Heute für das Morgen bilden

Ein Plädoyer für das selbstmotivierte Einbringen von Bildung für Nachhaltige Entwicklung in den Schulunterricht


Hausarbeit, 2009

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) – Begriffe und Hintergründe
2.1 Nachhaltige Entwicklung
2.2 Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung
2.3 Die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“

3 BNE und ihre Umsetzung
3.1 Die Umsetzung von BNE in Deutschland (Hessen)
3.2 Überleben durch (diese) Bildung?

4 Der Beitrag des Einzelnen: BNE in meinem Unterricht - BNE im Lehrplan des Faches Biologie
4.1 Konkrete Inhalte des Lehrplans der Sekundarstufe I und II und ihr BNE-Bezug
4.1.1 BNE im Lehrplan Biologie der Sekundarstufe I
4.1.2 BNE im Lehrplan Biologie der Sekundarstufe II (Entwurf)
4.2 Wie man mehr BNE aus dem Lehrplan Biologie herausholt
4.2.1 Methode I: Erweiterung gegebener Inhalte
4.2.2 Methode II: Bilden BNE-bezogener Themenkomplexe

5 Zusammenfassung, Ausblick, Schluss: Heute für das Morgen bilden

6 Anhang
6.1 Lehrplan Biologie (Hessen), G 8, Sekundarstufe II (Entwurf), Q2 Ökologie und Stoffwechselphysiologie
6.2 Lehrplan Biologie (Hessen), G 8, Sekundarstufe I, 5. Klasse
6.2.1 5G.2 Körperbau und Lebensweise der Säugetiere (Lehrplan)
6.2.2 5G.2 Körperbau und Lebensweise der Säugetiere (BNE-Entwurf)
6.3 Lehrplan Biologie (Hessen), G 8, Sekundarstufe I, 6. Klasse
6.3.1 6G.2 Evolution – Lebewesen sind an ihren Lebensraum angepasst a) Vögel b) Fische c) Amphibien d) Reptilien (Lehrplan)
6.3.2 6G.2 Evolution – Lebewesen sind an ihren Lebensraum angepasst a) Vögel b) Fische c) Amphibien d) Reptilien (BNE-Entwurf)

7 Literatur

1 Einleitung

Für die Pädagogik – und damit den Lehrer - ist die Zukunft eine Kategorie von zentraler Bedeutung, da es eine ihrer Hauptaufgaben ist, Kinder und Jugendliche auf die Zukunft vorzubereiten. Dies kann ganz allgemein durch die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen geschehen, die nachfolgende Generationen dazu befähigen, mit den Herausforderungen einer unbekannten Zukunft zu kooperieren. Darüber hinaus muss Schule, als Hauptschauplatz der Pädagogik, jedoch auch auf Probleme reagieren, die in der Gegenwart bereits bestehen und die voraussichtlich erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft haben werden. Will Schule nicht nur für die Zukunft vorbereiten, sondern die Zukunft aktiv in einem positiven Sinne beeinflussen, muss sie diese Probleme in die Bildung einbeziehen, sie thematisieren, sie zu einem ihrer Wichtigkeit entsprechenden Bestandteil des Schulunterrichts machen. „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) hat eben diese Aufgabe. Sie soll dazu beitragen, weltweit nachhaltiges Denken und Handeln zu entwickeln und zu stärken, zu verbreiten und zu verankern.[1] Dass dies geschieht, wird von vielen Menschen als eine Voraussetzung für das Überleben der Menschheit angesehen. Allerdings steht dieser, auch von der UNESCO als internationale Instanz für BNE vermittelten, Dringlichkeit eine eklatante Zurückhaltung der Politik gegenüber, die vor einer tatsächlichen Reform der von der Schule vermittelten Inhalte und damit einer Reform hin zu einer Bildung für Nachhaltigkeit zurückschreckt. Wenn man von der Notwendigkeit einer Vermittlung von Bildung für nachhaltige Entwicklung überzeugt ist, bieten sich für den Lehrer jedoch mehrere Möglichkeiten, BNE trotzdem in den Schulalltag einzubringen. Zum einen kann dies durch Projekte geschehen, zum anderen durch das Einbringen von BNE-bezogenen Inhalten in den eigenen Unterricht. Es ist der Zweck dieser Arbeit darzustellen, warum letzteres wünschenswert und unter Umständen (lebens-) notwendig sein könnte und wie dieses Einbringen konkret aussehen kann.

Um den Ausführungen zu den Möglichkeiten des einzelnen Lehrers einen Hintergrund zu bieten, sollen zunächst die für den Zusammenhang wichtigen Begriffe „Nachhaltige Entwicklung“, „Bildung“ und „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erläutert und anschließend die Umsetzung von BNE in Deutschland, bzw. Hessen, kritisch beleuchtet werden. Daraufhin wird der Lehrplan (G 8; Hessen) des Faches Biologie bezüglich seines Gehaltes an BNE untersucht und Möglichkeiten vorgestellt, wie man, im Rahmen dieses Lehrplans, BNE verstärkt in den Biologieunterricht integrieren könnte. Insgesamt soll diese Arbeit ein Plädoyer für das Einbringen von BNE in den eigenen Schulunterricht sein und dazu ermutigen, über das von politischer Seite gewollte und umgesetzte hinaus, die vom Lehrplan eröffneten Möglichkeiten dazu zu nutzen, seine Schüler bereits heute für das Morgen zu bilden und hierdurch möglicherweise zu einer positiven Veränderung der Zukunft beizutragen.

2 BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) – Begriffe und Hintergründe

2.1 Nachhaltige Entwicklung

Das Prinzip der „Nachhaltigkeit“ wurde bereits im Jahre 1713 von Hans Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg (Sachsen) beschrieben, der durch planmäßige Aufforstung geschlagener Bäume dauerhaft ausreichende Holzmengen für den Silberbergbau sicherstellen wollte.[2] „Nachhaltige Entwicklung“ ist eine von diesem Kontext abgeleitete, interpretative Übersetzung des englischen „sustainable development“, was alternativ auch mit „dauerhaft umweltgerechte Entwicklung“, „zukunftsfähige Entwicklung“, „ökologisch-dauerhafte Entwicklung“ oder „zukunftsverträgliche Entwicklung“, um nur einige von über siebzig in der Literatur benutzten Termini zu nennen, übersetzt werden könnte.[3] Der Begriff des „sustainable development“ hat seinen bekanntesten Ursprung im Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der UNO, „Our Common Future“, von 1987 („Brundtland-Bericht“).[4] Darin heißt es: „Sustainable development is a process of change in which the exploitation of resources, the direction of investments, the orientation of technological development, and institutional change are all in harmony and enhance both current and future potential to meet human needs and aspirations.”[5] Eine noch prägnantere (und öfter zitierte) Definition aus dem selben Bericht lautet: “Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.”[6] Dabei werden zwei Schlüsselkonzepte angeführt, nämlich das der „Bedürfnisse“, insbesondere der Grundbedürfnisse der Ärmsten der Welt, deren Stillung absolute Priorität haben solle, und die Idee von Beschränkungen, „die der Stand von Technologie und sozialen Organisation auf die Fähigkeit der Umwelt ausübt, gegenwärtige und zukünftige Bedürfnisse zu befriedigen.“[7] Damit stellt die Brundtland-Definition eine Kompromiss- bzw. Konsensformel dar, um die oft gegebenen Zielkonflikte zwischen Umweltschutz und Entwicklung (i.e. Wirtschaftswachstum, vor allem in den Ländern der „Dritten Welt“) in Einklang zu bringen.

Seit seinem Auftauchen im öffentlichen Diskurs hat der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ zahlreiche Präzisierungen, Neudefinitionen, Interpretationen und ebenso viel Kritik derselben erfahren.[8] Jedoch bleibt, sogar wenn die vom Brundtland-Bericht gelieferte Definition als Leitbild akzeptiert wird, ein oft lähmender Raum für Kontroversen, sobald die praktische Durchführung bzw. die erforderlichen Veränderungen der bisherigen Praxis im Sinne der nachhaltigen Entwicklung in den Mittelpunkt rückt. Diese Kontroversen betreffen alle Ebenen der Überführung des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung in die Praxis: die Operationalisierbarkeit des Leitbildes im Allgemeinen; die Kontroverse, was unter „Bedürfnissen“ (besonders der Industriestaaten im Vergleich zu den Staaten der „Dritten Welt“) zu verstehen sei und in welchen Bereichen (wie z.B. Klima, Biodiversität, etc.) und ab welchen (Ressourcen-) Beeinträchtigungen die Verfügbarkeit für Folgegenerationen nicht mehr gewährleistet sei, bzw. in welchen Bereichen diese unbedingt aufrecht erhalten werden müsse (Stichwort: „Grenzüberschreitung“ im Sinne von Meadows[9] ), und damit im Zusammenhang die Schwierigkeit der Quantifizierung vieler Ressourcen; konkurrierende Konzepte von Nachhaltigkeit, wie das der „schwachen“ und „starken“ Nachhaltigkeit[10] oder (damit verwandt) dem Verständnis von Nachhaltigkeit als Modernisierungskonzept, das ökonomisches Wachstum anschieben und in eine umweltverträgliche Richtung lenken soll gegenüber Nachhaltigkeit als Selbstbegrenzung, die sich nicht an Grenzwerten der Belastung, sondern an einer möglichst störungsfreien Einfügung in Naturzusammenhänge und an alternativen Vorstellungen vom „guten Leben“ orientiert;[11] und nicht zuletzt systemspezifische Interpretationen des Leitbildes „Nachhaltige Entwicklung“, die unter dem Einfluss einer Kosten-Nutzen-Kalkulation für das spezifische System (z.B. Wirtschaft oder Politik) stehen.[12] Kurz gesagt herrscht weder über Details des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung, noch über seine Umsetzung in die Praxis ein breiter Konsens in der Weltgemeinschaft, was erheblich Auswirkung auf das tatsächliche Handeln der politischen und wirtschaftlichen Akteure und das des Einzelnen hat.

Trotz der oben genannten Kontroversen wurde nachhaltige Entwicklung mit dem Erdgipfel (UNCED) von 1992 in Rio de Janeiro zum normativen, internationalen Leitprinzip der Staatengemeinschaft, der Weltwirtschaft, der Weltzivilgesellschaft, sowie der Politik erklärt und u.a. in der Agenda 21 und der Klimarahmenkonvention konkretisiert. Seit dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung (Johannesburg 2002) liegt der Schwerpunkt der Diskussionen verstärkt auf Konzepten und Methoden zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele. In Johannesburg wurde auch beschlossen, eine „UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auszurufen, um die Bildungsanstrengungen zur Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten zu verstärken (dazu später mehr).[13]

Die Beschlüsse der UNO-Konferenzen sind aufgrund der heterogenen Eigeninteressen der Einzelstaaten zäh errungene Kompromisse, die bestimmten Gruppen (besonders Umwelt-NGOs) nicht weit genug, anderen (z.B. Wirtschaftsakteuren) viel zu weit gehen. Die Umsetzung der gefassten Beschlüsse krankt zum einen an fehlenden Finanzierungsmitteln,[14] zum anderen am Willen vieler (politischer) Akteure: Regierungen fürchten um ihre Macht, wenn sie Nachhaltigkeitsziele umsetzen sollen, Wirtschaftsvertreter um ihre Bilanzen und Boni, „Dritt-Welt-Staaten“ fürchten, dass „Nachhaltige Entwicklung“ auf ihre Kosten durchgeführt werden soll, „Erst-Welt-Staaten“ wollen keine Veränderung, wenn nicht alle anderen auch mitziehen – um nur einige Beispiele zu nennen. Diese Probleme treten bereits auf, wenn Akteure das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung akzeptieren. Hinzu kommen die oben genannten Kontroversen über die Bedeutung von Nachhaltigkeit, die sich ebenfalls erschwerend auf die praktische Umsetzung auswirken. Darüber hinaus ist es nicht der Fall, dass alle Menschen durchgängig von der Notwendigkeit einer Veränderung der menschlichen Verhaltens– und Wirtschaftsweisen überzeugt sind oder dass das Konzept der Nachhaltigkeit selbst durchgängig akzeptiert würde: Die Vereinnahmung des Konzepts der Nachhaltigen Entwicklung durch Eliten[15] als Instrument zur Wahrung egoistischer (Macht-) Interessen, ist ein (berechtigter) Gegenstand von Kritik[16] und kann ebenso zur Ablehnung des gesamten Konzepts führen, wie die Auffassung, dass der Mensch ob seiner adaptiven Fähigkeiten bisher noch mit allen Widrigkeiten fertig geworden sei, womit unbequeme Handlungsänderungen in der Gegenwart unnötig werden.

Die Hindernisse bei der Umsetzung von nachhaltiger Entwicklung wurden hier so ausführlich dargestellt, da sie Prinzipien verdeutlichen sollen, welche eine Kernaussage dieser Arbeit reflektieren: Nachhaltige Entwicklung bedarf des Wollens des Einzelnen – auf politischer, wirtschaftlicher, aber auch auf lokaler oder sogar familiärer und persönlicher Ebene. Bildung ist ein Weg, wie beim Einzelnen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von nachhaltiger Entwicklung vermittelt werden kann. Die einer Implementierung von Bildung zur Nachhaltigen Entwicklung entgegenstehenden Hindernisse sind den Hinderungsgründen der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeitsprogrammen sehr ähnlich, wie später gezeigt werden soll. Auf „Bildung“ und „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ als Instrument zur Umsetzung von nachhaltiger Entwicklung, soll im nun folgenden Abschnitt eingegangen werden.

2.2 Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung

Bereits im Brundtland-Bericht taucht Bildung als ein wichtiger Bestandteil der Strategie zum Erreichen einer nachhaltigen Entwicklung auf: „The changes in human attitudes that we call for depend on a vast campaign of education, debate, and public participation.“[17] Im Folgenden soll zunächst geklärt werden, was Bildung als Bestandteil einer solchen Strategie qualifiziert, um danach konkret auf das Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) einzugehen.

Im (westlichen) pädagogischen Diskurs wird dem Begriff der „Bildung“ oft die „Erziehung“ als konkurrierende oder zumindest zu differenzierende Aufgabe der Pädagogik gegenübergestellt[18] und beide Begriffe im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft definiert und verstanden. So versteht man „Erziehung“ als das Heranziehen eines gesellschaftlichen Funktionsträgers:[19] „Erziehung übernimmt mit der bürgerlichen Gesellschaft in institutionalisierter Form die rational organisierte Wissensvermittlung zur Reproduktion des gesellschaftlich politisch-ökonomischen Interesses.“[20] Sie soll „den historisch jeweils erreichten Stand der Organisation der Arbeit erhalten und fortführen, sowie die ihr zugrundeliegenden Werte vermitteln.“[21] Bildung dagegen ist eng verwoben mit dem aufklärerischen Ideal der Mündigkeit und dem Selbstverständnis des aufstrebenden bürgerlichen Subjektes, das die Selbstständigkeit des Einzelnen betont, die angeblich unbezweifelbare Wahrheit des Allgemeinen befragt und sich als Mittelpunkt seiner Welt setzt.[22] Mittel und Ziel von Bildung sind die kritische Nutzung des eigenen Verstandes zur Selbstreflexion, aber auch zur Reflexion gesellschaftlicher Zusammenhänge. Während somit „Erziehung“ dazu tendiert, denn gesellschaftlichen Status quo zu zementieren, bietet Bildung die Chance von gesellschaftlichem Wandel durch die Emanzipation von den tradierten Verhältnissen.[23]

Die Bedeutung von „Bildung“ in BNE, als Übersetzung von „Education“ in „Education for Sustainable Development“, kann jedoch nicht auf den oben dargestellten Bildungsbegriff reduziert werden, sondern muss sowohl „Erziehung“ als auch „Bildung“ beinhalten. Dies hat mehrere Gründe: erstens soll „Education for Sustainable Development“ nicht nur in emanzipierten bürgerlichen Gesellschaften, welche die „Bildung“ im oberen Sinne quasi „erfunden“ haben, sondern in allen Nationen der Welt, egal welcher Verfassung und gesellschaftlicher Form, umgesetzt werden; zweitens ist fraglich – und auch Gegenstand gegenwärtiger pädagogischer Debatten – inwieweit das ausgewiesene pädagogische Ziel der Bildung (zum Subjekt) in den bürgerlichen Gesellschaften selbst erreicht werden kann oder sogar werden soll;[24] drittens ist nicht zu vergessen, dass Nachhaltigkeit zunächst ein durchaus ökonomischer Begriff ist, der dem ökonomischen Ziel der Erziehung, nämlich „der Reproduktion des Lebens und des Erhalts der Gattung“[25] – nichts weniger ist letztendlich das Ziel von „Education for Sustainable Development“ – nicht zuwiderläuft, sondern, im Gegenteil, seine Bedingung ist; schließlich gewährleistet, viertens, auch Bildung nicht, dass das mündige Individuum zwangsläufig zur unter drittens implizierten Schlussfolgerung kommt, nämlich dass es bei „Education for Sustainable Development“ um nichts weniger geht, als um ein „Überleben durch Bildung.“[26] Aus diesem Grund soll hier „Bildung“ im Kontext von BNE sowohl die bürgerliche Bildung, als auch Erziehung im obigen Sinne umfassen.

Was qualifiziert nun Bildung („Education“) in diesem Sinne als Bestandteil der Strategie zum Erreichen eines gesellschaftlich-ökonomischen Paradigmenwechsels hin zu einer nachhaltigen Entwicklung? Im Nationalen Aktionsplan für Deutschland von 2005 heißt es dazu: „Die Vermittlung von Grundfertigkeiten und Faktenwissen über die Zusammenhänge von Mensch, Natur und Technik ist [...] unverzichtbare Voraussetzung, um Menschen mit Handlungskompetenz auszustatten und damit zu gesellschaftlicher Teilhabe bei der Gestaltung einer dauerhaft tragfähigen Entwicklung zu befähigen.“[27] Die Menschen sollen also „zur aktiven Gestaltung einer ökologisch verträglichen, wirtschaftlich leistungsfähigen und sozial gerechten Umwelt unter Berücksichtigung globaler Aspekte“[28] befähigt und diese Befähigung durch eine bildungsvermittelte „Veränderung von Einstellungen, Denkstilen und Verhaltensweisen der gesamten Bevölkerung“[29] erreicht werden. Dieses Ziel der Implementierung eines pädagogischen „Umerziehungsprogramms“[30] erfuhr seine Konkretisierung in der für die Jahre 2005-2014 ausgerufenen UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“.

2.3 Die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“

In der Resolution 57/254 rief die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 2002 die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005-2014) aus: „Die globale Vision der Weltdekade ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ ist es, allen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, die es ermöglichen, sich Wissen und Werte anzueignen sowie Verhaltensweisen und Lebensstile zu erlernen, die für eine lebenswerte Zukunft und eine positive gesellschaftliche Veränderung erforderlich sind. [...] Nachhaltige Entwicklung betrifft alle. Es ist eine unabweisbare Notwendigkeit, nachhaltiges Denken und Handeln weltweit zu entwickeln und zu stärken, zu verbreiten und zu verankern. Dazu bedarf es einer umfassenden, globalen Bildungsinitiative [...] Der Weg zur Nachhaltigkeit führt über die Bildung.“[31] Besagte Bildungsinitiative soll – und so wird hier „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ definiert – Menschen dazu befähigen, Probleme, die das Leben auf unserem Planeten bedrohen, vorherzusehen, sich ihnen zu stellen und sie zu lösen; sie soll Werte und Prinzipien fördern, die Basis für eine nachhaltige Entwicklung sind (Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit, soziale Toleranz, Armutsminderung, Schutz und Wiederherstellung der Umwelt, Wahrung natürlicher Ressourcen und gerechte und friedliche Gesellschaften); und sie soll letztendlich die Komplexität und die gegenseitige Abhängigkeit von drei Dimensionen hervorheben: Umwelt, Gesellschaft – im weiteren Sinne inklusive der Kultur – und Wirtschaft.[32] Um dies zu erreichen, sollen sich Entscheidungsträger dafür einsetzen, dass die Qualität der Bildung gefördert und verbessert,[33] öffentliches Bewusstsein für das Konzept nachhaltiger Entwicklung geschaffen[34] und die Bildung für Beschäftigte im Sinne von BNE weiterentwickelt wird.[35] Des weiteren, und dieser Punkt betrifft die Schule und ist somit für diese Arbeit von besonderer Relevanz, sollen die Lehrpläne reformiert werden: „Von der Vorschule bis zur Hochschule muss das Bildungssystem neu durchdacht und reformiert werden, um Wissen, Denkmuster und Werte zu vermitteln, die für eine nachhaltige Welt notwendig sind.“[36]

[...]


[1] Aktionsplan, S. 1 u. 3, zitiert nach Kehren, S. 28

[2] Lexikon der Nachhaltigkeit

[3] Ebd.

[4] Als Ur-Studie zum Konzept der nachhaltigen Entwicklung gilt dagegen die Studie „Limits to Growth“ (1972). (Lexikon der Nachhaltigkeit)

[5] Brundtland et al (1987), S. 57

[6] Ebd., S. 54

[7] Ebd.

[8] Die Kontroversen betreffen beispielsweise den Kontext des Verhältnisses von Generationengerechtigkeit und globaler Gerechtigkeit oder das Aufschlüsseln des Begriffs in verschiedene Teilbereiche, wie beispielsweise im Drei-Säulen-Modell, bei dem zwischen ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit unterschieden wird. Darüber sind die Definitionen bereits durch die jeweiligen Vorstellungen zur Operationalisierung beeinflusst. Für die Auflistung einer kleinen Auswahl von Definitionen und Interpretationen des Konzepts „Nachhaltige Entwicklung“ siehe www.nachhaltigkeit.info/artikel/ziele_und_wege_3/definitionen_897.htm, 02.08.2009 oder zur Problematik im Allgemeinen Otto (2007), S. 28ff.

[9] „...Zustand eines Systems, das sich so verhält, dass es über unbeschränkte Zeiträume ohne grundsätzliche oder unsteuerbare Veränderungen (Zusammenbruch) […] existenzfähig bleibt und vor allem nicht in den Zustand der Grenzüberziehung gerät.“ (Meadows 1992)

[10] „,Schwache Nachhaltigkeit‘ ist die Vorstellung, dass sich ökologische, ökonomische und soziale Ressourcen gegeneinander aufwiegen lassen. So wäre es im Rahmen schwacher Nachhaltigkeit zum Beispiel akzeptabel, dass Naturressourcen und damit Naturkapital erschöpft würden, wenn dem dafür angemessene Mengen an geschaffenem Humankapital oder Sachkapital gegenüberstehen. Ökonomie und Ökologie sind hier gleichrangig. ‚Starke Nachhaltigkeit‘ bedeutet, dass Naturkapital nur sehr beschränkt bzw. gar nicht ersetzbar durch Human- oder Sachkapital ist. Diesem Ansatz entspricht z.B. das Umweltraum-Konzept, der bekannte ökologische Fußabdruck oder das ‚Leitplankenmodell‘. Ihm zufolge bilden die ökologischen Parameter, die langfristig stabile Lebensbedingungen auf der Erde sichern, einen Entwicklungskorridor, der unbedingt zu beachten ist. Nur innerhalb dieses Korridors besteht ein Spielraum zur Umsetzung wirtschaftlicher und sozialer Ziele.“ (wikipedia.de, 2009)

[11] Kaufmann, S. 179

[12] Siehe hierzu z.B. Otto (2007), S. 170ff

[13] Lexikon der Nachhaltigkeit; Wikipedia.de

[14] Zur Realisierung dieser Ziele müssten bis 2015 980 Mrd. US-Dollar zusätzlich bereitgestellt werden. (wikipedia.de)

[15] Hier sind Eliten aus Politik und Wirtschaft, aber auch der gegenüber dem Süden privilegierte Norden gemeint.

[16] Als Beispiel Kaufmann (2004), S. 174-181

[17] Brundtland et al, S. 38

[18] Siehe z.B. Heydorn, S. 9f

[19] Pongratz, S. 75

[20] Kehren, S. 48

[21] Ebd., S. 44

[22] Pongratz, S. 70f

[23] Kehren, S. 45-57

[24] Siehe hierzu z.B. Nonnenmacher, S. 237-250 und Saar, S. 215-222

[25] Gamm, S. 141

[26] Kehren, S. 37. Zum angesprochenen Sachverhalt siehe Punkt 2.1

[27] Aktionsplan, S. 7, zitiert nach Kehren, S. 32

[28] Bundesministerium für Bildung und Forschung 2002, zitiert nach Kehren, S. 23

[29] Aktionsplan, S. 4, zitiert ebd.

[30] Kehren, S. 23

[31] Aktionsplan, S. 1 u. 3, zitiert nach Kehren, S. 28

[32] Internationaler Umsetzungsplan, S. 5

[33] „ Zentrales Ziel ist die Neu-Orientierung von Lebenslangem Lernen auf die Aneignung von Wissen, Fähigkeiten und Werten, mit denen Bürger ihre Lebensqualität verbessern können.“ (Ebd.)

[34] „Öffentliches Bewusstsein schafft aufgeklärte, aktive und verantwortliche Bürger auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.“ (Ebd.)

[35] „Kontinuierliche technische und berufliche Weiterbildung für Direktoren und Arbeiter, besonders aus Wirtschaft und Industrie, um sie dazu zu befähigen, nachhaltige Produktionsverfahren einzuführen und nachhaltiges Konsumverhalten zu fördern.“ (Ebd.)

[36] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Heute für das Morgen bilden
Untertitel
Ein Plädoyer für das selbstmotivierte Einbringen von Bildung für Nachhaltige Entwicklung in den Schulunterricht
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Allgemeine Pädagogik)
Veranstaltung
Implementierungsformen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
28
Katalognummer
V151434
ISBN (eBook)
9783640629824
ISBN (Buch)
9783640629961
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
BNE, Bildung, Pädagogik, Schule, Unterricht, Nachhaltigkeit
Arbeit zitieren
I. Flathmann (Autor), 2009, Heute für das Morgen bilden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151434

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