In der politischen Philosophie ist Locke vorwiegend als Vertragstheoretiker bekannt, dem das Verdienst zukommt, die Grundlagen für eine weltlich legitimierte freiheitliche Verfassung eines Gemeinwesens entwickelt und hierdurch die Verfassungen liberaler Staaten maßgeblich beeinflusst zu haben. In der Retrospektive sind es diese Aspekte, mit denen seine Philosophie, aber auch seine Person identifiziert werden. Die Frage nach Lockes Verhältnis zum Menschen mit schwarzer Hautfarbe, oder „Neger“ wie Locke ihn nannte, scheint dagegen auf den ersten Blick als lediglich von akademischem Interesse, nicht zuletzt, da Locke ihn in seinen Werken kaum erwähnte. Dennoch ist die Frage nach Lockes Verhältnis zum „Neger“ für das Verständnis seiner politischen Philosophie von großer Wichtigkeit, denn sie verändert die Interpretation von Lockes Schriften stellenweise erheblich: Locke, der selbe Denker, der Leben, Freiheit und Besitz als die natürlichen Rechte des Menschen postulierte, war ein Befürworter der Sklaverei mit schwarzen Sklaven in den britischen Kolonien Amerikas und verdiente darüber hinaus selbst am Handel mit ihnen. Man mag einwenden, dass zwischen dem Mann Locke und seinem Werk unterschieden werden muss, was sicherlich weithin Gültigkeit hat. Allerdings fördert die Einbettung des Werkes in seinen kulturellen und historischen Zusammenhang – und dazu gehört nicht nur die politische Situation in England und Lockes Beziehung zu den politischen Akteuren, sondern auch seine Beziehung zu den Kolonien Amerikas und sein Verhältnis zu den schwarzen Sklaven – eine authentischere und der Intention des Autors möglicherweise gerechter werdende Interpretation. Das Anliegen dieser Arbeit, Lockes Sicht vom „Neger“ zu beleuchten, hat damit zwei zusammenwirkende Zielsetzungen: zum einen soll durch die Beschäftigung mit dieser Frage Lockes politische Philosophie hinterfragt und zum anderen herausgefunden werden, ob Lockes politisch-ökonomischen Tätigkeiten mit den Inhalten der Schriften, insbesondere den Two Treatises, in Einklang gebracht werden können. Da sie die Einstellung Lockes dem Schwarzen gegenüber in besonderer Weise bestimmt, besitzt Lockes Verhältnis zur Sklaverei einen großen Stellenwert und soll somit entsprechend umfangreich untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Bild des „Negers“ in Europa
3 „Neger“ und Mensch in Lockes philosophischen Schriften
3.1 Der „Neger“ im Essay Concerning Human Understanding
3.2 Die Two Treatises: Von der Gleichheit des Menschen – im Naturzustand
4 Locke und die Sklaverei
4.1 Sklaverei in den Two Treatises
4.2 Locke, Sklavenhandel und Carolina – von der Theorie in die Praxis
4.3 Locke und die Legitimation der Sklaverei in den Amerikas
5 Rassismus bei Locke?
5.1 Rassismus und seine Begründungszusammenhänge
5.2 Rassismus bei Locke
6 Synthese und Schluss: Locke und der „Neger“
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis von John Locke zu schwarzen Menschen vor dem Hintergrund seiner politischen Theorie und seiner persönlichen wirtschaftlichen Involvierung in den Sklavenhandel. Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu ergründen, ob Lockes Schriften rassistische Elemente enthalten und wie sich seine liberale Vertragstheorie mit seiner aktiven Unterstützung der Sklaverei in den amerikanischen Kolonien vereinbaren lässt.
- Die kritische Analyse von Lockes "Two Treatises of Government" im Kontext kolonialer Praxis.
- Das Bild von schwarzen Menschen im philosophischen Werk "Essay Concerning Human Understanding".
- Lockes administrative Rolle bei der Erstellung der "Fundamental Constitutions of Carolina".
- Die Untersuchung möglicher rassistischer Begründungsmuster in Lockes Denken und Handeln.
- Die Auflösung von Widersprüchen zwischen naturrechtlicher Gleichheit und gelebter Sklavenhaltung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der „Neger“ im Essay Concerning Human Understanding
Locke erwähnte den „Neger“ in seinen philosophischen Werken kaum. Eines der wenigen Beispiele stammt aus seinem Essay Concerning Human Understanding, einem Werk, in dem er veraltete Auffassungen vom Erkenntnisvermögen des Menschen kritisiert und ihnen seine eigenen Theorien entgegensetzt (Euchner, S. 25). Im Essay heißt es: „[...] the child can demonstrate to you that a negro is not a man“ (Essay, Buch IV, Kapitel vii, Abschnitt 16; S. 344). Dieser Abschnitt wird von manchen Autoren aus dem Kontext gerissen, um sie als eindeutigen Beleg für den Rassismus von Lockes Schriften zu benutzen. Wenn man allerdings den Zusammenhang betrachtet, in den dieses Zitat gehört, bietet sich ein anderes Bild.
Das siebte Kapitel des vierten Buches des Essays ist „Of Maxims“ überschrieben. Maximen, oder auch Axiome, sind bei Locke fundamentale theoretische Prinzipien, die von vielen seiner Zeitgenossen als Grundstock jeder Erkenntnis angesehen wurden. Nach Locke sind diese Prinzipien jedoch weder angeboren noch Grundlagen von Erkenntnis (Thiel, S. 284), weshalb er in besagtem Kapitel die Wichtigkeit solcher Maximen für das Erlangen von Wissen zurückweist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung ein, John Locke sowohl als liberalen Vertragstheoretiker als auch als Befürworter der Sklaverei zu betrachten, und skizziert das Ziel der Arbeit.
2 Das Bild des „Negers“ in Europa: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext und die sich wandelnden Vorstellungen über schwarze Menschen in Europa vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit.
3 „Neger“ und Mensch in Lockes philosophischen Schriften: Hier werden Lockes Texte analysiert, um zu klären, ob er Schwarze als vollwertige Menschen mit natürlicher Seele und intellektuellen Fähigkeiten betrachtete.
4 Locke und die Sklaverei: Dieses Kapitel beleuchtet Lockes theoretische Rechtfertigung der Sklaverei sowie seine reale finanzielle und administrative Beteiligung am Sklavenhandel in Carolina.
5 Rassismus bei Locke?: Es erfolgt eine kritische Untersuchung, ob Lockes Schriften rassistische Ansätze transportieren, indem sein Werk mit modernen Rassismusdefinitionen abgeglichen wird.
6 Synthese und Schluss: Locke und der „Neger“: Das Abschlusskapitel führt die Ergebnisse zusammen und bewertet die Vereinbarkeit von Lockes Theorie und Praxis.
Schlüsselwörter
John Locke, Sklaverei, Politische Philosophie, Rassismus, Two Treatises of Government, Essay Concerning Human Understanding, Sklavenhandel, Kolonien, Fundamental Constitutions of Carolina, Naturzustand, Menschenrechte, Gleichheit, Ungleichheit, Eigentum, Eigentümer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Diskrepanz zwischen John Lockes politischer Theorie, die universelle Menschenrechte postuliert, und seinem Handeln als Sklavenbefürworter und ökonomisch Interessierter am Sklavenhandel.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die liberale politische Philosophie, die Geschichte des Rassismus, koloniale Strukturen in Amerika und die Interpretation von Lockes Hauptwerken.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob Lockes Schriften im heutigen Sinne rassistische Inhalte transportieren und wie sich seine politische Lehre mit seiner Unterstützung der Sklaverei vereinbaren lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung von Lockes philosophischen Schriften unter Einbeziehung des historischen Kontexts und aktueller Forschungsdebatten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Lockes philosophischen Aussagen über den Menschen, seine Auseinandersetzung mit der Sklaverei und seine konkrete Praxis als Administrator in den Kolonien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Locke, Sklaverei, Rassismus, Politische Philosophie, Naturrechte und ökonomische Interessen.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Lockes persönlichem Umfeld?
Die Arbeit beleuchtet die Nähe zu Lord Shaftesbury und den Einfluss kolonialer Interessen auf Lockes Theoriebildung als entscheidende Faktoren für die Interpretation seines Werks.
Wie geht die Autorin mit dem widersprüchlichen Erbe von Locke um?
Sie kommt zu dem Schluss, dass Lockes Philosophie nicht unkritisch mit modernen demokratischen Rechtsstaaten gleichgesetzt werden kann, da er Hierarchien und Sklaverei theoretisch und praktisch unterstützte.
- Citar trabajo
- I. Flathmann (Autor), 2010, Same Species – different Rank? John Locke und der „Neger“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151433