Der Spaziergang als literarisches Motiv und poetologisches Prinzip

Der literarische Spaziergang


Diplomarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 6


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. GLIEDERUNG & FRAGESTELLUNG

2. TERMINOLOGIE & MOTIVIK

3. POETIK DES SPAZIERGANGS

4. „GEHEN“ von THOMAS BERNHARD

5. ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN

1. GLIEDERUNG UND FRAGESTELLUNG

„Die Erde klingt meinem harten Tritt auf schweigenden Wegen – Was ist mir noch an der lauen Welt, an mir selber gelegen?

Was ich gewesen, was ich gelebt, war Jammer und Schwäche.

Mir spannt sich die Faust, auf dass ich den Tand mit Fäusten zerbreche. Ich wachse, ich steige, ich werde frei, Sturm werde mein Wille! Mein Denken fliegt wie ein Jubelschrei durch die Winterstille.“

(Otto Ernst, Auszug aus dem Gedicht Spaziergang , 1907)

Ich werde mich in dieser Arbeit dem Thema des poetischen Spaziergangs widmen und eine kleine Analyse seiner literarischen Motive und poetischen Prinzipien durchführen. Für den angewandten Teil werde ich mich etwas ausführlicher auf die Erzählung Gehen von Thomas Bernhard konzentrieren, um vorgängig in der Theorie gewonnene Thesen und Resultate am Text zu argumentieren und zu rechtfertigen. Kenntnis der weiterführenden Literatur von diversen Autoren, sowie ein gewisses Verständnis der technischen Begrifflichkeiten setze ich für den Leser dieser Arbeit voraus.

Man darf getrost behaupten, dass in unseren Breitengraden wohl die meisten Menschen ziemlich klare Vorstellungen von einem Spaziergang haben. Mag es nun ein Familienspaziergang sein oder ein Flanieren an der Seepromenade, ein Verdauungsspaziergang oder ein gemütliches Schlendern durch die Felder; es gibt verschiedenste Varianten, aber sie scheiden sich im Detail. Wenn es sich jedoch um den literarischen Spaziergang handelt, dann gibt es einige ganz klare Kriterien und Merkmale. Meine Ambition in dieser Arbeit ist es, verschiedene kennzeichnende Motive und Prinzipien des poetologischen Spaziergangs herauszuarbeiten. Hierfür werde ich im folgenden Kapitel die Terminologie und wichtige Unterscheidungen zu anderen Arten des Gehens, wie sie für den Gang dieser Untersuchung relevant sind, definieren. Ich möchte nicht nur den historischen Hintergrund beleuchten, sondern auch den Zusammenhang mit dem Spaziergang als kulturelle Praxis in den Vordergrund holen. Ich werde mich hingegen nicht weiter auf alltagsgebräuchliche Verwendungen der Fortbewegungsterminologie wie „Liebesleute gehen miteinander“, und Sprichwörter wie „das war ein Spaziergang“, einlassen. Es wird sich hier auch zeigen, dass die Umgebung für die entsprechende Art des Gehens von zentraler Bedeutung ist.

In Kapitel 3 werde ich mich der Poetik des Spaziergangs zuwenden. Es wird sich zeigen, dass der Umgang mit dem Sprachmaterial von diversen Antinomien, wie jener von Bewegung und Nicht-Bewegung oder der Nähe und Ferne des Erzählers, durchzogen ist und einserseits den Kern dieser literarischen Form ausmacht, andererseits aber die schöpferische Kraft der Sprache in Frage stellt. Diese spezielle Form des Gehens beinhaltet ein riesiges Potential, aber auch eine wahnsinnige Nähe zum Wahn. Durch die permanente Nähe des Lesers zum Text werden sich auch Fragen ergeben, inwiefern ein solcher Text überhaupt noch selbst fortschreitet. Allerdings werde ich nicht weiter auf literatur-theoretische Annahmen unterschiedlicher Interpretationsansätze eingehen. Ich bin dennoch der Ansicht, dass der literarische Spaziergang, obschon er von einer verzweifelten Suche und endlos wiederkehrenden Kreisbewegungen geprägt ist, einen aussergewöhnlichen Rahmen für die eigene Bewegungsfreiheit bietet. Die Suche muss auch nicht unbedingt eine verzweifelte sein. Sie kann auch positiv als eigentliches Ziel gesetzt und verstanden werden.

Im nachfolgenden vierten Kapitel werde ich eine konkrete Textanalyse der gefundenen Motive und Prinzipien anhand des Textes Gehen durchführen. Ich werde aufzeigen, wie Thomas Bernhard damit umgeht und was seinen einzigartigen 'inhaltslosen' Stil prägt. Es dürfte allerdings auch hier offen bleiben, inwieweit die damit verbundene Kluft zwischen Sprache und Wirklichkeit überwunden werden kann. Entsprechend werde ich zum Abschluss dieser Arbeit einige anregende Fragen aufwerfen und die Weiterführung dieser Debatte mit kritischen Gedanken zu fördern versuchen.

2. TERMINOLOGIE & MOTIVIK

Der Ursprung des Spaziergangs ist das aristokratische Lustwandeln in den Gärten und Parks der damaligen Zeit. Diese ursprüngliche Art des Spazierengehens besass eine wichtige soziale Komponente, da auf solchen Gängen häufig Kontakte geknüpft und ungestörte Gespräche geführt wurden. Man darf sagen, dass die Entwicklung von Parkanlagen und Promenaden, vorwiegend aus dem europäischen Bürgertum des 18. Jahrhunderts, unmittelbar mit dem Spazierengehen zusammenhängt. Der Begriff Spazieren wurde aus dem Italienischen übernommen und bedeutete ursprünglich: sich räumlich ausbreiten, sich ergehen in einer zweck- und ziellosen Körperbewegung ( „spaziare“ ), was als eine Art des Sich-Fortbewegens zum Zeitvertreib verstanden wurde. Solche Spaziergänge können sowohl der Erholung und der Entspannung dienen, oder aber auch der beobachtenden und gedankenvollen Musse: „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn“ (Goethe, Gefunden , 1813). Der Fokus liegt hierbei nicht auf der Motorik, also dem Bewegungsablauf an sich, sondern auf der Bewusstseinsebene des Gehenden. Zu den verschiedenen Unterarten des Gehens, wie Flanieren oder Wandern, werde ich mich im folgenden noch genauer äussern.

Der Spaziergang als kulturelle Praxis konnte sich allerdings erst dann herausbilden, als alternative Fortbewegungsmittel, wie Postkutschen oder die Eisenbahn, dem grössten Teil der Bevölkerung zugänglich wurden. Der Spaziergang ist von äusserlich-pragmatischen Zwecksetzungen losgelöst und steht also, so paradox dies auch erscheinen mag, in einem engen Zusammenhang mit dem verkehrstechnologischen Fortschritt. Die langsame Form der Fortbewegung, welche den Spaziergänger in direkten Kontakt mit der Natur bringt, ist sehr bewusst gewählt; man hat zwar ein Ziel, aber man schickt sich nicht an, dort möglichst schnell anzukommen. Dem Spaziergang liegt somit ein kultur- und gesellschaftskritischer Impuls zugrunde, denn einerseits enthält er ein progressives Moment, andererseits auch ein regressives. Progressiv in dem Sinne, als das Heraustreten in die Natur einen symbolischen Akt markiert, nämlich den bedrückenden Verhältnissen in der Gesellschaft den Rücken zu kehren, um sich selbst in der Natur als autonomes Subjekt zu erfahren. Regressiv jedoch dahingehend, als die Landschaft, die der Spaziergänger durchwandert, einen Gegensatz zur städtischen Gesellschaft darstellt und sein Gang sich als Absage an den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt versteht. Beim Spazieren entzieht man sich nicht nur selbst den Zwangsstrukturen der Gesellschaft, sondern unterwirft auch die wahrgenommene Umgebung nicht einer auf der definitorisch-unterdrückenden Macht der Ratio basierenden Kategorisierung, was eine Absage an die Ideologie der Aufklärung darstellt. Inwieweit sich dieses Verhalten in der Moderne zu einer regelrechten Ideologie entwickelt haben mag, müsste anderweitig untersucht werden, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Es lässt sich aber soviel festhalten, dass die kulturelle Praxis des Spaziergangs mittlerweile im Zeichen von Intimität und der Privatsphäre steht, im Gegensatz zur ursprünglich aristokratischen Zur-Schau-Stellung wie auf einer Bühne. Der Spaziergänger versucht, sich den Blicken und der Beobachtung durch andere zu entziehen, da er nicht in deren Augen erscheinen möchte, sondern im Angesicht der wahren Natur Sein. Spazierengehen soll ein absolut authentisches Erlebnis sein, wobei Fremde nur stören würden. Wenn der Spaziergang im Beisein von anderen stattfindet, dann nur in Anwesenheit von Freunden oder Bekannten. Darüber hinaus lässt sich in Anlehnung an Jean-Jaques Rousseau auch sagen, dass die ebene Landschaft keinerlei Reize auf den Spaziergänger ausübt, lediglich die raue Natur mit Bergen, Wäldern, Felsen und reissenden Bächen. Es ist nicht genügsam, wenn sich die Natur als offen und frei zugänglich gestaltet, sie muss eine bestimmte Form aufweisen, denn der Spaziergänger nimmt die Natur als Landschaft ästhetisch wahr. Es geht nicht darum, die Natur von einer statischen Position aus zu überblicken, vielmehr wird eine Folge sich verändernder, gefärbter Ansichten in einer dynamischen Interaktion geschildert:

„Den 20. ging Lenz durch's Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser reiselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. […] Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.”1

Wie man an dieser Textpassage unschwer erkennen kann, ist das literarische Spazierengehen vor allem auf die Beschreibung eines ziellosen Weges fixiert, in dessen Verlauf die Vorstellungskraft oder die Träumerei freigesetzt werden. Die verschiedenen Motive lassen sich also grundlegend auf zwei verschiedene Bereiche aufspalten. Einerseits gibt es die Ebene des Ursprungs, d.h. den Weg aus der Gesellschaft hin zum Spaziergang, und andererseits die Ebene der Zielsetzung, also den Spaziergang an sich.

Es ist mir wichtig hier festzuhalten, dass das Spazierengehen nicht mit 'Wandern' gleichzusetzen ist, denn während 'Wandern' ein regelmässiges Vorwärtsschreiten einem Ziele zu beschreibt, handelt es sich beim 'Spazieren' eben um ein zielloses Umhergehen, wobei das Durchstreifen der Natur dazu da ist, den Körper und Geist zu erfrischen oder sich mit Ängsten, Gedanken und Träumen auseinander zu setzen. Oder mit den Worten von Elisabetta Niccolini: „Wandern sprengt den geschlossenen Raum, während Spazierengehen ihn in seiner Beschränktheit geniesst.“2 Es lässt sich also sagen, dass Wandern zwar am gleichen Ort stattfindet wie das Spazieren, allerdings unter dem Einfluss eines andersartigen Geisteszustandes. Erst die Moderne anerkennt 'wandern' als ein frohes Durchstreifen der Natur, wobei die Wanderlust der Handwerksgesellen hierfür das ausschlaggebende Momentum war.

Diese Unterscheidung führt uns zu einem weiteren wichtigen Begriffsverhältnis, nämlich jenes zwischen 'Spazieren' und 'Flanieren'. Der zentrale Unterschied besteht darin, dass für den Flaneur die Stadt der eigentlich heilige Boden ist und nicht die Natur. Der Flaneur schlendert in den Strassen als wäre es sein Wohnzimmer und „saugt seine Nahrung nicht nur aus dem, was ihm da sinnlich vor Augen kommt, sondern wird oft des blossen Wissens, ja toter Daten, wie eines Erfahrenen und Gelebten sich bemächtigen.“3 Die Gassen werden für ihn zur Landschaft, die Stadt wird zur Natur und somit wird das illustrative Sehen grundlegend für den Flaneur. Das alte romantische Landschaftsgefühl zersetzt sich und eine neue romantische Ansicht der Landschaft erhebt sich, eine sogenannte Stadtschaft. Es lässt sich also hier wiederum sagen, dass Flanieren zwar an einem anderen Ort stattfindet wie das Spazieren, jedoch unter dem Einfluss eines gleichartigen Geisteszustandes. Man ist sich im Allgemeinen darüber einig, dass es wohl Paris war, das sich die Strasse zum Interieur gemacht hat und den Typus des Flaneurs schuf, „denn Paris haben nicht die Fremden sondern sie selber, die Pariser zum gelobten Land des Flaneurs, zu der 'Landschaft aus lauter Leben' gebaut“, wie Hugo von Hofmannsthal dies einst formulierte. „Es ist so schön, dass man in Paris selbst förmlich über Land gehen kann“ (Gutzkow, Briefe aus Paris, 1842). Man kann also eine Dialektik feststellen, nämlich zwischen einer Person, die sich von allen und allem angesehen fühlt, und einer völlig unauffindbaren, unpersönlichen Figur in der Menge. Dies steht wiederum in scharfem Kontrast zum Spaziergänger, der sich definitiv nicht in der Menge bewegt oder gesehen wird. Eine Parallele findet sich hingegen in den Motiven der Unschlüssigkeit, des Müssiggangs und des Zweifels, Kernelemente des Flaneurs, dem die Last der Einsamkeit seine ständige Gefährtin ist:

„Die Stadt ist die Realisierung des alten Menschheitstraumes vom Labyrinth. Dieser Realität geht, ohne es zu wissen der Flaneur nach. Ohne es zu wissen – nichts ist, auf der anderen Seite törichter als die konventionelle These, die sein Verhalten rationalisiert und die unbestrittene Grundlage der uferlosen Literatur ist, die den Flaneur nach Verhalten oder Gestalt verfolgt, die These: er habe aus der physiognomischen Erscheinung der Menschen sein Studium gemacht, […].”4

Der Flaneur braucht den Strassenlärm und die Dynamik von Menschen, da ansonsten sein literarisches Schaffen vom Stillstand geprägt ist. Die freie Natur ist nicht sein besonderer Freund, aber die Menschen in ihrem Alltag bedeuten ihm Alles. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es grundlegend zwei Typen des Flaneurs gibt, den unbewussten, der passiv das Gesehene reflektiert, und den bewussten oder wachen Flaneur, der oft als Künstler oder Philosoph dargestellt ist. Aus Gründen der Überschaubarkeit werde ich hier jedoch nicht mehr weiter auf die Thematik des Flaneurs eingehen.

3. POETIK DES SPAZIERGANGS

Ich möchte zuerst einige Anmerkungen machen bezüglich der oben erklärten Motivik des Spaziergangs. Ich fasse die literarische Beschreibung der Körperbewegung im Freien nicht als ein alle Epochen durchziehendes Motiv auf, sondern ich versuche die abstrakte Form des Gehens als Ausdruck des schöpferischen Prozesses mit all seinen ästhetischen Implikationen auszulegen. Mit dem Bild des Spaziergangs wird eine ungezielte Bewegung im Raum beschrieben, die dem Akt des Schreibens in der Moderne (im Gegensatz etwa zum teleologisch ausgerichteten Bildungsroman des 19. Jahrhunderts) sehr nahe steht.

[...]


1 Georg Büchner, Lenz , S. 137

2 Elisabetta Niccolini, Der Spaziergang des Schriftstellers ,S.23

3 Walter Benjamin, Der Flaneur, S. 525

4 Walter Benjamin, Der Flaneur, S. 541

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Spaziergang als literarisches Motiv und poetologisches Prinzip
Untertitel
Der literarische Spaziergang
Hochschule
Universität Zürich
Note
6
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V151537
ISBN (eBook)
9783640636563
ISBN (Buch)
9783640636426
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literarischer Spaziergang, Büchner, Schnitzler, Walser, Bernhard, poetologischer Spaziergang, Flanieren, Gehen, Wandern
Arbeit zitieren
Liz. Phil. Michael Eugster (Autor:in), 2010, Der Spaziergang als literarisches Motiv und poetologisches Prinzip, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151537

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