Niemand „will“ Abtreibung, darin sind sich alle einig. Kontrovers ist aber, wie Staat und Gesellschaft, Kirche und Ethik damit umgehen sollen. Inwiefern kommt dem Embryo Menschen- bzw. Personwürde zu (Karin Ulrich-Eschemann)? Was bedeutet Abtreibung im Hinblick auf das „natürliche Leben“ (Bonhoeffer) und welche Aufgaben hat der Staat und die Gesellschaft in Bezug auf die Schwangere und das Ungeborene? Schließlich: Wie antwortet eine kirchliche Ethik – eine „Ethik der Geschöpflichkeit“ (Marco Hofheinz) – aus ökumenischer Perspektive auf die Frage nach dem uneingeschränkten Schutz des menschlichen Lebens (Wolfgang Lienemann)? — „Es wird der kirchlich-theologische Diskurs in seinen Grundlinien nachgezeichnet und kritisch auf die Punkte gebracht, an denen das Urteilen einsetzen muss. Es wird zugleich mittels einschlägiger Literatur der gesellschaftliche Kontext in den Blick gerückt, innerhalb dessen sich dieser Diskurs bewegt. Letzteres geschieht u.a. durch den Bezug auf die Arbeit von Boltanski, was sich als sehr erhellend erweist, zumal der Verfasser es versteht, die Pointe dieser Arbeit für seine eigene Urteilsbildung fruchtbar zu machen.“ (Professor Hans G. Ulrich in der Beurteilung der Arbeit)
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Bekenntnis zum Leben – Das Abtreibungsproblem zwischen Kirche und Gesellschaft
1. Zum moralischen Status des Ungeborenen
1.1 Vom Anfang menschlichen Lebens
1.2 Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde
1.3 Der ungeborene Mensch als Person?
1.4 Ergebnis
2. Die schwangere Frau zwischen gesellschaftlicher Hilfestellung und Abtreibung
2.1 Das Natürliche der Schwangerschaft
2.2 Das Unnatürliche der Abtreibung
2.3 Menschenwürde als positives Menschenrecht? – Zur rechtlichen Lage in der Bundesrepublik Deutschland
2.4 Fazit: Vorbeugende Maßnahmen
2.4.1 Gesetzliche Regelung
2.4.2 Staatliche und kirchliche Solidarität
3. Kirchliche Ethik und Abtreibung
3.1 Eine kirchliche Ethik
3.1.1 Eine Ethik der Geschöpflichkeit
3.1.2 Geschöpflichkeit und „Sein in Christo“
3.1.3 Geschöpfliches Leben als Befreiung zum Leben
3.2 Kirchliche Ethik als einladende und beratende Ethik
3.3 Ein neues Bekenntnis?
C. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht das Abtreibungsproblem im Spannungsfeld zwischen christlicher Ethik und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, mit dem Ziel, die Schutzwürdigkeit ungeborenen Lebens theologisch zu begründen und ein solidarisches Handeln der Kirche zu fordern, das über rein formale Beratungskonflikte hinausgeht.
- Der moralische Status des ungeborenen Lebens und die Frage der Personwerdung.
- Die Spannung zwischen der „Natürlichkeit“ der Schwangerschaft und der heutigen Abtreibungspraxis.
- Die kritische Analyse der rechtlichen Lage und des Menschenwürdebegriffs in Deutschland.
- Die Rolle der Kirche als solidarische Gemeinschaft statt bloßer Erbringerin staatlicher Beratungsleistungen.
- Die Notwendigkeit eines „Bekenntnisses“ zum Lebensschutz in einer modernen Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
1. Zum moralischen Status des Ungeborenen
Während Abtreibung unter Christen prinzipiell abgelehnt wurde, übernahmen Theologen ab der Spätantike die aus der aristotelischen Philosophie stammende Unterscheidung von beseelter (foetus animatus) und unbeseelter (foetus inanimatus) Leibesfrucht.21 Danach galt der männliche Embryo ab dem 40. Tag, der weibliche ab dem 90. Tag nach der Empfängnis als beseelt. So vermutete Augustin, dass menschliches Leben erst mit der Beseelung, also nach einer gewissen Entwicklung des Embryo beginne.22 Die Theorie der Beseelung (animatio foetus) setzte sich schließlich bis ins römische Kirchenrecht, dem Corpus Iuris Canonici durch, das im Mittelalter allmählich entstand. Bei der Beurteilung einer Abtreibung wurde dann entsprechend unterschieden.
Erst im Jahre 1869 schaffte Papst Pius IX. aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Werden menschlichen Lebens diese Unterscheidung endgültig ab.24 Seitdem wird vom römisch-katholischen Lehramt die Einstiftung der Geistseele durch Gott bei der Zeugung vertreten.25 Das ist deckungsgleich mit der Auffassung der orthodoxen Kirche, die der von den griechischen Kirchenvätern überlieferten Ganzheitlichkeit von Körper und Seele Rechnung trägt.26 Doch bis heute ist der Status des Embryos in Philosophie und Theologie umstritten. Die Frage, „ab wann“ die Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens „beginnt“, wird angesichts der Möglichkeiten der modernen Biotechnik neu gestellt. Es wird gefragt, ob in der Entwicklung vorgeburtlichen Lebens Einschnitte festgestellt werden können, die für seinen moralischen Status relevant sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zum moralischen Status des Ungeborenen: Dieses Kapitel analysiert die historische und theologische Entwicklung der Bewertung des ungeborenen Lebens sowie den umstrittenen Personbegriff.
2. Die schwangere Frau zwischen gesellschaftlicher Hilfestellung und Abtreibung: Hier wird das Verhältnis von Schwangerschaft, natürlicher Lebensgestaltung und staatlichen sowie gesellschaftlichen Zwängen zur Abtreibung untersucht.
3. Kirchliche Ethik und Abtreibung: Dieses Kapitel erörtert die Möglichkeiten einer spezifisch kirchlichen Ethik, die sich nicht in staatlichen Kompromissen verliert, sondern das Leben aktiv schützt und berät.
C. Ergebnisse: Die Schlussbetrachtung fasst die Notwendigkeit eines klaren Bekenntnisses zum Lebensschutz zusammen und fordert ein ökumenisches Umdenken im kirchlichen Handeln.
Schlüsselwörter
Abtreibung, Ethik, Menschenwürde, Ungeborenes Leben, Christliche Ethik, Lebensschutz, Schwangerschaftskonflikt, Personstatus, Geschöpflichkeit, Kirchenrecht, Solidarität, Bioethik, Bekenntnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die ethische und theologische Problematik des Schwangerschaftsabbruchs im heutigen gesellschaftlichen und rechtlichen Kontext der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der moralische Status des ungeborenen Lebens, das Verständnis von Menschenwürde, die Kritik an aktuellen gesetzlichen Regelungen sowie das geforderte Bekenntnis der Kirche zu einem konsequenten Lebensschutz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, eine theologische Neubewertung des Lebensschutzes vorzunehmen und aufzuzeigen, wie die Kirche eine glaubwürdige, solidarische und nicht-kompromisslerische Haltung zur Abtreibung einnehmen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen theologisch-ethischen Ansatz unter Einbeziehung philosophischer Argumente sowie die Analyse aktueller Gesetze, kirchlicher Stellungnahmen und soziologischer Perspektiven.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Bereiche: den moralischen Status des Embryos, die Rolle der Frau und Gesellschaft im Schwangerschaftskonflikt sowie die Grundlegung einer kirchlichen Ethik der Geschöpflichkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Menschenwürde, Personsein, Geschöpflichkeit, Lebensschutz und kirchliche Solidarität.
Warum ist die „Schwangerschaftskonfliktberatung“ für die Kirche ein Problem?
Die Autorin kritisiert, dass durch die gesetzliche Vorgabe der Ergebnisoffenheit und die Ausstellung des Beratungsscheins die Kirche Gefahr läuft, sich an einer Praxis zu beteiligen, die dem Ziel des Lebensschutzes widerspricht.
Welche Rolle spielt die Kunst von Isgard Peter für die Arbeit?
Die Zeichnung „Der Kindermord des Herodes“ dient der Autorin als bildsprachliche Reflexion, um die verdeckte Gewalt der Abtreibung sichtbar zu machen und die heutige Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren.
- Citar trabajo
- Christof Viktor Meißner (Autor), 2010, Bekenntnis zum Leben – Das Abtreibungsproblem zwischen Kirche und Gesellschaft, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151234