Freie Wissensproduktion - Eine Alternative zur ökonomischen Verwertung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

Index

0 Einleitung

1 Definition des Wissensbegriffs

2 Das ökonomische Verwertungssystem
2.1 Wissen als Ware
2.2 Kritik

3 Utopie einer freien Wissensgesellschaft
3.1 Geburt der Idee aus dem Geist der Freien Software Bewegung
3.2 Copyleft - die GNU Public Licence (GPL)
3.3 Motivation der Teilnehmern
3.4 Erfolge und Grenzen freier Wissensproduktion
3.4.1 Ausdehnung auf materielle Produktion
3.5 Schlussfolgerung und Ausblick
3.5.1 Zusammenfassung
3.5.2 Kritik der utopischen Gesellschaftstheorie
3.5.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Zahlreiche Arbeiten beschäftigen sich mit der Ethik wirtschaftlicher Verwertungssysteme. Vielfach wird darin kritisiert, dass ökonomische Systeme zahlreiche Ungleichheiten, etwa bei der Verfügbarkeit von Einkommen und Vermögen produzieren.

Kapitalismusbefürworter argumentieren, dass diese Unterschiede auf die Natur des Menschen selbst zurückzuführen seien und daher nur die Realität der unterschiedlichen Leistungsbereitschaft beziehungsweise deren individuelle Produktivität widerspiegelten. Kritiker sprechen in Bezug auf die zunehmende Ungleichheit dagegen von einem selbst produzierten, systemimmanenten Phänomen. In der aktuellen Debatte zeigen sich die unterschiedlichen Ideologien in besonderem Maße am Zugang zu Wissen und Information. Häufig ist die Rede vom digital divide, der unterschiedlich großen Chance auf Zugang zu Wissen und den damit verbundenen Auswirkungen auf persönliche und soziale Lebensverhältnisse. Wie dieses Problem zu lösen sei, bzw. wie Wissen und der Zugang dazu gehandhabt werden soll ist heiß umstritten.

Die vorliegende Arbeit soll aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sich für eine Gesellschaft bieten mit Wissen umzugehen. Dabei soll der traditionelle Ansatz im Sinne des ökonomischen Verwertungssystems, jenem einer freien Wissensgesellschaft gegenübergestellt und die Auswirkungen und Beschränkungen beider Systeme für die weitere Wissensproduktion und Verteilung dargelegt werden. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem zweiten, weniger stark diskutieren System, welches den Blick auf die Utopie und die möglichen Implikationen einer freien Wissensproduktion wirft. Wie noch zu sehen sein wird spielen bei der Gegenüberstellung beider Möglichkeiten die Fragen „Wem gehört Wissen?“ und „Wer kann darüber verfügen?“ eine entscheidende Rolle.

1 Definition des Wissensbegriffs

„Wissen (althochdeutsch: wischan, gesehen haben) bezeichnet die Gesamtheit aller organisierten Informationen mitsamt ihrer wechselseitigen Zusammenhänge, auf deren Grundlage ein (vernunftbegabtes) System handeln kann.“ (Wikipedia) Epistemologisch ist Wissen ein begründeter wahrer Glaube und damit die Grundvoraussetzung zur Erlangung von Erkenntnis. Letztere wird dann gewonnen, „wenn erkannt wird, welche Relevanz die Einzelinformationen für die Lösung eines gegebenen Problems besitzen.“ (Wikipedia)

Ethisch stellt sich die Frage, ob das Recht auf Wissen als Voraussetzung zur Erlangung von Erkenntnis jedem Menschen zusteht oder ob es manchen unter bestimmten Bedingungen verwehrt werden darf. Letzteres wird etwa in Bezug auf die Verbreitung von gesellschaftsschädigendem Wissen (Wissen zur Waffenproduktion etc.) und zutiefst personenbezogenem Wissen (private Angelegenheiten) allgemein anerkannt. Umstritten ist dagegen ob, von den zuvor genannten Bereichen abgesehen, Wissen allgemein frei zur Verfügung stehen oder ob es dem Wissensproduzenten vorbehalten bleiben soll über dessen weitere Verwendung und damit über einen potentiellen Ausschluss bestimmter Personengruppen (z.B. abgestuft nach dem Einkommen) zu bestimmen.

Um näher auf die Frage eingehen zu können muss zunächst der Wissensbegriff weiter ausdifferenziert werden. Ob Wissen einen öffentlichen oder privaten Charakter aufweist, hängt zunächst davon ab, so es sich über Subjekte hinweg übertragen lässt. Erst die Möglichkeit der Übertragung von Informationen von einer Person auf eine andere wirft Überlegungen über eine Ethik des gesellschaftlichen Umgangs mit Wissen auf. Es soll daher festgehalten werden, dass der Begriff Wissen sich im Folgenden sich auf jene Form beschränkt, welche sich vom jeweiligen Produzenten extrapolieren und auf andere Subjekte übertragen, bzw. in Form eines Mediums kodifizieren, darstellen und speichern lässt. Tatsächlich trifft diese Form jedoch auf beinahe sämtliche Arten von Wissen zu. Berge von Büchern und Datenbanken geben nicht nur Aufschluss über natürliche Phänomene, sondern erlauben auch einen Einblick in komplizierte soziale Strukturen unzähliger Lebensweisen. Auch wenn bestimmtes Wissen schwer zu vermitteln ist und mitunter nur durch persönliche Erfahrung gewonnen werden kann, so kann dennoch der Weg zu dieser Erfahrung kodifiziert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Letzteres wird zudem durch die fortschreitende Digitalisierung und zunehmende Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien immer leichter und erfordert weder einen hohen Kapitalaufwand noch eine große Expertise. Nie in der Geschichte der Menschheit war es einfacher an sich kodifizierbares Wissen für die Allgemeinheit verfügbar zu machen. Wie ein kurzer Blick ins Internet beweist, sinkt damit aber gleichzeitig auch die Möglichkeit eine Veröffentlichung und Verbreitung von Wissen zu verhindern,. Dass eine Einschränkung jedoch notwendig und für die weitere Wissensproduktion dienlich ist, davon ist die erste der beiden Schulen, jene der Befürworter einer ökonomischen Wissensverwertung überzeugt. Diese soll im Folgenden dargestellt werden.

2 Das ökonomische Verwertungssystem

In den letzten Jahren wird vermehrt von einem Paradigmenwechsel gesprochen, weg von einer materialintensiven Wirtschaft, hin zu einer wissensbasierten Ökonomie. In der Tat, auch wenn Wissen in allen Gesellschaftsformen eine entscheidende Rolle gespielt haben muss und spielt, so scheint dessen Stellenwert in den heutigen modernen Gesellschaften in der Tat bedeutend gestiegen zu sein. Um dem internationalen Preiswettbewerb zu entgehen investieren Firmen verstärkt in Innovation und produzieren zunehmend wissensbasierte Spezialprodukte. Der Anteil materieller Ressourcen am Produktionsprozess geht beständig zurück. Der Dienstleistungssektor stellt in den meisten „Industrieländern“ über 70 Prozent der gesamten Gütermenge dar. Die zunehmende Wissensorientierung zeigt auch ein Vergleich von Unternehmen in Bezug auf Buch- und Marktwert. Hielten sich beide Werte zu Beginn der 80er Jahre noch die Waage, so überstieg im Jahr 2000 der durchschnittliche Marktwert den Buchwert bereits um das sechsfache (Lermusiaux 2003). Firmen wie Microsoft, deren Wert sich nahezu ausschließlich am Wert des Wissens ihrer Mitarbeiter orientiert, werden bereits höher gehandelt als klassische industrielle Produzenten wie General Motors, Ford oder Boeing (Business Week 1999). Der ökonomische Faktor Wissen lässt sich aber auch an Außenhandelsstatistiken ablesen. Jene der Vereinigten Staaten zeigt, dass sie bereits mehr Einnahmen durch die Erlöse aus Copyrights und Patenten erwirtschaften als mit irgendeinem anderen Gut, inklusive Waffen und Industriegütern (Klein 2002).

2.1 Wissen als Ware

War man vor Jahrzehnten noch damit beschäftigt vorwiegend materielle Güter zu produzieren, so verlagerte sich die Ökonomie in den letzten Jahrzehnten immer mehr auf die immaterielle Ebene. Die oben genannten Beispiele zeigen deutlich, wie stark sich dieser Prozess bereits vollzogen hat. Wissen dient nicht mehr nur als Motors für die betriebliche Forschung und Entwicklung, sondern wird verstärkt auch als Endprodukt in Form von Beratungsdiensten angeboten.

Nun setzt ein ökonomisches Verwertungssystem jedoch begrenzte Ressourcen voraus. Erst dadurch, dass ein Gut nicht in beliebiger Zahl zur Verfügung steht, lässt sich auf dem Markt ein entsprechender Preis erzielen, der die Leistungen des Produzenten entschädigt. Doch Wissen ist kein materielles Gut, welches sich wie andere private materielle Güter kaufen und verkaufen ließe. Es folgt vielmehr einer eigenen ökonomischen Logik. Die Erzeugung ist begrenzt und erfordert meist hohe Investitionsausgaben. Die Reproduktion und Verbreitung dagegen ist äußerst günstig. Ökonomisch gesprochen stellt Wissen in der Produktion ein extrem begrenztes, im Vertrieb jedoch ein nahezu öffentliches Gut dar, was dessen ökonomische Verwertung verkompliziert.

Um dennoch aus Wissen wirtschaftlichen Nutzen ziehen zu können ist es daher nötig, das öffentliche Gut Wissen zu „privatisieren“. Erst die eindeutige Klärung von Besitzverhältnissen und die durch Rechtssicherheit gewährleistete freie Verfügungsgewalt, erlaubt es Wissenseigentümer ihre immateriellen Ressourcen entsprechenden zu verwerten. Die Privatisierung immaterieller Güter vollzog sich vorwiegend durch entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen. Speziell erwähnt seien in dieser Hinsicht die in den letzten Jahren sukzessive verschärften Patentrechte und die vermehrte Verwendung von Lizenzverträgen. Beide Formen stellen die Weitergabe von Wissen ohne Zustimmung dessen Produzenten bzw. „Besitzers“ unter Strafe und gewährleisten damit dessen Schutz vor geistigem Diebstahl.

Die Idee dahinter scheint klar. Sie beruht auf der Annahme, dass Firmen und Individuen nur dann in die Produktion von neuem Wissen investieren, wenn ihnen daraus ein Vorteil erwächst. Um dies sicherzustellen behält der Wissensproduzent sämtliche Besitzrechte über das immaterielle Gut auch dann, wenn sämtliche übrigen Marktteilnehmer sich das Wissen bereits aneignen konnten. Ist dies der Fall, so bleibt dem Wissensproduzenten zumindest das Recht gegen die unrechtmäßige Verwendung des von ihm produzierten Wissens vorzugehen und entgangene Gewinne einzuklagen. Durch den Mechanismus soll ein Optimum an möglicher Wissensproduktion erreicht werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Freie Wissensproduktion - Eine Alternative zur ökonomischen Verwertung?
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien  (Philosophie)
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V151247
ISBN (eBook)
9783640628193
ISBN (Buch)
9783640628414
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissensgesellschaft, Wissensproduktion, Ethik, copyleft, Wissen, Verwertungssystem
Arbeit zitieren
M.Mag Roland Spitzlinger (Autor:in), 2006, Freie Wissensproduktion - Eine Alternative zur ökonomischen Verwertung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151247

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