Wahlen sind Schlüsselereignisse in modernen Demokratien, sie sind zugleich die elementarste Form politischer Partizipation und der gängige Weg, auf dem das Volk als Träger der Staatsgewalt Macht verleiht – indem es Personen oder Parteien auf Zeit mit der politischen Entscheidungsfindung betraut. Gleichzeitig sinken in vielen westlichen Demokratien die Wahlbeteiligungsraten. In der politischen Kommunikationsforschung wird die zunehmende Wahlenthaltung häufig auf die Massenmedien und deren negative Berichterstattung über Politik zurückgeführt, gleichzeitig ist die Frage, wie Massenmedien sich auf Wahlbeteiligung auswirken in der empirischen Wahlforschung kaum erforscht. In dieser Arbeit wird eine theoretische Grundlage zur systematischen Analyse der Auswirkungen von Massenmedien auf Wahlbeteiligung entwickelt.
Ausgehend vom sozialpsychologischen Modell der Wahlentscheidung und Erkenntnissen zum Phänomen "Nichtwahl", die im Rahmen des sozialpsychologischen Ansatzes empirisch gewonnen wurden, wird das Modell mit Erkenntnissen der Medienforschung kombiniert. Daraufhin werden Hypothesen entwickelt, wie die Berichterstattung von Massenmedien zu einem Sinken der Wahlbeteiligung führen kann. Sofern geeignete empirische Daten aus anderen Studien vorliegen, wird die Plausibilität der hier entwickelten Hypothesen mit empirischen Daten illustriert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der sozialpsychologische Ansatz und die Erklärung von Nichtwahl
2.1 Das Michigan-Modell zur Erklärung von Wahlverhalten
2.1.1 Das Konzept der Parteiidentifikation
2.1.2 Sachfragen- und Kandidatenorientierungen
2.2 Ein modifiziertes Modell im Rahmen des Michigan-Ansatzes
2.3 Parteiidentifikation und Wahlbeteiligung
3. Medienwirkungen auf Einstellungen
4. Massenmedien und Wahlbeteiligung
4.1 Kurzfristige Medieneinflüsse auf die Wahlbeteiligung
4.2 Langfristige Medieneinflüsse auf die Wahlbeteiligung
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, die bisher in der empirischen Wahlforschung vernachlässigte Frage zu untersuchen, ob und wie Massenmedien die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen beeinflussen. Dabei wird ein theoretisches Modell entwickelt, das den Zusammenhang zwischen einer langfristigen Parteiidentifikation und den kurzfristigen Medieneinflüssen integriert, um Hypothesen über ein Sinken der Wahlbeteiligung zu formulieren.
- Rolle der Parteiidentifikation bei der Wahlentscheidung
- Wirkungsweise von Massenmedien auf politische Einstellungen
- Negativismus und Entpolitisierung als Medientrends
- Zusammenhang zwischen Medienberichterstattung und Wahlenthaltung
- Theoretische Integration von kurz- und langfristigen Medieneinflüssen
Auszug aus dem Buch
4. Massenmedien und Wahlbeteiligung
Ausgehend davon, dass Massenmedien einen Einfluss auf Wähler haben, stellt sich die Frage, wie sich Massenmedien auf die Beteiligung an Bundestagswahlen auswirken. Diese Frage soll hier im Lichte der Parteiidentifikation beleuchtet werden; die Betrachtung beruht also auf den in Kapitel 2.3 entwickelten Grundannahmen. Erstens beteiligen sich demnach Wähler mit hoher PI stärker an Wahlen als solche mit schwacher oder gar keiner PI beziehungsweise einer multiplen negativen PI. Zweitens brauchen Wähler mit schwacher PI anregende, positive Informationen, welche ihre PI aktivieren. Drittens ist eine Nichtwahl wahrscheinlich bei Wahlberechtigten, die eine PI besitzen, deren kurzfristige Partei- und Kandidatenorientierungen aber in Richtung einer anderen Partei deuten (attidunale cross-pressures), die eine PI, aber weder Kandidaten- noch Parteiorientierung haben oder eine PI besitzen, aber negative Orientierungen gegenüber den Parteien- und/oder Kandidaten.
Da das Interesse dieser Arbeit in den Wahlbeteiligungsraten bei Bundestagswahlen und dem Einfluss von Massenmedien auf deren kontinuierliches Sinken liegt, müssen die betrachteten Medieneinflüsse selbst dauerhafter Natur sein und generelle Tendenzen innerhalb des Mediensystems ausdrücken. Logisch zwingend kann ein Einfluss von Massenmedien auf dauerhaft sinkende Wahlbeteiligungsraten nur an allgemeinen und langfristigen Tendenzen in den Massenmedien festgemacht werden, nicht aber an einzelnen Berichten oder einzelnen Blättern bzw. Sendern. Das schließt nicht aus, dass einzelnen Mediengattungen größere Bedeutung zukommt als anderen – so wird dem Fernsehen ein stärkerer Einfluss zugerechnet als etwa den Printmedien (vgl. etwa Noelle-Neumann 1997: 551).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die abnehmende Wahlbeteiligung in Deutschland und die wachsende Bedeutung der Massenmedienforschung, um das Ziel der Arbeit – die theoretische Orientierung in diesem kaum erschlossenen Forschungsfeld – zu skizzieren.
2. Der sozialpsychologische Ansatz und die Erklärung von Nichtwahl: Dieses Kapitel stellt das Michigan-Modell sowie das Konzept der Parteiidentifikation als zentrale Erklärungsgrößen vor und modifiziert diese für die Analyse von Wahlenthaltung in der Bundesrepublik.
3. Medienwirkungen auf Einstellungen: Der Abschnitt rekapituliert die medienwissenschaftliche Forschung zu Einstellungsänderungen und diskutiert, wie Medieninhalte bestehende Prädispositionen verstärken oder durch neue Informationen beeinflussen können.
4. Massenmedien und Wahlbeteiligung: Hier werden Hypothesen zu kurz- und langfristigen Einflüssen von Negativismus und Entpolitisierung in den Medien auf die Wahlentscheidung und potenzielle Wahlenthaltung entwickelt.
5. Fazit und Ausblick: Das Kapitel fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit weiterer empirischer Analysen zur Klärung der multiplen negativen Parteiidentifikation.
Schlüsselwörter
Wahlbeteiligung, Massenmedien, Parteiidentifikation, Michigan-Modell, Nichtwahl, Medienwirkung, Politische Kommunikation, Negativismus, Entpolitisierung, Einstellungen, Wahlverhalten, Parteiorientierung, Sozialpsychologie, Politische Partizipation, Bundestagswahl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den theoretischen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung von Massenmedien und der sinkenden Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft die sozialpsychologische Wahlforschung (insbesondere das Michigan-Modell der Parteiidentifikation) mit Erkenntnissen aus der Medienwirkungsforschung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die theoretische Herleitung von Hypothesen, auf welchen Wegen Massenmedien durch generelle Tendenzen wie Negativismus und Entpolitisierung zu einem Sinken der Wahlbeteiligung führen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Modellentwicklung und einer Literaturanalyse bestehender empirischer Studien, um das Phänomen der Wahlenthaltung in einem modifizierten sozialpsychologischen Rahmen zu erklären.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Darstellung des Michigan-Modells, die Diskussion von Medienwirkungen auf Einstellungen sowie die spezifische Herleitung der kurz- und langfristigen Medieneinflüsse auf die Wahlbeteiligung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wahlbeteiligung, Parteiidentifikation, Medienwirkung, Negativismus, Nichtwahl und Politische Kommunikation.
Was bedeutet eine negative Parteiidentifikation im Kontext dieser Arbeit?
Negative Parteiidentifikation beschreibt die Identifikation einer Partei, die ein Wähler niemals wählen würde, was als Erklärungsfaktor für die Entscheidung zur Wahlenthaltung herangezogen wird.
Wie unterscheidet der Autor zwischen kurzfristigen und langfristigen Medieneinflüssen?
Kurzfristige Einflüsse beziehen sich auf den direkten Anstoß zur Enthaltung bei einer einzelnen Wahl, während langfristige Einflüsse als schleichende Prozesse der Erosion von Parteiidentifikation über längere Zeiträume verstanden werden.
- Arbeit zitieren
- Florian Zerfaß (Autor:in), 2009, Massenmedien und Wahlbeteiligung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151677