Erotik- und Liebeskonzeption bei G.W. Pabst mit Besonderer Berücksichtigung der Ausdruckstheorie Béla Balázs’

Beispielhafte Betrachtung anhand zweier Szenen aus „Die Freudlose Gasse“


Seminararbeit, 2009

9 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Liebe - Grete begegnet Lt. Davy
2.1. Filmischer Kontext
2.2. Charakteristik

3. Darstellung der Erotik – Gretes Einführung in die Prostitution
3.1. Filmischer Kontext
3.2. Charakteristik

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis
5.1. Literaturquellen
5.2. Internetquellen

1. Einleitung

Wenn der Regisseur Georg Wilhelm Pabst in seinem 1925 erschienenen Stummfilmklassiker „Die Freudlose Gasse“[1] Liebe porträtiert, so stellt er diese keinesfalls in Korrelation mit Erotik dar. Bei eingehender Betrachtung der eben erwähnten Verfilmung des gleichnamigen Romans von Hugo Bettauer könnte man gar geneigt sein, zu postulieren, dass der 1885 in Böhmen geborene Filmemacher Liebe, ehrliche, romantische Zuneigung, durch die Distanzierung von Erotik definiert. Welchen Möglichkeiten er sich als Regisseur hierfür bedient, soll diese Arbeit, stets in Berücksichtigung der Ausdruckstheorie Béla Balázs’, aufzeigen.

2. Darstellung der Liebe – Grete begegnet Lt. Davy

Der Filmtheoretiker Béla Balázs, welcher am 4. August 1884 in Szeged als Herbert Bauer das Licht der Welt erblickte, postuliert in seinem 2001 erschienenen Werk „Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films“:

„[…] Der Text des Films besteht aus seiner Textur, aus jener Sprache der Bilder, wo jede Gruppierung, jede Gebärde, jede Perspektive, jede Beleuchtung jene poetische Stimmung und Schönheit auszustrahlen hat, die sonst die Worte eines Dichters enthalten.“[2]

An jenem Postulat wird sich nachstehende Untersuchung orientieren, wenn sie versucht, jene Details, jene Gruppierungen, Gebärden, Perspektiven sowie Beleuchtungen auszumachen, die G. W. Pabsts Liebeskonzeption in „Die Freudlose Gasse“ bestimmen.

In dem 1925 gedrehten Film mündet allein die wahre, unschuldige Liebe in eine viel versprechende Paarbildung. Um ehrliche Zuneigung und Hingabe von triebhafter Lust zu differenzieren, vermeidet G. W. Pabst in betroffenen Sequenzen sexuelle Andeutungen, jegliche provozierende Erotik wird ausgespart. Dies soll anhand der Szene expliziter erläutert werden, in der Grete Rumfort und Leutnant Davy das erste Mal aufeinander treffen.

2.1. Filmischer Kontext

Grete Rumfort ist die Tochter eines verwitweten Hofrats. In ihrem Gestus repräsentiert sie die prädestinierte Hausfrau und Mutter, bildet so den Mittelpunkt der Familie. Grete gehört dem bürgerlichen System an, die mittelständisch eingerichtete Wohnung steht für einen Ort der Familie, einen Ort der behüteten Weiblichkeit, des „sexuell unversehrten Körpers“[3]. Um Geld für die verarmte Familie zu beschaffen, lässt sich Hofrat Rumfort pensionieren, worauf er zwar die angekündigte Abfindung erhält, diese jedoch umgehend an der Börse verspielt. Grete bringt den Vorschlag ein, die Wohnung unterzuvermieten. Der erste Mieter, der sich meldet, ist der amerikanische Leutnant Davy, der den charakteristischen Retter aus der Ferne repräsentiert. Jenem ersten Aufeinandertreffen des zukünftigen Liebespaares der Melchiorgasse wird sich diese Arbeit im Folgenden widmen.

2.2. Charakteristik

Signifikant für das Liebesmodell, welches bei G. W. Pabst zur Anwendung kommt, ist, wie bereits erwähnt, die penible Vermeidung jeglicher erotischer Signale. Zwischen dem späteren Liebespaar findet bei ihrer ersten Begegnung, abgesehen von einem kameradschaftlichen Händedruck, keinerlei körperlicher Kontakt statt. Höflichkeit, gegenseitiger Respekt und Körperdistanz determinieren die Szene. Grete, die durch ihre moralische Beharrlichkeit und durch ihre aufrichtige Liebe die „positive Ausnahme in der dargestellten Welt“ symbolisiert, wird nicht auf ihre sexuelle Instrumentalisierung reduziert. Ihre Knie, die „Grenzzone zwischen stark erotisierendem […] Oberschenkel und weniger erotisierendem Unterschenkel“[4], sind unter ihrer langen Kleidung verborgen. Grete agiert durch ihre Gestik sowie durch ihre Mimik in einem zurückhaltenden Gestus. Jener wird durch ihre keusche Bekleidung noch zusätzlich unterstützt, da diese, postuliert Bela Balázs, bereits auf den ersten Blick den Charakter typisiert[5]. Den Blick hält sie gen Boden gerichtet, die Hände gefaltet. Auch das Umfeld, in welcher die Szene stattfindet, ist signifikant. Die bürgerliche Wohnung der Rumforts erzeugt eine Stimmung, eine sich verdichtende Atmosphäre, die in spezifischer Weise mit Schutz vor der gefährlich erotischen Außenwelt korreliert. Die in gelb gehaltene Viragierung steht nicht nur im Kontrast zu dem sonst primär düsteren Milieu des Nachkriegs-Wiens, sie symbolisiert überdies Hoffnung und unterstreicht die bürgerliche Wärme und Geborgenheit. Davy bezeichnet seine neue Gastgeberin charmant als „reizende Wirtin“, die Freude über jenes Kompliment offenbart sich in der darauf folgenden, in leichter Aufsicht gedrehten Großaufnahme. Gretes Gesicht wird nahe und isoliert von der Umgebung gezeigt. Der Zuseher wird hier, ganz nach Balázs’ Ansinnen, Zeuge einer sichtbaren Gefühlsentwicklung, aus Freude über das Kompliment wird ein scheuer Blick gen Boden, wobei die vergangene Miene stets in die kommende mit hinein spielt. Jedes noch so kleine, noch so flüchtige Zucken ihrer Gesichtsmuskeln gibt ihr inneres Geschehen preis. Gretes Mimik lässt sich dabei nie eindeutig beschrieben, sie bildet einen polyphonen Akkord. Bela Balazs postuliert hierzu:

Der Gesichtsausdruck ist überhaupt polyphoner als die Sprache. Das Nacheinander der Worte ist wie das Nacheinander der Töne einer Melodie. Doch in einem Gesicht können die verschiedensten Dinge gleichzeitig erscheinen wie in einem Akkord, und das Verhältnis dieser verschiedenen Züge zueinander ergibt die reichsten Harmonien und Modulationen.[6]

Die Körperdistanz wahrend legt Davy wenig später das Mitgeld in einem sehr höflichen Gestus auf den Tisch und drückt es ihr nicht, in der Manier etwaiger anderer Charaktere des Films, unwirsch in die Hand. Es folgt erneut ein Close-up, Grete nimmt das Geld an sich. Die Stimmung eines Ereignisses lässt sich oftmals, so Balàsz, durch die „Großaufnahme seiner kleinsten Momente“[7] erfassen. Der hektische Griff nach dem Geld symbolisiert die unangenehme Situation. Es bedarf keinerlei weiteren Worten, jenes kleine Detail ruft bereits eine spezifische Stimmungsrichtung hervor. Ebenfalls signifikant ist Gretes autoerotischer Gestus, nachdem sie Davy verabschiedet hat

[...]


[1] Die Freudlose Gasse, Regie: Georg Wilhelm Pabst, DVD-Video, Sofar-Film-Produktion, Deutschland 1925

[2] Balázs, Béla: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, S. 26

[3] Decker, Jan-Oliver, „Erotik“‘ und „Person“ in Literatur und Film der Frühen Moderne. G. W. Pabsts Die freudlose Gasse (1925) und die Paradigmen frühmodernen Films, http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/Erotik%20u.Person/KuV%20VL%204_Pabst_Gasse.pdf 20.11.2008, 01. 06. 2009, S. 22

[4] Koll, Gerhard, Pandoras Schätze. Erotikkonzeptionen in den Stummfilmen von G. W. Pabst, München: Diskurs-Film-Verl. Schaudig und Ledig 1998, S.120

[5] vgl. Balázs, Béla: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, S.38

[6] Balázs, Béla: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, S.45

[7] ebenda, S.57

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Erotik- und Liebeskonzeption bei G.W. Pabst mit Besonderer Berücksichtigung der Ausdruckstheorie Béla Balázs’
Untertitel
Beispielhafte Betrachtung anhand zweier Szenen aus „Die Freudlose Gasse“
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft )
Veranstaltung
Filmtheorien der Zwanziger Jahre
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V151602
ISBN (eBook)
9783640631551
ISBN (Buch)
9783640631445
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pabst, Balázs, Ausdruckstheorie, Freundlose Gasse, Stummfilm, Erotikkonzeption, Liebeskonzeption, Filmtheorien der Zwanziger Jahre
Arbeit zitieren
Barbara Walter (Autor), 2009, Erotik- und Liebeskonzeption bei G.W. Pabst mit Besonderer Berücksichtigung der Ausdruckstheorie Béla Balázs’, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151602

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