Porträts bieten in der Kunst die Möglichkeit, das vergängliche Leben für die Ewigkeit festzuhalten – doch was passiert, wenn das Abbild selbst zur Bedrohung für das Leben des Porträtierten wird? Die düstere Faszination des Porträts, das seinem Modell die Lebenskraft entzieht oder dessen Tod vollendet, wirft Fragen nach dem komplexen Verhältnis von Leben, Tod und Kunst auf. Dieser ambivalente Topos wird in der Literatur eindrucksvoll durch Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns "Die Jesuiterkirche in G." und Edgar Allan Poes "The Oval Portrait" erkundet: Beide Autoren lassen in ihren Erzählungen die Grenze zwischen künstlerischer Vollendung und lebensvernichtender Wirkung verschwimmen. Diese Arbeit untersucht, wie Hoffmann und Poe die Wechselwirkung zwischen Leben und Tod im Kontext der Porträtmalerei literarisch ausgestalten und dabei auch Einblicke in ihre jeweilige Kunst- und Literaturauffassung geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erzählsituation und -schema in Hoffmanns und Poes Erzählungen
2.1 The Oval Portrait
2.2 Die Jesuiterkirche in G.
3. Das Verhältnis von Leben, Tod und Kunst
3.1 Das ‚vampirische‘ Porträt bei Poe
3.2 Der insuffiziente Künstler bei Hoffmann
4. Die Kunstauffassung Poes und Hoffmanns
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Leben, Tod und Kunst in den Erzählungen "Die Jesuiterkirche in G." von E.T.A. Hoffmann und "The Oval Portrait" von Edgar Allan Poe, um daraus die jeweilige Kunst- und Literaturauffassung der Autoren abzuleiten.
- Vergleich der Erzählstrukturen (Rahmen- und Binnenstruktur) bei Hoffmann und Poe.
- Analyse der Trope "Leben im Tod" im Kontext der Porträtmalerei.
- Untersuchung der moralischen und künstlerischen Schuldfrage des Protagonisten.
- Gegenüberstellung der unterschiedlichen Poetiken und Genrezugehörigkeiten (Schauerliteratur vs. frühromantische Ästhetik).
- Diskurs über das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Idealisierung und menschlicher Sterblichkeit.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das ‚vampirische‘ Porträt bei Poe
Einen ersten Verweis auf die Binnenstruktur in Poes Erzählung und damit die Entstehungsgeschichte des ovalen Porträts erhält der Rezipient, als der verwundete Reisende in seinem Schlafzimmer eine Gruppe von Gemälden entdeckt, darunter auch das der jungen Dame. Diese Enthüllung hat einen starken, zunächst unerklärlichen Effekt auf ihn, den er im Verlauf der Erzählung zu ergründen versucht: I glanced at the painting hurriedly, and then closed my eyes. Why I did this was not at first apparent even to my own perception. But while my lids remained thus shut, I ran over in mind my reason for so shutting them. It was an impulsive movement to gain time for thought—to make sure that my vision had not deceived me—to calm and subdue my fancy for a more sober and more certain gaze.
Der Anblick des Gemäldes „at first startling, finally confounded, subdued, and appalled“ den Erzähler. Als Ursache dafür sieht er weder die künstlerische Leistung noch die übermenschliche Schönheit des abgebildeten Mädchens, vielmehr ist es der in ihm dargestellte und offenkundige Transfer von Leben auf einen ‚eigentlich‘ leblosen Gegenstand. Es ist die Lebensechtheit des Gesichts der Schönheit, die ihn erschreckt und vor der er unmittelbar seine Augen verschließt. Der Begriff „life-likeliness“, so merkt Elizabeth Hollander in ihrer Dissertation Fiction's Likeness: Portraits in English and American Novels from Frankenstein to Middlemarch an, fungiert somit als doppelzüngiger Ausdruck. Er propagiert Autonomie und Echtheit des Ausdrucks und stellt ihn zugleich dadurch in Frage, dass er dessen Scheinhaftigkeit betont.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Motiv des lebendigen Porträts ein und stellt die zentrale Fragestellung nach dem Verhältnis von Leben, Tod und Kunst in den Erzählungen von Hoffmann und Poe vor.
2. Erzählsituation und -schema in Hoffmanns und Poes Erzählungen: Dieses Kapitel vergleicht die formalen Ähnlichkeiten und strukturellen Unterschiede, insbesondere die Anwendung der Rahmen- und Binnenstruktur bei beiden Autoren.
2.1 The Oval Portrait: Fokus auf die unzuverlässige Erzählinstanz bei Poe und die Bedeutung der Rahmenerzählung für das Verständnis der Binnenhandlung.
2.2 Die Jesuiterkirche in G.: Untersuchung der Erzählweise Hoffmanns, bei der der Künstler als Protagonist innerhalb einer multiperspektivischen Rahmenstruktur auftritt.
3. Das Verhältnis von Leben, Tod und Kunst: Übergreifendes Kapitel zur theoretischen Einbettung der Porträt-Thematik und deren kulturhistorischer Bedeutung als "vampirisches" Motiv.
3.1 Das ‚vampirische‘ Porträt bei Poe: Analyse der zerstörerischen Wirkung von Mimikry und Kunst auf das Modell sowie des "vampirischen" Austauschs von Lebenskraft.
3.2 Der insuffiziente Künstler bei Hoffmann: Betrachtung des Scheiterns des Künstlers an der Realität und der Unvereinbarkeit von künstlerischem Ideal und familiärem Leben.
4. Die Kunstauffassung Poes und Hoffmanns: Dieses Kapitel kontrastiert die poetologischen Zugänge der Autoren und diskutiert zeitgenössische Diskurse der Bildästhetik um 1800.
Fazit: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse sowie Reflexion über den amerikanisch-deutschen Literaturtransfer und die Bedeutung des Motivs in beiden Werken.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Porträtmalerei, Leben im Tod, Schauerliteratur, Kunstauffassung, Bildästhetik, Vampir-Motiv, Mimesis, Wahnsinn, Künstlerbiografie, Rahmenerzählung, Identitätsverlust, Immaterielle Präsenz, Literaturvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit vergleicht die Erzählungen "Die Jesuiterkirche in G." von E.T.A. Hoffmann und "The Oval Portrait" von Edgar Allan Poe im Hinblick auf ihre Behandlung des Motivs des "lebendigen" Porträts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen Kunst und Leben, die Rolle der Porträtmalerei, der "vampirische" Entzug von Lebensenergie durch den malerischen Akt sowie die Frage der Schuld des Künstlers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aus dem Umgang der Autoren mit der Porträtthematik eine jeweils spezifische Kunst- und Literaturauffassung (Poetik) abzuleiten und zu vergleichen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt die komparatistische Methode zur Gegenüberstellung der beiden Texte sowie eine literaturwissenschaftliche Analyse der Erzählstrukturen und der bildästhetischen Diskurse des 19. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Erzählsituationen, das Verhältnis von Leben, Tod und Kunst bei beiden Autoren sowie eine komparative Betrachtung ihrer jeweiligen Kunsttheorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Porträtmalerei, Leben-Tod-Dichotomie, Schauerliteratur, Genieästhetik, Bildästhetik und Künstlertum.
Wie unterscheidet sich Poes Erzählweise von der Hoffmanns?
Poe setzt stärker auf die Erzeugung von Schauereffekten durch eine textlich kohärente Kurzgeschichte, während Hoffmann eine ausschweifende, multiperspektivische Binnenerzählung zur Illustration seines kunsttheoretischen Diskurses nutzt.
Welche Rolle spielt die "Schuldfrage" in "Die Jesuiterkirche in G."?
Berthold, der Künstler bei Hoffmann, versucht sein Versagen als Maler auf seine Frau zu projizieren. Die Erzählung thematisiert dabei die moralische Ambivalenz des Künstlers, der den Tod seiner Familie billigend in Kauf nimmt, um seine ästhetische Vollkommenheit zurückzugewinnen.
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- Anonym (Author), 2020, Das Verhältnis von Leben und Tod in der Kunst in Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns "Die Jesuiterkirche in G." und Edgar Allan Poes "The Oval Portrait", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1516248