Während das literarische Barock von der Germanistik bereits umfangreich untersucht worden ist, muß die Theologie für diesen Zeitraum konstatieren, daß zwar die Passionsliteratur des Mittelalters seit Jahrzehnten sehr intensiv erforscht wurde, ihre Fortsetzung in der Neuzeit – zumal bei Theologen – weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Darum stelle ich Johann Klaj nicht unter literaturwissenschaftlichen, sondern theologischen Prämissen in den Mittelpunkt meiner Arbeit, um mit einem kleineren Text Klajs am Ende seiner zweiten Schaffensperiode exemplarisch darzustellen, wie die Forschungslücke geschlossen werden kann. Für die Wahl der »Trauerrede über das Leiden seines Erlösers« von 1650 spricht erstens das Fehlen eingehender Untersuchungen. Zweitens stellt die Untersuchung einen Beitrag zur kritischen Würdigung der »Trauerrede« in der deutschsprachigen Erbauungsliteratur dar. Dazu belege ich erstens mit Skizzen der lutherischen Orthodoxie und zweitens dem Werk des gelehrtesten und bekanntesten Vertreters der lutherischen Orthodoxie – Johann Gerhard – die Passionsfrömmigkeit als zentralen Topos auch der Literatur der protestantischen Orthodoxie. Als dritte Voraussetzung skizziere ich einen an Luther orientierten Predigtbegriff, um die »Trauerrede« explizit als reformatorische Predigt auszuweisen. Die vierte einführende Skizze stellt überblicksartig den Stand der germanistischen Forschung zu Klaj und allfällige Forschungslücken aus theologischer Sicht dar. Vor dem Hintergrund dieser Skizzen untersuche ich im dritten Kapitel zwei repräsentative Teile – den Anfang und das Ende – auf einschlägige Motive, um Klajs »Trauerrede« als kunstvoll gestaltete Passionspredigt in der Tradition lutherischer Passionbetrachtung auszuweisen. Dabei stütze ich mich fünftens auch auf den dafür inhaltlich wie formal einschlägigen Sermon Luthers »Ein Sermon von der Betrachtung des heyligen leydens Christi«. Auch die Germanistik profitiert von der theologischen Untersuchung eines geistlichen Werkes Klajs, weil mit der inhaltlichen Bestimmung der geistlichen Werke Klajs auch die von der germanistischen Forschung nie zufriedenstellend und abschließend beantwortete Frage nach der besonderen Form der Redeoratorien und der kleineren Arbeiten als zweitrangig vor der beabsichtigten Wirkung aufgezeigt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkung
2 Voraussetzungen
2.1 Zur Lutherischen Orthodoxie
2.2 Gerhards Passionsfrömmigkeit
2.2.1 Gerhards Leichenpredigten
2.2.2 Erklärung der Historien... (1611)
2.3 Evangelisch predigen
2.4 Klajs Theologie in der Germanistik
3 Johann Klajs Trauerrede
3.1 Zwei Prooemien der Trauerrede?
3.1.1 Erster Eingang
3.1.2 Zweiter Eingang
3.2 Epilog der Trauerrede
3.3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die theologische Dimension von Johann Klajs "Trauerrede über das Leiden seines Erlösers" (1650) zu erschließen und als reformatorische Passionspredigt innerhalb der Tradition der lutherischen Orthodoxie zu verorten, anstatt sie ausschließlich unter formalen, literaturwissenschaftlichen Kriterien zu betrachten.
- Theologische Einordnung von Johann Klaj im Kontext der lutherischen Orthodoxie.
- Analyse der Passionsfrömmigkeit unter Einbeziehung von Johann Gerhard und Martin Luther.
- Untersuchung der "Trauerrede" als kunstvoll gestaltete, reformatorische Predigt.
- Kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen germanistischen Forschung zu Klaj.
- Funktionalisierung rhetorischer Mittel zur Vermittlung dogmatischer Lehrinhalte.
Auszug aus dem Buch
Amor und Christus: Typos und Antitypos?
Im ersten Vers wird die Liebe Gottes der Liebe Amors, die als zeitverkürzend beschrieben wird, gegenüber gestellt. Durch die Verwendung der Negation nicht werden beide klar voneinander unterschieden. Daß die Syntax der ersten vier Verse im Dienst der Rhetorik steht, um auch syntaktisch die Aufmerksamkeit und Aufnahmewilligkeit des Publikums zu erhalten, wird beim Vergleich mit der Syntax der übrigen Sätze der Erklärung deutlich. Hier stehen sieben parataktisch geformte Sätze nur vier hypotaktischen Satzgefügen gegenüber.
Die Person selbst wird auf dem Titelblatt mit Flügeln und als Putte mit einem runden, pausbäckigen Gesicht, Lockenkopf und wallendem Gewand dargestellt. Die Darstellung mit einem Speer statt Pfeil und Bogen interpretiere ich als Variation des Altbekannten und nehme die Figur auf dem Deckblatt der Trauerrede trotz fehlenden Pfeiles und Bogens als Darstellung Amors an. Erstens bearbeitet auch in der Variation Amor ein Herz, in das er mit seinem Speer Buchstaben ritzt. Zweitens geht aus der Erklärung des Titelbildes klar hervor, daß auch diese Tätigkeit dem Versuch dient, Liebe in eines Menschen Herz zu erregen, allerdings nicht eine weltliche zwischen Mann und Frau, sondern die Liebe eines Menschen zu Gott. Diese Interpretation des alten, heidnisch-antiken Topos im christlichen Sinn als halb-biblische Typologie hat allerdings eine entscheidende Schwachstelle, nämlich die paulinisch kaum begründbare Vermengung der göttlichen Liebe Agape einerseits, mit der weltlichen Liebe Eros andererseits. Kurz: Ist der antike Eros, der ja deutlich weltlicher Natur war, als Typos des christlichen Antitypos Agape lesbar?
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Der Autor umreißt die Forschungsdebatte und begründet die methodische Entscheidung, Johann Klajs "Trauerrede" primär unter theologischen statt unter literaturwissenschaftlichen Aspekten zu untersuchen.
Voraussetzungen: Dieses Kapitel legt die Grundlagen der lutherischen Orthodoxie, der Passionsfrömmigkeit nach Johann Gerhard, reformatorischer Predigtbegriffe sowie des Forschungsstandes in der Germanistik dar.
Johann Klajs Trauerrede: Das Hauptteil untersucht die Struktur der "Trauerrede", analysiert ihre Eingänge sowie den Epilog und verortet das Werk theologisch als reformatorische Passionspredigt.
Fazit: Der Autor resümiert, daß die "Trauerrede" durch ihre Einbettung in den lutherischen Kanon theologisch interpretierbar ist und Klajs formale Meisterschaft den Dienst an der christlichen Verkündigung unterstützt.
Schlüsselwörter
Johann Klaj, Trauerrede über das Leiden seines Erlösers, lutherische Orthodoxie, Passionsfrömmigkeit, Johann Gerhard, Reformation, reformatorische Predigt, Typologie, Barock, Redeoratorien, pro me, Passionsliteratur, Exegese, barocke Kunstprosa, Heilskontext.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Johann Klajs "Trauerrede" (1650) unter theologischen Gesichtspunkten, um sie als reformatorische Passionspredigt innerhalb der lutherischen Orthodoxie neu zu bewerten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Verbindung von barocker Rhetorik mit lutherischer Dogmatik, die Rolle der Passionsfrömmigkeit und die typologische Schriftauslegung in der Epoche der Orthodoxie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Klajs geistliche Dichtung über formale Aspekte hinaus als Predigt auszuweisen und damit eine Forschungslücke in der germanistischen Sichtweise auf seine Werke zu schließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt eine intertextuelle, theologische Analyse, die das Werk in den Kontext von Luthers Schriften und Johann Gerhards Theologie stellt, statt nur stilistische Merkmale zu betrachten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die verschiedenen Eingänge der Trauerrede und der Epilog detailliert auf ihre Motive, Typologien und ihre Funktion als reformatorische Predigt analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Johann Klaj, lutherische Orthodoxie, Passionsfrömmigkeit, pro me, Typologie und reformatorische Predigt geprägt.
Warum spielt Johann Gerhard eine so wichtige Rolle für das Verständnis von Klaj?
Gerhard gilt als der gelehrteste Vertreter der lutherischen Orthodoxie. Seine Passionsfrömmigkeit und sein Umgang mit der Schriftauslegung dienen als Maßstab, um Klajs theologisches Anliegen in der Trauerrede einzuordnen.
Wie bewertet der Autor Klajs Umgang mit dem Motiv "Amor und Christus"?
Der Autor sieht darin ein Beispiel für Klajs Versuch, durch Suggestivität und sprachliche Meisterschaft ("Treffen und Eindruck-Machen") eine Wirkung zu erzielen, auch wenn die inhaltliche Eindeutigkeit der Typologie aus theologischer Sicht problematisch bleibt.
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- Magister Artium Michael Dahnke (Author), 2005, Zu Johannes Klajs "Trauerrede über das Leiden seines Erlösers" (1650), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151261