Biologische Theorien affektiver Störungen: Neurochemie und Neuroendokrinologie.


Referat (Ausarbeitung), 2005

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung.

2 Affektive Störungen als Folge von neurochemischen Besonderheiten
2.1 Die klassische Monoaminmangelhypothese
2.2 Rezeptor-Sensitivitäts-Hypothesen
2.3 Die cholinerg-aminerge Inbalance-Hypothese.
2.4 „second-messenger“-Mechanismen
2.5 Zusammenfassung.

3 Affektive Störungen als Folge von Fehlregulationen in diversen Hormonsystemen: Neuroendokrinologie
3.1 Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse
3.2 Hypothalamus- Hypophysen- Schilddrüsen- Achse

4 Kritik biologischer Erklärungsansätze affektiver Störungen

1 Einleitung

Es existieren eine Reihe von psychologischen Theorien, die versuchen, die Ursachen affektiver Erkrankungen zu erklären. Jedoch gibt es neben diesem Bereich, der psychoanalyti- sche, kognitive sowie interpersonale Theorien umfasst, das Feld der biologischen Erklärungs- ansätze.

Biologische Prozesse können die Stimmungslage von Personen erheblich beeinflussen. Es ist nachvollziehbar, dass z. B. der gesundheitlich bedingte Verzicht auf Genussmittel oder der krankheitsbedingte Verzicht auf geliebte Aktivitäten negative Rückwirkungen auf die affektive Lage von Personen haben kann. Die Suche nach biologischen Ursachen in der Forschung hat klar belegt, dass bei ernsthaften affektiven Erkrankungen biochemische und physiologische Veränderungen zu finden sind. Neben der Identifikation von genetischen Faktoren fielen dabei besonders neurochemische und neuroendokrinologische Besonderheiten auf, die in dieser Ausarbeitung im Mittelpunkt stehen sollen. Nach einer Zusammenfassung der klassischen neurochemischen Neurotransmittermangeltheorien, deren Weiterentwick- lungen und alternativen Erklärungen soll auf zwei relevante neuroendokrinologische Systeme, die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und die Hypothalamus-Hypo- physen-Schilddrüsen-Achse eingegangen werden.

2 Affektive Störungen als Folge von neurochemischen Besonderheiten

Seit den 50er Jahren führten Entdeckungen bezüglich der Wirkungsweise bestimmter Substanzen zur Entwicklung biologischer Theorien affektiver Erkrankungen. Zu diesen Substanzen gehört das Mitte der 50er Jahre als wirkungsvoller Blutdrucksenker eingeführte Medikament Reserpin. Es stellte sich bald heraus, dass diese Substanz erhebliche Einflüsse auf Stimmung und Antrieb der Patienten haben kann: bei 15% der Fälle traten, jedoch nur bei längerer Behandlung, schwere Depressionen als Nebenwirkung auf. Reserpin bewirkt in Neuronen die Freisetzung von Monoamintransmittern aus den Versikeln, jedoch nicht in den synaptischen Spalt, sondern ins Zytoplasma, wo sie rasch abgebaut werden. Die Einnahme von Reserpin führt also zu einer verringerten Verfügbarkeit von Transmittern für die synapti- sche Übertragung.

Eine weitere Substanzgruppe, die in die Aufmerksamkeit der Forschung rückte, sind die so genannten Monoaminooxidase-Hemmer (im folgenden MAO-Hemmer genannt). Eine Reihe von Studien zu solchen Medikamenten, die das Enzym Monoaminooxidase hemmen, belegten deren antidepressive Wirkung. Das Enzym Monoaminooxidase ist für den Abbau von Monoaminen zuständig, zu denen auch eine Reihe von Neurotransmittern wie z. B. Noradrenalin, Serotonin und Dopamin gezählt werden. Somit führt die Hemmung des Abbau- enzyms zu erhöhter Verfügbarkeit von bestimmten Neurotransmittern (Berger, 1999).

Auch die geklärte antidepressive Wirkung von Trizyklika führte zur Formulierung erster Theorien bezüglich der Entstehung affektiver Störungen. Die Hemmung der (prä-)synaptischen Wiederaufnahme freigesetzter Amine bewirkt eine Erhöhung der verfüg- baren Mengen dieser Substanzen in den Synapsen (Hautzinger, 1997).

Aufgrund dieser Befunde wurde von Bunney, Davis sowie von Schildkraut (1965) die Katecholaminmangelhypothese depressiver Störungen vorgeschlagen. Diese erste Theorie besagt, dass zumindest einige Formen der Depression mit einem relativen oder absoluten Mangel von Katecholaminen, speziell Noradrenalin einhergehen; entsprechend sollte Über- schuss dieser Stoffe mit gehobener Stimmung verbunden sein (Köhler, 1999).

2.1 Die klassische Monoaminmangelhypothese

Relativ früh wurde jedoch diese frühe Theorie um einen weiteren Neurotransmitter, das Serotonin erweitert. In diesen Monoaminmangelhypothesen (u. a. Coppen, 1967) wird sowohl der Mangel von Noradrenalin als auch von Serotonin als Grundlage depressiver Symptomatik gesehen (Köhler, 1999).

Die Hinzunahme des Serotonins in die bisherigen Theorien war durchaus plausibel, denn eine Reihe von Befunde deuteten auf eine Mitwirkung ebendieses Neurotransmitters bei affektiven Erkrankungen hin. So fand sich z. B. in einigen Hirnregionen von Suizidopfern ein reduzierter Serotoningehalt. Außerdem wurde eine verminderte Konzentration des Serotonin- Abbauprodukts 5-HIAA im Liquor Depressiver nachgewiesen (Davison, Neale & Hautzinger, 2002).

Trotz der genannten Befunde, die die Beteiligung zentralnervöser neurochemischer Vorgänge bei affektiven Erkrankungen klar belegen, lassen die frühen Mangeltheorien einige Fragen unbeantwortet. Zum einen herrscht Unklarheit darüber, wo die Grundlage des Mono- aminmangels zu suchen ist. Des weiteren lässt sich nach den vorliegenden Befunden depres- sive Symptomatik sowohl durch Förderung der Synthese, Verstärkung der Ausschüttung, Hemmung der Wiederaufnahme und Verhinderung des Abbaus positiv beeinflussen. Jedoch ist eher unwahrscheinlich, dass jeder einzelne dieser Prozesse gestört ist, naheliegender wäre die Annahme, dass ein Eingriff an einer der o. g. Stellen eventuell eine Fehlregulation andern- orts ausgleicht (Köhler, 1999). Zudem bleibt ungeklärt, ob die erwähnten Mangelerschei- nungen für sämtliche Formen der Depression Gültigkeit haben. Auch ist die relative Bedeu- tung von Noradrenalin- und Serotoninmangel, also der gegenseitige Bezug beider Systeme noch nicht geklärt (ebenda).

Neben den o. g. offenen Fragen weisen die klassischen Monoaminmangel-Hypothesen auch deutliche Defizite auf. Zum einen lässt sich durch sie nicht erklären, warum die depres- siogene Wirkung des Reserpins erst nach langzeitlicher Anwendung zu finden ist und dann auch nur bei max. 20% der Fälle. Warum zeigt sich dieser Effekt nicht schneller nach Gabe des Reserpins und nicht bei mehr Fällen? Zum anderen setzt die depressionslösende Wirkung von Antidepressiva erst nach einem Intervall von mindestens einer bis zwei Wochen ein, obwohl die pharmakologische Wirkung unmittelbar nach der Gabe der Medikamente nach- weisbar wird. Außerdem wirken auch „atypische Antidepressiva“, Substanzen die keinen Einfluss auf Noradrenalin und Serotonin nehmen (Berger, 1999).

Bei Untersuchungen zu diesem Zusammenhang stellt sich immer wieder das methodi- sche Problem, dass direkte Messungen der Neurotransmitterkonzentrationen im synaptischen Spalt nicht möglich sind. Jedoch führte die Möglichkeit, Rezeptoren zu untersuchen, zu einer Reihe von aufklärenden Befunden. Zum Beispiel wurde vielfach nachgewiesen, dass die akute Gabe von Antidepressiva die Konzentration biogener Amine im synaptischen Spalt erhöht, wobei die chronische Gabe die Anzahl und die Bindungskapazität bestimmter Rezeptoren vermindert. Dieser Vorgang der Down-Regulation genannt wird, wurde besonders bei den noradrenergen þ-Rezeptoren nachgewiesen. Die Beobachtung, dass die Zeit der Down-Regu- lation mit der Zeit bis zur Einsetzung der antidepressiven Wirksamkeit der Medikamente übereinstimmt, führte zu der Annahme, dass in der depressiven Phase eine Supersensitivität der þ-Rezeptoren entscheidend sei (Berger, 1999). Weitere Forschungsergebnisse belegten eine Erweiterung dieser Annahme um weitere Rezeptoren, insbesondere um Serotonin-Rezep- toren. Diese Befunde führten zur Formulierung von Rezeptor-Sensitivitäts-Hypothesen, auf die im folgenden näher eingegangen werden soll.

[...]

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Details

Titel
Biologische Theorien affektiver Störungen: Neurochemie und Neuroendokrinologie.
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Affektive Störungen: Symptomatik, Diagnostik, Ätiologie und Behandlung
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V151240
ISBN (eBook)
9783640628858
ISBN (Buch)
9783640628988
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Affektive Störungen, Depression, Neurochemie, Neuroendokrinologie
Arbeit zitieren
Matthias Becker (Autor), 2005, Biologische Theorien affektiver Störungen: Neurochemie und Neuroendokrinologie., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151240

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