfen und Folgen für die Realwirtschaft
3. Utilitarismus liefert Ansätze zur Bewertung und Lösungshinweise
3.1 Systemfehler und Akteure
3.2 Utilitarismus als Vorwand oder Hoffnung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die globale Finanzkrise aus der ethischen Perspektive des Utilitarismus, um zu bewerten, ob utilitaristische Prinzipien als Erklärungsmodell für das Scheitern sowie als Wegweiser für notwendige Reformen dienen können.
- Historische und theoretische Grundlagen des Utilitarismus nach Bentham und Mill.
- Analyse der Mechanismen der Finanzkrise (Sub-Prime, CDOs, Zweckgesellschaften).
- Kritische Beleuchtung der Rolle staatlicher Interventionen und Systemfehler.
- Gegenüberstellung von utilitaristischen Idealen und der ökonomischen Realität.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Sub-Prime Hypotheken
Ein politischer Anstoß änderte das in den USA: Die Clinton-Regierung wollte die Verwahrlosung von Wohnbezirken stoppen und benachteiligten Bevölkerungsschichten die Aufnahme von Hypotheken ermöglichen. (Community Reinvestment Act).
Viele, z.T. neue Hypothekenfirmen brachten nun mit Drückermethoden Hypotheken unter die vorher Unterprivilegierten, die auch ungünstige Bedingungen akzeptieren mussten, weil sie anderswo nicht bedient wurden. “Klar macht die Studie [des Center for Responsible Lending] zudem, dass nicht einfach die finanzielle Unzulänglichkeit der Schuldner für das sich anbahnende Desaster verantwortlich gemacht werden konnte, sondern die höchst kreative Produktgestaltung und die intensiven Marketing-Aktivitäten der Anbieter .”20
Zur Produktgestaltung gehörte auch eine Belastung der Immobilie von über 100% mit “cash-back” d.h. Bargeld, das der Hypotheken-Nehmer für sonstige Konsumzwecke verwenden konnte. Verlockend waren auch Hypotheken, die zunächst nicht oder nur gering bedient werden mussten, deren Zinsen aber später stark anstiegen. Auf Bonitäts-Prüfung verzichteten die Hypotheken-Geber weitgehend. Alles basierte auf der Hoffnung auf weiterhin steigende Wohnimmobilienpreise. Die Sicherheit sollte die Wertsteigerung des beliehenen Objekts bieten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Utilitarismus: Das Kapitel erläutert die Grundlagen der utilitaristischen Ethik von Bentham bis hin zu modernen Varianten wie dem Regel-Utilitarismus.
2. Finanzmärkte und Finanzkrise: Hier werden die Ursachen der Finanzkrise, insbesondere komplexe Finanzinstrumente und riskantes Spekulationsverhalten, detailliert dargelegt.
3. Utilitarismus liefert Ansätze zur Bewertung und Lösungshinweise: Dieses Kapitel verknüpft die ethischen Prinzipien mit der Finanzmarktkrise und diskutiert den Bedarf an neuen Regeln und einem Wertewandel.
Schlüsselwörter
Utilitarismus, Finanzkrise, Bentham, Mill, Sub-Prime Hypotheken, CDOs, Systemfehler, Ethik, Gemeinwohl, Staatshilfen, Finanzmärkte, Risikofreude, Kapitalismus, Regulierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und den Verlauf der globalen Finanzkrise aus der Perspektive utilitaristischer Ethik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Neben der theoretischen Herleitung des Utilitarismus stehen die ökonomischen Ursachen der Krise, wie Verbriefungspraktiken und regulatorische Mängel, im Fokus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das gesellschaftskritische Potenzial des Utilitarismus auf die Finanzwelt anzuwenden und aufzuzeigen, wo moralisches Handeln durch ökonomische Fehlanreize verdrängt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptive und normativ-ethische Analyse durchgeführt, die philosophische Theorien auf aktuelle wirtschaftliche Ereignisse überträgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den Utilitarismus, eine Analyse der Mechanismen des Kreditmarktes während der Krise und die Bewertung durch den Autor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Utilitarismus, Finanzkrise, Systemfehler, Gemeinwohl und ethische Verantwortung.
Wie bewertet der Utilitarismus das Verhalten der Banken?
Das Verhalten wird aufgrund der fehlenden Abwägung von Folgen für das Gesamtwohl und der gefährlichen Risikofreude als kritisch eingestuft.
Welche Rolle spielen staatliche Hilfen laut der Autorin?
Staatliche Hilfen werden als notwendige Reaktion auf Systemrelevanz gesehen, wobei die Autorin die moralische Problematik der Kostenverteilung betont.
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- Maria Rocío Gall (Author), 2010, Die Finanzkrise unter dem Blickwinkel des Utilitarismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151230