Männliche Identitätsfindung und Vaterprobleme in Familie und Gesellschaft


Diplomarbeit, 1986

240 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

I N H A L T

I. EINLEITUNG

II DER MANN - DIE FRAU
II.1. Historischer Abrift zur Be- ziehung zwischen Mann und Frau
II.2. Die mannliche Wesensart
II.3. Die weibliche Wesensart
II.4. Der ' integrierte' Mann

III MANNER ALS VATERLICHE VORBILDER
III.l. Der ’autoritare1 Vatertyp
III.2. Der 1entfremdete' Vatertyp in der Moderne
III.2.1. Der 'rationalisierende' Vatertyp
III.2.2. Der 'proletarische' Vatertyp
III.2.3. Der ’unpersbn 1iche' Vatertyp
III.2.4. Der ' k o n sum s ii c h t i g e ' tVaertyp
III.3. Der ’neue’ Vatertyp

I V . HINFUHRUNG ZUM ’NEUEN’ VATER IN DER FAMILIE
IV.1. Kleiner Exkus
IV.2. Anspruch und Wirklichkeit
IV.3. Die historische Vater-Kind-Beziehung

V./VI. VATER (V.) UND SOHN (VI.) IN DEN ERSTEN 3 LEBENSJAHREN
V.l. Schwangerschaft und Vater werden
V .2 . DieGeburt
VI.1 . DieautistischePhase
VI.2 . DiesymbiotischePhase
VI.3 . ErsteSubphase
VI.4 . ZweiteSubphase
VI.5 . DritteSubphase
VI.6 . VierteSubphase
VI.7 . SpezielleProblemein der 'Ablosung’ des Knaben
V.3 . DieRolledes Vaters in der Kleinkinderpflege
V.4 . Abelins Triangu1 ationstheorie

VII. DER ODIPUSKONFLIKT
VII . 1. Hinfuhrung aus der Sicht der klassischen Schulen
VII. 2. Der Freud 1sche Odipuskonflikt
VII . 3. Der Odipuskonflikt bei anderen Schulen
VII. 4. GrundsatzlicheUberlegungen zum Mythos
VII . 5. AbgeleiteteFolgen fiir eineneueSichtweise
VII . 6. DieUmsetzung des Mythos ins Leben
VII . 7. EineneuereArt der Nichtbewaltigung

VIII. LATENZ UNO ADOLESZENZ
VIII.1. Die Latenzzeit
VIII.2. Die frühe Adoleszenz
VIII.3. Die mittlere ('eigentlich') Adoleszenz
VIII.4. Die Sp a tado1eszenz

XX. ANSTELLE EINER SCHLUSSBEMERKUNG

VII . LITERATURVERZEICHNIS

" Der Mann sieht sich als Herr der Welt, dieFrau nur als seinen Spiegel. Der Herr ist nicht gezwungen, dieSpracheder Unterdriickten zu lernen; dieFrau ist gezwungen, doch niitztes ihr nichts, dieSpracheihres Herrn zu lernen, sielernt nureineSprache, dieihr Unrecht g i b t . " Max Frisch, Homo Faber, S. 198

" Damit war dem GemUt Geniigegetan , man muBtestark sein, ... DaB auch diean- deren in ihrem Innern vielleicht doch weicheStellen haben konnten,erschien in hochstem Gradeunwahrscheinlich. Nurer war, von seiner Mutter her, damit behaftet; undein Madel wieAgnes, diegeradeso verriickt war wieseineMutter, wiirdeihn ganz untauglich gemacht haben fur dieseharteZeit.

DieseharteZeit: Bei dem Wort sah Die- derich immer dieLinden mit dem Gewim- mel von Arbeits1osen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr - und das alles gebandigt bis zum Hurraschreien, geban- digt durch dieM A C H T , diemitten darin ihreHufewieauf Kopfesetzt, steinern und blitzend.

Nichts zu uiachen, sagteer sich, in be- geisterter Unterwerfung. So muB man sein! Urn so schlimmer fur die, dienicht so waren, diekameneben unter dieHufe. "

Heinrich Mann, Der Untertan, S. 75/76

I. Einleitung

Was sich in den zitierten Textstellen von Max Frisch andeutet, ist der Stereotyp vom wahren Mannsein in Abgrenzung zur Frau und Mutter, wieer liber vieleJahrhunderteGeltung hatte. Oa zeichnet sicheinmal dieunausweich1icheBestimmung der Manner ab,einer Herrenrasseanzugehoren und zum Herrschen geboren zu sein;ein Mann muBeben im Leben und in der Lie- beoben sein. Er ist der Regent liber dieNatur, dieanderen und sich selbst. SeineMannlichkeit ist iden- tisch mit dem Willen zur Macht. Doch darin ist be- reits das andere, das ganz andere,enthalten, wenn auch nur schemenhaft skizziert, im Schatten der Macht verborgen:

Das Schwach1iche, Angstlicheund Weiche, das dem Mann zu schaffen macht, ihm keineRuhelaBt, und das letztlich unter seiner souveranen Herrschaft 1e- i det . .

Wer ist nicht mit den Unzulanglichkeiten dieser Man­ner und Vater vertraut? - DiegroBen stattlichen Manner, mitetlichem Ansehen in der weiten Welt, diein der familiaren Atmospharewieein Kind in den mutterlichen SchoB ihrer Frauen kriechen, urn dort seelischeStiitzung zuerfahren.

Hierzu ganz im Gegensatz ihremannlicheStrengeund Harte:

Fuhlten nicht auch wir Beklemmung und Angst, als wirersteFiihlung mit dieser unbedingten mannlichen Wer- tewelt aufnahmen? Lernten nicht diemeisten von uns noch den bedingungslosen Gehorsam kennen? SpUrten win nicht alleein wenig Hi1f1os i gkei t im Ange~ sicht der vaterlichen Macht?

Wohin, war diemich unbewuBt qualendeFrage, mit all den Gefuhlen, diedurch dieseMacht ausgelost und dievon derselben als L'nwerteabgetan wurden?

So begann schon bald dieAhwehr von Gefuhlen,ein Kampf zwischen 'Vernunft' und Gefuhl, wobei ich mich vom Gefuhl meist beherrscht fiihlte, mich aber gleichzeitig krampfhaft an der 'Vernunft' fest- hielt. DieAufspaltung dieser beiden, Denken (Ra­tional i s ieren ) und Fuhlen, istes nun, was mich personlich vor allem zu dieser Arbeit veranlaBte.

Diese Aufspaltung istes aber auch, diesich als Problem unserer Zeit bemerkbar macht und diesich auch in dem Verhaltnis von Mann und Frau wider- spiegelt. Denn zwischen beiden gehtes meist noch urnein Herrschafts- und Machtverha 11nis, in dem sich oft genug dieFrau noch immer den mannlichen Werten unterordnet.

Sicher ist Liber dieFrauenbewegungeiniges ins Wanken geraten. Bisher mannlicheWertewurden in Fragegestellt und vor allem das Recht ihrer Vor- herrschaft angezwei/fe11 - und doch - oft genug haben ja auch dieseFrauen diemannlichen Werteals dieihren anerkannt und mussen auch selbsterst mlihsam wieder weiblicheund mutterlicheWerte, dieverschlittet sind, ausgraben.

So ist unsereZeit gepragt voneiner groBen Unsi- cherheit, dieGesch1echtsro11enidentitat betreffend. Was ist mannlich, was weiblich?

Noch ist alles uberschattet von mannlichen Werten und Vorste1lungen . BegriffewieGewinnoptimierung, mindest geforderteZuwachsraten in der Eigenbilanz und des Bruttosozialproduktes, Rentabilitat, Kon- kurrenz, Eroberung des Marktes, neueTechno 1ogien, Entwicklungsschritte, dieihr Recht fordern, stehen nach wievor an oberster Stelle.

So wird z.B. in den Gentechniken Phantasien keineGrenzen gesetzt, und man denkt bereits daran, das, was man sich ausmalen kann, tatsachlich zum Leben zuerwecken. Dank der Technik werden Waffensystemeentwickelt, dieunser aller Untergang herbeifuhren konnen, und dabei werden sievon Menschen bedient, dienoch langenicht sinnvoll mit Macht umgehen konnen.

Endlos ruhmen sich Stimmen in den verschiedensten Bereichen menschlicheGrenzen liberschritten zu ha- ben. Souveran halten siedeleFahneder Hoffnung und der Zuversicht aufrecht und bleiben gelassen. Bleiben in der Beweihraucherung des NarziBten stek- ken, wieer von Alexander Lower (Munchen, 1984) be- schrieben wurde. Nach ihm weidet sich der NarziBt in der Se1bstbespiege1ung und glaubt dieWelt nach seinen Vorste11ungenerschaffen zu konnen. Er sieht keineGrenzen mehr, diedieNatur ihm setzen konnte. So versuchter auch zu vergessen, daB am Endeeines jeden Lebens der Tod auf uns wartet, und daB wir eben nicht unsterblich sind 'wiedieGotter', son- dern durchaus sterblich. Ganz in diesem Sinnewird heutenoch in der klassischen Medizin dieTechnik wieeineheiligeKuh angebetet und der Tod als Aus- nahmezustand Ubergangen, weiler dienarziBtischeEinstellungerheblich kranken konnte.

Verschwiegen wird, daB dieHerren 'Sieger des Fort- schrittes' langst nicht mehr Herr der Geschehnissesind. Langst gibtes Sachzwange, dieihnen den Weg vorschreiben. Langst aber wird auch dieAngst ver- niedlicht und vergessen, indem man immer weiter voraneilt. und weitertreibt, unbewuBt aber doch ge- trieben von der Angst und Unruhe, diesich im In- nern breitgemacht hat. Besonders deutlich wird dies geradebei uns Deutschen in unserer Geschichte.

So sturzteman sich 1945 nach Kriegsendein den Wiederaufbau des besiegten und zerstorten Deutsch- lands, man wollteerneuern und das Vergangenever­gessen. Vergessen wollteman dieAngst, dieEnt- tauschung und dieSchuld, und so lieB man dieseGe- fuhlegar nichterst aufkommen^ Man warf sich in dieArbeit, in den Fortschritt und kamerst wieder an dieOberflacheund wachteauf, als man den An- schluB an dieUbrigeWelterreicht hatte. Doch kaum kam man zum Feiern, schon verwandeltesich das rau- schendeFest inein schreckliches Auftauchen. Man wuBtedieMaschinerienicht mehr zu stopper und ver- schloB soerneut dieAugen und warf sich im Namen des Fortschritts und der Weiterentwicklung heroisch nach vorne. Dabei wurden und werden Signalewiedie Gefahrdung des ok'ologischen Gleichgewichts, Umkip- pen von Seen, Verschmutzung von Fllissen und Luft, Aussterben ganzer Tierarten, Waldsterben, Umwelt- katastrophen, Giftmu11prob1emeund vieles andere, kaum mehr gehbrt, geschweigedenn wirklichernst- genommen. Noch leben diemeisten von uns ganz in der Haltung, dieNatur zumeigenen Nutzen ausbeu- ten zu konnen.

Und doch wird seit geraumer Zeit unser bisheriges Streben und Denkenerschlittert. Das abgespalteneDenken, das man ’Vernunft' nennt, und das von un- serem Urgrund, namlich dem Mensch1ichen, wiedem Natlirlichen, abschneidet, wird in Fragegestellt. Langst haben sichersteStromungen in den verschie- densten Bereichen der Wissenschaft besonnen, und auch diewirtschaft1ichen Rentabilitaten beginner sich mehr an ganzheit1ichen Konzepten zu orientie- ren, diedieNatur, unseren Lebensgrund, mitein- schlieGen und berlicksichtigen .

NatUrlich kann nicht gesagt werden, daB nun all das, was den Bezug zur Natur verloren hat, vom Mann kommt, so wenig wieman sagen kann, daB alles, was an dieErhaltung des Lebendigenerinnert, der Frau zugehort. SchlieBlich haben sich ja auch dieFrauen in der Jahrhundertedauernden Herrschaft der Manner dem mannlichen Denken und Handeln untergeordnet und an- gepaBt. Langst haben siesich mit diesen Werten identifiziert und sich oftmals deshalb nur min- derwertig gefuhlt, weiles ihnen aufgrund ihrer Andersartigkeit, unbedeutend, ob nun bedingt durch Erziehung Oder angeboreneVerhaltensmodalitaten, nur schlecht gelang, dieselben zuerflillen. Selbst- verstandlich ist auch das Mannliche, das aus der Natur heraustreten will, nicht nur im Mannezu fin- den, so wiedas Bezogene, Beziehung Schaffendeund Ausgleichende, nicht nur in den Frauen als Eigen- schaft gesucht werden kann.

Trotzdem teileich mit C.G.Jung und seiner SchuledieAnsicht, daB sich Frauen dieses annehmend, ab- wartend Weibliche, das wir heuteso notig haben und das auch bei den Frauen selbst zueinem groBen Teil verschiittet ist,eher wieder zuganglich ma- chen konnen. Es gilt, dieseWertewieder mit le- bendiger Kraft zu fuller, sieals Mann wieauch als Frau wiederzuentdecken. Es gilt dieUberbe- tonung des Mannlichen und damit den groBen Ein- fluB von Vernunft und Entfremdung abzuschwachen und durch weibliches Einfuhlen zuerganzeo~. Das wirkt sich beim Mann ineiner neuen vaterlichen, verstehenden Haltung auch gegenuber seinen Kin- dern aus. In diesem Zusammenhang wird jiingst von der neuen Vater1ichkeit gesprochen.

Langst haben sich dieeinseitig mannlichen Erzie- hungspraktiken der Traditionsvermitt1ung, der so- genannten Tabusetzung, als unzulanglich herausge- stellt. Allein mit vaterlicher Strengeund unbe- dingtem kindlichen Gehorsam konnen in dieser sich schnell andernden Welt keineWertemehr weiterge- geben werden. Ineiner Zeit, in der sich inner- halbeiner Generation dieWertewandeln, hates kei- nen Sinn mehr, solcheanzudressieren, geschweigedenn dieWertedes Vaters als absolut zu setzen. Denn wir leben nach MargareteMead ( Munchen, 1970) ineiner prafigurativen Gese11schaft . In ihr wird das Kommen der neuen Kultur vom Kind und nicht mehr von den El- tern und GroBeltern reprasentiert. Dies steht im Ge- gensatz zu postfigurativen Gese11schaften, in denen sich wiese1bstverstand 1ich Generation um Generation in dieiibermittelten Traditionen der Altereneinlibt und h ineinfindet.

So kommtes durch diesen schnellen Wandel in unserer Zeit zu verlangerter Pubertat, zu Desorientierung und ahnlichem - bedingt durch den Zusammenbruch der Uberichidentifikationen. Der damit verbundenen Selbst-entwertung ist nur LibereineeinflihlendeErziehung, in der anstellevon Pf1ichtgefuh1 und Gehorsam das VerantwortungsgefUhl und das Mitgefuhl regieren, bei- zu-kommen. Denn nur so wird der Absolutheit bestimmter WertedieAngst genommen, undes kann zueiner kriti- schen Neuorientierung fuhren. Es gilt also auch in der ErziehunQ weiblichen Werten und Eigenschaften mehr Raum zu verschaffen.

Meinein der Einleitung formulierteThese, daBes. dieUnterordnung des Weiblichen unter das Mannlichegibt, daB sieUberall zum Tragen kommt und daB dies geradein der Betrachtung der Beziehung zwischen Mann und Frau nachweisbar ist, giltes im folgenden Kapitel aufzuzeigen.

" Vielleicht ist das meiste, was uns als Liigeemport, in diesem Sinnedurchaus keineLiige, sondern redlicher Ausdruckeiner Meinung, diesich ihrer Bedingt- heit nicht bewuBt ist. Liigen kann nur der BewuBte. Es wird viel weniger gelo- gen als wir meinen. Liigen braucht Kraft im Gegensatz zur Ver 1 ogenhei t , Liigeist durchauseineTat,eine1uziferische. LUgen ist bewuBtes Verschweigeneines anderen BewuGtseins,erfordert Willen und ist stetsein Wagnis, wogegen dieVer1ogenheit, selbst wenn siewortlich das gleichesagt, durchaus bieder bleibt, sittsam, behaglich - und drum ist der Verlogeneniewiderlegt, nurentriistet, wieman iibereineTempel schandungent­riistet ist; sein Tempel ist dieZuver- sicht, daG alles, was ihm am meisten frommt, dieWahrheit sei, nicht seineWahrheit, sondern dieWahrheit schlecht- hin, dieewige, unabander1iche, dieun- antastbare, dieheilige, dieunbedingte.

Vo.raussetzung der Toleranz (soweites siegeben kann) ist das BewuBtsein, das kaumertragliche, daB unser Denken stetsein bedingtes ist. Toleranz ist immer das Zeichen, daB sicheineHerrschaft als gesichert betrachtet; wo siesich gefahrdet betrachtet,erhebt sich im­mer auch der Anspruch unbedingt zu sein, also dieVer1ogenheit, das Gottesgnaden- tum meines Vorteils, dieInquisition. "

Max Frisch, Tagebuch 1946-49, S. 202ff.

II. Der Mann - dieFrau

II.1. Historischer AbriB

zur Beziehung zwischen Mann und Frau

Ursprlinglich fuBtedieHerrschaft des Mannlichen liber das Weiblichevor allem auf zwei Tatsachen: Einmal, daB Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit durch Schwangerschaft, Geburt, Stillen und Kinderer- ziehungeingeschrankt sind und zum anderen, daBeben dieManner den Frauen korperlich uberlegen sind. Das will ich miteinigen Daten untermauern:

So liegtetwa dieMuskelkraft des Durchschnitts- mannes um 30-40% hoher als dieder Durchschnitts- frau;er ist auBerdemetwa 10cm groBer und 10kg schwerer (AnnemarieA1lemann-Tschopp, Bern, 1979). DieMenschheitsgeschichtereicht - wenn man so

will - Millionen von Jahren zuriick. Daseigent- licheHerauslosen aus dem Einssein mit der Natur beginnt frlihestensetwa ab 5000 v.Chr.. Seit mehr als 2000 Jahren halt nun dieVorherrschaft des Mannes Uber dieFrau an und damit dieUberbeto- nung des BewuBtseins. In diesen 2000 Jahren, dieunserlaubten,ein sicheres Sammelsurium von Wis- sen und BewuBtheit zuerobern, wurdedasselbegnadenlos liberbewertet. LangeZeit sicher zurecht, umes nicht wieder zu verlieren. Doch heutehaben wir durch dieseUberschatzung den Kontakt zu un- serem Nahrboden verloren und treiben giner schein- bar unaufhaltsamen Aufspaltung, diein der unheim- lichen Kraft der Atomspaltung ihren Gipfel findet,entgegen.

Lebteman Liber Jahrhundertein den traditione11en Mythen, dievieles nichterklaren konnten undein- ander in wesentlichen Dingen sogar widersprachen, so wurdeungefahr zu Beginn des 6. Jahrhunderts v.Chr.ein neuer Geist geboren, der allmahlich heranreifte, biser schlieBlich zahlreicheForschungszweigezu beeinflussen begann. Das neueDenken weckteden Wunsch, dieDingegenauer zu begreifen, das Geheim- nis, in das sieeingehlillt sind, zu durchdringen und verstandesmaBig zuerklaren. Es suchtedieGe- setzeund Prinzipien der Natur, dieihr zugrunde- liegenden Krafte, zuentdecken, anstatt dieuner- grundlichen Launen der Gotter wiesieim Mythos dargestellt wurden fur dieverschiedensten Pha.no- meneveran twor11ich zu machen. GeradedieseArt des Erklarungsversuchs, wieer sich im Mythos dar- stellt,eineArt, in konkreten Bildern zu denken, bot Uber langeZeit den Ruckhalt gebenden Nahrbo- de.n, in dem dieErfahrungen und Erlebnisse, diedem damaligen Menschen zuteil wurden,eingebettet wur­den. Denn sieglaubten, daB Uberall dieGotter wir- ken, und so liefertedieBekanntschaft mit ihnen fUr diemeisten physischen wiegeistigen Erschei- nungeneineErklarung.

Doch zurlick zu dem bereitserwahnten neuen Geist.

Es beginnt das griechischeZeitalter der Aufkla- rung. Dievon ihm durchdrungenen Gelehrten beru- fen sich auf dieErkenntnis durch Beobachtung und Experiment. Vor allem auf drei Gebieten verhalf der neueGeist zu neuem Wissen: in der Mathematik, vertreten durch keinen unbedeutenderen Namen als. den des Pythago'ras; der NameThales steht fur diePhilosophieund Hyppokrates zu Kos flir dieNatur- wissenschaft. Etwas spatererweitertedann Platon dieses Streben durch dieIdee, daf3 dieErkenntnis unabhangig von derexperimente11en Erfahrung ge~ wonnen werden konne, womitein weiterer Schritt in Richtung auf das Abspalten des Denkens getan war .

In dieser Zeit war im alten Griechenland dieFrau auf das Haus beschrankt, ihreRechtsfahigkeit war gering. Siehattesozusagen nichts zu melden, mit Ausnahmeder Hetaren. So wurden in der AntikedieFrauen genannt, dieFreundinnen oder Geliebtevon bedeutenden Mannern waren und dieauch selbst hoch- gebildet und politischeinfluBreich waren. Allein siewurden von den Mannernernstgenommen.

Nicht viel anders stelltees sich im alten Rom dar. Abgesehen davon, daB sieim Haus ihreneigenen Win- kungskreis hatteund als verheirateteFrau gesell- schaftlicheAnerkennung genoB, hattesiekein wei- teres Recht. Siestand, solangesieunvermahlt blieb, unter der Gewalt des Vaters, spater dann unter der des Ehegatten.

Auch in der frUhehrist1ichen Zeit hattedieFrau zu schweigen, was ja selbst heutenoch vereinzelt gefunden werden kann. In der frarikischen Zeit (5.-9.Jhd.), dieverschiedeneResteantiker Kul- turen, sowiegermanischer und frUhehrist1icher Vorstellungen zueiner neuen Synthesevermischteund so dieabend landischeKultur des Mittelalters schuf, blieb man weiterhin der rechtlichen Ge- schlechtsvormundschaft treu.

Im Mittelalter kames dann zu der wohlbekannten Anbetung der Frau, vermittelt durch Uberlieferun- gen wiedievon Walther von der Vogelweideund an- deren, dieim Minnedienst urn dieDamedes Hofes warben und diesein frohem Glanzerscheinen lieBen. Dariiber schreibt Robert A. Johnson (Olten, 1985, S . 75) , daB

am Anfang vor vielen Jahrhunderten diehofischeLiebeals geistigeLiebekonzipiert war. SiewareineArt von Liebe, diebeide, den Ritter und seineDame, ver gei s t i gte, liber das Gewohnlicheund Roheemporhob und hin zueinem Erleben von Seeleund Geist ineineandereWelt fiihren sollte."

Es wurdealsoeineArt religioses Erleben in die- ser Beziehung gesucht, das natiirlich rechtlich, was dieStellung der Frau in der Gesellschaft an- ging, wenigeinbrachte. Es gab nach wievoreineBeistandspf1icht und Sachverwalterschaft in ge~ richtlichen Angelegenheiten.

Durch dievielen Kriege(Kreuzzlige, Fehden,etc.) gelanges dann der Frau, auch durch ihren dadurch bedingten FrauenuberschuB, ihreStellung auszubau-en. Ab 1300 spricht man ihr den Eintritt ins Ge- werbezu und aucheineentsprechendeBedeutung fLir das Wirtschaftsleben in den mittelalterlichen Stadten. In dieser Zeit konntenerstmalseinzelneFrauen in wissenschaft1ichen Berufen FuB fassen, wiez.B. als Arztinnen. Es gabeinigeKloster, diesich, zum Nutzen der Frauen des Adels und des stad- tischen Patriziats, zu Bildungsstatten fur diesel- benentwickelten. Fast gleichzeitig wuchsen soge- nannteBeginenheimeaus dem Boden, dieden Frauen der Unterschicht Unterkunft, Nahrung und Arbeit ge- wahrten.

DieEntwicklung bin zu wissenschaftlichen Berufen setztesich im 17.Jhd. fort, undes gelangeinigen wenigen Frauen, in diehohereBildung vorzudringen. Docherfuhr dieseEntwicklung in der Zeit des Roko- ko (18.Jhd.)einen schweren RUckschlag, das Ideal von Frau wurdein dieser Epochedie'galanteDame'.

Ebenso muB an dieRlickschlageim 15./16.Jhd.erin- nert werden. Es war dieZeit der kirchlichen Inqui­sition und der Hexenverbrennung. Hier wurdedieFrau nocheinmal von der Kirchezum GefaB der SLindeernannt und mit dem Niederen und Teuflischen in Verbindung gebracht. Weiter kames durch dieRe­naissancezur Wiederentdeckung des antiken Frauen- ideals und nocheinmal zur Ubernahmedes romischen Rechts.

Sichtbar verbessert hat sich dieStellung der Fraueigentlicherst in diesem Jahrhundert: 1919 bekamen dieFrauen in Deutschland das voileaktiveund pas­siveWahlrecht zugesprochen, was naturlich unter Hinweis auf dieSchweiz und Liechtenstein, dienoch vor zehn Jahren in verschiedenen Kantonen bzw. heu- tenoch ineinzelnen Gemeinden, das Frauenwahlrecht nicht kannten, Schwachungerfahrt. Weiter ist darauf- hinzuweisen, daBes in der BRD kaum liber 10% weibli- cheBundestagsabgeordnetegibt.

Was dieBildung angeht, so blieb siefur dieFrau bis ins 19.Jhd.eineAusnahme. Erst nach 1850entstanden vereinzelt hohereBildungsanstalten fur Madchen. 1896 bestanden laut dtv-Lexikon in Berlin dieersten sechs Madchen das Abitur. Das Hochschu1studium wurdeden Frauen ab ca. 1900 zuganglich. Vor kurzem horteich selbst ineiner Nachrichtensendung des ZDFeinen Be- richt, in dem der Anteil von Frauen im Studium heutemit durchschnitt1ich 30% beziffert wurde.

Organisiertes Eintreten der Frauen fur gleicheRechtebegannebenfallsetwa um 1900. DieseEntwicklung wur­dein der BRD in der Zeit des Nationa1sozia1ismus auf Eis gelegt, und vieleOrganisationen muBten sich mehr Oder weniger zwangsweiseauflosen. Erst 1958 wurdeden Frauen in der BRD auf dem Papier dievoileGleich- berechtigung zuerkannt.

Hierin wird dieklinftig.eTendenz sichtbar:eineEnt­wicklung hin zu vermehrter Gleichste11ung von Mann und Frau. Wenn dieses Ziel auch langst noch nichterreicht und verwirklicht ist, so hat sich doch, was dierecht- licheGleichstellung angeht, manches getan. Aber auch diePflichten beider Geschlechter haben sich damit ge- wandelt. So gibtes z.B.ersteUberlegungen, dieFrau zur Bundeswehr zu berufenetc..

Sicher haben sich durch diebeschriebeneEntwicklung dieVorste11 ungen liber das, waseineFrau sei Oder das, waseinen Mann ausmacht, verwischt, u'ndesentstehen immer mehr Bereiche, in denen sich ihreKompetenzen Uberschneiden. Darliber sollen nun dienachsten Ka- pitel berichten. Dort will ich versuchen, dieweib- lichevon der mannlichen Wesensart zu scheiden, mich bemlihen, der jeweiligen Wesensart das zuzuord- nen, was dieErfahrung in der menschlichen Vergan- genheit mit dereinen Oder der anderen Art verbun- den hat und sieschlieBlich zueiner Synthesefiihren.

" Geschrieben steht: 'Im Anfang war das Wort!'

Hier stock' ich schon! Wer hilft mir welter fort? Ich kann das Wort, so hoch unmoglich schatzen,

Ich muBes anders iibersetzen,

Wenn ich vom Geisterechterleuchtet bin. Geschrieben steht: 'Im Anfang war der Sinn.’

Bedenkewohl dieersteZeile,

DaB deineFeder sich nicht iibereile!

1stes der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es solltestehen : 'Im Anfang war dieKraft!'

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,

Schon warnt mich was, daB ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Aufeinmal seh’ ich Rat,

Und schreib' getrost: 'Im Anfang war dieTat!' "

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, S. 34

II.2. DiemannlicheWesensart

Natlirlich weiB ich, daBein Prototyp von Mann nichtexistiert, und doch istes flir mein Anliegen wich- tig, herauszufinden, was sich fUrein Bild von der relativen Mannlichkeit herauskristal1isiert hat.

Wieaus dem vorangestellten Auszug zuersehen,/ ord- net man dem Mannlichen Logos, BewuBtheit, Erkennt- nis, Wille, Kraft, Wort und Sinn zu. Es scheint hierbei vier Entwicklungsstufen zu geben: Der sport- liche, kraftvolleHeld als Symbol physischer Kraft macht den Anfang. Auf der nachsten besitzter auch Initiativeund Tatkraft. Ihm folgt der, der zum Wort wird, under wird deshalb gerneoft auf gei- stigeGroBen wieden Pfarrer Oder den Philosophen projiziert. Auf der vierten Stufeverkorperter den Sinn und wird zum Vermittler von religiosen und schopferischen Erfahrungen. Der Mann steht fur alleArten von Uberzeugungen, Ideen und Ideologien.

In ihm lebt von Anbeginn der Wunsch, sich von der Natur abzuheben, sich selbst zu bestimmen undei- geneOrdnungen zu setzen. Entsprechend auBert sich das Mannlicheplanend und unterscheidend. Dem Mann­lichen ist der Himmel, der Tag, das Licht, der Berg und dieSonnezuzuordnen. Hier spiegelt sich dieNeigung wider, dieder Mythos von Ikarus und Daida- los so deutlich zeichnet: Dieses Verlangen, der Son­neentgegenzufliegen, ungeachtet der Gefahr, in die. wir uns begeben, wenn wir den Boden unter den FuBen verlieren und das Wachs, das dieFedern zusammen- halt, zu schmelzen beginnt.

Aktiv und agressiv versucht der Manneinmal gesetzteZieleauch zuerreichen. Kriegerisch und angriffslu- stig stellter sich dem GegenUber Oder seiner Aufga- be, um sich daran zu messen und seineManneskraft zuerproben und unter Beweis zu stellen. Hier werden An- forderungen an sich selbst und dieanderen gestellt, diees zu bewaltigen gilt. Er muB sich, so wiefrliher im Dickicht und der Wirrnis des Urwaldes, so heuteim Dickicht der weiten Welt, im Gewimmel der GroBstadt, in den StraBen der sich aufturmenden Hochhauser, be- wahren. Er kampft seinen Kampf in der Industrie, woes noch immer urns nackteUberleben geht. Er istes, der in dietrostlose, kalte, fremdeWelt hinausgeht und sein Gluck versucht, seinen Mann steht.

Er sieht sich deneigenen Ideen und Zielen verpflich- tet und flihlt sich denselben oftmals hilflos ausge- liefert. Wieoft packen ihn dieSachzwangeund lassen ihm weder Spielraum noch Ausweg. Hier ist der Aus- g&ngspunkt fur allelineare, gewollteund durchge- setzteVeranderung. Der Blick richtet sich nach oben, der Schwerpunkt liegt auf dem himmlisch Geistigen, weniger auf dem natiirlich Irdischen. Im Hintergrund lauert immer dieGefahr, dieNatur zu vergewaltigen und selbst zum zerlegenden Werkzeug zu degenerieren. Flihrung und Differenzierung gehoren zu seinem tagli- chen Brot.'So wiein uralten Zeiten Beutegesucht, gemacht und bewahrt wurde, suchter in der Modernenach neuen Erkenntnissen. DieabstrakteWahrheit, die Vernunft, abgespalten von jeder Emotion, dieIndivi­duality, all das hat hier seinen Platz. Er hat kei- neZeit, abzuwarten undetwasentstehen zu lassen,er will formen und beherrschen. Der starretrennendeEinfluB istes, der hier liberwiegt.

Der Mann wares bisher, der als Vaterarchetyp ver- antwortlich war flir dieVermittlung von Tradition,er war der Richter, der daflir sorgte, daB dieerrun- geneWerte- und Gesetzeswelterhalten blieb. Er wares aber auch, der siefur seinemannlichen Zielebe- reit war auBer Kraft zu setzen und in den Krieg zu ziehen, Blut zu vergieBen. Von ihm kommt das Wort Mannschaft, dennes sind dieManner, diesich in Grup- pen und Rudeln zusammenfinden, diebereit sind, sich dort mit ihrer Agressioneinzubringen, den Wettkampf zu suchen und damit dem Drangen, korperlicheKraft zu demonstrieren, seineMacht zu zeigen, mit Freudenach- kommen. Es herrschtein ausgepragtes Bedurfnis, Rang- ordnungen herzuste1 len , dem mannlichen Dominanzstreben sein Recht zu geben. Manner sind dieAktiveren, dieLeistungsfahigeren, dievielseitig Begabten, dieVer- nunftigen, diemit den guten Nerven, dieder Gefahr ins Augesehen, Mut haben, EinfluB nehmen, sich be- machtigen, sich durchsetzen und deshalb auch schoneinmal dem Schwacheren Recht geben und ihn schutzen konnen, ohnedabeietwas zu verlieren. Siehaben ge- lernt, rational dieWelt zu zergliedern und zu durch- dringen, sind Erfolg gewohnt und haben immer dienot- wendigeDistanz. Sachliches Ziel und personlicheAn- teilnahmesind deutlich voneinander getrennt. Manner sind objektbezogen und halten ihreSubjektivitat he- raus. Den Mannern raumt manein, siehatteneineaus- gepragtereFahigkeit, sich visuell-raumlich zu orien- tieren. Eigentlicheinleuchtend , wenn man sicherin- nert, daB das Mannlicheaus der Vergangenheit des Ja- gersemporgestiegen ist. Denn das bessereraumlicheOrientierungsvermogenerlaubt Entfernungeneinzuschat- zen, Bilder rasch zuerfassen und zuerganzen, sich Objektbewegungen im Raum vorzustellen. Zusammen mit ihren grobmotorischen Fahigkeiten kann man sich vor- stellen, daBesein leichtes fur sieist, Beutezu fixieren und zu schlagen. Hieraus beziehen auch mo- derneBerufe, wieder des Ingenieurs, ihreGrundla- gen ( Helmut Barz, Zurich, 1984). Von daher beziehen wir wohl auch dieAuffassung, daB mannlicheIndivi- duen objektiver seien, sich besser aufeinen Gegen- stand und dessen Wahrnehmung konzentrieren,ein Ob- jekt also relativ unabhangig von seiner Umgebung fi­xieren konnen.

Der Mann istes, der das Schwert tragt, das diesee- lischeEnergiespeziell mannlicher Art symbolisiert (Lexikon der Symbole, Freiburg i.B., 1978), vorwie- gend den geistigen Aspekt. Es ist Symbol des scharfen, unterscheidenden Verstandes, durch den der Mensch Herr liber dieNatur zu werden vermag.

Ein Mann ist mutig, se1bstgefa11ig,energisch, tat- kraftig und leistungsfahig. Ererschlagt,ersticht underschieBt. Er weint nicht, neigteher zum rohen Krieger und trockenen Denker. Zu ihm gehort der Don Juanebenso wieder Held, der Professor, der alteWeise, der Ritter und der Pantoffelheld. Der Mann versucht, am Driicker zu bleiben, den anderen den Hahn abzudrehen, Oberwasser zu behalten. Er setzt Zeichen und Grenzen und fordert den Sieg. Er gibt sich niegeschlagen, bleibt hart, zeigt keineGe- flihleund verbeiBt sich den Schmerz. Klein beige- ben sollen dieanderen,er selbst bleibt ruhig und gelassen. Manchmal zeigter sich auch menschlich.

Er Liberlebt in der harten Wi rt schaf t sbrancheund steht manches durch, auch wennes an dieSubstanz geht. Er will dieWelt aneinem Tagerobern und ist zwiespaltig; und zwar doppelt. 'Mann'tragteinepassiveGespaltenheit in sich selbst und hat andererseits dieFahigkeit und Neigung, aktiv spal- tend mit dem umzugehen, wasererlebt. Hinter demerlebenden Ich ist das beobachtendeIch immer dabei, ("'big brother is watching you'] Bin Ich, das also mitten im Erlebnis registriert. Das Bedlirfnis, das Erlebtedurch Aufgliederung und Einteilung zu ord- nen undes damit von sich selbst abzuriicken, ist groBer, als dieFahigkeit, unmittelbar darin aufzu- - gehen. Der Mann scheint, unabhangig davon, ob das nun anerzogen oder angeboren ist, analytischer zu sein. Zergliederung schafft Ordnung, scharft dieIntelligenz. Abstandermoglicht Ubersicht und schlieB- lich ist Ordnung ja auch das halbeLeben, abereben auch nur das halbe.

Manner sindes, diesich zu Gipfelgesprachen treffen und auf ihrem Hohepunkt stehen. So sind sieoft ver- geistigt undentfremden sich von dem, was sietragt, der Politiker vom Volk,der Pharisaer vom inneren Ge- wissen und diein der Wirtschaft Tatigen von der Na- tur. So geben sieum des Himmels willen den Boden un- ter den FliBen auf und fangen an zu schwimmen. Ooch nach auBen bleiben siesouveran, auch wenn siein- nerlich langst ausgetrocknet und verdorrt sind und aus ihrereigenen Tiefelangst keineSicherheit mehr beziehen konnen .

" Oh, daB ihr hier, Fraueneinhergeht,

Hier unter uns, leidvoll,

Nicht geschonter als wir und dennoch im Stande, Selig zu machen wieSelige."

Rainer Maria Rilke, SamtlicheWerkeBd . 2, S.136

" AveMaria zart, duedler Rosengart, LilienweiB, ganz ohneSchaden.

Ihr Kleid dieSonn',

Ihr Schuh der Mond, zwolf Stern' ihr Kron'. Oh Gottes heilges Zelt,

Du hdchsteZier.

GegriiBet seist Du Jungfrau mein,

Oh Mutter der Barmherzigkeit,

Den Mantel liber uns ausbreit',

Oh Mutter reich an Gut' und Huld,

Oh Wurzel, der das HeilentsprieBt,

Du Mutter der Schmerzen und der Gnaden,

DuedleRoseganz schon und wunderbar,

Sei unser Trost und Quell der Froh1ichkeit."

Gotteslob, Freiburg i.B., Nr. 573-595

" In den Wolken lachen dieHexen Mit ihren Fasanenaugen Mit ihren Pfauenwimpern Mit ihren weiBen Haaren Mit ihren steinernen Briisten "

Meret Oppenheim, Herbst

II.3. DieweiblicheWesensart

Scho'n schwerer falltes mir, den Prototyp von Frau 2u beschreiben. Sicher hangtes damit zusammen, daB langeUnverstandnis, Herabsetzung und Vernachlassi- gung gegenliber dem weiblichen Prinzip bestimmend wa- ren. VieleProblemeunserer Zeit lassen sich darauf zurlickf lihren. So schreibt SukieColegrave(Frankfurt a.M.,1984, S.112) :

" DieUnklarheit liber das Wesen des Weiblichen wire] wahrscheinlich so langeandauern, bis mehr Men- schen dieses Prinzip in sich selbst verwirklicht haben. "

Trotzdem mochteich den Versuch machen, auch auf dieGefahr hin, dieeineOder anderefalscheZuordnung auszusprechen.

Dem Weiblichen verbunden ist dieErde, der Mond, dieNacht, sowiedieruhenden Gewasser. Ruheund Stillehaben hier ihreHeimat, das Weiblicheist gar selbst Heimat. AllmahlicheWandlung gehortebenso hierher, wieder rhytmischeWechsel der Jahreszeiten. Frucht- barkeit, Wachstum, Ernte, aber auch Leben und Tod ge~ horen in den Wirkungskreis der 'groBen Mutter', wieErich Neumann siebeschrieben hat (Olten, 1974) . Die

Frau gehorcht und liberlaBt sich den naturgegebenen Ge- setzen, sieistein Stuck Natur, in ihr selbst lebt der naturlicheWandel. So spricht ’man* von der Wand­lung des Blutes in dieMilch, von dem zyklischen Kom- men und Gehen der Periode, vom Wachsen des Fotus im

Mutterleib und von den damit. bedingten und von der Frau hinzunehmenden korperlichen Veranderungen, dieein Leben im Korpererzwingen. Vieleder weiblichen EigenschaftenerschlieBen sich aus den korperlichen Wandlungsprozessen.

So gibt sich dieFrau hin in das Werden und Gesche- henlassen, siewartet ab undempfangt, passiv ist sie, weich und schmiegsam, warm und fllissig. Sieister- nahrend und Schutz gewahrend, mehr liebend bezogen, als distanziert abstrahierend . Dieweich dunklen Moll- qualitaten sind hier zuhause. SieumfaBt und unter- stlitzt, sieist nachgebend und maBigend, siegibt sich hin undempfangt den Samen.

Sieoffnet sicheher in den Raum (im Gegensatz zur mannlichen Zielgerichtetheit), siesucht dieEinheit und lebt in ihr, sieliebt dieSpontaneitat, ist ab- sichtslos, bezogen, ihreWelt sind dieGeflihle. Stim- mungen und Ahnungen finden hier Beachtung, Vertrauen ist der Mittelpunkt weiblichen BewuBtseins. Von Frau­en wird verlangt, daB siekeusch, sanft, unaufsassig, vermittelnd, still, ordentlich und bedacht sein sol- len. (DieFrau ist jedoch nach Ingrid Olbricht (Stutt­gart, 1985, S . 61) : j " bedrohlich und freundlich zugleich, sorgend, aber auch liber fur sorg 1 i ch , siekann zwar hegen, aber auch verhatscheln und fur das Leben untauglich ma- chen. Siekann zwar bewahren, aber auch konservie- ren. Siekann zwar nahren, aber siekann auch tot- futtern. Siekann zwar schiitzen, aber siekann auch . klammern underdriicken. Siekann zwar Leben spen- den, siekann aber auch Leben vernichten. "

(^So wird in dem Zitat )der doppelteAspekt des Weib- lichen und Mlitterlichen deutlich. DieIdealisierung der Frau, diegeradeauch in der Verehrung der rei- nen und keuschen Jungfrau Maria bei den Katholiken sichtbar wird, liberstrahltfaber leider \oftmals die j im Schatten liegendeKehrseite. DieFrau istes, dieeinverleibt, in sich aufnimmt, vergiftet,erstickt und uberschuttet . Sieist verlockend und verzaubernd, -'“gefahrlich und unheimlich, in den Abgrund ziehend und in den Wahnsinn treibend.

DieFrau spinnt Intrigen, ist gefuhlvoll, sentimen­tal, uberschweng 1 ich und Schwankungen des Geftihls- lebens unterworfen. Siestellt sich zur Schau, hatein Faiblefur Schonheit, fur Harmonieund Ausgegli- chenheit. Siesucht das friedlicheMiteinander, macht sich gern zum Opfer und zahlt hinter dem Riicken mit barer Mlinzeheim. Sieist treu, der Wunsch Mutter zu werden, ist bestimmend in ihrem Leben und nur von da-her ist ihr Weseneigentlich zu verstehen. IhreLiebeist ganzhei11ich ,elementar und absolut. Frau­en wirdeinehohereSprachbegabung nachgesagt, siesind mehr auf Kommunikationeingestellt, sind anpas- sungsbereiter und habenein geringeres Bedurfnis, Hierarchien untereinander aufzustellen, seies nun angeboren Oder anerzogen. Sienehmen in komplexen Zu- sammenhangen wahr und sind weniger krank heitsanfal1ig . (Nach Helmut Barz (ZUrich, 1 984) : ist (d ieReaktionsbe- reitschaft auf das *Kindchenschema1 und danut;dieer-erbteBereitschaft zum Bemuttern,.menschlicher Natur.

Sieist lediglich beim weiblichen Menschenetwas aus- gepragter. Madchen und Frauen flihlen sich inerster LinieUber ihresozialeKompetenz bestatigt, d.h., liber ihreFahigkeiten, auf anderezuzugehen, bzw. mit ihnen umzugehen. Siesind bestandig und ausdauernd, das Bedlirfnis nach Austausch mit anderen Menschen steht im Vordergrund. Sieverleihen ihren Geflihlen mehr Aus- d.iyjck, habenein besseres Einflihlungsvermogen und sind in ihrer Seelemehr zuhause. Es fallt ihnen leichter, auszudrlicken , was sieinnerlich bedruckt. Ohneausrei- chendeBestatigung ineinem BeziehungsgefUgekann sieleicht zankisch werden. Bei ihr ist der Eros zuhause, das sehnsuchtsvolleVerlangen,Sinnlichkeit, Rezepti- vitat und Unvoreingenommenheit gegenliber dem Irratio- nalen.

DieFrau will begehrt werden, siewill, da(3 man sieschon und anziehend findet und siewill auf Harden ge- tragen werden.Sielebt fur dieFamilieund geht ganz darin auf,Ehefrau und Mutter zu sein.

Das jungeMadchen macht vor'Aufregung ins Hoschen* und vergottert ihren Helden.Als Frau umgarnt siedann ihren Ehemann, wickelt ihn urn den Finger, betort ihn, weckt seineLeidenschaft, siehort ihm zu, sieordnet sich ihm unter, paBt sich an, vermeidet jeden Streit und machtes ihm gemlitlich.

FureineFrau ist das Verlangen nach Beziehung von hochster Bedeutung,es ist dieEssenz ihrer weibli­chen Natur. Wird ihr Wunsch jedocheineNuancezu stark, so will sieklammern, abhangig machen und sich einen Anspruch sichern . Frauen sind geduldig und las­sen sich nicht drangen. Siegeben freiwillig, nicht auf Befehl. Siesortieren den Strom des UnbewuBten und spinnen den Schicksalsfaden, wiein vielen Marchen beschrieben .

" An den Salomon

DaB unter Tausendenein weiser Mann Kein gutes Weibchen finden kann,

Das wundert mich recht sehr.

Doch wundert mich noch mehr,

DaB unter Tausendenein weiser Mann,

Nichteine^gut sich machen kann. "

Gotthold Ephraim Lessing, Ein Lesebuch fur unsereZeit,S.7

" Woein Denkeres nicht lassen kann,

Menschlichkeit mit Mannlichkeit gleichzusetzen,

Klindigt sich der Riickschlag als Realitat In der privaten Eheholledes Philosophen an. ”

Peter Sloterdijk, Kritik zur zynischen Vernunft, S.473

Siehe, innerer Mann dein inneres Madchen,

Dieseserrungeneaus Tausend Naturen, dieses Erst nurerrungene, nieNoch geliebteGeschopf. "

Rainer Maria Rilke, SamtlicheWerke, Bd.2, S. 84

II.4. Der * integrierte' Mann

Habeich in den beiden vorangegangenen Kapiteln ver- sucht, mannlj,cheund weiblicheWesensant zuentschllis- seln, so solies nun darum gehen, aufzuzeigen, wiewichtiges ist, daB auch der Mann das Weiblichein- tegrieren lernen muB, wiesich umgekehrt dieFrau das Mannlichezueigen machen muB. Es gilt, ausgedruckt in der Spracheder analytischen Psychologie, dieAr- chetypen des Mannlichen und des Weiblichen wiederzu- beleben und sieuns als unsereMog1ichkeiten, diewir in unserem Lebenentwickeln konnen, bewuBt zu machen. Archetypen sind, so Jung (C.G.Jung, Grundwerk Bd . 2), raum- und zeitloseStrukturelementedes alien gemein- samen kollektiven UnbewuBten. So wird dieganzeEr~ •fahrung, dieder Mann in seinem Leben mit dem Weib­lichen gemacht hat, in den Traumenebenfalls von be- kannten oder unbekannten weiblichen Figuren darge- st-ellt, dieauch seineihmeigeneinnereWeiblich- keit ausdrlicken. Nocheinmal sei darauf hingewiesen, daBes naturlich nicht darum gehen kann, den Mann zur Frau zu machen. Es wird in der Er1ebniswei seim- meretwas anderes bleiben, obein Mann beim Geschlechts- verkehreindringt oder ob dieFrau aufnimmt. Auch der 'Pimmel' als Symbol autonomer, mannlicher Macht und dieBrust, als Symbol fur dieweiblicheBeziehungs- fahigkeit, sowiedierezeptiveHaltung der ’Mose’ drticken Unterschied 1 ichkeiten aus,°dienicht zu be- seitigen sind. Wichtig isteher, daB der Mann seineweiblichen, weichen Seitenentdecken lernen soil,

[...]

Ende der Leseprobe aus 240 Seiten

Details

Titel
Männliche Identitätsfindung und Vaterprobleme in Familie und Gesellschaft
Hochschule
Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Reutlingen
Veranstaltung
Ich führe jederzeit zum Thema Workshops oder auch Vorträge durch, überall in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland.
Note
1,5
Autor
Jahr
1986
Seiten
240
Katalognummer
V151352
ISBN (eBook)
9783640633647
Dateigröße
9991 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Mann, Männliche Identitätsfindung, vater, Sohn, Entwicklungsphasen, Identitätsbildung, Handlungsvorbilder, Einfühlungsvermögen, Animus, Anima, Ödipuskomplex, Latenzphase, autistische Phase, der neue Mann, der neue Vater, der integrierte Mann, männliche Wesensart, weibliche Wesensart, phylogenetische Entwicklung
Arbeit zitieren
Joachim Armbrust (Autor), 1986, Männliche Identitätsfindung und Vaterprobleme in Familie und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151352

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