Der Anfang 1927 in Berlin uraufgeführte Film „Metropolis“ von Fritz Lang hatte keinen guten Start: Von Kritikern verrissen, denn er sei nicht utopisch, zu übertrieben dargestellt und hätte eine furchtbar platte Aussage (vgl. H. G. Wells in seiner Kritik am 17.04.1927 in den „New York Times“), unzählige Male gekürzt, für verschiedene Märkte zurechtgeschnitten und verändert, wurde er schließlich doch noch zum –allerdings unvollständigen – Kultfilm. Mit jeder neuen Veränderung erfuhr „Metropolis“ eine Uminterpretation. Die Grundaussage „Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein“ blieb zwar, dennoch fehlten und fehlen immer noch je nach Fassung verschiedene wichtige Szenen, die in anderen Fassungen entweder wieder auftraten oder gänzlich unauffindbar blieben.
Eines jedoch blieb über die verschiedenen Fassungen bestehen und das ist die beeindruckende Architektur, die im Film dargestellt wird. Diese bleibt nicht wie eine einfache Kulisse im Hintergrund des Films zurück, sondern nimmt eine zentrale Stellung ein.
Lang hat in seinem Film eine unüberschaubare Stadt geschaffen, mit vielen unterschiedlichen Räumen und ebenso unterschiedlichen Menschen. Betrachtet man diese genauer, fällt auf, dass die sehr funktional gestalteten Räume ihre Funktionen auf die Menschen, die in ihnen leben, wohnen und arbeiten, übertragen. Lang stellt in seinem Film also unter anderem dar, dass Räume Einfluss auf die Persönlichkeit des Menschen nehmen, was im Folgenden näher betrachtet und auf reale Räume übertragen werden soll. Dazu will ich zunächst den Begriff des sozialen Raums einführen.
Als soziale Räume bezeichne ich Räume, die durch ihren Aufbau und ihre Funktion das Sozialleben der sich in ihnen aufhaltenden Menschen beeinflussen. Das tun sie ganz einfach, indem sie durch ihren Aufbau verschiedene Möglichkeiten schaffen, wie die Menschen diesen Raum nutzen können. So kann zum Beispiel eine Küche durch ihre Einrichtung mit Arbeitsfläche, Herd, Kühlschrank usw. am besten zum Zubereiten von Speisen genutzt werden. Der Mensch, der in ihr sein Essen kocht, tut das nur deshalb dort, weil der Raum ihm die Möglichkeiten dazu bietet. Gäbe es diese Küche nicht, würde der sie nutzende Mensch sich anderweitig versorgen (müssen). Solche Räume gibt es auch in Metropolis, doch bevor ich auf die einzelnen Räume zu sprechen komme, soll zuerst die komplette fiktive Stadt vorgestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
Der soziale Raum Metropolis
Trennung der sozialen Schichten: Die Ober- und die Unterstadt
Maschinen im/als Raum
Magischer Raum
Der heilige Raum
Turm Babel
Natürlicher Raum
Schnittpunkte – Raum für Veränderungen
Fazit
Zielsetzung & Themen der Analyse
Die vorliegende Arbeit untersucht die räumliche Struktur in Fritz Langs Film „Metropolis“ und analysiert, wie die funktional gestalteten Räume das Verhalten, die Persönlichkeit und das Sozialleben der Menschen maßgeblich beeinflussen und prägen.
- Die Darstellung und Wirkung von Architektur als zentrales Gestaltungselement.
- Die vertikale soziale Segregation zwischen Ober- und Unterstadt.
- Die Wechselwirkung zwischen Mensch, Maschine und Raum.
- Die Funktion von symbolisch aufgeladenen Orten wie den Katakomben oder dem Turm Babel.
- Die Übertragbarkeit der filmischen Beobachtungen auf die reale Stadtgestaltung.
Auszug aus dem Buch
Trennung der sozialen Schichten: Die Ober- und die Unterstadt
Während die Stadt von außen betrachtet zentralistisch gegliedert ist, ist sie in ihrem Inneren vertikal nach Schichten unterteilt.
Die hellen und freundlichen oberen Etagen von Metropolis sind der Oberschicht vorbehalten. Dort gibt es den „Klub der Söhne“, in dem sich Freder, der Sohn des Herrn über Metropolis mit anderen hoch gestellten Männern – einer „dem Amüsement verfallene[n] Luxusklasse“ – mit sportlichen Aktivitäten die Zeit vertreibt. Das findet auf einer Art Dachterrasse in einem Stadion statt, das extra für solche Freizeitaktivitäten ausgerichtet ist. Der Blick in den Himmel ist frei und die Mauern der Anlage sind passend zu ihrer Funktion mit Figuren von Sportlern geziert. Die Bewegung der jungen Männer ist nicht gleichförmig, sondern individuell. Der Zuschauer sieht die Gesichter der Sportler, die beim Wettlauf ihre Kräfte messen. Weitere Räume der Oberschicht sind die „Ewigen Gärten“, ein Vergnügungstempel mit dem Namen „Yoshiwara“, dessen gleichnamiges Vorbild in Tokyo immer noch existiert, und natürlich der Turm Babel mit seinen Büroräumen, von dem aus der Blick über die gesamte Stadt möglich ist. Die Atmosphäre in der Oberstadt ist in der Regel freundlich, die Räume sind groß, mit großen Fenstern und meist phantasievoll, zumindest aber sehr individuell gestaltet. Es gibt aber auch weniger freundliche Gegenden, beispielsweise die „deprimierend kahle Straßenschlucht der Oberstadt“.
Zusammenfassung der Kapitel
Der soziale Raum Metropolis: Einführung in die architektonischen Inspirationen und das Konzept der fiktiven, mehrdimensionalen Stadt als anonymisierte Großstadt.
Trennung der sozialen Schichten: Die Ober- und die Unterstadt: Analyse der vertikalen Segregation zwischen der freundlichen Oberschicht und der trostlosen, funktionalen Maschinenstadt der Unterschicht.
Maschinen im/als Raum: Untersuchung der Entmenschlichung durch monotone Arbeit und der Verschmelzung von Mensch und Maschine im Maschinenraum.
Magischer Raum: Betrachtung der Unterkunft des Erfinders Rotwang als mystischer Kontrastpunkt zur technisierten Umgebung der Stadt.
Der heilige Raum: Analyse der Katakomben als Ort der Freiheit und Spiritualität im Gegensatz zum wenig besuchten, offiziellen Dom.
Turm Babel: Erörterung der Funktion des Turms als Machtsymbol und biblische Referenz zur sozialen Distanzierung.
Natürlicher Raum: Beschreibung der Abwesenheit echter Natur und der Rolle von Elementen wie Wasser und Feuer im Film.
Schnittpunkte – Raum für Veränderungen: Aufzeigen der funktionalen und sozialen Verbindungen, die im Film als Auslöser für Transformationen und Konflikte dienen.
Fazit: Reflexion über die Übertragbarkeit der filmischen Raumwirkung auf das Verhalten von Menschen in realen städtischen Umgebungen.
Schlüsselwörter
Metropolis, Fritz Lang, soziale Räume, Architektur, Maschinenstadt, Oberstadt, Unterstadt, Entmenschlichung, Funktionalismus, Turm Babel, Katakomben, Raumwirkung, Sozialleben, Stadtplanung, Utopie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die räumliche Gestaltung in Fritz Langs Film „Metropolis“ und untersucht, wie Architektur und Raumstruktur das Verhalten und die soziale Stellung der Charaktere beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die soziale Segregation, das Verhältnis von Mensch und Maschine sowie die symbolische Bedeutung verschiedener Gebäudetypen innerhalb der Stadt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die These zu stützen, dass Räume in Metropolis das Sozialleben ihrer Bewohner bestimmen und ihre Persönlichkeit formen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche und architekturtheoretische Analyse, ergänzt durch soziologische Betrachtungen zum Begriff des „sozialen Raums“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert die Stadt Metropolis in verschiedene räumliche Zonen wie die Maschinenstadt, den Turm Babel, die Katakomben und die Oberstadt, um deren spezifische Funktion für die Handlung und die Bewohner aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Metropolis, sozialer Raum, Funktionalismus, Architektur und die Dichotomie zwischen Oberschicht und Arbeiterschaft.
Inwiefern beeinflussen die Maschinen die Persönlichkeit der Arbeiter in Metropolis?
Durch die monotone und gefährliche Arbeit an den Maschinen findet eine schleichende Entmenschlichung statt, die den Arbeiter dazu zwingt, sich wie ein Teil des Systems zu verhalten.
Warum spielt der Turm Babel eine so wichtige Rolle für das Machtgefüge der Stadt?
Er fungiert als Zentrum der Kontrolle, von dem aus Joh Fredersen die Stadt überblickt, und unterstreicht durch seine Höhe und biblische Symbolik die soziale Distanz zur Unterstadt.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Katakomben vom offiziellen Dom?
Während der Dom ein offizieller, weitgehend ignorierter Ort ist, fungieren die Katakomben als „heiliger“ Raum, der den Arbeitern eine emotionale Identität und den notwendigen Rückzugsort für den Aufstand bietet.
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- Jessica Rohrbach (Autor), 2009, Soziale Räume in Fritz Langs 'Metropolis', Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151634