Tabuisiertes Leiden - Überlebende sexueller Gewalt im Krieg


Seminararbeit, 2003

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Rolle sexueller Gewalt im Krieg

3. Die Folgen sexueller Gewalt im Krieg
3.1. Vergewaltigung – Eine Begriffsklärung
3.2. Physische Folgen von Vergewaltigungen
3.2.1. Verletzungen, die direkt während der Vergewaltigung entstehen
3.2.2. Infektionskrankheiten unter besonderer Berücksichtigung von Geschlechtskrankheiten
3.2.3. Schwangerschaft und Abtreibung
3.3. Psychische und psychosomatische Folgen von Vergewaltigungen

4. Das große Schweigen – Die vergewaltigten Frauen in der Nachkriegszeit

5. Hilfe für die Überlebenden
5.1. Rechtliche Aspekte
5.2. Psychotherapeutische und medizinische Hilfe

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Am 11. Juni 1946 wollte M. Sch., sie war 44 Jahre alt und lebte in einem südbrandenburgischen Dorf, Futter für die Kuh von der Weide holen. Ihr 20jähriger Sohn begleitete sie. Aus der Ferne sahen sie zwei betrunkene Sowjetsoldaten, die mit ihren Waffen herumspielten. Der Sohn wollte seine Mutter noch davon abhalten weiterzugehen, aber sie sagte, sie bräuchten doch das Futter für die Kuh. Als sie sich den Soldaten näherten, griffen diese M. Sch. an und versuchten, sie zu vergewaltigen. Als sie sich dagegen wehrte, erschossen sie sie vor den Augen ihres Sohnes, der ihr nicht helfen konnte. Sie hinterließ drei Kinder, die nun Vollwaisen waren. Eine Gegenüberstellung, bei der ihr Sohn die Täter identifizieren sollte, blieb erfolglos.

M. Sch. ist meine Urgroßmutter.

Sie ist eines von Millionen1 von Opfern sexueller Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen im Laufe der Jahrhunderte2. Schon als ich klein war, hörte ich die Geschichte ihres Todes. Das Thema „Sexuelle Gewalt im Krieg“ blieb bei mir auch später ausschließlich im privaten Bereich haften, nicht einmal im Geschichts oder Politikunterricht in der Schule wurde es angesprochen.

Doch in wie vielen Familien wurde dieses Thema absolut verschwiegen? Und was ist mit den Frauen, die das Verbrechen überlebt haben?

Als ich Freunden von meinem ausgewählten Thema für die Hausarbeit erzählte, war die Reaktion meist entweder „Das musst Du unbedingt machen, darüber ist ja kaum was geschrieben worden.“ oder „Oh Gott!“. Zwar sind Themen wie koreanische Zwangsprostitution oder Vergewaltigungen in Bosnien in den letzten Jahren medial bekannt geworden, sei es über Fernsehen, Presse oder Bücher3, doch scheinen diese mit dem Lauf der Zeit in der Versenkung zu verschwinden.

Mir geht es in meiner Arbeit hauptsächlich um die Folgen, die die Überlebenden sexueller Gewalt zu verkraften haben.

Bezüglich sexueller Gewalt lege ich den Schwerpunkt auf Vergewaltigung, dazu zähle ich auch Vergewaltigungen im Rahmen von Zwangsprostitution.

Obwohl es auch gegen Männer sexuelle Gewalt im Krieg gibt (so wurden im Bosnien-Krieg Männer laut Zeugenaussagen kastriert, um eine ethnische Säuberung herbeizuführen), liegt laut Choi und Mühlhäuser die Hemmschwelle diesbezüglich höher (1996: 124). Von einem Massenphänomen wie bei Frauen könne man nicht sprechen (ebd.). Deshalb werde ich mich bei meiner Darstellung auf die Auswirkungen sexueller Gewalt bei Frauen konzentrieren.

Ich werde mich mit den Motiven, psychischen und physischen Folgen von sexueller Gewalt im Krieg auseinandersetzen und dabei auch mögliche gesellschaftliche Einflüsse berücksichtigen.

Eine wesentliche Frage ist für mich, warum die Überlebenden oft Jahrzehnte geschwiegen haben, daher auch das Wort „tabuisiert“ in meinem Titel.4

Es geht mir primär darum, einen Überblick über die Folgen sexueller Gewalt im Krieg zu geben, um die Tragweite dieses lange tabuisierten Verbrechens zumindest in den Ansätzen erfassen zu können und darzustellen, wie sehr eine Tabuisierung sexueller Gewalt deren Folgen ad absurdum führt.

2. Die Rolle sexueller Gewalt im Krieg

Unter sexueller Gewalt im Krieg hatte die Zivilbevölkerung5 schon seit Jahrhunderten zu leiden. „Vergewaltigung als Kriegslohn zieht sich durch die ganze Geschichte“6, stellt der ehemalige Korrespondent Shanker fest, und die Evangelische Akademie Baden kommt 1993 auf einer Tagung zu dem Schluss, dass „Vergewaltigungen in allen Kriegen vorkamen und vorkommen“ (Bartjes 1993: 19). Geschichtliche Beispiele gibt es unzählige; sie reichen bis auf frühgeschichtliche Stämme zurück.7

Vergewaltigungen im Krieg zeichnen sich durch drei Charakteristika aus: Die häufige Ermordung der Frau nach der Tat, die häufige Inszenierung der Vergewaltigungen als öffentlichen Akt und die Tatbeteiligung mehrerer Personen (vgl. Dieregsweiler 1997: 45). Gruppenvergewaltigungen nehmen im Krieg rapide zu, ihr Anteil beträgt mehr als 70 %, in Friedenszeiten sind es 40 – 50 % ( vgl.Choi u.a. 1996: 129).

Zur Frage, warum in Kriegen eigentlich vergewaltigt wird, gibt es im Wesentlichen einen biologisch begründeten und einen funktionellen Ansatz.

Die so genannte „Dampfkesseltheorie“, der ausschließlich biologische Ansatz, besagt, dass ein „unbezwingbarer männlicher Sexualtrieb“ die Männer zu willenlosen Opfern ihrer triebhaften Natur mache, nach dem Motto: „Sie können nichts dafür!“.8 Da Vergewaltigungen damit der männlichen Verantwortung entzogen werden, wird dieser Ansatz in der von mir verwendeten Literatur durchweg abgelehnt.9

Brownmiller zitiert einen amerikanischen Kriegsgefangenen aus dem Vietnamkrieg nach dessen Freilassung 1973: „Dieser Quatsch, von wegen ohne Sex nicht leben können, ist absoluter Blödsinn. Ich hab von Essen und Medikamenten geträumt.“ (1990: 101).

Es besteht die Tendenz, Vergewaltigungen im Krieg nicht mehr als „Nebenprodukt“ oder „Begleiterscheinung“ anzusehen, sondern auf die Funktionalisierungsmöglichkeit von sexueller Gewalt im Krieg hinzuweisen. 10

Vergewaltigung und Prostitution werden als „elementare Bestandteile im Krieg“ (Mörth 1994: 34), als Kriegswaffe11, angesehen.

Aus dieser Entwicklung lässt sich immerhin auf die zunehmende Achtung von Opfern sexueller Gewalt im Krieg schließen, zumindest in der Wissenschaft.

Wichtig erscheint mir der Hinweis, dass Frauen im Krieg aufgrund ihrer Not sowieso oft gezwungen sind, sexuelle Handlungen zu ertragen12, sei es für Essen oder um einer Verhaftung zu entkommen. Generell ist die strukturelle Gewalt, d. h. die Einstellung auf eine potentielle Vergewaltigung und ein dementsprechendes Verhalten, laut Dieregsweiler im Krieg ausgeprägter als in Friedenszeiten (1997: 27). Amnesty International bezeichnet in einer Abhandlung aus dem Jahre 2001 Gewalt gegen Frauen, die häufig sexuelle Gewalt einschließe, als „eine Kriegswaffe, die bewusst eingesetzt wird, etwa um Terror zu verbreiten, eine Gesellschaft zu destabilisieren und ihren Widerstand zu brechen, die kämpfenden Truppen zu ‚belohnen’ oder um Informationen zu erpressen“ (55, 59), wobei meist mehrere dieser Faktoren zusammenwirken (59-60).

Eine Vergewaltigung soll den gegnerischen Soldaten ihre Unterlegenheit demonstrieren (vgl. Dieregsweiler 1997: 51) und ihre Männlichkeit aufs Empfindlichste treffen, indem ihnen ihr Versagen beim Schutz der Frau vor Augen13 geführt wird (vgl. ebd.: 39). Somit wird Vergewaltigung zu einem „Teilstück männlicher Kommunikation“, wobei die vergewaltigte Frau das Medium ist (vgl. ebd.: 38).

Vergewaltigungen werden im Krieg u. a. auch dazu genutzt, um einen zer- setzenden Einfluss auf die gegnerische Gemeinschaft auszuüben (vgl. ebd.: 51). Da die Frau aufgrund ihrer Reproduktionsfähigkeit und familienstrukturellen Bedeutung eine Repräsentantin des Volkskörpers ist, geht die Zerstörung einer Frau demnach mit der Zerstörung des Volkskörpers einher. Die daraus resultierende Vernichtung der Privatsphäre, aus deren Existenz der kämpfende Soldat seine Kraft schöpft, soll ihn demoralisieren.14 Dazu kann auch die bewusste Einkalkulierung der Zeugung von Kindern mittels feindlicher Vergewaltigung gehören (vgl. Choi u.a. 1996: 124).

Gruppenvergewaltigungen können ebenso der Einheit der Armee 15 dienen, „um sich gegenseitig Stärke, Herrschaft und Potenz zu beweisen“ und „Ängste abzureagieren“16. Dies eskaliert oft in immer scheußlicheren Grausamkeiten, um sich gegenseitig zu übertrumpfen (vgl. Choi u.a. 1996: 130).

Zwangsprostituierte werden benutzt, um die männliche Leistungsbereitschaft zu steigern: „Der ‚Gebrauch’ der zur Prostitution gezwungenen Frauen war Belohnung, Vergünstigung und Ansporn für die Männer.“ (Arakeljan 1997-2000).

Auffallend oft werfen Autoren zum Thema „Vergewaltigung im Krieg“ dem Militär schon während der Ausbildungszeit eine allgemeine Begünstigung dieser Taten vor. Dies geschehe u.a. durch die propagierte Frauenfeindlichkeit und die Betonung eines „heterosexuellen, hegemonialen Männerbildes“.17

Brownmiller äußert unverhohlen: „Der Krieg liefert den Männern den perfekten psychologischen Freibrief, um ihrer Verachtung für Frauen Luft zu machen.“ (1990: 39).

Zwar kann man nicht pauschalisieren, dass jeder Mann frauenfeindlich ist oder erst durch die Armee dazu gemacht wird (vgl. Choi u.a. 1996: 135), um dann nur darauf zu warten, sich im Krieg wie in einem Selbstbedienungsladen an Frauen zu vergehen18, aber da Vergewaltigungen im Krieg zu einem „Massenphänomen“ (Dieregsweiler 1997: 31) werden, ist eine militärische Einflussnahme auf das Frauenbild sehr wahrscheinlich. Wichtig ist hierbei auch die Werteveränderung bezüglich der moralischen und sozialen Einstellung während des Krieges (vgl. ebd.: 32).

Vergewaltigung im Krieg lässt sich auch als somatische Foltermethode nutzen, wobei die Verletzung des Schamgefühls von besonderer Bedeutung ist (vgl. ebd.: 47-50). Im Extremfall dient die Gewalt gegen Frauen im Krieg der ethnischen Säuberung und ist Bestandteil von Völkermordpraktiken. 19

Da Vergewaltigung in der Bevölkerung laut Kowalczuk und Wolle eine

„atavistische Urangst mobilisiert“ (2001: 36), ist es nicht verwunderlich, dass sie auch für propagandistische Zwecke genutzt wird und das nicht nur im Krieg (vgl. Dieregsweiler 1997: 51). Oft steht dahinter ein rassistisches Feindbild – z. B. waren Vergewaltigungen durch Rotarmisten bei Kriegsende des Zweiten Weltkriegs angeblich durch deren asiatische Mentalität bedingt - oder das Vorantreiben militärischen Eingreifens (vgl. ebd.).

Die Funktionalisierung sexueller Gewalt erscheint umso verwerflicher, wenn man sich vor Augen hält, welche vielfältigen Folgen eine Vergewaltigung nach sich ziehen kann.

[...]


1 Zahlenbeispiele bei Seifert, Ruth (1993): Die Männlichkeit von Krieg und Militär. Überlegungen zu einigen Konstruktionsmechanismen und ihren Folgen. In: Evangelische Akademie Baden 1994: 13-14 (künftig zitiert: Seifert 1993).

2 Vgl. Dieregsweiler 1997: 29-30; detaillierter bei Brownmiller 1990: 40-114.

3 Zum Beispiel Choi / Mühlhäuser: „Wir wissen, daß es die Wahrheit ist…“ Gewalt gegen Frauen im Krieg – Zwangsprostitution koreanischer Frauen 1936-45 Berlin 1996 (künftig zitiert: Choi u.a.1996); Welser, Maria von: Am Ende wünschst du dir nur noch den Tod. Massenvergewal- tigungen im Krieg auf dem Balkan. München 1993.

4 Einen interessanten Beitrag zum Thema „Schweigen“ liefert Monika Hausers Vorwort in dem Buch von Choi u.a. 1996: I – IX.

5 Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch Soldatinnen von ihren eigenen Kameraden vergewaltigt wurden, z. B. im Ersten Golfkrieg in der US-Armee. Vgl.Bartjes, Heinz (1993): Das Militär – Sonderfall oder Fortsetzung männlicher Sozialisation. In: Evangelische Akademie Baden 1994: 20 (künftig zitiert: Bartjes 1993).

6 Shanker, Tom: Sexuelle Gewalt. In: Gutman / Rieff (Hrsg.) 1999: 371.

7 Vgl. Dieregsweiler 1997: 29-30; detaillierter bei Brownmiller 1990: 40-114.

8 Vgl. Choi u.a. 1996: 127. Vertreter dieses Ansatzes sind z.B. Karl Leonhard 1964, Günther Schulz 1958 und Lutz Keupp 1971 (vgl. Mörth 1994: 43).

9 Beispielsweise bei Dieregsweiler 1997: 31; Choi u.a. 1996: 127.

10 Vgl. Brownmiller 1990: 39; Seifert 1993: 13.

11 Schele, Ursula (1995): Kriegswaffe Vergewaltigung – ein Trauma ohne Entschädigung. In: Notruf und Beratung für vergewaltigte Mädchen und Frauen. Frauen gegen Gewalt e.V.(Hrsg.) 1996: 45 (künftig zitiert: Schele 1995).

12 Vgl. amnesty international 2001: 58 (künfig zitiert: ai 2001).

13 Man denke an die Inszenierung der Vergewaltigungen als öffentlichen Akt als eines von 3 Charakteristika für Kriegsvergewaltigungen.

14 Vgl. Dieregsweiler 1997: 42-43; Choi u.a. 1996: 123.

15 Vgl. Dieregsweiler 1997: 51.

16 Vgl. ebd.: 36.

17 Vgl. Dieregsweiler 1997: 33-37; Bartjes 1994: 27-34; Brownmiller 1990: 33, 89; Choi u.a. 1996: 131-137; Mörth 1994: 37-39.

18 Es sei darauf verwiesen, dass Männer, die sich weigerten, an Vergewaltigungen teilzunehmen, häufig von ihren Kameraden als „Schwächling“ oder „Schwuler“ verspottet wurden (vgl. ebd: 135).

19 Vgl. ai 2001: 59.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Tabuisiertes Leiden - Überlebende sexueller Gewalt im Krieg
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Veranstaltung
Krieg/Mensch - Einführung in eine ungleiche Partnerschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V151447
ISBN (eBook)
9783640629244
ISBN (Buch)
9783640629381
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Krieg, Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Kriegsverbrechen
Arbeit zitieren
Ellen Krüger (Autor:in), 2003, Tabuisiertes Leiden - Überlebende sexueller Gewalt im Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151447

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