„Die Erde klingt meinem harten Tritt auf schweigenden Wegen –
Was ist mir noch an der lauen Welt, an mir selber gelegen?
Was ich gewesen, was ich gelebt, war Jammer und Schwäche.
Mir spannt sich die Faust, auf dass ich den Tand mit Fäusten zerbreche.
Ich wachse, ich steige, ich werde frei, Sturm werde mein Wille! –
Mein Denken fliegt wie ein Jubelschrei durch die Winterstille.“
(Otto Ernst, Auszug aus dem Gedicht Spaziergang, 1907)
Ich werde mich in dieser Arbeit dem Thema des poetischen Spaziergangs widmen und eine kleine Analyse seiner literarischen Motive und poetischen Prinzipien durchführen. Für den angewandten Teil werde ich mich etwas ausführlicher auf die Erzählung Gehen von Thomas Bernhard konzentrieren, um vorgängig in der Theorie gewonnene Thesen und Resultate am Text zu argumentieren und zu rechtfertigen. Kenntnis der weiterführenden Literatur von diversen Autoren, sowie ein gewisses Verständnis der technischen Begrifflichkeiten setze ich für den Leser dieser Arbeit voraus.
Man darf getrost behaupten, dass in unseren Breitengraden wohl die meisten Menschen ziemlich klare Vorstellungen von einem Spaziergang haben. Mag es nun ein Familienspaziergang sein oder ein Flanieren an der Seepromenade, ein Verdauungsspaziergang oder ein gemütliches Schlendern durch die Felder; es gibt verschiedenste Varianten, aber sie scheiden sich im Detail. Wenn es sich jedoch um den literarischen Spaziergang handelt, dann gibt es einige ganz klare Kriterien und Merkmale. Meine Ambition in dieser Arbeit ist es, verschiedene kennzeichnende Motive und Prinzipien des poetologischen Spaziergangs herauszuarbeiten. Hierfür werde ich im folgenden Kapitel die Terminologie und wichtige Unterscheidungen zu anderen Arten des Gehens, wie sie für den Gang dieser Untersuchung relevant sind, definieren. Ich möchte nicht nur den historischen Hintergrund beleuchten, sondern auch den Zusammenhang mit dem Spaziergang als kulturelle Praxis in den Vordergrund holen. Ich werde mich hingegen nicht weiter auf alltagsgebräuchliche Verwendungen der Fortbewegungsterminologie wie „Liebesleute gehen miteinander“, und Sprichwörter wie „das war ein Spaziergang“, einlassen. Es wird sich hier auch zeigen, dass die Umgebung für die entsprechende Art des Gehens von zentraler Bedeutung ist.
Inhaltsverzeichnis
1. GLIEDERUNG & FRAGESTELLUNG
2. TERMINOLOGIE & MOTIVIK
3. POETIK DES SPAZIERGANGS
4. „GEHEN“ von THOMAS BERNHARD
5. ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spazierengehen als literarisches Motiv und poetologisches Prinzip, wobei der Fokus insbesondere auf der Erzählung "Gehen" von Thomas Bernhard liegt, um die Verbindung zwischen physischer Bewegung und mentalem Schreibprozess zu erörtern.
- Analyse des Spaziergangs als kulturelle und literarische Praxis.
- Differenzierung der Begriffe Spazieren, Wandern und Flanieren.
- Untersuchung der Antinomien von Bewegung und Stillstand im Schreibprozess.
- Darstellung der Sprach- und Denkkrise in Thomas Bernhards Werk.
- Reflexion über die Nähe von Literatur, Wahnsinn und Identitätssuche.
Auszug aus dem Buch
4. „GEHEN“ von THOMAS BERNHARD
Ein Teil der Einzigartigkeit von Thomas Bernhards Schreibstil ist sicherlich bis anhin bereits augenscheinlich geworden. Eines seiner markantesten Merkmale ist die Analogie zwischen Sprache und Körperbewegung, sowie der Bewegung von Text und Inhalt. Es wird nichts im narrativen Sinne erzählt, sondern ununterbrochen monologisch gesprochen. In seiner Erzählung Gehen lässt er zwei erfahrene Spaziergänger zum Schein in Wien umhergehen, während in Tat und Wahrheit die hier zu Wort kommenden Protagonisten sich ausschliesslich und monomanisch in den eigenen Gedankenräumen bewegen. Bernhard bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass in der verbalen Welt weder Eindeutigkeit noch Sicherheit herrscht, sondern immer die Dualität einer Aussage und ihres Gegensatzes (Oppositionsprinzip). Das Denken kann den Menschen zu keiner Wahrheit führen, es hat keine positive Valenz, im Gegenteil, der Mensch läuft Gefahr verrückt zu werden, wenn er das Denken übertreibt. Er plädiert jedoch nicht für die Abschaffung des Denkens an sich, da es für ihn lebensnotwendig ist. Er setzt nur keine Hoffnung in diese Tätigkeit, da sie zu keiner Wahrheit führe. Ich bin daher auch wieder mit Elisabetta Niccolini völlig einverstanden, wenn sie sagt, dass
„Bernhard seine Überzeugung ausdrückt, dass es schier unmöglich geworden ist, irgendetwas, seien es Dinge, Ereignisse oder Gedanken, mittels der Sprache genau zu bezeichnen. Die Sprache sei bloss ein lügenhaftes Hilfsmittel für das Begreifen der Welt, eine Tatsache, die aber – und darin liegt die hintergründige Ironie Bernhards – nur mittels der Sprache erkannt und mitgeteilt werden kann.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. GLIEDERUNG & FRAGESTELLUNG: Einführung in das Thema des poetischen Spaziergangs und Darlegung der zentralen Zielsetzung, die literarischen Motive und Prinzipien der Bewegung zu analysieren.
2. TERMINOLOGIE & MOTIVIK: Definition und Abgrenzung der Begriffe Spazieren, Wandern und Flanieren sowie Erläuterung ihrer kulturellen und gesellschaftskritischen Bedeutung.
3. POETIK DES SPAZIERGANGS: Untersuchung der abstrakten Form des Gehens als Ausdruck des schöpferischen Prozesses und die damit verbundene Grenzauflösung in der Moderne.
4. „GEHEN“ von THOMAS BERNHARD: Konkrete Textanalyse der Erzählung, wobei die Verbindung von obsessiver Gedankenbewegung und Sprachkritik im Mittelpunkt steht.
5. ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN: Zusammenfassende Reflexion über die Dialektik zwischen Geh- und Schreibtätigkeit sowie das Scheitern des Denkens an der Unmöglichkeit, Wahrheit sprachlich zu fixieren.
Schlüsselwörter
Spaziergang, Poetik, Thomas Bernhard, Gehen, Literatur, Sprachkritik, Identität, Bewegung, Denken, Motivik, Monolog, Wahn, Wahrnehmung, Schreibprozess, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Spaziergang als literarisches Motiv und poetisches Prinzip, indem sie den Zusammenhang zwischen der physischen Fortbewegung im Raum und dem Akt des Schreibens in der Moderne analysiert.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Zentral sind die theoretische Herleitung der Spaziergang-Terminologie, die Abgrenzung zum Flanieren und Wandern sowie die Anwendung dieser Prinzipien auf Thomas Bernhards Erzählung "Gehen".
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Untersuchung fragt danach, wie das Motiv des Spaziergangs als Ausdruck eines schöpferischen Prozesses fungiert und welche Bedeutung die Unauflösbarkeit der Sprache in diesem Zusammenhang hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine literaturwissenschaftliche Analyse durch, die theoretische Grundlagen aus der Motivforschung mit einer engen Textanalyse verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Neben der Definition der Begriffe stehen die poetologischen Implikationen des Gehens, insbesondere die Beziehung zwischen Innen- und Außenwelt sowie die Sprachskepsis, im Zentrum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Spaziergang, Poetologie, Sprachkritik, Selbstreflexivität, Thomas Bernhard und die Antinomie von Bewegung und Erstarrung.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Wandern und Spazieren eine Rolle?
Weil das "Wandern" meist ein Ziel verfolgt, während das "Spazieren" als zielloses, gedankenvoll-ästhetisches Durchstreifen definiert wird, das für den literarischen Kontext essenziell ist.
Wie bewertet der Autor Thomas Bernhards Umgang mit dem Gehen?
Bernhard wird als Autor dargestellt, der das Gehen nutzt, um den monomanischen Gedankenstrom und die Unmöglichkeit einer eindeutigen sprachlichen Weltbeschreibung zu inszenieren.
Was bedeutet der "mentale Kurzschluss" im Kontext von Bernhards Erzählung?
Der Autor beschreibt damit den Zustand, in dem das Denken so exzessiv wird, dass die Kluft zwischen Sprache und Wirklichkeit nicht mehr überbrückbar ist und der Protagonist in den Wahnsinn abgleitet.
Was ist das zentrale Fazit der Analyse?
Das Tragische der Ausweglosigkeit zeigt sich in der Unfähigkeit, das Leben durch Sprache zu fixieren, was letztlich zum Stillstand und zum psychischen Zusammenbruch führen kann.
- Citation du texte
- Liz. Phil. Michael Eugster (Auteur), 2010, Der Spaziergang als literarisches Motiv und poetologisches Prinzip, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151537