Für den Politikunterricht reichte bisher eine input-orientierte Herangehensweise aus, jedoch forciert der aktuelle Wandel des Bildungssystems in Deutschland den Trend zur empirischen Ausrichtung der Politikdidaktik. Aus diesem Grund genügt es nicht mehr, die Lerninhalte normativ zu begründen, fachwissenschaftlich auszuwählen und für die Schülerinnen und Schüler methodisch aufzubereiten (vgl. Klee, Lange & Lutter 2006, S. 185). Eine output-orientierte Politische Bildung bedarf empirisch gesättigter Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Bedürfnisse, schulischen Möglichkeiten und über die Tatsächlichkeit politischen Lernens (vgl. Weißeno 2004, S. 149). In der Zukunft stehen Politiklehrerinnen und -lehrer vor neuen Aufgaben. Sie müssen die Kompetenzen entwickeln, gesellschaftliche und schulische Realitäten didaktisch zu erfassen, individuelle Voraussetzungen von Lernenden zu diagnostizieren und durch entsprechend differenzierte Lernangebote in überprüfbare politische Fähigkeiten zu transformieren. Aufgrund dieser Tendenzen wandelt sich die Politikdidaktik von einer bildungsbezogenen Vermittlungswissenschaft zu einer wissenschaftlichen Disziplin, die zukünftig das politische Lernen und Lehren zum Gegenstand hat (vgl. GPJE 2002). Ende der achtziger Jahre entwickelte sich diese empirisch ausgerichtete Forschung (vgl. Henkenborg 2002, S. 83 f.). Inzwischen hat sich in der Politikdidaktik eine qualitative Forschungstradition herausgebildet, die auf die spezifischen Bedingungen der beteiligten Akteure fokussiert, um daraufhin eine Rekonstruktion und Interpretation alltäglicher Unterrichtspraxis vorzunehmen (vgl. Klee, Lange & Lutter 2006, S. 185). Aus diesem Grund wurde das Modell der Politikdidaktischen Rekonstruktion entwickelt. Das Ziel dieser Methode ist es, Grundsätze und Leitlinien für die Unterrichtsplanung zu entwerfen.
Die folgende Arbeit soll einen Beitrag zur Politikdidaktischen Rekonstruktion liefern. Sie ergänzt die bereits vorhandenen Rekonstruktionen der Politischen Bildung um die Schülervorstellungen und sozialwissenschaftliche Vorstellungen zur Thematik des Terrorismus.
Dabei wird zunächst auf das Modell der Politikdidaktischen Rekonstruktion eingegangen: Sie stellt die Grundlage der Arbeit. Zu diesem Modell gehört die Kategorie des Politikbewusstseins. Sie steht im Kern jeder politikdidaktischen Konzeption.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Modell der Politikdidaktischen Rekonstruktion
2.1 Allgemeine Grundlagen
2.2 Fachliche Klärung
2.3 Erfassung von Lernerperspektiven
2.4 Zielklärung
2.5 Didaktische Strukturierung
3 Fachwissenschaftliche Darstellung des Terrorismus
3.1 Der Begriff Terrorismus
3.2 Definition
3.3 Geschichte und heutige Charakteristika des Terrorismus
3.4 Arten von Terrorismus
3.4.1 Räumlich ausdehnender Terrorismus
3.4.2 Zielgesetzter und motivierter Terrorismus
3.5 Zusammenfassung der Fachlichen Klärung
4 Vorstellungen eines Lernenden über Terrorismus
4.1 Zielklärung der Untersuchung
4.2 Erfassung der Lernendenperspektive mittels des problemzentrierten Interviews
4.2.1 Grundlagen
4.2.2 Instrumente
4.2.3 Ablauf
4.3 Interviewauswertung mittels der Qualitativen Inhaltsanalyse
4.3.1 Aufbereitung des Interviews
4.3.2 Auswertung des Interviews
4.3.3 Verallgemeinerung der Vorstellungen
4.4 Interviewleitfaden
4.5 Auswertung eines Interviews mit einer Schülerin
4.5.1 Vorbemerkung zur Interviewdurchführung
4.5.2 Geordnete Aussagen
4.5.3 Explikation
4.5.4 Einzelstrukturierung auf der Ebene der Konzepte
5 Didaktische Strukturierung
5.1 Vorgehensweise
5.2 Verbindung der Schülervorstellungen mit den wissenschaftlichen Ansichten
5.3 Leitlinien der Didaktischen Strukturierung für den politischen Unterricht
5.3.1 Leitlinie 1: Präzise Klärung des Begriffes Terrorismus
5.3.2 Leitlinie 2: Kennzeichen des Terrorismus feststellen
5.3.3 Leitlinie 3: Verschiedene Erscheinungsformen des Terrorismus betrachten
5.3.4 Leitlinie 4: Ursache-Wirkungsketten nutzen
5.3.5 Leitlinie 5: Interventionsmöglichkeiten fördern
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen Beitrag zur politikdidaktischen Rekonstruktion im Kontext des Terrorismus zu leisten. Hierbei wird die Forschungsfrage untersucht, wie sich die Vorstellungen von Lernenden zum Phänomen Terrorismus empirisch erfassen und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verbinden lassen, um daraus nachhaltige didaktische Leitlinien für den Politikunterricht abzuleiten.
- Modell der Politikdidaktischen Rekonstruktion als theoretischer Rahmen
- Fachwissenschaftliche Analyse des Begriffs und der Formen des Terrorismus
- Empirische Untersuchung von Schülervorstellungen mittels problemzentrierter Interviews
- Verknüpfung von Alltagsvorstellungen und wissenschaftlichen Fachkonzepten
- Entwicklung von Leitlinien für die didaktische Unterrichtsplanung
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Begriff Terrorismus
Der Begriff Terrorismus (la terreur) wurde zum ersten Mal bei der Französischen Revolution verwendet. Damals hatte er im Gegensatz zur heutigen Verwendung eine positive Bedeutung. Er wurde als ein Mittel zur Durchsetzung von Ordnung gebildet. Das „régime de la terreur“ war ein Instrument der Herrschaft und wurde durch den kürzlich etablierten revolutionären Staat ausgeübt. Die neue Regierung wollte die Macht durch Einschüchterung von Konterrevolutionären, subversiven Elementen und allen anderen Andersdenkenden, die das neue Regime als Volksfeinde betrachtete, festigen. Dafür erhielt der damalige „Allgemeine Sicherheitsausschuss“ und das Revolutionstribunal (Volksgerichtshof) umfangreiche Befugnisse zu verhaften, richten und öffentlich Menschen hinzurichten. Auf diese Weise wurde jedem eine eindringliche Lehre erteilt, der sich der Revolution entgegensetzte (vgl. Hoffmann 2006, S. 23 f.). Dieses dargestellte Vorgehen setzten die Jakobiner unter Robespierre, vom September 1793 – Juli 1794, gegen ihre politischen Gegner ein (vgl. Laqueur 1977, S. 7; Hirschmann 2003, S 8). Genau wie viele andere Revolutionen ging die Französische Revolution dazu über, sich selbst zu zerstören. Am 26. Juli 1974 gab Robespierre bekannt, dass sich eine aktuelle Liste von Verrätern in seinem Besitz befinde. Da sich alle fürchteten, ihre Namen könnten sich auf der Liste befinden, taten sich die Menschen zusammen, um Robespierre persönlich und sein Regime zu stürzen. Robespierre und seine Leute wurden – wie vorher bereits 40.000 Menschen – hingerichtet. Danach wurde der Begriff Terrorismus mit dem Missbrauch von Amt und Macht untrennbar miteinander verknüpft, mit eindeutig kriminellen Implikationen (vgl. Hoffmann 2006, S. 25 f.). Dennoch hat der Terrorismus der Französischen Revolution zwei Schlüsseleigenschaften mit dem heutigen Terrorismus gemeinsam. Erstens gilt der frühere und heutige Terrorismus als organisiert, zielbewusst und systematisch und zweitens bestand sein Ziel und seine Rechtfertigung in der Schaffung einer „neuen“ und „besseren“ Gesellschaft (vgl. Hoffmann 2006, S. 24 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in den Wandel der Politikdidaktik hin zu einer empirisch ausgerichteten Disziplin ein und erläutert die Bedeutung der politikdidaktischen Rekonstruktion für die moderne Unterrichtsplanung.
2 Das Modell der Politikdidaktischen Rekonstruktion: Dieses Kapitel stellt das theoretische Fundament dar, welches die Verknüpfung von fachlichen Konzepten und individuellen Vorstellungen der Lernenden zur zentralen Aufgabe der politischen Bildung macht.
3 Fachwissenschaftliche Darstellung des Terrorismus: In diesem Kapitel werden Begriffe, Definitionen, historische Entwicklungen und verschiedene Arten des Terrorismus aus politikwissenschaftlicher Perspektive analysiert.
4 Vorstellungen eines Lernenden über Terrorismus: Dieses Kapitel beschreibt die empirische Datenerhebung mittels problemzentrierter Interviews, deren Auswertung und die Strukturierung der Ergebnisse der befragten Schülerin.
5 Didaktische Strukturierung: Auf Basis der Untersuchungsergebnisse werden hier Leitlinien für einen outputorientierten Politikunterricht entwickelt, die Alltagsvorstellungen und wissenschaftliche Sichtweisen produktiv verbinden.
6 Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass eine methodische Aufbereitung auf Basis von Schülervorstellungen für den Lernerfolg entscheidend ist und empfiehlt eine kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Forschungsansätze.
Schlüsselwörter
Politikdidaktische Rekonstruktion, Terrorismus, Bürgerbewusstsein, Schülervorstellungen, Politikunterricht, Qualitative Inhaltsanalyse, problemzentriertes Interview, Demokratiebildung, fachliche Klärung, Didaktische Strukturierung, politisches Lernen, internationale Sicherheit, Konfliktlösung, Globalisierung, Urteilskompetenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Aufbereitung des komplexen Themas Terrorismus für den Politikunterricht, wobei das Modell der politikdidaktischen Rekonstruktion als theoretische und methodische Grundlage dient.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Neben der fachwissenschaftlichen Klärung des Terrorismusbegriffs und dessen historischer Einordnung stehen die Erfassung und Analyse der subjektiven Vorstellungen von Lernenden im Mittelpunkt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der Diskrepanz zwischen fachwissenschaftlichen Ansichten und Schülervorstellungen didaktische Leitlinien zu entwickeln, die einen Konzeptwechsel beim Lernenden ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt das Modell der Politikdidaktischen Rekonstruktion, welches die Qualitative Inhaltsanalyse nach dem problemzentrierten Interview als zentrales Auswertungsinstrument vorsieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung der Methode, die fachwissenschaftliche Analyse des Terrorismus, die empirische Datenerhebung bei einer Schülerin sowie die daraus resultierende didaktische Strukturierung für die Unterrichtspraxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Politikdidaktische Rekonstruktion, Bürgerbewusstsein, Schülervorstellungen, Qualitative Inhaltsanalyse und didaktische Leitlinien aus.
Wie nimmt die befragte Schülerin die Ursachen von Terrorismus wahr?
Die Schülerin identifiziert vor allem die asymmetrische Machtverteilung, wirtschaftliche Not und den Neid gegenüber der wohlhabenden westlichen Welt als treibende Kräfte hinter terroristischen Anschlägen.
Welche Bedeutung misst die Schülerin den Medien im Kontext des Terrorismus bei?
Sie betrachtet Medien als zentrales "Organ" des Terrorismus, da Terrorgruppen Anschläge gezielt inszenieren, um durch die mediale Aufmerksamkeit Angst und Schrecken zu verbreiten.
Welche Rolle spielt die Schule nach Ansicht der befragten Schülerin aktuell?
Sie gibt an, dass das Thema Terrorismus im Unterricht bisher nur eine Randerscheinung darstellt, wünscht sich jedoch eine tiefgehendere und direkte Auseinandersetzung mit dem Thema.
- Citation du texte
- B.A. Michael Mielke (Auteur), 2009, Politische Bildungsforschung - Ein Beitrag zur Politikdidaktischen Rekonstruktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151612