Wenn der Regisseur Georg Wilhelm Pabst in seinem 1925 erschienenen Stummfilmklassiker „Die Freudlose Gasse“ Liebe porträtiert, so stellt er diese keinesfalls in Korrelation mit Erotik dar. Bei eingehender Betrachtung der eben erwähnten Verfilmung des gleichnamigen Romans von Hugo Bettauer könnte man gar geneigt sein, zu postulieren, dass der 1885 in Böhmen geborene Filmemacher Liebe durch die Distanzierung von Erotik definiert.
Welchen Möglichkeiten er sich als Regisseur hierfür bedient, soll diese Arbeit, stets in Berücksichtigung der Ausdruckstheorie Béla Balázs’, aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung der Liebe - Grete begegnet Lt. Davy
2.1. Filmischer Kontext
2.2. Charakteristik
3. Darstellung der Erotik – Gretes Einführung in die Prostitution
3.1. Filmischer Kontext
3.2. Charakteristik
4. Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der Regisseur G. W. Pabst in seinem Stummfilmklassiker „Die Freudlose Gasse“ (1925) durch gezielte filmische Mittel zwischen romantischer Liebe und erotisch aufgeladener Prostitution differenziert. Unter Einbeziehung der Ausdruckstheorie von Béla Balázs analysiert die Autorin anhand zweier Schlüsselszenen, wie durch Bildsprache, Perspektiven und Gestik spezifische moralische und emotionale Stimmungsräume geschaffen werden.
- Analyse der Liebeskonzeption bei G. W. Pabst
- Anwendung der Ausdruckstheorie von Béla Balázs
- Gegenüberstellung von bürgerlicher Moral und erotisiertem Milieu
- Deutung filmischer Details wie Großaufnahmen und Raumgestaltung
- Kontrastierung von „reiner“ Liebe und ökonomisch instrumentalisierter Sexualität
Auszug aus dem Buch
2.2. Charakteristik
Signifikant für das Liebesmodell, welches bei G. W. Pabst zur Anwendung kommt, ist, wie bereits erwähnt, die penible Vermeidung jeglicher erotischer Signale. Zwischen dem späteren Liebespaar findet bei ihrer ersten Begegnung, abgesehen von einem kameradschaftlichen Händedruck, keinerlei körperlicher Kontakt statt. Höflichkeit, gegenseitiger Respekt und Körperdistanz determinieren die Szene. Grete, die durch ihre moralische Beharrlichkeit und durch ihre aufrichtige Liebe die „positive Ausnahme in der dargestellten Welt“ symbolisiert, wird nicht auf ihre sexuelle Instrumentalisierung reduziert. Ihre Knie, die „Grenzzone zwischen stark erotisierendem […] Oberschenkel und weniger erotisierendem Unterschenkel“, sind unter ihrer langen Kleidung verborgen. Grete agiert durch ihre Gestik sowie durch ihre Mimik in einem zurückhaltenden Gestus. Jener wird durch ihre keusche Bekleidung noch zusätzlich unterstützt, da diese, postuliert Bela Balázs, bereits auf den ersten Blick den Charakter typisiert. Den Blick hält sie gen Boden gerichtet, die Hände gefaltet. Auch das Umfeld, in welcher die Szene stattfindet, ist signifikant. Die bürgerliche Wohnung der Rumforts erzeugt eine Stimmung, eine sich verdichtende Atmosphäre, die in spezifischer Weise mit Schutz vor der gefährlich erotischen Außenwelt korreliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, wie G. W. Pabst in seinem Film „Die Freudlose Gasse“ durch die Distanzierung von Erotik eine Form von romantischer Liebe definiert.
2. Darstellung der Liebe - Grete begegnet Lt. Davy: Dieses Kapitel analysiert die erste Begegnung der Protagonisten als Ausdruck unschuldiger Zuneigung, wobei die filmische Inszenierung jegliche Erotik explizit vermeidet.
2.1. Filmischer Kontext: Hier wird die Ausgangslage von Grete Rumfort als bürgerliche Tochter und die Einführung von Leutnant Davy als Retterfigur beleuchtet.
2.2. Charakteristik: Dieses Kapitel erläutert, wie durch Kleidung, Körperdistanz und Mimik ein bürgerliches Liebesmodell gezeichnet wird, das sich bewusst vom Milieu der Außenwelt abgrenzt.
3. Darstellung der Erotik – Gretes Einführung in die Prostitution: Das Kapitel untersucht den Kontrast zwischen der „reinen“ Liebe und der in Frau Greifers Salon dargestellten, durch die Inflation geprägten, käuflichen Sexualität.
3.1. Filmischer Kontext: Es wird beschrieben, wie Gretes familiäre Notlage sie dazu zwingt, den Salon aufzusuchen, der Kredite gegen sexuelle Dienste vergibt.
3.2. Charakteristik: Hier werden die filmischen Mittel wie Großaufnahmen und Rauminszenierungen analysiert, die die Prostituierten als austauschbare Massenware und die Umgebung als verrucht darstellen.
4. Resümee: Das Kapitel fasst zusammen, dass Pabst durch die räumliche und filmische Trennung zwischen der Melchiorgasse und dem Salon eine moralische Differenzierung zwischen echter Liebe und degradiertem Begehren vornimmt.
Schlüsselwörter
G. W. Pabst, Die Freudlose Gasse, Béla Balázs, Ausdruckstheorie, Stummfilm, Liebeskonzeption, Erotik, Prostitution, Filmtheorie, Grete Rumfort, Großaufnahme, Nachkriegszeit, moralische Inszenierung, Bildsprache, Charakteristik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die filmische Darstellung von Liebe und Erotik in G. W. Pabsts Stummfilmklassiker „Die Freudlose Gasse“ unter besonderer Berücksichtigung der Ausdruckstheorie von Béla Balázs.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf den Kontrast zwischen bürgerlichen Werten und der erotisierten, ökonomisch instrumentalisierten Realität der Nachkriegszeit, wie sie im Film inszeniert wird.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, durch welche filmischen Mittel – etwa Gestik, Perspektive und Beleuchtung – der Regisseur Pabst zwischen ehrlicher, romantischer Zuneigung und käuflicher Sexualität unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt die filmtheoretische Analyse, insbesondere basierend auf Béla Balázs’ Werk „Der sichtbare Mensch“, um Szenenbilder und mimische Details systematisch auszuwerten.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse zweier Schlüsselszenen: die erste Begegnung von Grete und Davy sowie Gretes konfrontativen Besuch in Frau Greifers Salon.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ausdruckstheorie, Filmtheorie, Erotikkonzeption, moralische Differenzierung und die Analyse von Stummfilm-Ästhetik charakterisieren.
Warum ist die Rolle von Béla Balázs für diese Analyse so entscheidend?
Balázs’ Theorie dient als theoretischer Rahmen, um zu erklären, wie filmische Details wie Nahaufnahmen von Gesichtern oder die Gestaltung des Milieus die innere Verfassung der Charaktere offenbaren.
Wie differenziert Pabst laut der Autorin zwischen Liebe und Erotik?
Die Autorin argumentiert, dass Pabst Liebe durch Distanz, höfliche Gesten und bürgerliche Geborgenheit definiert, während Erotik durch Hektik, körperliche Reduktion und ein von ökonomischer Not geprägtes Umfeld dargestellt wird.
- Citation du texte
- Barbara Walter (Auteur), 2009, Erotik- und Liebeskonzeption bei G.W. Pabst mit Besonderer Berücksichtigung der Ausdruckstheorie Béla Balázs’, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151602