Zu Johannes Klajs "Trauerrede über das Leiden seines Erlösers" (1650)

Hauptseminar-Arbeit zur "Passion Christi in der Theologie Martin Luthers und seiner Erben"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

43 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung

2 Voraussetzungen
2.1 Zur≫Lutherischen Orthodoxie≪
2.2 Gerhards Passionsfrömmigkeit
2.2.1 Gerhards Leichenpredigten
2.2.2Erklährung der Historien(1611)
2.3 Evangelisch predigen
2.4 Klajs Theologie in der Germanistik

3 Johann Klajs Trauerrede
3.1 Zwei Prooemien derTrauerrede?
3.1.1 Erster Eingang
3.1.2 Zweiter Eingang
3.2 Epilog derTrauerrede
3.3 Fazit

1 Vorbemerkung

Einen heute - zu Recht oder Unrecht - vergessenen barocken Dichter theologischer Wer- ke, der bestenfalls in Fußnoten1 noch auftaucht in den Mittelpunkt einer theologischen Arbeit zu stellen, kann als Liebhaberei des Autors entschuldigt oder alternativ unter Ausweis einer Forschungslücke gerechtfertigt werden. Die Liebhaberei nicht bestreitend, skizziere ich kurz die Forschungslücke, um daraus zielführende Fragen der Untersuchung zu entwickeln.

Während das literarische Barock von der Germanistik bereits umfangreich untersucht worden ist, muß die Theologie auch für diesen Zeitraum konstatieren, daß zwar

...die Passionsliteratur des Mittelalters seit Jahrzehnten sehr intensiv erforscht wurde, [während] ihre Fortsetzung in der Neuzeit - zumal bei Theologen - weitgehend in Vergessenheit geraten [ist]. ([22] S. 740. Z. 15-17)

Ich stelle Johann Klaj darum nicht unter literaturwissenschaftlichen, sondern theologischen Prämissen in den Mittelpunkt der Arbeit, um mit einem kleineren Text Klajs am Ende seiner zweiten Schaffensperiode exemplarisch darzustellen, wie die Forschungslücke geschlossen werden kann. Für die Wahl der Trauerrede über das Leiden seines Erlösers von 16502 spricht erstens das Fehlen eingehender Untersuchungen der

...predigtähnliche[n] Trauerrede über das Leiden seines Erlö sers, die zu den Spitzenwerken barocker Kunstprosa zählt und bei der Erforschung der deutschsprachigen Erbauungsliteratur . . . eine achtbare Rolle spielen dürfte. ([37] S. 4 *)

wider diese pronouncierte Wertschätzung. Zweitens stellt die Untersuchung einen Beitrag zur kritischen Würdigung der Trauerrede in der deutschsprachigen Erbauungsliteratur dar.

Dazu belege ich erstens mit Skizzen der lutherischen Orthodoxie und zweitens dem Werk des gelehrtesten und bekanntesten Vertreters der lutherischen Orthodoxie - Johann Ger- hard - die Passionsfrömmigkeit als zentralen Topos auch der Literatur der protestan- tischen Orthodoxie. Als dritte Voraussetzung skizziere ich einen an Luther orientierten Predigtbegriff, um die Trauerrede explizit als reformatorische Predigt auszuweisen. Die vierte einführende Skizze stellt überblicksartig den Stand der germanistischen Forschung zu Klaj und allfällige Forschungslücken aus theologischer Sicht dar.

Vor dem Hintergrund dieser Skizzen untersuche ich im dritten Kapitel zwei repräsenta- tive Teile - den Anfang und das Ende - auf einschlägige Motive, um Klajs Trauerrede als kunstvoll gestaltete Passionspredigt in der Tradition lutherischer Passionbetrachtung auszuweisen. Dabei stütze ich mich fünftens auch auf den dafür inhaltlich wie formal ein- schlägigen Sermon Luthers Ein Sermon von der Betrachtung des heyligen leydens Christi ([24]).

Der Rekurs auf Gerhard bietet sich umso mehr an, als in der Reihe Doctrina et pietas: zwischen Reformation und Aufklärung; Texte und Untersuchungen in der Herausgeberschaft Johann Anselm Steigers die Erklährung der Historien des Leidens vnnd Sterbens vnsers Herrn Christi Jesu nach den vier Evangelisten3 und Gerhards Leichenpredigten4 erstmals kritisch ediert greifbar sind.5

Auch die Germanistik profitiert von der theologischen Untersuchung eines geistlichen Werkes Klajs, weil mit der inhaltlichen Bestimmung der geistlichen Werke Klajs auch die von der germanistischen Forschung nie zufriedenstellend und abschließend beantwortete Frage nach der besonderen Form der Redeoratorien und der kleineren Arbeiten als zweitrangig vor der beabsichtigten Wirkung aufgezeigt werden kann.

2 Voraussetzungen

2.1 Zur ≫ Lutherischen Orthodoxie ≪

Der Beginn der lutherischen Orthodoxie datiert erstens mit dem Augsburger Religi- onsfrieden vom 25.09.1555, mit dem die konfessionelle Spaltung Deutschlands besiegelt wurde. Der Streit zwischen Luthers Erben wurde zweitens mit der Formula Concordiae 1577 entschieden, die als abschließendes Bekenntnis des Luthertums auch Grundlage der lutherischen Orthodoxie wurde.1 Mit dem Begriff der Orthodoxie reklamiert ein Teil der Lutheraner insbesondere ihre Kontinuität mit der altkirchlichen Tradition. Die Bedeu- tung der lutherischen Orthodoxie bestand in der wissenschaftlichen Reflexion auf die und Weiterbildung der reformatorischen Theologie. Dabei entwickelte die lutherische Ortho- doxie eine eigene Theologie, die weder auf die mittelalterliche Scholastik noch Luther rückführbar ist.2

In der ersten Phase der Frühorthodoxie bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts und Johann Gerhards Loci Theologici (1610 - 1622) zeichnete sie sich durch eine methodisch geordnete Schriftauslegung aus, nach der gelehrt wurde, wie der Sinn eines Textes zu gewinnen, auf seine Schlüssigkeit zu analysieren und schließlich zu vermitteln sei. Die Schrift wurde als verbalinspiriertes Wort Gottes vorausgesetzt, als habe Gott selbst bis hin zu den diakritischen Zeichen den Autoren des Urtextes die Worte der Schrift in die Feder diktiert ([13] § 95 b). Als Wort Gottes im eigentlichen Sinn verteidigten die Lutheraner ein Schriftprinzip gegen das Tridentinum und die katholische Theologie, die es unter Verweis auf die angebliche Unzulänglichkeit, Dunkelheit und Mehrdeutigkeit angegriffen hatten ([31]S. 476.50 - 477.5). Aus der Verbalinspiration der Schrift ergäben sich vielmehr deren konstitutive Eigenschaften: Autorität (auctoritas), Suffizienz (suffi- cientia), Klarheit (claritas), Macht (efficacitas) und Irrtumslosigkeit (inerrantia). ([31] S. 477. Z. 12 - 15).

Die mit Johann Gerhard anzusetzende Systematisierung der Theologie am Anfang des 17. Jahrhunderts führte zur Emanzipation der Hochorthodoxie von einer rein philologisch-rhetorischen Schriftauslegung, die in der Frühorthodoxie dominiert hatte.

J. Gerhard ist der erste strenglutherische Theologe, der in Distanzierung zu Melanchthon und im Zuge der vornehmlich durch den Heidelberger Theologen Bartholomäus Kecker- mann vermittelten Rezeption der Wissenschaftstheorie des Neuaristotelikers J. Zabarella

Den Zeitraum zwischen 1600 - 1675 bezeichnet man als Hochorthodoxie ; ihm ist Klajs Wirken zuzurechnen.

Für die Aufklärung im 18. Jahrhundert war die Verbalinspiration auf wissenschaftlicher Ebene keine überzeugende Antwort auf die rationalistische und aufklärerische Frage nach den historischen Entstehungsbedingungen der Bibel. Wie der Bibel aufklärerisch ihre apriorische Autorität bestritten wurde, überzeugte auch die Betonung der Verbalinspiration nicht mehr. Theologisch wurde die Autorität der Bibel als vorrangige Erkenntnisquelle des Wortes Gottes angegriffen, als der Pietismus ihr als zweites Erkenntnisprinzip die praxis pietas an die Seite stellte ([31]S. 466. Z. 8 - 18).

2.2 Gerhards Passionsfrömmigkeit

2.2.1 Gerhards Leichenpredigten

JohGerhard gilt als der gelehrteste und bekannteste Vertreter der lutherischen Orthodoxie. J. B. Bossuet meinte 1688, Gerhard sei der dritte Mann der Reformation nach Luther und Chemnitz gewesen . . . Gerhard ist der Klassiker der Orthodoxie und repräsentiert als solcher ohne Überspitzungen deren dogmatische Grundaussagen ([14]S. 448 und 452).

Gerhards Passionsfrömmigkeit stelle ich anhand seiner Leichenpredigten und seiner Er klährung der Historien des Leidens vnnd Sterbens vnsers Herrn Christi Jesu nach den vier Evangelisten (1611) dar.

Insbesondere in den Exordien der Leichenpredigten exegesiert Gerhard wie . . . viele andere lutherisch-orthodoxe Prediger gerne typologisch und bringt . . . den modus Catecheticus vnnd mysticus (zur Anwendung). ([8]S. 326).

Für Gerhard gilt, daß

1. die Heilige Schrift . . . sui ipsius interpres. . . ([26]S. 97. Z. 23), woraus eine inter- textuelle Lesart der Bibel begründbar ist ([34]S. 124). Präzisierend betont Gerhard in der Vorrede seiner Hohelied -Exegese, daß ein Vers immer im Umfeld des Textes zu lesen sei ([34]S. 124).

2. Der Text sei grundsätzlich nach dem sensus historicus seu literalis zu lesen, bis auf dieser basalen Interpretationsebene auftauchende Verständnisschwierigkei- ten anzeigen, den biblischen Text allegorisch oder typologisch zu verstehen ([34] S. 125).

3. Das zweite Kriterium, um bei der Lektüre dunkler Stellen der Schrift nicht in bloßes Allegorisieren zu verfallen, ist für Gerhard Röm12,7.3 Diese Lehre Paulus’ ist für Gerhard wie Luther mit den Formeln solus Christus und sola fides faßbar; i.e.

daß in Christus Gott selbst die Sündenstrafen aller Menschen am Kreuz verbüßt hat und diese Rechtfertigung allen Menschen allein aus Glauben daran zuteil werden läßt. Negativ gefaßt: Nihil nisi Christus praedicandus .

Zum ersten Punkt ist anzumerken, daß die vielfachen Bezüge des Neuen Testaments auf das Alte Testament ausreichenden Beleg für die untrennbare Verbindung beider Teile darstellen. Wie die Autoren der neutestamentlichen Bücher selbst explizit und implizit auf alttestamentliche Schriften verwiesen, ist eine intertextuelle Lesart - die über den bloßen sensus historicus seu literalis der aktuell auszulegenden Stelle hinausgeht - beider Bücher für Gerhard unumgänglich.

Daß der Mensch das rechte Verständnis für Christi Passion aufbringe und die Passionspredigt tatsächlich Glauben stifte, begründet sich für Gerhard mit Röm10,17.4

Gerade an Gerhards Leichenpredigten ist die Funktion und Funktionalisierung allegorischer und typologischer Exegese gut aufzuzeigen. In den Exordien seiner Leichenpredigten realisiert Gerhard den klassisch geforderten Verfremdungseffekt am Eingang einer Rede ([23] § 43,1), indem er statt der Predigtperikope zunächst einen scheinbar vollkommen anderen, abseitigen biblischen Text traktiert ([8]S. 326). Dadurch gelingt es ihm nicht nur, die staunende Aufmerksamkeit seiner Zuhörer für seine Rede zu gewinnen; neben der rhetorischen Funktion erfüllt der Eingang auch die homiletische Aufgabe, zwei biblische Texte einander auslegen und näher erläutern zu lassen.

Zweitens spricht Gerhard aber nicht nur aus hermeneutischen, sondern auch homileti- schen Gründen uneigentlich. Allegorie und Typologie sind ihm auch wesentlich Werkzeu- ge, um die biblischen Aussagen ihrerseits wiederum zu illustrieren und deren Aussagen zu verstärken, damit . . . das wir Gottes wort, so wir gehöret, in unser hertz fassen und uns also damit besprengen, das es uns krafft und frucht möge bringen. . . ([30]S. 599. Z. 21), denn es gilt für den großten Teil der christlichen Lehre, was Luther vom Artikel Ich gleube an Jhesum Christum, geboren von der Jungfrawen Maria schreibt, daß die Lehre . . . bald gelernet und gesagt [ist], aber daß das Hertz solchs gleube, das wil nicht hernach. ([28]S. 22f.)5

Praktisch erfolgt die biblische Allegorese bei Gerhard beispielsweise durch die ständige Referenz alttestamentlicher Stellen innerhalb seiner Apokalypse -Exegese, um die bib- lischen Aussagen der Apokalypse möglichst plastisch vor Augen zu führen und so, im Vorgang des Für- und Einbildens den Rezipienten zur Einsicht ins pro me zu brin- gen; i.e. daß Christus gestorben ist, um gerade ihn von seinen Sünden zu befreien ([34] S. 126 - 128).

Für Gerhards Typologie sind zwei Aspekte wesentlich, die exemplarisch an seinen Leichenpredigten darstellbar sind:

1. der Aspekt der Überbietung des Typos vor dem Hintergrund seines Antitypos, mit dem der Typos aber keineswegs bereits endgültig erledigt und eingelöst sei und
2. die Verwendung halbbiblischer Typologien, mit denen sich Gerhard dezidiert an den Rezipienten wendet, um diesem zu zeigen, daß und wie sich der biblische Text gerade an ihn in seiner konkreten Situation der Trauer und des Verlusts wende.

Dabei sei das Verhältnis von Typos und Antitypos nicht auf das simple Muster von Verheißung und Erfüllung reduzierbar, weil die endgültige Einlösung der Verheißung eschatologisch noch ausstehe. Die Funktion der halbbiblischen Typologie ist identisch mit der Funktion der Allegorie, dem Rezipienten das Für- und Einbilden der Heils- botschaft, des pro me , wo nicht erst zu ermöglichen, so doch wenigstens zu erleichtern. So soll der Rezipient den biblischen Text als für sich in seiner Situation relevant erkennen.

2.2.2 Erklährung der Historien. . . (1611)

Die Relevanz Gerhards Erklährung für den Klajschen Text ergibt sich

-aus der inhaltlichen Identität;
-der breiten Rezeption Gerhards Passionserklärung6 und
-Gerhards Bedeutung für die gesamte lutherische Orthodoxie.

Gerhard unterteilt die Passion in fünf actus und interpretiert sie so als Tragödie. Ger- hards wichtigste Quellen sind die Heilige Schrift, Bugenhagens Harmonie der Passions- erzählungen (1524/26), Martin Chemnitz’ und Luthers Schriften; insbesondere der Ser- mon von der Betrachtung des heiligen Leidens Christi (1519) und Luthers Hauspostille.

1. Qualitativ kommt Luther für Gerhard große Bedeutung zu, weil auch Gerhard wie- derholt einen für die luthersche Christologie zentralen Punkt fokussiert; daß Gott selbst in Christus gelitten und am Kreuz gestorben sei. So bezeichnet auch Ger- hard Christus als den allergrößten Sünder ([9]fol. c 3r, Z. 354; S. 57. Z. 320)7, der das göttliche Strafgericht für die Menschen erlitten habe. Das zentrale Motiv vari- iert Gerhard in der oben beschriebenen Form unter Hinzuziehung verschiedenster biblischer Texte, um es dem Leser möglichst lebhaft ein- und fürzubilden ([34] S. 126).
2. Neben Luthers Theologoumenon von Christus als dem allergröß ten Sünder setzt sich Gerhard in einem weiteren Punkt von der patristischen Tra- dition ab, wenn er die kosmischen Zeichen während Christi Kreuzigung nicht zu- erst als Ausdruck des Zornes Gottes über die Juden interpretiert, sondern als Zeichen des Mitleidens der Schöpfung mit dem Schöpfungsmittler, und wichtiger, Visualisierung des Gerichtshandelns eines zornigen Gottes an seinem Sohn pro nobis , also für Juden und Heiden gleichermaßen. Mit Luther versteht Gerhard die Juden primär als Werkzeuge des Heilsplanes Gottes und nicht dezidiert als Gottesmörder . Juden und Heiden haben gleichermaßen nach Gottes Plan durch ihre Sünden Christus Leid zugefügt, ihn ans Kreuz gebracht, und Christus ist für beider Sünden gleichermaßen gestorben. Dieser Ent -schuldung der Juden als Gottesmörder korrespondiert Luthers Betonung des Sündenbekenntnisses als konstitutiv für die Passionsmeditation:

...das du dir tieff eyn bildest und gar nicht zweyffelst, du seyest der, der Christum alßo marteret, dan deyn sund habens gewißlich than . . . Drumb, wan du die negel Christi sihst durch seyn hend dringen, glaub sicher, das deynn werck seynd, sichstu seyn doerenn kron, glaub, es seyn deyn boeß gedancken. . . ([25]S. 137. Z. 22.27 - 29)

Das Sündenbekenntnis hat seinen Anfang in der gemeinsamen Schuld von Heiden und Juden an Christi Tod.

3. Wider die antijüdische Tradition patristischer Passionsrezeption ist auch Gerhards Interpretation Röm11 zu nennen, daß auch die Juden am Ende als Letzte gerettet würden,8 wenn er schreibt

...aber endlich wird sich der HErr Christus jhrer wiederumb erbarmen / vnd jhnen das rechte Ohr geben / daß sie die Geheimnis des alten Testaments von dem Messia recht verstehen / vnnd sich zum HErrn bekehren / wie solches Rom. 11 verkündiget / Blindheit vnd Taubheit ist Jsrael eines theils widerfahren / so lange biß die Fülle der Heyden eingegangen sey / vnd also das gantze Jsrael selig werde. ([9]S. 90. Z. 228 - 233)

2.3 Evangelisch predigen

Wie bei der Exegese biblischer Texte lauten auch für die evangelische Predigt die zentra- len Begriffe sola scriptura und Nihil nisi Christus praedicandus . Die Bibelauslegung habe sich bei allen exegetischen oder hermeneutischen Schwierigkeiten als Richtschnur immer ausschließlich an der Bibel zu orientieren: sola scriptura ([38]S. 103). Die erste hermeneutisch notwendige Bedingung sola scriptura kann als schlagwortartig verkürz- tes Diktum für sich durchaus mißverstanden werden und muß für eine Definition immer mit der zweiten notwendigen Bedingung Nihil nisi Christus praedicandus ([38]S. 104) verbunden werden. Die oben bereits thematisierten intertextuellen Lesarten beider Te- stamente müssen immer an der Botschaft von Christi Erlösungstat überprüfbar sein.

Bezeugt die Predigt nicht Christus, ist sie nichts. Biblische Predigt ist Christuspredigt, auch bei alttestamentlichen Texten, weil der eine Gott in der ganzen Bibel spricht. ([38] S. 104)

Und er bezeugt sprechend Christi Erlösungstat für die Menschen: Das heiß t aber auch: Wir müssen nicht immer ausdrücklich von Jesus reden. (ebd.)

Zu den beiden notwendigen Bedingungen rechter Exegese treten für die Bestimmung einer Schrift als Predigt zwei inhaltliche Kriterien: erstens das Verhältnis von Gesetz und Evangelium und zweitens die Verkündigung der freien Gnade Gottes durch Christus im Evangelium ([38]S. 104f.)

1. Nach Luther besitzt das Gesetz die theologische Funktion, uns zu überführen und uns unsere Schuld bewußt zu machen, was man auch kurz als usus theologicus sive elenchticus des Gesetzes bezeichnet ([38]S. 105): . . . das gesetz endeckt die kranckhait, das Euangelium gibt die ertzney. . . ([27]S. 338. Z. 9f.)
2. Das Evangelium wirkt anders als das Gesetz als Arznei, indem es uns die Rechtfer- tigung allein aus Glauben (sola fide) zuspricht: Evangelische Predigt ist im Kern Zuspruch der Rechtfertigung. ([38]S. 104). Eine evangelische Predigt zeichnet sich dadurch aus, daß sie - in unterschiedlichster Form und Zuhilfenahme verschieden- ster Motive - Zeugnis ablegt für die freie Gnade Gottes, die uns ohne unser Zutun allein um Christi willen im Glauben zuteil wird.

Die Annahme des Geschenkes der freien Gnade ist uns allein aus Glauben möglich, weswegen eine evangelische Predigt immer mit dem Bekenntnis der gläubigen Annahme der im Evamgelium verheißenen freien Gnade Gottes abschließt. Die mit dem term. techn. pro me respektive pro nobis bezeichnete Bezugnahme ( applicatio ) der zuvor gepredigten freien Gnade Gottes auf die eigene Person und deren Situation dient der bewußten, gläubigen Annahme dieser Botschaft. Wenn Gott dem Mensch aus Gnade das Heil gewährt, muß der Mensch das Heil auch gläubig ergreifen. Das ist ihm nur aus Glauben möglich.

2.4 Klajs Theologie in der Germanistik

Die germanistische Forschung hat Klajs Werke bisher eher formal und gattungsspezi- fisch beschrieben und dabei den religiösen Charakter seiner Dichtung zwar erkannt, aber nicht ausreichend gewürdigt. Ich fokussiere in meiner Arbeit die theologische Dimension Klajs geistlicher Dichtung, um erstens Klajs Trauerrede exemplarisch für alle geistli- chen Redeoratorien Klajs als reformatorische Predigt auszuweisen, was sich zweitens auch für die Germanistik als fruchtbar erweisen wird, die versucht hat, Klajs geistliche Dichtung rein formal zu klassifizieren. Klajs geistliche Redeoratorien lassen sich statt- dessen unter inhaltlichen Gesichtspunkten wesentlich überzeugender als reformatorische Predigten beschreiben; unterschiedlich zu Wiedemann, der beispielsweise die Trauerre- de nur als predigtähnlich bezeichnet ([37]S. 4 *). Andererseits lassen sich die formal orientierten Untersuchungen der Germanistik aber theologisch fruchtbar machen, was im Ergebnis einer kurzen Sichtung der Rezeption Klajs deutlich wird. Das Ergebnis der fast vollständigen Ignoranz gegenüber Klajs Werk und Wirkung läßt sich auch knapp 40 Jahre später mit Wiedemanns Fazit von 1966 zusammenfassen, daß

Es . . . unerläßlich [ist], daß man einem Neudruck dieser merkwürdigen und wenig bekann- ten Dichtungen ein paar Seiten mit den wichtigsten Informationen zur Biographie des

Dichters . . . beifügt. ([35]S. 3*)

Um die Arbeit nicht mit dem Referat biographischer und literarhistorischer Daten unnö- tig aufzublähen, verweise ich e r s t e n s auf das Nachwort in[35]und z w e i t e n s in[37] sowie d r i t t e n s Wiedemanns eigene interpretatorische Ergebnisse seiner Edition der Werke Klajs[36]und hier besonders auf die Seiten 1 - 34. Wiedemann hat recht, daß die Ergebnisse Albin Franz’ Arbeit Johann Klaj. Ein Beitrag zur deutschen Literaturge- schichte des 17. Jahrhunderts9 wegen des veralteten wissenschaftlichen Ansatzes heute überholt sind. Als Materialsammlung Klajs rhetorischer Mittel sind die Ergebnisse aber für die Theologie überaus wertvoll, um beispielsweise zu untersuchen, wie Klaj praktisch das Programm von Ein- und Fürbildung der biblischen Botschaft umsetzte. Mit Franz’ Feststellung, daß Den bedeutendsten Einfluß . . . auf ihn [Klaj M.D.] jedenfalls Luthers Bibelübersetzung [ausübte], deren Sprache ihm als Meißner noch besonders nahelag. ([5] S. 187)

läßt sich die formale Relevanz Luthers für Klaj belegen. Wie Luther Johann Gerhard wesentlich inhaltlich prägte, war für Klaj Luther mindestens sprachlich relevant. Die These Martin Kellers im zweiten Kapitel Bisheriges Klaj-Verständnis - Anlaß zu neuer Bemühung seiner germanistischen Monographie zu Klajs Freudengedichte (1650)10 ver- wende ich als Ausgangspunkt, um meine These zu belegen, daß rein formale Gesichts- punkte zur Beschreibung der Trauerrede nicht ausreichen. Keller konstatiert rhetorisch fragend, daß nicht:

...in der Manifestation eines dramatisch oder lyrisch oder episch veranlangten Ich oder im synästhetischen Ausdruck von Innigkeit und ungeheurem Gefühl das Wesen eines Dichtens . . . [liege], in dem es . . . allein auf Treffen, auf Eindruck-Machen abgesehen war . . . ([15]S. 15)

Das Fazit Kellers, daß er aus dem Klajschen Zitat von der Poeterey als . . . Mörser, in welchem die Machtworte, als das eingezwängte Pulver, mit einem durchdringenden Nachdruk herausfeuren ([18]S. 20), gewinnt, formuliere ich als These, daß man Klajs Werke wesentlich von ihrer Wirkung interpretieren muß und seinem Werk über die Beantwortung der Frage nach der beabsichtigten Wirkung viel näher kommt als mit jeder noch so ausgeklügelt und philologisch sorgfältig unterfütterten Stilanalyse. Zur Klärung der beabsichtigten Wirkung ist eine sorgfältige Stilanalyse natürlich unabdingbar, ihr muß dann aber eine ebenso eingehende Beschäftigung mit den dargestellten Inhalten folgen, um Klajs literarisches Anliegen zu klären.

Mit Franz lassen sich erstens biblische Stoffe und zweitens aus dem politischen Ge- schehen erwachsene Auftragsarbeiten als Quellen für Klajs Schaffen ([5]S. 243 - 246) bestimmen.

[...]


1 Daran änderte leider auch der photomechanische Nachdruck der Werke des Autors in den Sech- zigern und die vom Herausgeber Conrad Wiedemann geleistete interpretatorische Arbeit einer Monographie nichts: Johann Klaj und seine Redeoratorien. Untersuchungen zur Dichtung eines deutschen Barockmanieristen, Nürnberg: Verlag Hans Carl, 1966.

2 Johann Klaj/ der hochheiligen Gotteslehre Ergebenens und gekrönten Poetens/ Trauerredeüber das Leiden seines Erlö sers. Nürnberg/ in Verlegung Wolffgang Endter/ Im Jahre M. DC. L. Zitate nach dem photomechanischen Reprint[37] S. 291-345.

3 Johann Gerhard, Erklährung der Historien des Leidens vnnd Sterbens vnsers Herrn Christi Jesu nach den vier Evangelisten (1611) (= Doctrina et Pietas Abt. I. Bd. 6), Kritisch hrsg., kommentiert und mit einem Nachw. vers. von Johann Anselm Steiger. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann- Holzboog, 2002.

4 Johann Gerhard, Sämtliche Leichenpredigten (= Doctrina et Pietas Abt. I. Bd. 10), Kritisch hrsg., kommentiert und mit einem Nachw. vers. von Johann Anselm Steiger. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 2000.

5 Der Titel des Forschungsprojekts . . . lautet: ≫ Johann Gerhard (1582-1637). Ein Beitrag zur edi- torischen, historischen und theologischen Aufarbeitung der vergessenen Epoche der altprotestanti- schen Orthodoxie ≪ . Johann Anselm Steiger, Der protestantische Kirchenvater Johann Gerhard in: Kurzberichte junger Forscher, 1996[32].

1 Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, Tübingen (J. C. B. Mohr)101949, §§ 80 k; 92 l.

2 Markus Matthias, I. Lutherische Orthodoxie, in: TRE 25, Berlin / New York (de Gruyter) 1995, S. 474. (1533 - 1589) in der Neubearbeitung des ersten Bandes seiner Loci Theologici 1625, das Wesen der Theologie als Wissenschaft neu bestimmt. . . ([31]S. 475. Z. 25 - 31)

3 Hat jemand Weissagung, so sei sie dem Glauben gemäß . . . Lehrt jemand, so warte er der Lehre.

4 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Gottes. (Röm10,17)

5 Vgl. dazu auch Steigers Fußnote 228 in[34]S. 126.

6 Zur Breitenwirkung Gerhards Passionserklärung vgl.[9]S. 489f., aus dessen Nachwort ich nachfol- gend partiell referiere.

7 Vgl. e. g. Christus als peccator peccatores bei Luther ([29]S. 435. Z. 1)

8 Ich will euch nicht verhalten, liebe Brüder, dieses Geheimnis (auf daßihr nicht stolz seid): Blindheitist Israel zum Teil widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden eingegangen sei und also das ganze Israel selig werde, wie geschrieben steht:≫Es wird kommen aus Zion, der da erlöse undabwende das gottlose Wesen von Jakob. Und dies ist mein Testament mit ihnen, wenn ich ihreSünden werde wegnehmen.≪(Röm11,25 - 27)

9 Albin Franz, Johann Klaj. Ein Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte des 17. Jahrhunderts, Marburg (N. G. Elwert’sche Verlagsbuchhandlung), 1908.

10 Martin Keller, Johann Klajs Weihnachtsdichtung. Das ≫ Freudengedichte ≪ von 1650, Berlin (Erich Schmidt Verlag), 1971.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Zu Johannes Klajs "Trauerrede über das Leiden seines Erlösers" (1650)
Untertitel
Hauptseminar-Arbeit zur "Passion Christi in der Theologie Martin Luthers und seiner Erben"
Hochschule
Universität Hamburg  (Hamburger Institut für Kirchengeschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
43
Katalognummer
V151261
ISBN (eBook)
9783640625888
ISBN (Buch)
9783640626076
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johannes Klaj, Klaj, Johannes Klajs, Klajs, Johannes Klai, Klais, Trauerrede über das Leiden seines Erlösers, Trauerrede, 1650, Leiden, Erlösers, Barock, lutherische Orthodoxie, protestantische Orthodoxie, Lutherische Passionbetrachtung, Reformatorische Predigt, Passionspredigt
Arbeit zitieren
Magister Artium Michael Dahnke (Autor), 2005, Zu Johannes Klajs "Trauerrede über das Leiden seines Erlösers" (1650), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151261

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